Der Neue Merker

BADEN bei Wien: DER FREISCHÜTZ. Der deutsche Wald als Soap-Opera. Premiere

BADEN bei Wien: DER FREISCHÜTZ. Der deutsche Wald als Soap-Opera. Premiere am 21.10.2017

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Reinhard Alessandri (Max), Regina Riel (Agathe. Copyright: Bühne Baden/ Christian Husar

Schon mit dem Hochgehen des Vorhanges wird klar: wir erleben das populärste Werk von Carl Maria von Weber „Der Freischütz“ – triumphale Uraufführung 1821 in Berlin – als  Soap-Opera von heute. Ein Fernseh-Off-Sprecher (der noch öfters zu hören sein wird) erklärt kurz und bündig:  die Geschichte mit dem Probeschuss geht auf eine Geschichte zurück, die tatsächlich kurz nach dem 30jährigen Krieg stattgefunden hat. Nun seien die Nachkommen des Erbförsters noch immer tätig, um mit den „Freikugeln“ des Teufels zurande zu kommen. Man gibt also  das Hauptwerk von Carl Maria von Weber und seinem Librettisten Friedrich Kind im Outfit von „Bauer sucht Bäuerin“ bzw. „Bergdoktor“.

Und der neue Intendant von Baden, Michael Lakner, der jede Saison auch zweimal als Regisseur agieren wird, hat mit der ersten echten Premiere seiner Intendanz viel gewagt und konnte prompt einen großen Erfolg verbuchen. Nicht nur als Regisseur sondern auch als Intendant.  Immerhin hat man in dem heute bespielten Stadttheater aus dem Jahr 1909 noch nie den „Freischütz“ gegeben. Nun hat er gemeinsam mit dem aus St. Margarethen populär gewordenen Bühnenbildner Manfred Waba eine Version der ersten deutschen romantischen Oper auf die Bühne gestellt, die  zugleich voll Natur-Idylle und doch auch durchtränkt von Ironie und Mutterwitz ist. Außerdem wird die Grundhandlung „aufgebessert“: der „Bösewicht Kaspar“ ist bei Agathe nämlich abgeblitzt und der Jägerbursche Max nur 2.Wahl.

Das wichtigste bei diesem „missing link“ zwischen Ludwig van Beethoven und Richard Wagner ist zweifellos das Orchester. Und das Orchester der Bühne Baden war für mich die Hauptüberraschung. Ein Musiker-Ensemble, das bisher auf Lehar, Johann Strauss und Kalman „eingeschworen“ war, kam mit den Tücken der Freischütz-Partitur  unter der Leitung des langjährigen „Chefs“ Franz Josef Breznik erstaunlich gut zurecht. Und auch die Besetzung war weitgehend „sehr gut“. Vor allem der Max des in Innsbruck geborenen Tenors Reinhard Alessandri war hochkarätig: diese Rolle liegt irgendwo zwischen Tamino und Lohengrin; und zumindest im Stadttheater von Baden – das halb so groß wie die Wiener Staatsoper ist – kam der schlanke Jägerbursche ideal zur Geltung. Großartig! Ihm am nächsten kam die Agathe von Regina Riel. Vor allem in der großen Arie „Wie nahte mir der Schlummer“ spann sie den Bogen ideal zwischen lyrischem Beginn und jungdramatischer Begeisterung. In der zweiten Arie hatte sie mit den vielen Piano-Phrasen denn doch etwas Mühe, das Finale war dann wieder grandios. Entzückend auch das Ännchen der Salzburgerin Theresa Grabner: herzerfrischend humorvoll und voll Schalk im Nacken. Nicht ganz überzeugend der Kaspar des Franzosen Sebastien Soulés: vom Typ ideal: viril, zynisch, aggressiv. Leider nicht sein Singen, das erinnert an Guglielmo oder Figaro und nicht an den Bruder von Jago!

Eine Luxusbesetzung war hingegen der Samiel von Oliver Baier – der TV-Star und „Fürst der Finsternis“ zieht die Fäden durch das ganze Stück, ehe er im Finale verhaftet wird. Ein Sonderlob für den Chor der Bühne Baden – die 15 Damen und Herren – geben in den vielen Chor-Szenen (Jagd-Chor, Jungfernkranz etc.) ihr letztes (Leitung Michael Zehetner) und auch die kleine Ballett-Truppe (Choreographie Michael Kropf) wirkt höchst-motiviert. Mit Einschränkungen sind auch Thomas Zisterer als Fürst Otakar, Franz Födinger als Kuno und Gregor Loebel als Eremit zu loben. Köstlich hingegen ohne jede „Nörgelei“  Thomas Zisterer als Bauer Kilian.

Alles in allem: ein sehenswerter Abend im Stadttheater von Baden!

Peter Dusek

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