Der Neue Merker

BAD LAUCHSTÄDT: DIE HEIMLICHE HEYRATH von Domenico Cimarosa – Premiere

BAD LAUCHSTÄDT: DIE HEIMLICHE HEYRATH von Domenico Cimarosa – Premiere
29.7. 2017 (Werner Häußner)

Über 200 Jahre hat es gedauert, bis sie zurück auf die Bühne fand: „Die heimliche Heyrath“ – hinter dem Titel verbirgt sich eine deutsche Version von Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“ – wurde im Rahmen des Theatersommers 2017 im verträumten Bad Lauchstädt bei Halle/Saale wieder ausgegraben. Am 4. Juli 1798 hatte Johann Wolfgang von Goethe die sechs Jahre vorher in Wien uraufgeführte Erfolgsoper im Theater des Mode-Kurbads aufführen lassen; der Übersetzer ins Deutsche war sein späterer Schwager Christian August Vulpius, damals Dramaturg Goethes am Weimarer Hoftheater. Das Bad Lauchstädter Schauspielhaus von 1802 –zu Ehren seines Gründungsintendanten schon seit 1908 Goethe-Theater genannt – ist zwar nicht die originale Stätte der Erstaufführung, passt aber in seinen Dimensionen perfekt zu Opern dieser Art, die in Italien und Deutschland vor dem Entstehen der repräsentativen bürgerlichen Opernhäuser überall in Theaterbauten ähnlicher Größe gespielt wurden.

Cimarosas einzige noch einigermaßen bekannte seiner rund 90 Opern arbeitet sich am damals weit verbreiteten Thema der standesungleichen Ehe ab: Die jüngere Tochter eines reichen Kaufmanns hat heimlich den gewitzten und attraktiven Gehilfen ihres Vaters geheiratet. Der junge Mann qualifiziert sich besonders, als er eine Ehe zwischen der älteren Tochter und einem Grafen einfädelt, denn der reiche Geronimo, bei Vulpius „Gerbrand“ genannt, strebt nach den Höhen des Adels. Wie es der dumme Zufall will, trifft Graf Robinson (alias Baron Wallenstedt) bei seiner Ankunft auf die jüngere, heimlich verheiratete Caroline, hält sie für seine künftige Braut und verliebt sich auf der Stelle.

Was wie eine belanglose Burleske klingt und in der Rezeptionsgeschichte auch meist so behandelt wurde, erweist sich bei genauem Hinsehen als eine Beinahe-Tragödie einer jungen Frau, die nur durch die verständnisvolle Haltung des Grafen am Ende eine gute Wendung nimmt. Caroline, die ihre Ehe unter keinen Umständen verraten kann und will, wird immer auswegloser in die Enge getrieben und soll am Ende weggesperrt werden, weil sie „die Leidenschaft der Männerwelt erregt und darum ins Kloster muss“, wie es die kapitalbesitzende und selbst in den jungen Gehilfen Falkenstein (im Original Paolino) vernarrte Tante Frau Talma (verdeutscht aus Fidalma) fordert. Das dramatisch ausgearbeitete Accompagnato, das Cimarosa der verzweifelten jungen Frau schreibt, spricht nicht die flockige musikalische Sprache der Buffa, sondern erinnert an die bewegende, heroische Musik, die Mozart seiner Fiordiligi in „Cosí fan tutte“ in den Momenten höchster innerer Bedrängnis widmet.

Wohl nicht umsonst nennt Cimarosa sein Werk „dramma giocoso“. Auch wenn solche Bezeichnungen weder exakt definiert noch inhaltlich strapazierfähig sind, darf die Bezeichnung in diesem Fall als Hinweis gelten, dass die Figuren dieses Stücks keineswegs in der unbeschwerten Sphäre heiterer Zerstreuung aufgehen. Man muss die „heimliche Heyrath“ nicht einmal aus der Sicht heutiger Geschlechtertheorien oder im Kontext des zeittypisch ausgeprägten Patriarchalismus lesen, um zu spüren, wie die Menschen an der Grenze zum inneren Zerbrechen entlangtaumeln. Das betrifft nicht nur den äußeren und inneren Druck, der auf Caroline lastet, sondern ließe sich auch im Falle der zwar ehrsüchtigen, aber auch demütigend zurückgesetzten Elisabeth (Elisetta) oder der emotional ausgetrockneten Frau Talma erschließen.

