Der Neue Merker

WIEN / Belvedere: TINA BLAU

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WIEN / Oberes Belvedere / Reihe: „Meisterwerke im Fokus“: 
TINA BLAU
Vom 16. Dezember 2016 bis zum  9. April 2017

Nicht nur die Praterbäume!

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Fotos: Belvedere

Vor hundert Jahren starb mit  Tina Blau eine der bedeutendsten Malerinnen in der Geschichte Österreichs. Das Belvedere, selbst im Besitz zahlreicher ihrer Werke – voran jener großformatige  „Frühling im Prater“, der sie einst über die Monarchie hinaus berühmt machte – stellt nun 49 ihrer Bilder in der Reihe „Meisterwerke im Fokus“ vor, „nur“ zwei Räume im zweiten Stock des Oberen Belvederes, aber dicht an Information und Eindrücken.

Von Heiner Wesemann

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Tina Blau   Sie wurde am 15. November 1845 Wien geboren, und vielleicht wäre ihr Schicksal anders verlaufen, hätte ihr Vater, der Militärarzt Simon Blau, das Talent der Tochter nicht so entschieden gefördert: Denn damals stand für  Frauen keinesfalls die Ausbildung offen, die für jeden Mann selbstverständlich war. Tina Blau erhielt schon als 14jährige Privatunterricht durch den Waldmüller-Schüler Antal Hanély. Der nächste ihrer Lehrer war der Landschaftsmaler August Schaeffer, späterer Direktor des Kunsthistorischen Museums, und bereits die 23jährige beteiligte sich an der Eröffnungsausstellung des Wiener Künstlerhauses.
Emil Jakob Schindler, mit dem sie einige Zeit auch privat verbunden war, teilte mit ihr ein Atelier, sie unternahm (teilweise in seiner Begleitung) erste Reisen, darunter nach Italien. „Frühling im Prater“ (214 x 291), für ihre Verhältnisse ungewöhnlich groß, wurde 1882, von Makart hoch gelobt, bei der Internationalen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus gezeigt und machte Tina Blau im Alter von 37 Jahren in der ganzen Kunstwelt berühmt.

Im Jahr darauf heiratete sie Heinrich Lang, berühmt als Pferde- und Schlachtenmaler, wofür sie vom jüdischen zum protestantischen Glauben wechselte. Sie lebte mit ihm in  München, wo sie erfolgreich weiterarbeitete und auch als Lehrerin an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins tätig war. Lang starb 1891, und Tina Blau kehrte nach mehreren, künstlerisch ergiebigen Reisen (Holland, Paris, Italien) in ihre Heimatstadt Wien zurück. Auch dort war sie an der Kunstschule für Frauen und Mädchen tätig – eine Aktivistin für Frauenrechte, die auch mit den Kämpferinnen ihrer Epoche, u.a. mit Rosa Mayreder, Kontakt hielt.

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Sie war an vielen Ausstellungen beteiligt, darunter 1900 an der Pariser Weltausstellung. Kaiser Franz Joseph zählte zu ihren Bewunderungen, und ihr Hauptwerk „Frühling im Prater“ wurde 1899 für die Kaiserlichen Gemäldegalerie erworben. Auch das Belvedere, von dem sie Ansichten gemalt hatte (zwei aus dem Jahre 1895 sind in der  Ausstellung zu sehen, so gehängt, dass sich der von ihr gemalte Blick mehr oder minder bei dem Blick durch das Fenster daneben wiederholt), kaufte mehrere ihrer Werke. 1916 starb sie am  31. Oktober, zwei Wochen vor ihrem 71. Geburtstag, in Wien und wurde am Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Evangelischen Abteilung begraben.

