Der Neue Merker

BADEN-BADEN/Festspiele: FAUST – ein Plädoyer für Gounod

Festspiele Baden-Baden: „FAUST“ 9.6.2014 (Premiere 6.6.) –  Ein Plädoyer für Gounod

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Gebet und Verdammung: Sonya Yoncheva (Marguerite), Erwin Schrott (Mephisto): Foto: Andrea Kremper

 Nicht in der Hölle, die das Dreigestirn von Erde und Himmel komplettiert und in der Volkssage von Faust (Dr. Johannes Fausten) eine so wichtige Rolle spielt, aber doch unten, im Graben des Baden-Badener Festspielhauses ereignete sich bei der zu Pfingsten eigens herausgebrachten Neuinszenierung der Vertonung von Charles Gounod das was ohne Übertreibung als Ideal und letztlich als hohe Wertschätzung des Komponisten bezeichnet werden darf. Thomas Hengelbrock ist es mit dem Symphonieorchester des Norddeutschen Rundfunks gelungen, der oftmals teutonisch schwerfällig daherkommenden oder in Seichtheit und Kitsch ertrinkenden Musik ihre melodische Leichtigkeit, Süffigkeit, das romantisch lichte Bild französischer Sakralelemente und im Gegenzug den fast Offenbach’schen Esprit  zurück zu geben und damit auch auf die Form der Opéra Comique zu verweisen, die Gounods Oper mit gesprochenen Dialogen ursprünglich gewesen ist. Streicher und Bläser sind zu einem duftigen Miteinander verwoben, einem Mischklang, der selbst in den aufrauschend dramatischen Zuspitzungen eine Durchhörbarkeit und Eleganz bewahrt, wie es bei deutschen Orchestern ganz selten anzutreffen ist. Darin eingebettet sind die vokalen Entäußerungen, denen Hengelbrock durchgehend Raum für den großen Atem, aber auch für kleine Details belässt.

Festspielwürdig sind aber auch die drei aufgebotenen Stimmen der Hauptpartien, vor allem auch dahingehend, dass sie fachlich gesehen genau diesen französischen Attributen entsprechen und so zu einem stilistisch homogenen Ensemble zusammenfinden.

Nicht nur als Drahtzieher der Handlung, auch als Sängerpersönlichkeit steht Erwin Schrotts Mephisto, der gleichermaßen satanischer Macho wie nobler Kavalier ist und weiß worauf es bei der Wirksamkeit einer so Welt beherrschenden Figur ankommt, an der Spitze des Ensembles. Schrotts Bassbariton strotzt nur so vor gesunder Kraft, ist sprachlich präzise im Servieren von Anspielungen, sprich: weiß, wie er seine Stimme locker und beweglich, verführerisch und sämig einsetzt und in den zupackenden Phrasen wie dem Rondo vom Goldenen Kalb mit dämonischem Lachen einen Glanzpunkt erreicht, und wie er die Pracht seiner fülligen, völlig drucklosen Höhenentfaltung strömen lässt. Allenfalls in der Tiefe reicht er nicht ganz so souverän in des Basses Keller.

Charles Castronovo hat für den Faust sowohl die erforderliche Substanz in der Mittellage und Höhe als auch den leichten lyrischen Tonfall der französischen Tenor-Tradition, aber dankenswerterweise nicht das meist etwas gewöhnungsbedürftig schmale Timbre und deren larmoyanten Vortragsstil. Sein Tenor verfügt über einen leichten Tonansatz und trotz nicht allzu vieler Farbvaleurs über eine durchgehend anspreche Resonanz sowie Höhensicherheit. Dazu kommt noch eine angenehme Erscheinung und das glaubhafte Wechselspiel zwischen Getriebenem und Liebendem.

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Im Taumel des Juwelenglücks: Sony Yoncheva (Marguerite). Foto: Andrea Kremper

Zwischen diesen beiden männlichen Komponenten kann sich Sonya Yoncheva voll behaupten. Nach dem Anna Netrebko von der Partie der Marguerite zurück getreten war und sich Angela Gheorgiu nicht mit einer neuen Inszenierung ohne ihre Einflussnahme anfreunden wollte,  konnte die in Plovdiv geborene Sopranistin nach Vorstellungen in London und Wien nun damit auch ihr Baden-Badener Festspieldebut geben.

Nach anfänglicher Zurückhaltung oder vielleicht auch Schonung aufgrund der großen Hitze an diesem Pfingstmontag entfaltete sie in allen Lagen gleichermaßen zunehmenden Glanz. Zu ihrem schlichten Vortrag gesellten sich leicht angesetzte Koloraturen und eine bereits ins jugendlich dramatische Fach verweisende Üppigkeit, je mehr Marguerite ihrer Verzweiflung Ausdruck gibt. Sie verkörpert die zuerst schwärmerische und  dann mit ihrer Betrogenheit hadernde Frau glaubwürdig und ohne pathetische Effekthascherei.

