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BADEN-BADEN/ Sommerfestspiele: KOLOKOLA (Die Glocken) und 3. KLAVIERKONZERT von Sergej Rachmaninow

Baden-Baden / Sommerfestspiele: „KOLOKOLA“ – 21.07.2017

Evgeny Akhmedov-Maria Bayakina-Alexei Markov (c) Michael Bode
Evgeny Akhmedov, Maria Bayakina, Alexei Markov. Foto: Michael Bode

Die diesjährigen Sommerfestspiele im Festspielhaus an der Oos wurden hauptsächlich vom Ensemble des Mariinsky Theater St. Petersburg bestritten. Eingebettet in die grandiose Wiedergabe der Oper „Eugen Onegin“ glänzten die russischen Gäste mit vorzüglichen Konzert-Programmen und so erklang u.a. das selten gespielte Werk von Sergej Rachmaninow „Kolokola (Die Glocken“ nach dem Gedicht „The Bells“ von Edgar Allen Poe, dem wohl monumentalsten Werk des Komponisten in üppiger Orchestrierung.

Die vier Sätze dieser „Kantate“ sind einem bestimmten Glockentyp und einem durch ihn symbolisierten Lebensabschnitt des Menschen verpflichtet. So wurde das Poem mit Die silbernen Schlittenglocken eröffnet, intoniert vom lyrischen strahlend hellen Tenorklang (Evgeny Akhmedov) phasenweise vom großartig auftrumpfenden Mariinsky Chor begleitet.

Die zarten Hochzeitsglocken künden von verheißungsvoller Seligkeit und holdem Schwall vom schier zu dramatisch eingefärbten Sopran (Maria Bayakina) feierlich zum Klingen gebracht. Gewaltig, pathetisch, in Urgewalten von ungebändigten Feuersbrünsten und schreckensvollem Toben realisierten der Chor sowie das auftrumpfende Orchester unter der Leitung von Valery Gergiev das musikalische Tosen der grellen Sturmglocken. Düster mystisch klang Rachmaninows Episode zu Gergievs dramatischer Stabführung.

Dunkler Streicherklang leitete die Atmosphäre zu Die trauervollen Eisenglocken ein, melancholisch, schauerlich „tanzt“ Alexei Markov mit bassbaritonaler Noblesse und aussagekräftiger Vokal-Virtuosität die Runenrhythmen des Grabesgeläuts zur dämonisch anmutenden Chor- und Orchesterbegleitung mit dem versöhnlich-lyrischen hoffnungsvollen Ausklang.

Bravos und prasselnder Applaus bedankte die beeindruckende Wiedergabe.

Behzod Abduraimov-Valery Gergiev (c) Michael Bode
Behzod Abduraimov, Valery Gergiev. Foto: Michael Bode

Im ersten Teil des äußerst interessanten Konzertabends spielte Behzod Abduraimov (nach der Absage von Daniil Trifonov) das „Dritte Klavierkonzert“ Rachmaninows und bescherte den eigentlichen Höhepunkt des Abends. Was für ein grandioser Pianist! Ein jungenhaft wirkender liebenswerter Mensch setzte sich an den Flügel, musizierte unbekümmert ohne Theatralik und pflückte in natürlichster Selbstverständlichkeit und Brillanz die pianistischen Sterne vom Himmel.

Bereits während des Allegro ma non tanto präsentierte der Tastenkünstler seine immense Virtuosität, bestach mit Kadenzen von unbeschreiblicher Akkordtechnik und demonstrierte sein handwerkliches Rüstzeug für diesen doch schwierigen Klavierpart. Rubinstein nannte es einst das Konzert für Elefanten. Nun achtete der famose Pianist nicht nur auf die tempogeladenen Finessen der Partitur, sondern schenkte seinem kultivierten Spiel zudem liebevolle Details welche ich bisher, in dieser Abfolge noch nie vernahm.

Der orchestralen Einleitung des Intermezzo, Adagio schenkte Valery Gergiev mit seinem herrlich musizierenden Mariinsky-Orchester jenen betörenden, unwiderstehlichen in aller Welt geliebten Rachmaninow-Sound. Weich flossen die Klanggruppen ineinander, Geigen und Celli waren klar lokalisierbar, selbst im Getümmel zur leicht dominanten Vorherrschaft der Holz- und Blechbläser. In genialer Transparenz, frisch in völlig unprädisponiertem Ton entwickelte Abduraimov sein Musizieren in rasante Ekstase, einem spannenden Klavier-Thriller gleich. Da blieb dem Zuhörer förmlich, pardon – die Spucke weg.

Nun hatte ich in der Vergangenheit das große Vergnügen, dieses mein liebstes Klavierkonzert von nahezu allen weltbesten Interpreten zu erleben, entspricht es nicht meinem Naturell Künstler-Namen gegeneinander auszuspielen, doch dachte im Laufe der heutigen Darbietung so bei mir: Es ist ein Traum, kann nicht wirklich sein – das ist unweigerlich die absolute Krönung.

Unfassbar mit welch hoher Emotionalität, klangvoller Energie und rhythmischem Biss sich der 27-jährige Solist mit dem phänomenalen Orchesterapparat in die finalen Fluten des Alla breve auf höchst kultiviertem Niveau, stürzte. Gleich einem Kaskadeur zündete Abduraimov nochmals ein pianistisches Instrumental-Feuerwerk, dessen unbeschreibliche Tastenakrobatik in Verbindung qualitativer Phrasierungen, einem den Atem verschlug.

Ein Bravo-Aufschrei des voll besetzten Hauses belohnte die unvergleichliche Interpretation und schloss Orchester und Dirigent im langen Jubel mit ein.

Soviel enthusiastische Begeisterung bedankte Behzod Abduraimov mit verbindlichem Blick auf das Folgewerk hinreißend brillant interpretiert mit „La Campanella“ (Franz Liszt).

Gerhard Hoffmann

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