Blau mit Staffelei und Wagerl

Ihre Sonderstellung in der weiblichen Kunst     Die Sonderstellung der Tina Blau – die es als Frau und als Jüdin in ihrer Epoche schwer haben musste – ergab sich aus mehreren Komponenten: Das Studium wurde ihr vom Vater ermöglicht, ihr Talent von großen männlichen Kollegen anerkannt, ihre zahlreichen „Prater“-Bilder verliehen ihr ein Markenzeichen. Das berühmte Foto, das sie noch als alte Dame auf dem Weg zu „Plein Air“ zeigt, wo sie in einer Art Kinderwagen ihre Leinwände in den Prater führt, sagt mehr als tausend Worte über die unerschütterliche Entschlossenheit, mit der sie ihr Schaffen vorantrieb. Und wie sie ihrem Prinzip, im Freien zu malen, treu blieb, um zu vermitteln, was das Licht ihr erzählte. Sie tat dies auf ganz individuelle Art und Weise.  Neben den großen „Stimmungsimpressionisten“, mit denen sie bei genauer Betrachtung wenig gemeinsam hat, hielt sie (trotz begabter, mehr oder minder gleichaltriger Kolleginnen wie Olga Wisinger-Florian und Marie Egner) ihre singuläre Stellung. Sie nahm einen Weg zwischen Biedermeier und Impressionismus, der nie lieblich, kitschig oder betulich war. Man konnte ihr „Weiblichkeit“ in ihrem Werk nicht vorwerfen, so gerne man es getan hätte.

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Vielfalt zu entdecken      Die Ausstellung im Belvedere zeigt mit Ausnahme des „Frühlings im Prater“ nur mittelgroße und kleinformatige Werke und erweitert das Spektrum ihres Prater-Images sowohl thematisch wie formal. Natürlich war sie in erster Linie „Landschaftsmalerin“, Menschen waren meist nur Staffage, aber immerhin entdeckt man auch ein Stilleben aus dem Jahr 1872, das für die 27jährige vielleicht nicht mehr als eine Fingerübung war. Das Belvedere hat für diese kleine, aber feine Ausstellung nicht nur eigene Bestände und Werke aus dem Wien Museum zu bieten, es ist auch gelungen, einiges aus Privatbesitz hier zu zeigen. Das verleiht der Ausstellung einige Male den Reiz des Noch-nie-Gesehenen.

Dunkler und geheimnisvoller    Es gibt viele Bilder von Tina Blaus Reisen, und die Helle und Zartheit der Pinselführung bei Ansichten von Venedig steht stilistisch entschieden in Kontrast zu ihren Bildern aus Paris oder Holland, wo sie sich auch vom Stil holländischer Maler beeinflussen ließ. Überhaupt ist sie bei einem Großteil ihrer Werke „dunkler“ und damit dramatischer und geheimnisvoller als bei den hell grundierten Praterbildern. Auch findet man thematisch beim genauen Hinsehen doch Unterwartetes – dass sie 1904 ein Fabriksschlot hinter einer Nussdorf-Szene interessierte oder 1909 der Bahnbau bei Dürnstein. Und ihr Verständnis für die Natur, das auch das Wissen um die Zerstörung beinhaltete, trug ihr 1893 bei der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille für das Bild „Gestürzte Größe“ ein – es zeigt in geradezu tragischer Stimmung Stamm und Wurzeln eines gefällten Baumes.

Tina Blau via Belvedere online      Es gibt, so sagte Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz, heute keine endgültigen Werkverzeichnisse von Künstlern mehr, weil immer wieder Werke und auch Erkenntnisse hinzukommen, die Korrekturen verlangen. Darum druckt das Belvedere das Werkverzeichnis von Tina Blau, das Markus Fellinger (der Kurator der  Ausstellung) mit Claus Jesina für Tina Blau erarbeitet hat, nicht, sondern stellt es online (wo permanente Korrekturmöglichkeit gegeben ist). Mit 1251 Objekten ist jedes einzelne der derzeit bekannten Bilder dargestellt und beschrieben. Abzurufen unter: www.werkverzeichnisse.belvedere.at

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OLMÜTZ/ Volkskundemuseum: ALS FRANZ JOSEF I. DER FRANTISEK WAR.

k.u.k. Residenz Olmütz 1848 – DAMALS, ALS FRANZ JOSEF I. DER FRANTISEK WAR

Ausstellung im Volkskundemuseum ab sofort geöffnet, Ende der Ausstellung noch offen!

