Der Neue Merker

BAD WILDBAD/ „Rossini in Bad Wildbad“: BIANCA E FALLIERO – Erstklassig Mittelprächtiges / L’ITALIANA IN ALGERI

Rossini in Wildbad 2015

„BIANCA E FALLIERO“  18.7. 2015 (Premiere) – Erstklassig Mittelprächtiges

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Bianca e Falliero: Siegreicher Heimkehrer in den Fängen: Victoria Yarovaya (Falliero): Copyright: Patrick Pfeiffer

 Im gleichen Jahr wie die heute renommiertere „La donna del lago“ kreiert, repräsentiert die zur Eröffnung der Karnevalssaison am 26.12.1819 komponierte Oper mit einem Text des Vielschreibers Felice Romani eine Verbindung älterer Schemata mit der inzwischen errungenen Differenzierungskunst bei der Profilierung austauschbarer Charaktere, denn die Personenkonstellation entspricht der einiger anderer Rossini-Werke: die durch anderweitige Verbindungsabsichten des Vaters (Contareno) bedrohte Liebe eines jungen Paares (die Titelrollen), dessen männliche Hälfte als siegreicher Verteidiger der Heimat in dem Moment aus dem Krieg zurück kehrt, als der Ehebund mit dem für die Tochter bestimmten Mann (Capellio) geschlossen werden soll. Die Konflikte sind vorprogrammiert, die Zerreißproben Biancas zwischen der Vaterliebe als ursprünglicher Bindung und der versprochenen Hingabe an den Geliebten gaben Rossini Gelegenheit zur farblichen Erweiterung des vokalen wie orchestralen Apparates. Sonst übliche Rückgriffe auf frühere Werke halten sich in Grenzen, lediglich die Finalarie Biancas ist eine teilweise Umarbeitung des Schlussrondos der Elena aus der kurz zuvor noch für Neapel entstandenen Walter Scott-Vertonung „The Lady of the lake“. Secco-Rezitative, die sich manchmal mit Streicher-Unterstützung zur Accompagnato-Form weiten, lassen an manchen Stellen ebenso aufhorchen wie ein dissonanter Streicher-Akkord in der Introduktion, der mitten im harmonischen Getriebe auf die Feindschaft der beiden Familien Contareno und Capellio hinweist. Eine Lösung bietet sich durch Capellios Begehren für die Tochter des Gegners und seine Bereitschaft dafür auf die umstrittene Erbschaft zu verzichten. Als Ensemble-Nummer erweckt das erste Finale mit dem von der Pauke voran getriebenen sturmbewegten Orchesterpart, den Naturelementen als Spiegel des seelischen Aufruhrs, besondere Aufmerksamkeit. Im zweiten Akt zieht sich die Geschichte im weiter anhaltenden Zwiespalt etwas in die Länge, ehe es zum überraschenden lieto fine mit der Versöhnung des Vaters und der Vereinigung der Liebenden kommt.

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Bianca e Falliero: Belastete Vater-Tochter-Beziehung: Cinzia Forte (Bianca) und Kenneth Tarver (Contareno). Copyright: Patrick Pfeiffer

Gesanglich gehört die Komposition zu den traditionelleren mit groß angelegten Nummern und höchsten virtuosen Ansprüchen. Die umjubelte Entdeckung der Besetzung heißt Victoria Yarovaya – ein ungemein tonumfangreicher Mezzo, der mit natürlich klangvoller und pastoser Tiefe über eine gut sitzende Mittellage sowie einem idiomatisch in die Gesangslinie eingebundenen Spitzenbereich alle nur erdenklichen Ausdrucksparameter an expressiver Rollengestaltung ausschöpft und durch ihren entflammt lebhaften Einsatz über die für eine Hosenrolle etwas unglückliche Figur hinweg sehen lässt. Cinzia Forte bringt als schon erfahrenere und über ein auch veristische Partien enthaltenes Repertoire verfügende Sängerin einen dennoch noch sehr beweglichen Sopran mit klaren Lyrismen und sicheren, wenn auch den Repertoire-Umständen geschuldeten etwas verhärteten Höhen und mit typisch italienischem Timbre mit und gewinnt der unverständlich lange der Vaterliebe gehorchenden Bianca viele Sympathien ab. Allerdings fällt es auch nicht leicht, einem so charismatischen, in der Ausstrahlung eher gütigen, aber expressiv deutlichen Vater wie Kenneth Tarver mit seinem kultiviert klangattraktiven und bis in die Extremhöhe weichen Tenor zu widerstehen. Der dunkelhäutige Amerikaner hat sich seit seinen Anfängen vor 20 Jahren an der Stuttgarter Oper dank eines klugen Repertoire-Aufbaus und einer gesunden Gesangstechnik alle schon damals bewunderten Fähigkeiten bewahrt und durch eine stabilisierte Mittellage charakterlich verstärkt. Akustisch und optisch Ästhetik pur!

