Der Neue Merker

AVIGNON/ Festival / – das Fest für und von Künstlern und Kunstinteressierten. Drei Tanz-Kreationen

Festival d’Avignon – das Fest für und von Künstlern und Kunstinteressierten.

Die Stadt ist eine einzige Bühne für Kunstschaffende und -liebende, für Lebenskünstler, Bohémiens und Narzissten, für junge und alte Menschen, die das Experiment und das Außergewöhnliche lieben. Dazwischen tummeln sich ein paar irritierte, skeptische Touristen.
Festival d’Avignon – Festival der Lebensfreude, Kreativität und Inspiration.

18. Juli 2016. FATMEH von ALI CHAROUR
Das Werk des libanesischen Choreographen wurde 2014 in Beirut uraufgeführt und  ist eine Hommage an zwei Frauen, die in der arabischen Welt bis heute eine wichtige Rolle spielen: Der Tochter des Propheten Mohammed und der beliebten ägyptischen Sängerin Oum Kalsoum, die sich Fatima nannte. In Fatmeh sind die beiden Tänzerinnen keine Profis,  sondern eine Schauspielerin und eine Videoproduzentin. Ali Charour wollte mit Frauen arbeiten, die nicht vom zeitgenössischen Tanz  beeinflusst sind, sondern die ihm erlauben, andere künstlerische Wege zu beschreiten. Inhaltlich will er einen Dialog mit dem libanesischen Volk über dessen Geschichte sowie seine aktuelle Rolle als Mitglied der Gesellschaft initiieren. In Fatmeh werden schiitische Rituale und ihre gegenwärtigen Veränderungen hinterfragt. Dabei geht es um Freud und Leid gleichermaßen sowie um die Frage, was erlaubt und was verboten ist.
Im offenen Innenhof des Cloitre des Célestins erscheinen bei völliger Dunkelheit dezent angestrahlt die beiden Frauen (Rania Al Rafei, Yumna  Marvan), die sich zunächst einmal umziehen, d.h. ihre Bühnenkleidung anlegen. Zwei alte, große Platanen und ein kreisrundes Segel bilden die Kulisse. Das weiße Segel steht lt. Aussagen des Choreographen für das Sichtbare und Unsichtbare in der arabischen Kultur, für das Erlaubte und Verbotene. Die Frauen treten in den Mittelpunkt und fallen in die arabische Musik (Gesang, instrumental) des Epilogs mit rhythmischem Klatschen ein. Sie fallen in eine Art Trance, anschließend tritt Stille ein. Hat eine Geburt stattgefunden? Ein wilder Tanz der einen zum Trommelspiel der anderen folgt, es wird mit viel schwarzem Stoff gearbeitet, der zur Vollverschleierung führt. Die Ausleuchtung (Guillaume Tesson) fällt  größtenteils sparsam aus, z.B. werden nur die Hände angestrahlt, während sich die Frauen schminken und einem intensiven „Verschönerungsvorgang“ widmen. Anschließend werden Ihre Bewegungen und  ihr Tanz geschmeidiger, beinhalten auch aufreizende Elemente sowie solche des Bauchtanzes. Dann „Habibi, habibi“ – mein Geliebter! Eine Tänzerin strauchelt, fällt hin, robbt sich zu einem imaginären Fluss, durch den sie watet, ruft „bien-aimé“ – geliebt – und ertrinkt. Ihre Partnerin stimmt einen Klagegesang an und steigert sich im Prolog in einen wilden Tanz.
Beide Darstellerinnen agieren wie ausgebildete Tänzerinnen, mit viel Ausdruck und wie zwei Freundinnen oder Mutter und Tochter gut aufeinander eingespielt. Ihr langes, üppiges Haar wird wirkungsvoll in die Inszenierung mit einbezogen, deren vorherrschender (Nicht)farbton, bedingt durch die Kleidung, schwarz ist. Keine orientalische Farbenpracht, keine Klischees. Der Werdegang des Menschen wird von der Geburt über die Adoleszenz und dem Erwachsensein bis zum Tod zur arabischen Musik mit ihren typischen Instrumenten und Stimmfärbungen, ihren rhythmischen und melodischen Besonderheiten eindrucksvoll dargestellt. Verantwortlich für die Musik ist Sary Moussa.
Nach einer Stunde gibt es viel Applaus, in die sich einige Buh-Rufe mischen.