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Ausstellungsplakat. Copyright: Czechtourismus

Wien, das ist Jahrhunderte lange die Residenz der Herrscher aus der Habsburger-Dynastie gewesen. Auch Olmütz in Mähren hat es zu einer habsburgischen Residenzstadt gebracht, allerdings nur zu einer äußerst kurzlebigen. Im Jahr 1848, als Kaiser Ferdinand, leicht spöttisch der Gütige genannt, vor dem Volksaufstand in Wien flüchten musste, im Erzbischöflichen Palais von Olmütz Zuflucht fand, hier abdankte und sein blutjunger Neffe Franz Josef zum Kaiser Franz Josef I. gekrönt wurde. Franz hieß dort Frantisek, Olmütz ist heute Olomouc – und ist eine sehenswerte Stadt. Als Mittelpunkt eines Erzbistums, mit alter Universität, Philharmonie, dem St. Wenzels Dom, mit Reminiszenzen an Kaiserin Maria Theresia, Mozart, Feldmarschall Radetzky oder Sigmund Freud – alles übernommen aus des Kaisers Zeiten. Der meistgehasste Adelige der Biedermeierzeit, Clemens Wencelslaus Nepomuk Fürst von Metternicht–Winneburg zu Beilstein, schon Monate früher als Kaiser Ferdinand ebenfalls auf der Flucht vor den Revolutionären in Wien, wurde damals allerdings nicht in die befestigte Stadt eingelassen. 

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Copyright: Czechtourismus

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Copyright: Czechtourismus

Auch die Tschechen halten sich bei ihren Feiern an Jahreszahlen. Mit der Großeausstellung ‘Frantisek Josef I. v Olomouci‘ wird des 100. Todestages des Langzeitherrschers gedacht.  Zu sehen im Heimatkundemuseum der traditionsreichen Stadt in Mittelmähren, gelenkt von einem Band in den habsburg-lothringischen Farben Schwarz-Gelb: Franz Josef-Porträts von Kindheit bis zum Abschied in Einsamkeit; Pomp und Auswüchse der Soldateska der k.u.k. Monarchie; adelige Wappen und Stammbäume wie mährische Folklore, Trachten, Genreszenen. Und zu sehen ist ein großes Gemälde von der Abdankung Kaiser Ferdinands am 2. September 1848 und der gleich anschließenden Inthronisation von Franz Josef in den Morgenstunden des 2. Septembers 1848. Später hat der Kaiser wiederholt die Stadt besucht, war gern hier. Und zur Thronbesteigung soll er gesagt haben: „Leb wohl, Jugend!“ Gerade achtzehn Jahre, drei Monate und fünfzehn Tage alt.

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Copyright: Czechtourismus

Info: www.tourism.olomouc.eu

Meinhard Rüdenauer

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WIEN / Nationalbibliothek: UNTER BETHLEHEMS STERN

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Fotos: Renate Wagner

WIEN / Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek:
UNTER BETHLEHEMS STERN
24 Prachthandschriften aus dem Mittelalter
Vom 7. Dezember 2016 bis zum 15. Jänner 2017

Goldglitzernde Heilsgeschichte

Jesus Christus als Kind, das „Christkind“, das ist – im Gegensatz zu Leiden und Tod am Ende seines Lebens – der hellste Teil der christlichen Glaubensgeschichte, solcherart auch „beglückend“ an die Gläubigen zu bringen. Die Buchmaler des Mittelalters taten es mit nie endendem Einfallsreichtum, hinreißender  Schönheit und didaktischer Raffinesse. Die Österreichische Nationalbibliothek zählt zu jenen Institutionen der Welt, die über einen wahren Schatz von Handschriften dieser Epoche verfügen. 24 ausgewählte Stücke illustrieren die Welt der Weihnachtsgeschichten und -legenden.