Gefestigt hat der letztes Jahr erstmals hier in Erscheinung getretene Baurzhan Anderzhanov seinen sauber ansprechenden Bassbariton mit Respekt gebietender Sonorität und gab damit dem Wunsch-Schwiegersohn Capellio soviel Profil, dass er, obwohl als Hauptrollen-Träger weit weniger gefordert – das Ensemble gleichwertig ergänzen konnte. Artavasd Sargsyan, 2013 Gewinner des Belcanto-Preises, bestätigte seine tenorale Klasse auch in der kleineren Rolle des Kanzlers Pisani. Auf Marina Viotti als Amme Costanza und Laurent Kubla als Doge wird dann anlässlich ihrer Hauptrollen in der nachfolgend besprochenen Aufführung näher eingegangen. Antonino Fogliani  versteht es oft mit klaren Gesten Entscheidendes aus den Musikern der Virtuosi Brunensis heraus zu kitzeln, sorgt für eine gute Übersicht sowie einen transparenten Aufbau der Ensembles und ist eine einfühlsame Stütze der Sänger und nicht zuletzt Garant für eine Wiedergabe mit idiomatisch gesteigerten Crescendi, die auch durch einige Unkonzentriertheiten der Musiker nicht geschmälert werden konnte.

Die Regie von Primo Antonio Petris konzentrierte sich auf wesentliche Arrangements in seinem eigenen Bühnenraum, der lediglich aus vier leeren goldenen Bilderrahmen bestand, aus denen die Personen teilweise auf Rampen heraustreten, die dann im zweiten Akt wie zwei Teile einer Brücke gegenüberstehen und zuletzt zusammen geschoben die glückliche Zusammenfindung symbolisieren. Der Verweis auf Venedig als Schauplatz der Geschichte erfolgt durch verschiedene Stadt- und Bauwerk-Projektionen der berühmten Serenissima oder rotem Mohn, der die poetischen Gedanken Biancas aufgreift. In klassisch eleganten, aber nicht historisch zuzuordnenden Kostümen beschränken sich die Sänger auf ein direktes Spiel ohne größere Gesten, wobei die choreographisch eingesetzten Arme und Hände des Chores mit Masken (der Bachchor Poznan wieder mit feiner Klangkultur und Geschlossenheit, Einstudierung: Anja Michalak ) gelegentlich auch uebertriebene und unfreiwillig komische Züge annehmen.

Mit einer erstklassigen Sängergarde wie hier ist das Stück eine willkommene Erweiterung des Standard-Rossini-Repertoire, etablieren dürfte sich diese Rarität jedoch weiterhin nicht.

 „L’ITALIANA IN ALGERI“ 19.7.2015 (nachmittags) –

L'ITALIANA IN ALGERI Kubla, Vlad, Meic  Bad Wildbad Juli 2015
Vergnügliches Pappataci-Trio: Gheorge Vlad (Lindoro), Laurent Kubla (Bey) und Matija Meic (Taddeo): Copyright: Roxanna Vlad

