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BADEN BADEN/ Festspiele: NIJINSKY – Gastspiel des Hamburg Ballett – ein „Wahnsinns“-Tanzereignis

Festspiele Baden-Baden

„NIJINSKY“ Gastspiel des Hamburg Ballett 14.10.2017 – ein „Wahnsinns“-Tanzereignis

 

Superlative zu vergeben birgt stets auch die Gefahr subjektiven Empfindungen zu erliegen. Wenn jedoch Werk und Wiedergabe auch bei der dritten Begegnung mit jeweils größeren Abständen dazwischen dieselbe Faszination auslösen wie bei den vorhergehenden Aufführungen, ja diese aufgrund inzwischen erweitertem Wissen und vertiefter Beobachtungsgabe sogar noch gestärkt ist, sind vergebene Bestnoten nicht zu hoch gegriffen. Konkret geht es hier um John Neumeiers aus einer fast lebenslangen Beschäftigung mit dem berühmten Tänzer und Choreographen Vaslav Nijinsky im Jahr 2000 uraufgeführte Choreographie, die schlicht und einfach den Nachnamen des 1957 gestorbenen Tanzgottes trägt. Im Jahr 2002 wurde sie das erste Mal bei den Festspielen Baden-Baden gezeigt, sodann 2011 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50Jahr-Jubiläum des Stuttgarter Balletts, wo John Neumeier als Tänzer seine Karriere begonnnen hatte, und jetzt erneut im Baden-Badener Festspielhaus präsentiert.

Neumeier folgte bei der choreographischen Vorgehensweise dem Vorbild Nijinsky, demgemäß Tanz nicht nur Anlass einer konkreten Handlung sein muss, sondern generell aus der Zusammensetzung vieler Bewegungen erwachsen kann, die keinem bestimmten Stil folgen müssen. Das Besondere an Nijinsky war eben, dass er als Choreograph keineswegs seiner eigens beherrschten Kunst als Maßstäbe setzender Tänzer folgte, vielmehr für jedes Stücke, für jede neue Rolle einen individuellen Stil kreierte. Und so folgt Neumeier bei der szenischen Umsetzung seines „Nijinsky“ keiner biographischen szenischen Anordnung, sondern stellt den Widmungsträger zunächst im Kontext mit seinen populär gewordenen Bühnenfiguren und nach der Pause mit dem weltpolitischen Umfeld seiner Zeit vor. Dafür bedarf Neumeier als eigener Ausstatter, von der teilweisen Verwendung der Originalentwürfe von Leon Bakst und Alexandre Benois abgesehen, keiner besonderen zeitgeschichtlichen Ausstattung. Lediglich jener Ballsaal im Hotel Suvretta in St. Moritz, wo Nijinsky im Januar 1919 seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte, dient in einer historischen Nachbildung als Ausgangs- und Endpunkt sowie Zwischenstation dieses gut zweistündigen Tanzdramas. Zu einem von Ondrej Rudcenko live gespielten Chopin-Prelude unterhalten sich die Gäste anregend, ehe mit dem Eintreten Nijinskys Stille eintritt und die Choreographie einsetzt. „Hochzeit mit Gott“ nannte er diese letzte Vorstellung, die bereits in ihrer Vermengung von Gedanken und Erinnerungen deutlich von seiner ausgebrochenen Schizophrenie gekennzeichnet sind und deren Titel darauf verweist, wie sehr das Göttliche und die Kunst in seinem Weltverständnis untrennbar miteinander verbunden waren. Zwei geschlossene Lichtkreise, die im Hintergrund immer wieder verschoben und dann überlappt bzw. vereinigt werden, schweben als ebenso klares wie starkes Symbol über der ganzen Aufführung.