Von Renate Wagner

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Die Ausstellung      Man hat die von Andreas Fingernagel kuratierte Ausstellung klein und kurz gehalten, aus wohl erwogenen Gründen. Erstens können die Bücher, auch bei gedämpftem Licht, aus konservatorischen Gründen nicht über längere Zeit gezeigt werden, sonst würde das, was in Jahrhunderten so erstaunlich bewahrt wurde, bald gefährdet sein. Und zweitens bietet jedes einzelne Werk eine solche Fülle von interessanten Details, dass sich ein Overkill einstellen würde, wenn man mehr als die 24, an bestimmten Stellen aufgeschlagenen Bücher rund um die zentrale Kuppel (bzw. natürlich darunter) zeigen würde. Da es keinen Katalog, aber viel Wissenswertes gibt, ist die Lektüre der Saaltexte zu empfehlen, die die Aufmerksamkeit auf manches lenken können, was vielleicht ohne das Wissen darum nicht ins Auge springt.

Von der Verkündigung bis zur Flucht nach Ägypten   Die Stationen der Weihnachtsgeschichte ergeben sich chronologisch, die „Verkündigung“ durch den Engel über die „Heimsuchung“ (die Begegnung Marias mit der ebenfalls schwangeren Elisabeth, die Johannes den Täufer gebären wird), Christi Geburt, die klassische Szene „im Stall“. Dann die Verkündigung an die Hirten, quasi an die „kleinen Leute“, während die „Epiphanie“ mit den „Drei Weisen aus dem Morgenland“ die mächtigen Heiden an die Krippe führt. Die Darstellung des Herrn im Tempel, wie es die klassische jüdische Sitte war, der Bethlehemitische Kindesmord und schließlich die Flucht nach Ägypten komplettieren den Themenkreis, zu dem die Ausstellung zu jedem Motiv zwei bis drei ausgesucht schöne Buchbeispiele bietet.

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Der künstlerische Reichtum     Die Werke stammen aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, das älteste, Anfang des 13. Jahrhunderts aus Klosterneuburg, sowie Bücher aus dem 14. Jahrhundert (aus den 1330er Jahren in Süddeutschland und wiederum Klosterneuburg), zeigen noch eine berührende Schlichtheit der Darstellung, die wenig später der größtmöglichen Opulenz weicht. Da die Geschichte von Christi Geburt vielfach in „Stundenbüchern“ (Gebetsbücher von Reichen und Herrschern) auftauchten, findet sich oft auch der dazugehörige Text, so gut wie immer zu den Bildern auch reichster Bordürenschmuck in Gold und anderen Farben. Blumen wurden dabei bevorzugt, aber finden sich auch in höchst komplizierter Verarbeitung, Oft wird nicht nur die zentrale Szene selbst gezeigt, sondern mit kleineren Bildern der jeweiligen Vorgeschichte flankiert. Den Künstlern lagen dieselben Schilderungen aus den Evangelien (Matthäus und Lukas) vor, aber wie sie die einzelnen Situationen gestalteten, lag ganz bei ihnen und ist von größter Reichhaltigkeit. Je „höher“ das Mittelalter wurde und der Renaissance entgegenging, umso mehr verliebten sich die Künstler (die immer noch bis auf wenige Ausnahmen anonym blieben) auch in ihre handwerkliche Meisterschaft.