19. Juli 2016. SOFT VIRTUOSITY, STILL HUMID ON THE EDGE, Compagnie MARIE CHOUINARD

Die aus Montréal kommende und mehrfach ausgezeichnete Tänzerin und Choreographin gründete 1990 ihr eigenes Tanzensemble, mit dem sie seitdem weltweit unterwegs ist. Das aktuelle Werk ist eine Koproduktion mit le COLOURS International Dance Festival (Stuttgart) und wird unterstützt von ImPuls Tanz Wien. Die Uraufführung fand im letzten Jahr in Stuttgart statt. Der fast „poetische“ Titel (so Chouinard), eröffnet viele Möglichkeiten der Antizipation sowie der Interpretation. Eindeutigkeit besteht nach dem Vorstellungsbesuch keineswegs.
Im Innenhof der katholischen Privatschule Lycée Saint-Joseph bewegen sich eine knappe Stunde lang zehn in schwarze und dunkelblaue Shirts und Hosen gewandete Tänzerinnen und Tänzer. Die synthetische Musik vermittelt Wassergeräusche, dann eine Art Gewitter. Der anfänglichen Ruhe und Entspannung folgen Angst und Anspannung. Man wähnt einen Tiefflieger über sich. Im Vordergrund sitzt sich ein weibliches Paar auf einer sich drehenden Scheibe gegenüber, dessen Gesichter ausgeleuchtet sind und siebenfach in solcher Größe auf die Bühnenrückwand projiziert werden, dass man jede noch so kleine Veränderung während ihrer mimischen Kommunikation darin wahrnehmen kann. Diese Miteinbeziehung des Gesichtes, das für die Choreographin ein Teil des Körpers darstellt, ist ein Merkmal der gesamten Produktion und bietet durchaus interessante Aspekte. Immer wieder werden die Gesichter einzelner oder mehrerer in dieser Weise dargestellt. Befremdlich wirken die Fortbewegungsarten der weiteren Tänzerinnen und Tänzer: Sie rollen und drehen sich über die Bühne, gehen hinkend, staksend, steif, mal langsamer, mal schneller quer über die Bühne, zucken spastisch, bewegen ihre Extremitäten unkoordiniert. Die Gesichter erstarren zur hässlichen Fratze, verzogene Münder, starre Blicke sorgen für ausdrucklose, verzerrte Gesichter. Freundliche Gesichtszüge oder gar ein Lächeln bilden die absolute Ausnahme. All das ist nicht schön zu nennen, erinnert an körperlich eingeschränkte Menschen und sorgt dadurch für eine negative Konnotation. Soll das Bewegungspotential Körperbehinderter dargestellt werden? Wohl kaum, denn in der Programmbeschreibung wird von „endlosen Bewegungen des Lebens, einer hinkenden Flugbahn und magnetischem Glanz, vielen extravaganten Gefühlswelten“ gesprochen, es werde „der Gang der Menschheit“ skizziert, der „eigene Grenzen“ sucht. Es gehe um „charakteristische und alltägliche Bewegungen und komplexe Spiele, die ständigen Bewegungen des Lebens“.
Die Künstler agieren als Individuen, als Paar und als Gruppe. Mal bewegen sich ein Mann und eine Frau aufeinander zu und voneinander weg, sie flirten und sie kämpfen miteinander zu knackenden, wie brechendes Holz klingenden Geräuschen, mal tanzt selbstzufrieden ein Einzelner zur Musik aus seinen riesigen Ohrhörern, mal begibt sich die gesamte Truppe mit kleinen Bewegungen von links nach rechts. Auch innerhalb der Gruppe entstehen kaum Berührungen, es sieht aus, als wünsche sich jeder die Nähe des anderen und fürchte sie gleichzeitig. Schließlich zartes Wangenstreichen zu den Geräuschen einer Wasserspülung. Hektisch verlassen sie die Bühne. Eine nackte Frau (Megan Walbaum), umgeben von viel weißem, transparentem Gaze,  tanzt mit weichen Bewegungen (Soft Virtuosity) über die Bühne, suchend, unsicher. Gegen Ende sitzen wieder zwei Personen auf der sich drehenden Scheibe. Dieses Mal zwei Männer, die zu ohrenbetäubender Musik mimisch und gestisch ekstatisch agieren, fast wie in Trance, unter Drogen.
Die elektronische, synthetische Musik erlaubt vielerlei Assoziationen, außer den bereits genannten wird man an einen Flugzeugstart, ratternde Eisen- oder U-Bahnen, gezupfte Stahlsaiten und Scratching erinnert. Ein Synthesizer sorgt für wummernde und aufheulende Schallwogen. Die Lautstärke bewegt sich stark an der Schmerzgrenze, meine Nachbarin hält sich ständig beide Ohren zu. Die Musik kann manchmal angsteinflößend aufgenommen werden. Überlaute Schreie einer Frau sind die einzigen menschlichen Töne.
Es gibt weder Begeisterungsstürme noch Buh-Rufe, lediglich verhaltenen Applaus. Vielleicht liegt’s daran, dass nicht alles verstanden wurde! Dass manches zu abstrakt wirkte! Dass zu viele Fragen entstanden sind!