 Rossinis erster großer Buffa-Erfolg aus dem Jahr 1813 (Teatro San Benedetto Venedig) gab den Teilnehmern der diesjährigen Academia di Belcanto in einem wieder von Raul Gimenez geleiteten Workshop Gelegenheit vokale Virtuosität und Sinn für Komödiantik zu beweisen. Die ebenfalls von Primo Antonio Petris besorgte halbszenische Einstudierung, die mit einigen Stühlen und Notenständern auskam, um wesentliche Situationen auszuspielen, hätte noch an Profil und Witz gewonnen, wenn die Sänger statt in einheitlicher schwarzer Konzertkleidung in zumindest angedeuteten rollenimmanenten orientalischen bzw. westlichen und zudem farbigen Kostümen hätten auftreten dürfen. Dank vielsagender Gestik mit hinreichend körperlicher Unterstützung musste die bei einer Buffa so wichtige Situationskomik nicht aussen vor bleiben und durfte im Verbund mit der viel Temperament und Lebenslust versprühenden musikalischen Erfüllung zünden. Das Tohuwabohu des 1.Akt-Finales schlug sich in ideenreichen choreographischen Anspielungen nieder. Nur der Herrenchor blieb als ergänzender Kommentator, auch in seinen Soli etwas unbeteiligt, weil er mit Blick in die Noten verbannt war.

Dirigent José Miguel Pérez Sierra irritierte in der Ouvertüre noch mit einigen unmittelbaren dynamischen Rückungen, hielt aber im weiteren Verlauf Rossinis Vergnügungsrad am unentwegten Schnurren und die Sänger speziell auch in den Ensembles punktgenau zusammen.

An der Spitze des Solisten-Septetts stand rollengemäß die Titelheldin Isabella. Marina Viotti sicherte ihr mit unprätentiöser, völlig natürlicher Haltung, großer schlanker und aparter Erscheinung sowie einem warmen, in allen Lagen präsenten Mezzosopran mit leicht ansprechender Tiefe und eruptiver Höhe die Wirkung, die von dieser in der Türkei als Sklavin strandenden und dort die Anträge des Bey trickreich für ihre eigene Liebe zum Sklaven Lindoro nutzenden Italienerin ausgehen sollte. Die Koloraturen der großen Arie sprudeln beim Vaterlandshymnus mit spontaner Freude und übermütiger Attacke.

Der zweite Volltreffer unter den jungen Künstlern ist der Kroate Matija Meic. Obwohl für den begleitenden Onkel Taddeo zu jung, geht der knackig voll und rund ansprechende Bariton mit Qualitäts-Timbre und Bombenhöhe sowie saftigem Spiel so in der Rolle des zuerst verängstigten, dann köstlich offen auf die Verleihung des Statthalter-Titels eingehenden Erzbuffonisten auf, wie es sich wohl auch Rossini vorgestellt haben mochte.

Laurent Kubla gewinnt das Publikum mehr durch seine männlich große und fesche Gestalt und seinen zuverlässig fülligen und flexiblen hohen Bass als durch die etwas trocken geratene Gestaltung des ausgetricksten Beys Mustafa. Gheorge Vlad ist der seltsame Fall eines Tenors, der technisch tadellos funktioniert, sehr präzise intoniert und dennoch durch eine merkwürdig nasale Timbre-Verfärbung ab der oberen Mittellage sich die Strahlkraft versagt, die seiner spürbar voller Freude und Spielwitz steckenden Interpretation des Sklaven und Liebhabers Lindoro entsprechen würde. Da sollte unbedingt bei der Tonbildung und den Resonanzräumen nachgearbeitet werden.

Daniele Caputo legte als dienender Korsar Ali eine quirlig behände Bewegungs-Energie an den Tag und ließ zudem mit einem gut sitzenden, dynamisch agilen Bariton aufhorchen. Sara Blanch mimte Elvira, die bisherige Hauptfrau des Bey mit gut dosierter Verzweiflung, unterstützt von einem durchschlagskräftigen, in den Spitzen der Ensembles noch des Höhenschliffs bedürfenden Sopran. Silvia Aurea de Stefano stand ihr als Zulma mit solidem Mezzo und nicht weniger pointierter Optik bei.

Die lockere Stimmung kulminierte in lautstarken Ovationen und Fußgetrampel.

Um den auch weiterhin dauerhaften Verbleib im fixen Repertoire der Opernhäuser muss bei diesem bravourösen Vergnügen nicht gebangt werden.

 Udo Klebes

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