Die Didaktik der Darstellung    Eine weltberühmte „Flucht nach Ägypten“, das Tafelbild aus dem Schottenaltar, wo Maria und Josef aus „Wien“ fliehen (die Stadt, wie sie damals war, ist detailreich im Hintergrund dargestellt), wird stets als erklärendes Beispiel dafür herangezogen, was sich auch in der Buchmalerei feststellen ließ: Dass es darum ging, die Heilsgeschichte für die einfachen Menschen nicht als etwas Fernes, Abgehobenes zu erzählen, sondern vielmehr in eine scheinbare Gegenwart zu rücken. So findet man zahlreiche Beispiele von europäischen Landschaften im Hintergrund, Ochs und Esel waren ja auch Bekannte der damaligen Bevölkerung, Menschen sind in Gewänder der damaligen Zeit gekleidet, kurz, die Heiligkeit teilweise ganz menschlich gemacht, wenn sie auch durch den Prunk der Darstellung wieder entrückt wurde. Der Betrachter kann den kostbaren Werken also unter vielfachen Gesichtspunkten begegnen – oder auch unter allen…

Unter Bethlehems Stern
24 Prachthandschriften aus dem Mittelalter
7.Dezember 2016 – 15. Jänner 2017

Täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr
Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren
Jeden Donnerstag um 18 Uhr Führung in deutscher Sprache

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WIEN / Kunstforum: GEORGIA O’KEEFFE

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Fotos (Motive aus der Ausstellung) Heiner Wesemann

WIEN / Kunstforum Wien:
GEORGIA O’KEEFFE
Vom 7. Dezember 2016 bis zum 26. März 2017

Die amerikanische Ikone

Wenn im allgemeinen gerne Jahrestage als „Aufhänger“ für Großausstellungen verwendet werden – hier ist einer: 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, zeigte der amerikanische Fotograf Alfred Stieglitz in seiner New Yorker Galerie „291“ eine Gruppenausstellung. Darin sah man auch die abstrakten Kohlezeichnungen einer 29jährigen Unbekannten namens Georgia O’Keeffe. Das war der Beginn einer der unglaublichsten Karrieren in der Geschichte der amerikanischen Kunst. Die Ausstellung im Kunstforum Wien zeichnet nun den Weg dieser Ikone nach.

Von Heiner Wesemann

Die Ausstellung     Man kennt den Namen „Georgia O’Keeffe“ selbstverständlich als den einer der bedeutendsten amerikanischen Künstlerinnen überhaupt. Doch in Europa hat man selten Gelegenheit, ihre Werke „live“ zu sehen. Eine Zusammenarbeit der Londoner Tate Modern, wo die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, dem Kunstforum Wien, wo man nun aus dem Staunen nicht herauskommt, und der Art Gallery of Ontario, Toronto (wo die Schau dann ihre letzte Station erreicht), wurde durch das O’Keeffe-Museum in Santa Fe hilfreich kanalisiert. Das Ergebnis: 85 Originale – die größte Ausstellung ihrer Werke außerhalb der USA -, dazu noch 60 Fotos, die auch die Person und den Umkreis der Künstlerin in den Fokus rücken. Begehrt und verstreut in aller Welt, mussten 50 Leihgeber zusammen kommen, dies möglich zu machen. Das Ergebnis fällt entsprechend spektakulär aus.

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Georgia O’Keeffe     Georgia O’Keeffe (1887–1986) war ein „Mädchen vom Lande“,  geboren auf einer Milchfarm in Michigan, das als Künstlerin schließlich aufs Land zurückkehrte und das solitäre Leben abseits der großen Städte zum Kult erhob. Bis sie zu Stieglitz nach New York zog (also beinahe ihre ersten drei Lebensjahrzehnte), studierte und unterrichtete sie. New York und Sommeraufenthalte am Lake George (ein See im Bundesstaat New York am Fuß des Adirondack Gebirges) bestimmten anfangs die äußeren Einflüsse ihrer Bilder. Und doch – hätte sie nur ihre New Yorker „Großstadtbilder“ geschaffen, wäre sie wohl eine von vielen geblieben. Entscheidend für sie war die „Entdeckung“ des US-Staates New Mexiko, wo sie sich zuerst zeitweise, später permanent niederließ. Hier fand sie – ungeachtet von vielen Reisen, die sie unternahm – das Zentrum ihrer Inspiration. Auf dieser Landschaft beruht auch das „Ur-Amerikanische“ ihres Schaffens, das immer wieder hervorgehoben und gepriesen  wird. Tatsächlich gab es auch vor ihr herausragende amerikanische Landschaftsmaler, die aber zumindest formal immer den Blick nach  Europa gerichtet hatten. Dass Georgia O’Keeffe es nicht tat, war ihre Stärke, trug in hohem Maße zu ihrem Ruhm bei.