20. Juli. ESPACE von AURÉLIEN BORY
Die Tanztheatershow ist eine Hommage an den französischen, 1982 verstorbenen Schriftsteller und Filmemacher Georges Perec, die aus Bausteinen verschiedener Kunstbereiche zusammengesetzt ist: Dem Schreiben und Lesen, der Akrobatik und Komik, dem Tanz und dem Schauspiel. Bory beschäftigt sich seit zehn Jahren mit diesem Werk, aber auch mit Perecs Gesamtwerk und dessen eigener Geschichte. Sein Buch „Expèces d’espaces“ enthält auch soziologische Reflektionen und autobiographische Bezüge. Ein Satz daraus besagt sinngemäß: Leben, das heißt von einem Raum in den anderen zu gehen und dabei zu versuchen, möglichst nicht anzustoßen. Dies passt zu Bory, der sagt, sein Verhältnis zum Raum sei schon immer die zentrale Frage in seinen Shows. Der Schauspieler, Choreograph und Regisseur studierte Physik und beschäftigte sich mit Bauakustik, bevor er im Jahr 2000 die Compagnie 111 gründete. Er „inszeniert Raum“.
Vor einer hohen schwarzen Wand agieren fünf Personen mit jeweils einem Buch in der Hand. Jeder formt mit den Seiten einen Buchstaben, die insgesamt das Wort ESPACE ergeben. Außerdem wird in Großbuchstaben LIRE – Lesen – an die Wand projiziert. Anschließend erinnern ein Mann und eine Frau an den Turnunterricht in der Schule, wenn sie an quer über der Bühne hängenden Stangen kraftvoll ihre Übungen durchführen. Die Wand aus dem ersten Bild verändert sich zu einer Hausfront mit Türen, aus denen Menschen auf die Bühne treten und durch die sie wieder abtreten. Dann hebt sich die Wand, die fünf Personen kriechen auf allen vieren darunter hervor, schauen sich um und verschwinden auf gleichem Wege wieder. Einem korpulenteren Mann gelingt dies nicht, er bleibt stecken und sorgt für Lacher. Die Wand bewegt sich weiterhin und verändert ständig ihre Faltung. Sie symbolisiert letztlich eine Stadt, indem sie sich zu mehreren Hauswänden formt, die sich mal gegenüberstehen wie in einer engen Gasse, oder Winkel und Erker bilden. Die Akteure klettern ohne Seil, Netz oder doppelten Boden zwischen den Wänden oder an den Wänden nach oben und setzen sich in schwindelnder Höhe, d.h. Bühnen-, nicht Zimmerhöhe, auf die hohe Mauer. Und dies alles mit schelmischen Gesten, mit Komik und bewundernswerter Akrobatik. Projizierte Umrisse der Künstler werden ähnlich eines Schattenrisses mit neongrünen Linien, vermutlich mit Lasertechnik, nachgezeichnet. Zum Schluss werden, ebenfalls neongrün, Großbuchstaben an verschiedene Stellen der großen schwarzen Wand  projiziert, die schließlich wie in einem Kreuzworträtsel in allen Richtungen das Wort ECRIRE – Schreiben – ergeben.
Das Ensemble setzt sich aus einem Akrobat, einem Seiltänzer, einem Schlangenmensch, einem Komiker und einer Sängerin zusammen. Die Künstler treten entsprechend ihrer Berufung darstellerisch und mimisch wundervoll auf, produzieren komische Elemente und somit immer wieder für Lacher und eine positive Stimmung im Publikum. Die Sängerin wiederum singt mehrfach aus Schuberts Winterreise und verlangsamt damit die Aktionen, sorgt sogar für melancholische Momente. Auch wird aus „Espèces d’espaces“ zitiert. Überhaupt sorgt Bory immer wieder für Momente des Innehaltens, wobei die Abläufe zwar flott, aber nie hektisch sind. Alles geschieht sehr homogen, geschmeidig und fließend, alles geht nahtlos ineinander über.
Langer Applaus  drückt die Zustimmung des Publikums in der Opéra Grand für diese einstündige Produktion von Aurélien Bory und seiner Compagnie 111 in Zusammenarbeit mit mehreren französischen Theatern aus.

Marianne Binzen

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