Der Neue Merker

BAD ISCHL/Theaterhaus: DIE JUXHEIRAT. Operette in drei Akten; Libretto von Julius Bauer, Musik von Franz Lehár

Lehár Festival Bad Ischl 2016/Kongreß- und Theaterhaus:
DIE JUXHEIRAT
Operette in drei Akten; Libretto von Julius Bauer, Musik von Franz Lehár

Urlaub im Salzkammergut Bad Ischl – Lehár Festival – Juxheirat
„Die Juxheirat“. Copyright: Villa Seilern/ Lehár-Festival

Heutzutage dient das Bundesheer vielen Sportlerinnen und Sportlern als „Heimat“ und Hintergrund für ihre Karrieren. In den späten Jahren der österreichisch-ungarischen Monarchie scheint das Militär eine ähnliche Rolle für Musiker gespielt zu haben: Karl Komzák jr., Carl Michael Ziehrer und Franz Lehár sind als prominente Komponisten des Unterhaltungsgenres zu nennen, die auch eine solide Karriere als Militärkapellmeister durchliefen. Der Dvořák-Schüler Lehár, damals der jüngste Orchesterleiter der k. u. k. Armee, hatte schon 1896 versucht, sich mit einer Oper („Kukuschka“, Uraufführung in Leipzig) als Freischaffender zu etablieren, was sich aber als finanziell nicht tragfähig erwies; so mußte der Komponist wieder des Kaisers Rock anziehen. Aber auch in dieser Position, als Musikchef des 26. Infanterieregiments, schaffte er sich beträchtliche Popularität: die Promenadenkonzerte der „26er“ waren in Wien bald ein fixe Größe. In diese Zeit fällt auch Lehárs erster internationaler Erfolg, der Walzer „Gold und Silber“, der ihm nun doch die ersehnte freie Kompositionsarbeit ermöglichte. Auch sein Engagement als erster Kapellmeister am Theater an der Wien fällt in die Zeit, das sich jedoch bald wieder zerschlug, als er mit einer seiner ersten Operetten, „Rastelbinder“, am konkurrierenden Carl-Theater Erfolge feierte. Er blieb jedoch Hauskomponist an der Wien.

In dieser Eigenschaft wurde ihm das Libretto „Die Juxheirat“ des vielfältig tätigen Bühnenautors und Kritikers Julius Bauer vorgelegt – ein Werk, das sich nicht mit, wie auch immer romantisch oder satirisch verbrämten, Adelsgschichterln beschäftigt, sondern 1904 absolut auf der Höhe der Zeit steht: es kommen ein Automobil-Chauffeur (in der Uraufführung von Alexander Girardi gegeben), eine Frauenrechtlerin und ein US-amerikanischer Milliardär vor – übrigens zu einem Zeitpunkt, als es diesen ultimativen Begriff des Reichtums noch gar nicht gab, erst 12 Jahre später wurde John D. Rockefeller erstmals als solcher benannt (und bis Scrooge aka Dagobert Duck dauerte es noch viel länger…). Trotz anfänglichen Erfolges und Kritikerlobes bei der Uraufführung am 22. Dezember 1904 war dem Stück aber kein nachhaltiger Erfolg beschieden: In Wien war es nach 39 Aufführungen abgespielt, auch in München und Berlin lief es nicht sehr lange. Immerhin wurden 1905 Grammophonplatten mit einigen Stücken aus der Operette in Uraufführungsbesetzung aufgenommen. Aus für eine Aufführung eingerichteten Noten läßt sich auch schließen, daß die RAVAG 1936 einen Querschnitt des Werkes gesendet hat. Der scheidende Intendant des Lehár-Festivals, Prof. Dr. Michael Lakner, hat hier ein Stiefkind der Operettengeschichte auf die Bühne geholt, das 110 Jahre im Dornröschenschlaf verbracht hat.