Die selbst inszenierte Ikone    Wer der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich vermitteln möchte, kümmert sich am besten selbst darum. Georgia O’Keeffe war das sehr bald bewusst, Fotos begleiten ihr Leben, Stieglitz hatte großen Anteil daran, aber auch andere Fotokünstler wie Paul Strand, Ansel Adams und Edward Weston.  Sich selbst in Aktfotos vorzustellen, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sensationsträchtiger als heute, dem Lonely Cowboy des amerikanischen Mythos ein Lonely Cowgirl gegenüber zu stellen und damit gleichzeitig eine gleichwertige Position weiblicher Kunst zu postulieren, war äußerst geschickt. Sich auf eine „Ghost Ranch“ zurückzuziehen und damit natürlich auch mediales Interesse zu evozieren – Georgia O’Keeffe hat zweifellos am Ruhm ihrer Person (der sich dann rückbezüglich auf ihr Werk auswirkte) mitgearbeitet. Sie ist eine der teuersten Künstlerinnen der Welt, hat ein Jahrhundert Weltgeschichte mit zwei Weltkriegen erlebt, wird von ihren Mit-Künstlern als große Mutter verehrt…

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Von der  Abstraktion in die Abstraktion    Die Ausstellung (Kuratorin Heike Eipeldauer) geht im Prinzip chronologisch vor. Im linken Raum vom Eingang sind die frühen Werke zu sehen, darunter jene abstrakten Kohlezeichnungen, in denen Alfred Stieglitz das besondere Talent von Georgia O’Keeffe erkannte. Es ist interessant in dieser Ausstellung den Blick auf das Element des Abstrakten zu legen, von dem sie selbst sagte: „Abstraktion ist häufig die eindeutigste Form für das Unfassbare in mir selbst, das ich durch Malerei klären kann.“ Dazu gehört auch, dass die frühen Jahre der Georgia O’Keeffe von der amerikanischen Rezeption der Erkenntnisse Freuds geprägt wurden, das Unterbewusste, das Sexuelle, das alles auch aus ihrem Werk heraus zu interpretieren war. Immer wieder transzendiert ein Bild mit konkreter Benennung wie „From the Lake Nr. 1“ oder „Sky with flat white Clouds“ ins rein Abstrakte, und wüsste man nicht (weil Georgia O’Keeffe biographisch sehr gut aufgearbeitet ist) von ihrer späten Besessenheit von der Tür in ihrem Haus, man würde die Tore einfach nur als Quadrate im Raum nehmen.

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Die Blumen, die Landschaften, die Skelette    Was einen Künstler ausmacht, zumindest in der Rezeption durch Kritik und Markt, ist Erkennbarkeit, ist ein Markenzeichen, ist etwas, das sich nur bei ihm findet. Georgia O’Keeffe macht es dem Betrachter vielfach leicht – ihre „Blumen“ (auch in unterschiedlichen Stadien der Abstraktion) sind unverkennbar legendär: Die Ausstellung bietet natürlich (auch als Plakat- und Katalog-Motiv) jene „Jimson Weed/White Flower No. 1“ aus dem Jahr 1932, die zum Paradigma der berühmten Blumenbilder von Georgia O’Keeffe geworden ist, darüber auch das teuerste Werk, das je von ihr verkauft wurde (über 44 Millionen Dollar). Ebenso singulär sind ihre Landschaften von New Mexiko, teilweise (auch in den Farben) so intensiv, dass man sie zum Meditieren benützen könnte. Und die ausgetrockneten Knochen und Geweihe, die sich in der Wüste finden und einen bedeutenden Themenstrang ihres Werks ausmachen, stehen jeglicher Interpretation offen. Die Wiener Ausstellung bietet von allem reichlich, und wenn man ein Auge dafür hat, kann man sich kaum satt sehen.