Im weiteren Verlauf vermischen sich durch die Erinnerung an seinen kaum weniger renommierten Lehrer, Impresario der Ballets russes und nicht zuletzt Lebensgefährte wichtige Charaktere seines Lebens mit den Sequenzen seiner bedeutendsten Bühnenpartien, die von mehreren Tänzern als Teile seiner Persönlichkeit übernommen werden. Über welch ausgeprägtes Ensemble das Hamburg Ballett bis ins Corps de ballet hinein verfügt, zeigte sich an deren Besetzungen: Christopher Evans als Geist der Rose, Jacopo Bellussi als Harlekin, Marcelino Libao als Goldener Sklave und Faun, Leeroy Boone als Junger Mann in „Jeux“ und Konstantin Tselikov als Petruschka. Bilden dafür drei Sätze aus Rimsky-Korsakovs „Sheherazade“ die passend musikalisch bezogene Basis, schlüsselt die tief schürfende Sonate für Viola und Klavier von Schostakowitsch die ausgedehnte Szene mit Diaghilev, den der überragend große Edvin Revazov mit Bestimmtheit und sinnlicher Note sehr präsent verkörpert, subtil auf. Das Verhältnis zwischen den beiden wird schließlich noch zu einem ungewöhnlichen, aber wie das ganze Stück faszinierend mit Formen und Bewegungsmustern spielenden Pas de trois mit Nijinskys älterem Bruder Stanislaw erweitert. Dieser war ebenfalls Tänzer und hatte schon in der Kindheit Anzeichen von Wahnsinn. Aleix Martinez kann sich gegenüber den beiden männlichen Protagonisten gut behaupten und verausgabt sich vor allem in seiner erschütternden Todesszene im zweiten Teil mit beängstigender Realität, unterstützt von Schostakowitsch 11. Symphonie g-moll, op. 103, die im Todesjahr Nijinskys komponiert wurde und gemäß ihrem Untertitel „Das Jahr 1905“ an jenen Aufstand am St. Petersburger Winterpalast erinnert, der blutig niedergeschlagen und weil Mitbetroffener zu Nijinskys prägender Begegnung mit dem Krieg wurde. Die dynamische Reichweite dieser Komposition zwischen trügerischer Ruhe und unerbittlicher Macht gibt Neumeier Gelegenheit, das knallharte Geschehen um Nijinsky mit seinen revolutionären Choreographien, vor allem „Le sacre du printemps“ zu konterkarieren, das eine mit dem anderen dramaturgisch beziehungsreich zu verknüpfen. Durch diese wechselhaften Zeiten hindurch ist seine Gattin Romola, durch deren schnelle Ehelichung die  Beziehung zu Diaghilev zerbrach, an seiner Seite. Silvia Azzoni gibt ihr die Würde einer starken Frau, die die Choreographie aber dennoch mit einem sanften und weichen Bewegungs-Charisma verinnerlicht. Bewundernswert, wie sich diese reife Interpretin von Neumeiers Werk die Leichtigkeit des Tanzes bewahrt hat.

Nun aber endlich zur Hauptperson des Abends, deren Part zwar während einiger Gruppenszenen immer wieder mal etwas Verschnaufpause gegönnt ist, aber in den einzelnen Stationen und letztlich als Summe immens gefordert ist, sowohl als Tänzer, wie als Gestalter. Nach Jiri Bubenicek und Alexandre Riabko ist diese enorme Herausforderung nun an den 28jährigen Alexandr Trusch weitergereicht worden. Der in der Ukraine geborene und seit 2007 zum Hanburg Ballett gehörende Tänzer ist seit 2014 Erster Solist der Compagnie und überzeugt zunächst in seiner Mischung aus jugendlichem Elan und männlicher Entwicklung, ganz besonders in der Ausgewogenheit und Disziplin, mit der er den im Zeichen von Nijinskys Tanzkunst klassischer geprägten ersten Teil so locker und leicht absolviert, als wäre es ein Kinderspiel. Bis dahin eventuell noch zu befürchten gewesene Mängel an einer von mehr Lebenserfahrung geprägten expressiveren Verdichtung des kriegerischen zweiten Teils, als dessen Mahnmal das Corps de ballet in grauen Uniformen immer wieder die Bühne einnimmt und zerstörerische Macht in unnachgiebige Kräfte messenden Tanz übersetzt, erwiesen sich schließlich als unbegründet. Immer tiefer tauchte der nicht allzu große, aber in allem was er tut großartige Künstler in die immer schmerzvolleren Phasen Nijinskys ein, präsent in allem und doch wie umnachtet von dieser Welt, die er als wahnsinnig betrachtet, bis hin zum finalen Kriegstanz, zurückführend ins Hotel Suvretta, wo er sich in einem elementaren Anfall ein langes schwarzes und rotes Band um den Leib ineinander verschlingt und sich so in seiner Kunst mit Gott vereinigt. Im Zusammenspiel mit Schostakowitschs gnadenlos martialischen Klängen herrscht am Ende atemlose Gebanntheit. Und darauf ein Orkan an Publikums-Ovationen, der zuletzt in aller Ausführlichkeit von Alexandr Trusch an John Neumeier, der innerhalb seines umfangreichen Werkkatalogs  mit Nijinsky einen Höhepunkt erreicht hat, weiter gereicht wurde.

Udo Klebes

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