Handlung:
Selma, die verwitwete Tochter des Automobilindustriellen (schon 20.000 Fahrzeuge haben seine Fabriken verlassen!) und Milliardärs Thomas Brockwiller hat mit ihren Freundinnen Edith, Euphrasia und Phoebe einen Verein namens „Los vom Mann“ (L.V.M.) gegründet, denn sie hat von Männern die Nase voll: ihr Gatte betrog sie einst schon in der Hochzeitsnacht, und über seinen Tod im Automobil (KEINES „Brockwiller“!) ist sie nicht sonderlich betrübt; aber auf eine neue Verbindung ist sie aufgrund gemachter Erfahrungen absolut nicht neugierig. Brockwillers Neffe schlägt aus der Art, da er nicht Geschäfte machen, sondern Opern komponieren will. In L.V.M. schleicht sich – mit Racheplänen – eine frühere Freundin Selmas, Juliane von Reckenburg, unter falschem Namen ein, der Selma einst den Mann weggeschnappt hatte; zudem liebt Juliane es, sich als Mann zu verkleiden. Sie will ihre Intrige über einen Bräutigam für Selma, Graf Harold von Reckenburg (also ihren Bruder), spielen; dieser, Rennfahrer, der kürzlich sogar mit 150 km/h unterwegs war, wäre Mr. Brockwiller naturgemäß ein besonders willkommener Schwiegersohn. Dazwischen irrlichtert und gschaftlt derer von Reckenburgs Chauffeur Philly Kaps (also die einstige Girardi-Rolle), der sich an Euphrasia und Phoebe heranmacht.
Eine weitere Komplikation ergibt sich dadurch, daß es zwischen Selmas Bruder Arthur, der den Geschäftsgeist des Vaters geerbt hat, und Juliane „funkt“. Andererseits aber gibt sich Juliane gegenüber Selma als Harold aus, was Selma aber übernasert. Um die Betrügerin loszuwerden, willigt Selma zur Freude ihres Vaters, der die Maskeraden nicht begreift, in die Eheschließung mit dem falschen Harold ein, mit der Absicht, Juliane im Anschluß an die Hochzeit auffliegen zu lassen. Nach der Heirat stellt sich aber heraus, daß der echte Harold mit Selma zum Altar geschritten und die Ehe daher gültig ist.
Selma flieht, während Arthur und Juliane als verliebtes Paar im Glück sind und Philly bei Phoebe einparken konnte. Und auch der Komponist Bob Brockwiller hat eine Liebe gefunden: Edith, die für ihn sogar – unter Vorspiegelung erotischen Interesses für den älteren Herren – vom Onkel Geld lockermachen kann. Bei so viel Glück und Liebe rundherum kann Selma ihre Ablehnung für Harold nicht durchhalten. Also ist das allgemeine Happy End, nach einem kabarettistischen Couplet von Philly, unausweichlich.

Die Musik Lehárs kann am Verschwinden dieses Werkes in der Versenkung eigentlich nicht schuld sein – es gibt eine Fülle ohrwurmtauglicher Titel, die in „Gold und Silber“ erwiesenen Fähigkeiten als Komponist und Arrangeur hat er noch ausgebaut. Die Texte wurden vom Regisseur (genauer: zuständig für Bühnenkonzeption, Sprechtextfassung, Dialogregie und Choreographie) Leonard Prinsloo zwar stilsicher, ohne merkliche Brüche bearbeitet, aber soweit sich heute erkennen läßt, ist das Stück absolut temporeich und trotz der doppelten Verwechslung und anderer klassischer Komödienwendungen auch durchaus plausibel und logisch. Vielleicht waren manche Themen für 1904 einfach zu modern? Man könnte auch vermuten, dass das Stück, weil „im Niemandsland zwischen goldener und silberner Operettenära angesiedelt“ (Lakner) dem Erfolg der nächsten Operettengeneration (vor allem durch Lehárs „Lustige Witwe“ markiert) zum Opfer gefallen ist. Wie auch immer, es geht nun um ein heutiges Publikum und für das hatte der Intendant in seiner Begrüßung zu diesem speziellen Abend – immerhin die letzte Premiere seiner 12-jährigen Amtszeit in Ischl – einen verständlichen, wenn auch nicht vollkommen ernsthaften Vergleich parat: „Wenn Sie ‚Dynasty‘ mochten, wird Ihnen diese Operette sicher gefallen“.
Einige Streiflichter: „Los vom Mann“ eignet sich gut für einen flotten Marsch, der von Selma, Euphrasia, Phoebe und Edith als Hymne ihres Vereins gesungen wird; Mr. Brockwiller droht damit, „fürchterlich wohltätig zu werden“; wir hören die wohl erste Arie (und womöglich die einzige der Musikgeschichte??) über ein Autorennen; überhaupt, wer kann sich schon Automobilist nennen – jedenfalls nicht, „wer nie ein Automobil besaß und nie sein Brot im Staube aß“, was aber auch schief gehen kann: „um 9 lag ich im Graben drin, unter der Benzinmaschin‘“; Nestroy kann man in Wien nicht übergehen: „einen Jux will SIE sich machen“; für 1904 Unerhörtes in der Beziehung der Geschlechter: „Philly, gib mir einen Kuß“ – „Bedien Dich doch selbst, Phoebe“; Ediths Bekenntnis: „Mein Ritter muss ein Künstler sein“ erinnert musikalisch und szenisch heftig an Offenbachs Olympia; eine feine Wagner-Parodie ist auch enthalten – u. a. fällt Stolzings Preislied in den Walzertakt; Nietzsche, Schopenhauer und Schnitzler kommen ebenfalls vor (wenn auch nicht alle gut weg); Darwin wird getanzt, wobei kein Zweifel an der Abstammung des Menschen übrigbleibt; und zu guter Letzt erkennt eine Proponentin des L.V.M.: „Wozu den Mann bekämpfen, er folgt uns auf den Pfiff“ und „wenn der Mann [die Frau, um den Finger] zu wickeln glaubt, es wickelt doch das Weib“; zum Finale packt Lehár noch einmal alle seine kompositorischen Fähigkeiten aus, als ein wunderbar stimmungsvolles, durchaus nicht schmalziges Liebesquarett/Sextett einsetzt und schließlich in einen Marsch überleitet, den man noch am Heimweg weiter pfeift.

