Der Neue Merker

BAD WILDBAD/ Belcanto-Festival: IL CONTE DI MARISCO von Giuseppe Balducci

Weitere Opernrarität in Bad Wildbad:
„Il conte di Marisco“ von Giuseppe Balducci (Vorstellung: 16. 7. 2016)

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Das Duell zwischen Gualtiero (Karina Repova) und Ruggiero (Mar Campo), das auf skurril-humorvolle Art stattfinden sollte, wurde in letzter Minute noch verhindert (Foto: Toni Bofill)

Bereits zum dritten Mal wartete das Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ mit einer Oper des italienischen Komponisten Giuseppe Balducci (1796 – 1845) auf, der damit wohl endgültig der Vergessenheit entrissen wurde. Im Jahr 2007 wurde seine Oper Boabdil – Re di Granata erstmalig öffentlich aufgeführt, 2011 seine Oper Il noce di Benevento gespielt, heuer kam sein im Jahr 1839 komponiertes Werk „Il conte di Marisco“im Königlichen Kurtheater des schmucken Städtchens im Enztal des Schwarzwaldes in italienischer Sprache mit deutschen und italienischen Übertiteln als Gastspiel des Teatre de Sarrià Barcelona in Zusammenarbeit mit der Opera di Firenze – Maggio Musicale Fiorentino zur Aufführung.

Balducci wurde bereits als Kind musikalisch ausgebildet und gründete mit 17 Jahren ein Laienorchester, mit dem er einige in damaliger Zeit populäre Opern von Simone Mayr, dem Lehrer von Donizetti, und Ferdinando Paër, dem Lehrer von Franz Liszt, aufführte. Um einem Duell in seiner Geburtsstadt Jesi zu entgehen, floh er nach Neapel, wo er unter anderem bei Zingarelli studierte. Als Musiklehrer gründete er dort ein weiteres Orchester, das ausschließlich aus seinen Schülern bestand. Die enge Freundschaft zur Familie Capece Minutolo wurde für sein weiteres Leben prägend: Die drei Töchter der Familie wurden seine Schülerinnen, für die er seine Salonopern schrieb, die in privatem Kreis aufgeführt wurden und für die er eine Bibliothek mit Notenmaterial anlegte, das sich heute im Konservatorium San Pietro a Majella in Neapel befindet.

Die Handlung der Oper für Klavier „Il conte di Marsico“, deren Libretto von Anacleto Balducci und Vincenzo Salvagnoli stammt, spielt nach der Niederlage der Staufer gegen Karl von Anjou im Königreich Neapel. Im Schloss von Marsico bereitet sich Chiara, die Tochter der Gräfin Agnese, auf ihre Hochzeit mit Gualtiero vor, der verwundet aus der Schlacht von Benevent zurückkommt. Gräfin Agnese erhält die Nachricht, dass Carlo d’Angiò alle Ländereien, die Manfredis Gefolgsleuten gehören, konfisziert hat, um sie an Ruggiero Sanseverino zurückzugeben, doch sie beschließt, Widerstand zu leisten. Als Ruggiero als Page verkleidet erscheint, um die Übertragung der Besitztümer zu regeln, kommt es zur ersten Verstimmung. Diese spitzt sich immer mehr zu, sodass sich Gualtiero und Ruggiero im Wald duellieren wollen. Chiara und Lucia, die eigentlich Teodora d‘ Aquino ist und sich in Ruggiero verliebt hat, verhindern gemeinsam mit der Gräfin das Duell. Es kommt zur Versöhnung der beiden Familien – und die Gräfin Agnese gibt allen ihren Segen. Die Oper endet in allgemeinem Jubel.

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Chiara (Serena Sáenz Molinero) mit ihrem Verlobten Gualtiero (Karina Repova) Foto: Toni Bofill

Die Aufführung der Oper in Bad Wildbad wurde von der Festspielleitung dem Andenken des knapp vor Ostern verstorbenen Sir Peter Moores gewidmet, der das Festival über zehn Jahre lang großzügig unterstützte und über den im Programmheft ein ausführlicher Beitrag abgedruckt ist. Im Jahr 2009 wurde Sir Peter Moores vom Land Baden-Württemberg die Staufermedaille überreicht.   