Zu diesen Protagonisten gesellten sich ebenfall hohes Niveau repräsentierende Comprimari: Jacques Embrailo, der dem Valentin die aufrechte Gestalt eines frommen Soldaten gibt und dies mit leichtem und fast liedhaft geführtem, warm timbriertem Bariton hinreichend nuanciert unterstreicht; Angela Brower, die dem beschützenden Freund Siebel viel darstellerische Frische und die Lichtheit ihres hell blühenden Mezzos gibt; Jane Henschel, die der Nachbarin Marthe eine passend dezente Komik sowie charakterfeste Töne verleiht und Derek Welton, der als Wagner im 2.Akt mit allzeit präsentem Bass-Bariton Aufmerksamkeit erweckt.

Der Philharmonia Chor Wien  wurde von Walter Zeh auf seine vielfältigen Aufgaben zwischen diesseitiger und jenseitiger Funktion in allen Belangen perfekt vorbereitet.

Für diesen musikalischen Reichtum in Festspiel-Format hat Bartlett Sher eine Inszenierung geschaffen, die die Geschichte schlicht und nachvollziehbar erzählt und eigene Interpretationsbeigaben so in den Gesamtablauf eingliedert, dass sie nicht aufdringlich oder übergestülpt wirken, sondern die Grundthematiken ergänzen. Da ist einerseits die Problematik des Älterwerdens, aus der heraus sich Faust eine Verjüngung wünscht, und die zentrale Stellung Marguerites als diejenige, die sich schließlich durchsetzt, in dem sie ihre Abhängigkeit von anderen verliert, sich vom Betrüger Faust abwendet und so erlöst wird. Leider kann der Regisseur auch nicht der modisch gewordenen Einführung von stummen Zusatzfiguren widerstehen. Zum einen ist das Fausts Frau, die zunächst in einem Krankenhausbett liegt und ihn dann auf der Reise zurück in die Jugend verfolgt. Die Schauspielerin Emanuela von Frankenberg setzt das sehr einfühlsam und mimisch dezent um; zum anderen erscheint Marguerites früh gestorbene jüngere Schwester, von Felicia Schulz als Unschuldsengel gezeichnet. Beide bereichern wohl einige intime Momente, vor allem auch die Gartenszene auf der weitläufigen Bühne, erhellen können sie die ohnehin tragende Thematik allerdings auch nicht in einem zwingenden Mass.

Optisch siedelte Sher die komplette Handlung in einer undefinierbaren Zeit an, die sich sowohl in den Bühnenbildern und den Kostümen mit kaum auffallenden Akzenten finden. Michael Yeargans riesiger Kastenraum wird links von bühnenhohen Sprossenfenstern begrenzt und auf offener Szene mit wechselnder Tiefe verkleinert und vergrößert. Für die Kirmesszene dient ein Riesenrad und eine Zauberbude mit Bar, wo Flammen aus einem Bottich schlagen. Marguerites Zuhause ist durch eine Mauer mit Durchgang und Grünstreifen angedeutet, die Kirche in herunter gelassenen Säulen und einem Ständer mit vielen Kerzenlichtern unterm Kreuz sowie einer Büßerbank. Auf medialen Einsatz wird dankenswerterweise verzichtet, am Ende bleibt Fausts kranke Frau in ihrem Bett zurück und schaut zum Fenster hinaus.

Catherine Zubers Kostüme bewegen sich zwischen adretten, leicht historisierten Kleidern, schlichtem Bürgerhabit, typischer Soldatenausrüstung und einem hellen Anzug bzw. schwarzen Ledermantel für Mephisto. Dass die Ballettmusik ausgeschlossen wurde, ist im Rahmen der bis auf Fausts Trinklied beim Sabbat kompletten Aufführung noch eher hinzunehmen als der totale Verzicht auf jegliche Tanz-Bewegung im Walzer, der ja im Text des Chores auch begleitend besungen wird. Das was im Programmheft als Choreographie von  Maxine Doyle in der Kirmesszene auszumachen war beschränkte sich auf eine schnelle finale Kettenbildung des Chores im Kreis.

Diese letztlich in Grenzen gehaltenen Einschränkungen konnten die hochwertige musikalische Umsetzung jedoch nicht schmälern, und das Publikum feierte alle Beteiligten mit gerecht abgestuften Ovationen.                                                                         

Udo Klebes

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