Ja, hochgeistig ist das alles nicht – aber, von der durchaus meisterhaften, dramaturgisch sehr gut ausgewogenen und abwechslungsreichen Komposition einmal abgesehen: von einem guten Ensemble temporeich und mit gut servierten Pointen dargebracht, ist das Werk ein ehrliches Vergnügen. Und über ein gutes Ensemble verfügt Ischl wahrlich: Gerhard Ernst (Thomas Brockwiller), Maya Boog (Selma), Alexander Kaimbacher (Arthur Brockwiller), Sieglinde Feldhofer (Phoebe), Ilia Vierlinger (Edith), Rita Peterl (Euphrasia), Jevgenij Taruntsov (Harold von Reckenburg), Anna-Sophie Kostal (Juliane), Christoph Filler (Philly Kaps), sowie Tomaz Kovacic, Matthias Schuppli und Wolfgang Gerold singen, sprechen, tanzen sich durch das Stück, dass es eine wahre Freude ist – man kann keine einzige Schwachstelle ausmachen, alle sind vorzüglich bei Stimme und bringen die für eine Operette nötige überschäumende Spielfreude und Leichtigkeit in der Darbietung mit. Dazu muß man noch bedenken, daß die größeren Rollen gewaltige Textmengen in Sprache und Gesang aufweisen, und das alles für ganze zwei Aufführungen (samt live-Aufzeichnung für CD und BR-Klassik) einzustudieren war. Kurz: die Aufführungart nennt sich zwar „halbszenisch“, aber gespielt wird mit vollem Einsatz – wo man doch in diesem Fall absolut davon auszugehen hat, dass der Abend ausschließlich von Rollendebutanten gestaltet wurde.

Die musikalische Leitung (und wohl auch ein Gutteil der archäologischen Arbeit, das alte Notenmaterial wieder aufführungsbereit zu machen) lag in den fähigen Händen von Marius Burkert, der das präzise Franz-Lehár–Orchester tanzen und brillieren ließ; von mitreißenden Märschen, die trotzdem auf die Sängerinnen und Sänger Rücksicht nehmen über spannungshaltende Lyrik bis hin zum für den Wiener Walzer unerläßlichen „perhaps“ für den 3. Taktschlag hat er alles drauf. Auch der Chor des Lehár Festivals (Einstudierung: Gerald Krammer) trägt großartig zum Gelingen dieser Aufführung einer Wiederentdeckung von Rang bei, die vom Publikum mit jubelndem Applaus bedacht wurde.
Schade, daß es nur eine weitere Aufführung gibt (bereits am Sonntag, 14. 8., 15:30) – aber immerhin wird der Mitschnitt bei cpo, dem langjährigen Tonträger-Partner der Lehár-Festspiele, erscheinen, spätestens zum Lehár-Festival 2017.

(unter Verwendung von Angaben aus dem Ischler Programmheft 2016)
H & P Huber

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