Der Neue Merker

BAD WILDBAD/ Rossini-Festspiele: LE CINESI von Manuel Garcia

Opernrarität in Bad Wildbad: „Le Cinesi“ von Manuel Garcia (Vorstellung: 18. 7. 2015)

 Das Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ bietet neben seinen Rossini-Aufführungen auch heuer wieder Opernraritäten von Zeitgenossen des großen italienischen Komponisten. So wurde eine Produktion der „Amici de l’Opera de Sarrià“ in Zusammenarbeit mit Concertante Barcelona als Gastspiel im Kurtheater von Bad Wildbad als Deutsche Erstaufführung (mit Übertiteln) gezeigt: „Le Cinesi“ von Manuel Garcia (1775 – 1832).

WILD-2015-le-cinesi3
Die Ballett-Szene (Foto: Roxana Vlad)

Der spanische Komponist Manuel Garcia (mit vollem Namen Manuel del Pópolo Vicente Rodriguez) wurde als Tenor in Spanien berühmt und begann sehr früh, Operetten zu schreiben. In Zusammenhang mit Rossini ist erwähnenswert, dass er im Jahr 1815 in der Uraufführung von Rossinis Elisabetta, regina d’Inghilterra mitwirkte und später auch noch in zahlreichen Erstaufführungen seiner Opern in Paris, wo er als Erster Tenor am Théâtre Italien tätig war. 1825 unternahm er mit seinen Kindern eine Reise nach New York und führte dort mit der ersten italienischen Truppe, die Amerika besuchte, erstmals Rossinis Barbiere di Siviglia auf und dazu noch Mozarts Don Giovanni. Nach seiner Rückkehr nach Paris wurde er einer der bedeutendsten Gesangslehrer seiner Zeit. Zu seinen Schülern zählten auch seine Kinder, wobei die berühmteste wohl seine Tochter Maria Malibran war. Da Garcia einen sehr baritonalen Tenor besaß, trat er auch als Don Giovanni auf.

 Im Vorjahr wurde in Neuburg an der Donau Garcias Oper Der Kalif von Bagdad wiederentdeckt, deren Uraufführung 1813 in Neapel ebenfalls einen Bezug zu Rossini hatte, verkörperte doch die berühmte Sängerin Isabella Colbran, die spätere Frau von Rossini, die weibliche Hauptrolle.  In diesem Jahr, am 11. April 2015, kam es zur szenischen Aufführung von Garcias Le Cinesi am Theatre de Sarrià in Barcelona, die nun als Gastspiel beim Belcanto-Festival Rossini in Wildbad gezeigt wurde.

 Die Handlung der Oper, deren Libretto von Pietro Metastasio stammt, in Kurzfassung: Die vornehme junge Chinesin Lisinga und deren beide Freundinnen Tangia und Sivene wissen nicht, wie sie ihre Langeweile vertreiben sollen. Als sie verbotenerweise Besuch von Silango, dem Geliebten Sivenes, bekommen, will man sich die Zeit mit Theaterspiel vertreiben und veranstaltet einen Wettbewerb um die beste Szene. Lisinga spielt Andromache, Sivene und Silango führen eine Schäferszene auf und die auf Sivene eifersüchtige Tangia entscheidet sich für eine Komödie. Als man sich am Schluss nicht auf eine Gattung einigt, geraten sie in Streit, worauf Silango ein gemeinsames Ballett vorschlägt. Schließlich feiert man singend und tanzend.

WILD-2015-le-cinesi1
Die drei Sängerinnen – Sara Bañeras als Lisinga, Ana Victoria Pitts als Tangia und Silvia Aurea De Stefano als Sivene – spielten ihre Rollen mit viel komischem Talent (Foto: Roxana Vlad)

Für die Regie (inklusive Bühnenbild und Kostüme) im kleinen, aber feinen Kurtheater von Bad Wildbad zeichnete Jochen Schönleber verantwortlich, der seit 1992 künstlerischer Leiter des Festivals ist. Mit einem kleinen Tisch, drei Stühlen und einem Podest fand er eine halbwegs brauchbare Bühnenlösung, die Kostüme hatten allerdings nur wenig Bezug zu China. Am Klavier spielte der italienische Pianist Michele D’Elia mit hingebungsvoller Art und Weise Garcias Partitur (musikalische Einstudierung: Marta Pujol).

 Das internationale Sängerensemble überzeugte nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch mit herrlicher Komik. Allen voran die aus Barcelona stammende Sopranistin Sara Bañeras in der Rolle der Lisinga. Mit starker Stimme und köstlicher Mimik stattete sie die vornehme Chinesin aus, die ein wenig herablassend mit ihren Freundinnen umspringt. Das heroische Thema über Andromache, die vom König Pyrrhus bedrängt wird, der damit droht, ihren Sohn Astyanax zu töten, falls sie sich ihm nicht hingibt, trug sie mit dramatischem Ausdruck und großer Leidenschaft vor.

 Ihren Bruder Silango, der eben von einer Europareise heimkehrte, stellte der venezolanische Tenor César Arrieta dar. Als Geliebter von Sivene führen die beiden das Schäferspiel von Thyrsis und Lycoris auf, wobei er den schmachtenden Schäfer spielt, während die italienische Mezzosopranistin Silvia Aurea De Stefano als Sivene in bester Commedia dell’arte-Manier die schöne Schäferin gibt, die sich über die Tränen ihres unglücklichen Verehrers bloß lustig macht. Mit köstlicher Komik wartete die brasilianische Mezzosopranistin Ana Victoria Pitts als Tangia auf, die sich für die Komödie entschieden hat und dabei einen narzisstischen Jüngling spielt, der über die heimische Lebensart lästert.

 Das begeisterte Publikum im ehemals Königlichen Kurtheater, das immer wieder das Sängerensemble, aber auch den Pianisten mit Szenenapplaus bedachte, zollte am Schluss allen Mitwirkenden minutenlangen Beifall mit vielen Bravorufen.

 Udo Pacolt  

 PS: Das Libretto von Metastasio vertonte Christoph Willibald Gluck bereits 1754 für das Schlosstheater in Schlosshof, wo die Oper im Vorjahr zum 260. Jahrestag ihrer Uraufführung gezeigt wurde.

Diese Seite drucken