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BADEN-BADEN/ Sommerfestspiele: EUGEN ONEGIN

Baden-Baden / Sommerfestspiele : „EUGEN ONEGIN“ – 20.07.2017

Yekaterina Sergeyeva (Olga) Maria Bayankina (Tatjana) (c) Andrea Kremper
Yekaterina Sergeyeva (Olga) Maria Bayankina (Tatjana) (c) Andrea Kremper.jpg

Während der Sommerfestspiele 2017 im Festspielhaus gastierte wie bereits zuvor im Jahre 2005 das Mariinsky Theater St. Petersburg unter der Stabführung von Valery Gergiev mit den lyrischen Szenen „Eugen Onegin“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky. Mit bedeutend weniger Tracks als damals reiste man heute an die Oos, jedoch mit einer wunderbaren stimmigen und prachtvollen Inszenierung im Gepäck.

Bevor ich mich jedoch zu Begeisterungs-Euphorien hinreißen lasse möchte ich voraus schicken, dass ich nach vielen bisherigen Aufführungen, heute die wohl schönste Produktion meiner Tage erlebte. Auf Larinas Gut wurde die Apfelernte eingebracht, auf Stufen zur Hinterbühne liegen die Früchte aus, wir befinden uns in der Tenne, ein Heuballen zur Linken, wenig Mobiliar, am kupfernen Samowar spiegelt sich die Nachmittagssonne, man fühlt sich wohl in dieser ländlichen Idylle, duftig anmutig wie ein lichter Sommertag. Kreator dieser phantasievollen Plastizität war Alexander Orlov in Verbindung mit dem Lichtdesigner Alexander Sivaev, einem wahren Künstler im Schaffen von Licht- und Schattenvarianten.

Zu Onegins Repulsion öffnet sich der Vorhang, zeigt einen blätterlosen Baum vor diffus grauem Licht, bar dieser starken Optik bedurfte es schier keiner Worte mehr. Zur Duell-Szene die farblich dezente Lichtbrechung der Morgenröte dazu rechts ein laufendes halbsichtbares Wasserrad, Eindrücke von überwältigender Faszination. Das finale Palais Gremins optischer Höhepunkt der Ästhetik: Amphoren, Vasen auf Stelen vor hohen Fenstern mit Blick auf graues Gewölk. Unwillkürlich kamen mir die Worte Parsifals in den Sinn: Nie sah ich, nie träumte mir, was jetzt ich schau – dies alles, hab ich nun geträumt?

Duftige Kleider der Mädchen, folkloristische Kostüme des Landvolkes, elegante Haute Couture, liebevoll detaillierte Créationen der mit Preisen überhäuften Designerin Irina Cherednikova rundeten die zauberhafte Optik ab.

Alexei Stephanyuk schuf dazu die stilvolle Inszenierung mit großer Liebe zum Detail und immenser Kenntnis der Puschkin-Vorlage. Onegin zunächst der unnahbare, gelangweilte Dandy in glaubwürdiger Wandlung zum reumütig Liebenden. Tatjana das junge vertäumte Mädchen, verletzt gedemütigt und großartig als spätere von alten aufflammenden Gefühlen zerrissene Fürstin. Lensky der verliebte Schwärmer, dann verbittert unversöhnlich Eifersüchtiger. Olga der lebenslustige Gegenpol zur versonnenen Schwester, der gütige wohl wissende Fürst Gremin in überzeugender Glaubwürdigkeit. Dazu die charakteristisch vortrefflich ausgeleuchteten Nebenrollen sowie die intolerante klatschsüchtige Gesellschaft in vorzüglicher Beweglichkeit von Ilya Ustyantsev choreographiert, prägten ein Psychospiel von faszinierender Prädikation und nahmen die Zuschauer gefangen. Von geradezu genialer Suggestion das Finalbild: Unterdrückte Leidenschaften, späte Geständnisse brodeln an die Oberfläche vor schwarzem Zwischenvorhang. In Nebelschwaden der Öffnung entwand der verzweifelte Onegin, welch bewegend-beklemmende Schlußszene!

Unter der umsichtigen Stabführung von Valery Gergiev hatte das Mariinsky Theater Orchester seinen großen Tag. Entsprechend zur duftigen Bühnenatmosphäre ließ der Klangkünstler seidenweich fast heiter aufspielen, verwöhnte akustisch mit betörend schwelgerischen Momenten die Ohren. Unverwechselbar schenkte Gergiev mit seinem hervorragend disponierten Instrumentarium der Partitur den unverwechselbaren authentischen Touch: die schwermütige russische Poesie sowie die für Tschaikowsky typischen rhythmischen Tanzfolgen wie Walzer und Polonaise. Zum wahren Klang-Feuerwerk verband der geniale Dirigent die lyrischen Szenen der russischen Seele zu verinnerlichter Musikdramatik. In schwermütiger Eleganz glänzten die orchestralen Gruppierungen in atemberaubender Perfektion und bildeten den optimal begleitenden Sound der Vokalsolisten.

Die junge schlanke Maria Bayankina sang die Tatjana mit lyrischer zuweilen abgedunkelter, frischer Sopranstimme voll inniger Töne und angenehmen Höhenaufschwüngen und belebte die Figur mit beseeltem und natürlichem mädchenhaftem Spiel.

Vortrefflich bildete der wohlklingende, feintimbrierte Mezzosopran von Yekaterina Sergeyeva den angenehmen konträren Gegenpol. Der umsorgenden Filippewna schenkte Elena Vitman ihr bestens fundiertes, klangschönes Altregister. Mit weichen dunklen Tönen stattete Olga Savova die mütterliche Larina aus.

In stupender Legatokultur sang Alexei Markov mit herrlich aufschwingendem Kavaliersbariton den Titelhelden. In vorzüglicher Tongebung beeindruckte der Sänger mit weichem Material und ebenmäßig dunklen Einfärbungen seines herrlich timbrierten Materials und blieb der Darstellung des noblen Onegin nichts schuldig.

Strahlend sehr lyrisch, mit herrlichem Timbre, jedoch weniger Volumen interpretierte Evgeny Akhmedov den schwärmerischen Lensky. Großartig nuanciert, vokal bestens tendiert in sonorer Bassqualität avancierte Mikhail Petrenko (Fürst Gremin) zum Publikums-Favoriten.

Ein Kabinettstück tenoralen Vortrags lieferte Trike (Andrei Zorin) mit seinem köstlichen Sonett. Stimmschön fügten sich Alexander Gerasimov (Hauptmann/Zarezki) sowie der vortrefflich ausgewogen intonierende Mariinsky-Chor (Andrei Petrenko) in die optimale Szenerie.

Inmitten der gegenwärtigen, teils gewöhnungsbedürftigen Opern-Szenarien hier zu Lande, erachte ich es als Privileg – ja Offenbarung einer so elitären, naturalistischen Produktion beiwohnen zu dürfen. Fazit: einfach traumhaft!

Gerhard Hoffmann

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