Die Uraufführung von Il conte di Marsico fand 1839 auf der privaten Theaterbühne der Marquise Matilde della Sonora Capece Minutolo in Neapel statt, wobei Balducci die sechs Rollen mit den drei Töchtern  und drei Freundinnen der Familie – alle seine Schülerinnen – besetzte. Da die Oper großen Beifall fand, soll es viele Wiederholungsvorstellungen gegeben haben.

Auch in Barcelona und nun in Bad Wildbad waren alle sechs Rollen mit Sängerinnen besetzt. Jochen Schönleber, der seit 1992 künstlerischer Leiter des Festivals „Rossini in Wildbad“ und seit 2004 Direktor der Akademie BelCanto ist, inszenierte die Oper sehr humoristisch. Im Prolog lässt er alle Darstellerinnen Haushaltsarbeiten auf der Bühne erledigen, ehe sie in ihre Rolle schlüpften. Auch das Bühnenbild bleibt eher karg und ist mit Haushaltsgeräten angeräumt, die dann im Laufe der Handlung zu Requisiten werden (z. B. Putzeimer als Helme, Wäscheständer als Schutzschilder für das geplante Duell etc.). Für die einfach gehaltenen Kostüme – alle Frauen in Hosen! – zeichnete Claudia Möbius verantwortlich.

In der Rolle der Chiara, der Tochter der Gräfin von Marsico, begeisterte die junge Sopranistin Serena Sáenz Molinero mit leuchtender Stimme und leidenschaftlichem Spiel, wobei ihre Mimik besonders ausdrucksstark war. Ihre Augen verrieten alle ihre Stimmungen! Ihr Verlobter Gualtiero, Graf von Nocero, wurde von der Mezzosopranistin Karina Repova mit angenehm weich tönender Stimme und burschikosem Spiel dargestellt. Als Gualtieros Gegenspieler Ruggiero bot die Altistin Mar Campo eine überzeugende Leistung. Mit tiefer Stimme und bewusst männlichem Auftreten war sie in ihrer Hosenrolle ein guter Gegensatz.

Die verwitwete Gräfin Agnese Sanseverino wurde von der japanischen Altistin Mae Hayashi gespielt, wobei sie sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch das Herrschaftliche gut herausstrich. Etwas merkwürdig allerdings ihr Schlusstanz während der Jubelszene, der wie ein Bruch innerhalb der Inszenierung anmutete. Als Lucia überzeugte die Schweizer Mezzosopranistin Marina Viotti. Als angebliche Tochter von Maria, der früheren Amme von Chiara, gelang ihr das „Schwesternduett“ mit Chiara in wunderbarem Gleichklang ihrer Stimmen. Einer der Höhepunkte der insgesamt stimmlich wie darstellerisch exzellenten Vorstellung. Die etwas kleinere Rolle der Maria wurde von der Sopranistin Paula Sánchez-Valverde gegeben.

Die weiblichen Mitglieder des Camerata Bach Chor Poznań (Leitung: Ania Michalak) waren bei dieser Aufführung als Personal im Haushalt und auf der Bühne tätig, wobei sie – hübsch gewandet – sehr quirlig ihre Arbeiten erledigten.

Die musikalische Leitung hatte der Pianist Achille Lampo von seinem Klavier aus. Gemeinsam mit den beiden anderen Pianisten Davide Bertorello und Federico Piccolo schafften sie es zu dritt, die musikalischen Feinheiten der Partitur des Komponisten klangvoll herauszuarbeiten.  

Das Publikum im restlos ausverkauften Königlichen Kurtheater bejubelte am Schluss das Sängerinnen-Ensemble und die Pianisten mit nicht enden wollendem Applaus und „Brava“-Rufen für jede einzelne Darstellerin. Zur hohen Qualität des Festivals „Rossini in Wildbad“ muss man der Intendanz gratulieren! Es ist zu hoffen, dass es auch im nächste Jahr als ideale Ergänzung Aufführungen von Zeitgenossen Rossinis geben wird.   

Udo Pacolt     

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