Der Neue Merker

BADEN-BADEN: KONZERT AM KARFREITAG – Baden-Baden: „LISA BATIASHVILI –

Baden-Baden: „LISA BATIASHVILI – BERLINER PHILHARMONIKER -SIR SIMON RATTLE“
 
Konzert am Karfreitag (14.4.2017)
Lisa Batiashvili-Sir Simon Rattle Copyright Monika Ritterhaus
Lisa Batiashvili, Sir Simon Rattle. Copyright: Monika Rittershaus
 
Im Rahmen der Oster-Festspiele legte das Festspielhaus seinen Besuchern höchst repräsentative Ostereier ins Nest, so u.a. die Neuinszenierung der Puccini-Oper „Tosca“ sowie ein ansprechendes Konzertprogramm. Als Gastorchester waren die Berliner Philharmoniker eingeladen, welche somit auch bemerkenswerterweise die komplette Orchestrierung der „Oster-Festspiele 2017“ bestritten.
 
 An der Oos gastierte wiederum Lisa Batishvili eine der renommiertesten Geigerinnen der Gegenwart und die Weltklasse-Solistin hatte das „Violinkonzert“ von Anton Dvorak im Gepäck. Fernab jeglicher Routine eröffnete Batiashvili in spannungsvoller Rhythmik das Allegro im fein abgestuften Dialog mit dem hervorragend begleitenden Berliner Philharmonikern unter Stabführung von Sir Simon Rattle. Schlicht ja volksliedhaft, schwermütig schön spielte die charmante Solistin das Wechselspiel mit dem Horn.
 
Frei jeglicher Effekthascherei gestaltete Lisa Batiashvili die melodische Vielfalt, das feingliedrige Innenleben des Andante, der Bogen schien die Saiten zu streicheln, die Violine sang, weinte, zauberte Melodien besonderen Flairs, dass sich die emotionellen Eindrücke des Zuhörers schier nicht in Worte fassen ließen. Das nenne ich schlichtweg die hohe Kunst der Faszination und somit wurde die Begegnung mit der begnadeten Künstlerin zum kostbaren Erlebnis.
 
Virtuos, differenziert, atemberaubend zeichnete Batishvili das spritzige Allegro giocoso und zündete mit dem herrlich musizierenden Orchester ein Instrumental-Feuerwerk von besonderem Reiz. Die Begegnung mit der bescheidenen Künstlerin, ihrem samtigen, fraulich-warmen Geigenton, ihrer technisch-subtilen Raffinesse des Spiels wird mir immer wieder zum faszinierenden Erlebnis.
 
Sehr große Begeisterung des Publikums.
 
Dvoraks „Slawische Tänze Nr. 3,5 + 7“ eröffneten das ganz im Duktus des osteuropäischen Genres geprägten Konzerts. Wunderbar austariert bot Sir Simon mit seinem vor Esprit sprühenden und transparent aufspielenden Klangkörper das prächtige Kaleidoskop dieser temperamentvollen, rhythmischen Tänze. Ein herrlicher und stürmisch bejubelter Auftakt.
 
Nach der Pause erklang das Alterswerk von Bela Bartok „Konzert für Orchester“ mit seinen fünf Sätzen, welches der Komponist 1942 drei Jahre vor seinem Tode in Amerika schuf, dessen thematische Abschnitte aus bunten, einander jagenden Vorstellungen einer frei schweifenden Phantastik bestehen. Im Februar 1945, sieben Monate vor seinem Tode überarbeitete Bartok das Werk nochmals und zwar insbesondere den letzten Satz. Beide Versionen wurden veröffentlicht und heute erklang die „erste“ welche am 1. Dezember 1944 in Boston uraufgeführt wurde.
 
Schwermütig erklangen die tiefen Streicher des Introduzione im dunklen rezitativisch angestimmten Gesang welcher sich mit den hellen Violinen in einer müden nachschwingenden Bläserfloskel verlor. Nach kurzem Anlauf wird das eigentliche Allegro erreicht, verläuft frei rhapsodisch in seinem energischen Thema und wandelt sich stets in reizvollen Varianten ab. Sir Simon Rattle bündelt mit den prächtig instrumental aufspielenden Berliner Philharmonikern die andrängenden Energien zu herbstlich melancholischen Stimmungen.
 
In prägnantem Rhythmus formierten sich im Presentando dem Spiel der Paare zunächst dual Holzbläser, spielen die aufeinander bezogenen kurzen Themen an. Die Fagotte bildeten reizvolle Sextette, die Oboen leiten Terzen ein, die Klarinetten, Flöten und Trompeten schlossen sich in Intervallen an bildeten einen regelrecht bunten instrumentalen Konfettiregen.
 
Melancholisch erhob sich Elegie der langsame Satz im Prolog der tiefen Streichinstrumente, gleich einer erschütternden Klage eines Menschen, der um die Ausweglosigkeit seines Schicksals weiß. Kurz vor Ausklang dieser Querele erklang die Solo-Arabeske der Flöte, um sich sodann echohaft in den folgenden, zerrissenen Schlussklängen zu verlieren.
 
Der 4. Satz ein Intermezzo interotto führt als heiteres Gegenstück des Scherzos von der esoterischen Mitte des Werkes wieder fort. Die Oboe leitet mit schwebenden Takten in den Refrain des rondoartigen Satz einer ungarischen Volksweise, getragen vom vollen Streicherklang.
 
Im Finale in dem das wirbelnde Perpetuum mobile – Hauptthema mit einem Feuerwerk fugierter Passagen an volkstümlichen Melodien wetteifert, ließ Sir Simon seine unglaublich prägnant musizierenden Berliner Philharmoniker nochmals gewaltig zum Furioso aufspielen. Ein greller Trommelwirbel, ein peitschender Beckenschlag, Themenfetzen wie ein Fanfarensignal von der Trompete heraus geschmettert und – Schluss.
 
Ein Bravosturm des elektrisierten Publikums sowie prasselnder Applaus bedankte die wunderbare Interpretation.
 
Gerhard Hoffmann

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