BADEN-BADEN: LA BOHÈME – ein Abenteuer von Liebe

by ac | 12. November 2017 22:49

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Copyright: Festspielhaus Baden-Baden/ Kunyova

BADEN-BADEN: EIN ABENTEUER VON LIEBE

Giacomo Puccinis „La Boheme“ am 12.11.2017 im Festspielhaus/BADEN-BADEN

Eine Subkultur wird auch in Philipp Himmelmanns Inszenierung von Puccinis „La Boheme“ sichtbar (Bühnenbild: Raimund Bauer; Kostüme: Kathi Maurer). Es geht um den künstlerischen Protest gegen die Begrenzungen des bürgerlichen Lebens, wenn der Maler Marcello und der Dichter Rodolfo über ihre Arbeit diskutieren. Beide frieren in der Schneelandschaft, denn es schneit unaufhörlich. Als Mimi das Zimmer betritt, verändert sich für Rodolfo plötzlich die Welt. Das gegenseitige Liebesgeständnis ist unübersehbar. Die Mansarde fährt dann nach oben – und unten sieht man eine riesige Schneelandschaft. Im zweiten Bild präsentiert Rodolfo den Freunden seine neue Eroberung Mimi. Aufgrund der Eifersucht von Rodolfo ist das Zusammenleben mit ihm unerträglich geworden, Mimi möchte die Trennung. Auch diese Konstellationen arbeitet Philipp Himmelmann einfühlsam und tiefsinnig heraus, selbst wenn das Bühnenbild manchmal oberflächlich wirkt. Mimi erklärt Rodolfo, dass sie ihn verlassen will. Gleichzeitig beenden Marcello und Musetta ihre Affäre. Im vierten Bild bricht dann die winterliche Kälte mit aller Macht in die trostlose Mansarde ein. Rodolfo und Marcello trauern der Zeit nach, die sie mit Mimi und Musetta verbracht haben. Für die kranke Mimi kommt selbst die Ankunft eines Arztes zu spät. Als sie stirbt, gehen alle Beteiligten in ein schneebedecktes Niemandsland.

Bei Philipp Himmelmann herrscht filmisches Erzählen vor. Und die vier Freunde in „La Boheme“ sind natürlich nicht wirklich arm. Sie sind in jedem Fall starke Künstlerpersönlichkeiten. Mimi repräsentiert die Realität von Armut und Verfall, was in der Inszenierung auch drastisch zur Geltung kommt. Philipp Himmelmann will in seiner Inszenierung eindeutig Menschen zeigen, die gängige Werte und Regeln in Frage stellen. Sie wollen außerhalb der Gesellschaft stehen. Er hat die 1960er Jahre für seine Inszenierung gewählt. Das Paris der 1960er Jahre sei Schauplatz der Studentenrevolution gewesen. Das habe die weitere Entwicklung in Europa stark beeinflusst. Jeder habe damals nach Paris gewollt. Es war der richtige Ort, um seine verrückten Träume auszuleben. Und dies kommt auch in Philipp Himmelmanns Inszenierung plastisch zum Vorschein. Hier ist Rodolfo ein Träumer, der sein Leben ganz der Poesie widmen will. Die Beziehung zu Mimi besteht in erster Linie aus Träumen und Projektionen. Der Schnee ist hier weniger Symbol als Umgebung. Rodolfo und seine Freunde tun allerdings nichts, um Mimis Leben zu retten. Sie verhalten sich hilflos und unverantwortlich. Trotzdem lässt Himmelmanns Inszenierung viele Fragen offen. Dies betrifft insbesondere die psychologische Personenführung.