Regisseur Philipp Harnoncourt interessiert sich für all das offenbar herzlich wenig. Er belässt das Stück auf der kargen, gemeinsam mit Moritz Weißkopf eingerichteten Bühne im Rahmen einer heiter-harmlosen Sommerunterhaltung. Anfangs vergnügen sich die jungen Leute unter einem riesigen Teppich, aus dessen Schutz sie sich dann halbnackt ans Tageslicht schälen: Ihre Beziehung muss ja unter allen Umständen „unter der Decke“ bleiben. Ein pikanter Fingerzeig, dem im weiteren Verlauf des Stücks aber nur noch begrenzt lustige szenische Einfälle folgen. Ein weißes Tuch mit einem aufgedruckten Trabi oder der Hinweis auf Caroline „50 % reduziert“ taugen höchstens für Sekundenlacher. Und spätestens wenn Frau Talma an einer in Penishöhe hängenden Krawatte nestelt, um zu verdeutlichen, was ihr fehlt, ist klar, auf welchem Niveau sich die Regie die nächsten zweieinhalb Stunden durch das Stück schleppt. Da ist die bemühte Aktualisierung der gesprochenen Zwischentexte anstelle von Rezitativen nur noch die Faust aufs Auge: Der unpassende Begriff „Schlampe“ stammt sicher nicht von Vulpius.

Leider ist aus Bad Lauchstädt in diesem Fall auch musikalisch kein Trost zu melden: Unter Joachim Neugart, Kantor am Quiriniusmünster in Neuss, hangelt sich das Kölner Orchester Concert Royal rasch und beweglich auf seinen historischen Instrumenten durch Cimarosas detailreich ausgearbeitete Partitur. So rechte Freude macht die kleine Besetzung jedoch nicht: Zu unausgewogen die Balance zwischen Streichern und Bläsern, zu papieren dünn der Klang der Violinen, zu anfechtbar die Intonation, zu spröde die Tongebung der Holzbläser, namentlich der Klarinette. In bester, historisch wohl etwas überinformierter Art spielen Phrasierungsbögen, Legato-Schmelz oder belcanteske Tonentwicklung kaum eine Rolle; auch die Crescendi, denen Rossini einiges abgeschaut haben dürfte, bauen sich statt spannungsvoll eher kraftlos auf.

Das Spektrum im Sängerensemble reicht zwischen bemühtem Konservatoriums-Niveau, unbeleckt von italienischer Schule, bis hin zu ansprechenden jungen Stimmen. Tobias Glagau, in der kommenden Saison festes Ensemblemitglied am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, zeigt nach ein paar Minuten  des Freisingens einen angenehm geformten lyrischen Tenor. Katarzyna Wilk als Caroline gibt mit kleiner, feiner Stimme dem Spektrum der Gefühle zwischen Hoffnung, Verlegenheit, Empörung und Verzweiflung Profil: kein dramatisch erfüllter, aber ein sauber artikulierender, nicht zu kopfig begrenzter Sopran. Das Werk, so der Eindruck unabhängig von der Qualität der Aufführung, verlohnt die eingehende Beschäftigung. Früher regelmäßig gespielt, ist „Die heimliche Ehe“ seit vielleicht dreißig Jahren aus dem Repertoire verschwunden und wurde erst in den letzten Jahren hin und wieder neu beachtet. Der an sich verdienstvolle Blick auf eine Opern-Bearbeitung der Goethezeit in Bad Lauchstädt lässt einen auch mit der Frage zurück, ob sich die Suche nach anderen Opern Domenico Cimarosas auszahlen würde. Kann sein, dass es da einiges zu entdecken gibt!

Werner Häußner

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