Wesentlich überzeugender ist da schon die musikalische Gestaltung durch den griechischen Dirigenten Teodor Currentzis. Er dirigiert Chor und Orchester von musicAeterna (Chorleitung: Vitaly Polonsky) und den Kinderchor Cantus Juvenum Karlsruhe (Einstudierung: Anette Schneider) wie aus einem Guss. So wird das Schieben der Volksmenge wiederholt mit einem vorwärtsdrängenden Motiv synkopisch stark gekennzeichnet. In chromatischen Linien steigert sich die ungeheure Erregung der Menge unaufhaltsam. Selbst die Sehnsucht Marcellos nach Musetta arbeitet Currentzis markant heraus. Aber auch die Kantabilität und sprühende Leichtigkeit dieser Musik kommen nicht zu kurz. Durchführungsharmonik und orchestrale Pracht besitzen hier gleichzeitig eine glühende Leidenschaftlichkeit und Durchsichtigkeit, die sich auch auf den punktierten Rhythmus überträgt. Als Mimi überzeugt Zarina Abaeva mit nie nachlassender gesanglicher Leuchtkraft und Emphase. Auch die sonore Mittellage ihres Soprans vermag zu fesseln, sie ist als Mimi weniger zerbrechlich als gesanglich berührend. Leonardo Capalbos Tenor besitzt bei der Gestaltung Rodolfos ein klares Timbre, vermag jedoch in der Höhenlage nicht so stark zu überzeugen wie Zarina Abaeva. Trotzdem ergänzen sich beide in den großen Liebesduetten vortrefflich. Dies gilt insbesondere für die gut betonte mediterrane Gefühlslage.

Selten hat man das Werk in so temperamentvoll-rasanter Form erlebt wie unter der Leitung von Teodor Currentzis. Dies merkt man sogleich beim Beginn mit dem markant absteigenden Viertonmotiv im Fortissimo, dem ein ebenso rasant aufsteigendes Viertonmotiv antwortet. Hier verzichtet Puccini auf die Ouvertüre und huldigt statt dessen den Spatzen von Paris. Die Musik pulsiert in der Künstlermansarde in einem flotten Dreiachteltakt, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Leonardo Capalbo kann Rodolfos Arie „Nei cieli bigi“ („Am trüben Himmel“) durchaus Klangfarbenreichtum und deklamatorische Eleganz abgewinnen. Als Marcello (facettenreich: Konstantin Suchkov) Rodolfos Melodie übernimmt, spielen sich beide die musikalischen Bälle zu. Teodor Currentzis unterstreicht bei seiner bemerkenswerten Interpretation immer wieder die mosaikartige Musizierweise Puccinis, dessen musikalische Schilderungen unvergesslich sind. So werden die Schritte von Colline (charakterisierungsreich: Nahuel di Pierro) ebenso nachgeahmt wie das Verbrennen von Rodolfos Manuskript mit Holzbläser, Harfe und Glockenspiel. Selbst die „chinesischen“ und auf „Turandot“ vorausweisenden Motive kommen nicht zu kurz. Das marschartige Thema triumphiert beim forschen Auftritt des Musikers Schaunard, der von Edwin Crossley-Mercer mit starker Intensität verkörpert wird. Die Fülle kleiner Themen und Motive sprudeln bei dieser gelungenen Wiedergabe jedenfalls nur so hervor, das gleiche gilt für die bewegliche Rhythmik. Humor, Zartheit und Leidenschaft prägen hier durchaus das erste Bild. Eine fortwährende Ausdruckssteigerung beherrscht auch die berühmte Liebesszene von Rodolfo und Mimi, wo Currentzis mit dem Orchester die Legato-Bögen ungemein voluminös und ausdrucksstark gestaltet. Sofia Fomina vermag als Musetta im zweiten Bild beim bekannten Musette-Walzer mit vielen gesanglichen Nuancen und Facetten zu überzeugen. Auch das Schlussbild mit dem Duett von Rodolfo und Marcello sowie Collines bewegendem Mantellied vermag das Publikum zu fesseln. Gary Agadzhanian kann dem kurzen Arioso des Hausbesitzers Benoit sowie dem Staatsrat Alcindoro ebenfalls reiche Charakterisierungskunst verleihen.

In weiteren Gesangsrollen gefallen noch Sergei Vlasov als Händler Parpignol, Evgeni Ikatov als Sergeant bei der Zollwache sowie Victor Shapovalov als Zöllner. Man spürt: Für Teodor Currentzis ist Puccinis „La Boheme“ ein Werk, das die Abenteuer von Kreativität und Liebe immer wieder spürbar macht. Er selbst meint, dies sei ein Werk ganz nach dem Herzen von musicAeterna: „Denn wir sind ein Orchester aus ‚Bohemiens‘.“ Und so wird dann auch musiziert. Das leidenschaftliche Brio dieser Musik lässt jedenfalls niemanden unbeteiligt. Aus diesem Grund ist diese Aufführung auch in erster Linie ein großes Orchesterfest, denn Currentzis‘ Detailgenauigkeit kennt keine Grenzen. Entsprechend begeistert waren die Ovationen des Publikums bei seinem Erscheinen auf der Bühne.

Alexander Walther

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