Bank Austria Kunstforum Wien, 1010 Wien, Freyung 8:
Georgia O’Keeffe
Bis 26. März 2017,  Täglich von  10 bis 19 Uhr, Fr. bis 21 Uhr
Der Katalog von 272 Seiten ist im Prestel Verlag erschienen

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WIEN / Jüdisches Museum: HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER

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Alle Fotos: Michael Horowitz / Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum / Museum Judenplatz:
HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER
Von 2. Dezember 2016 bis zum 28. Mai 2017 

Der genaue Blick

Helmut Qualtinger mit Fliegerbrille. Thomas Bernhard am Fahrrad. Oskar Werner sinnend im Kaffeehaus. Andre Heller als wuschelhaariger Jungspund im Gespräch mit Peter Alexander – die jüngste Ausstellung des Jüdischen Museum, in der Dependance am Judenplatz veranstaltet, wird viele Fans finden, zumindest unter der älteren Generation. Denn da blättern sich, wie im Titel „50 Jahre Menschenbilder“ versprochen, ein halbes Jahrhundert „Wiener“ Gesichter auf. Eingefangen hat sie die Kamera eines Mannes mit dem richtigen Blick. Sein Name ist Michael Horowitz, und viele, viele Jahre lang kannte man ihn auch und vor allem als den Journalisten, der das Kurier-Magazin kreiert hatte und betreute. Da kam in der Öffentlichkeit seine Profession als Fotograf gar nicht so stark zu Bewusstsein. Dem hilft diese Ausstellung, die Direktorin Danielle Spera persönlich kuratiert hat, ab.

Von Heiner Wesemann

Horowitz O.Werner

Michael Horowitz     Seine Vorfahren kamen aus einem Galizischen Städtel nach Wien, seine Großmutter gehörte zu jenen, die den Fluchtweg nicht in Richtung Westen, sondern nach Osten nahmen und in Shanghai überlebten.  Sein Vater Oskar Horowitz (verheiratet mit einer Berlinerin) arbeitete nach seiner Rückkehr als Fotograf, geschätzt vor allem für seine Fotos aus Wiener Theatern, und von Sohn Michael gibt es schon ein Bild, das ihn als kleinen Jungen mit Kamera zeigt. Und bedenkt man das Geburtsdatum 1950, dann hat Michael Horowitz mit dem „professionellen“ Fotografieren mit 16 Jahren angefangen – erst als „rasender Reporter“ und Freund der Berühmten. Später, nach einer längeren Pause, als Reisender in aller Welt. Daneben allerdings hatte er noch zahllose Berufe, u.a. wie erwähnt als Zeitungsmacher sowie als Autor von Drehbüchern, ebenso als Biograph von Persönlichkeiten wie Doderer, Kisch oder Karl Kraus bzw. jenen Künstlern, die seine Freunde waren wie Qualtinger oder Artmann. Dass er auch Verleger ist, kommt dem Katalog des Jüdischen Museums zugute, der im eigenen Horowitz-Verlag erscheinen kann.

Schwarzweiß in die Vergangenheit   Michael Horowitz kann von seiner persönlichen Beziehung zu Wiener Künstlern viel erzählen – und da er nicht nur Bilder macht, sondern auch schreibt, ist ein Erinnerungsband daran fällig. Es bedurfte schon besonderer Nähe, eines eigenen Vertrauensverhältnisses, damit sich die ungewöhnlichen Motive ergaben, die viele der Menschenbilder zeigen. Wobei Thomas Bernhard auf dem Fahrrad auf persönliche Aufforderung des damals noch gar nicht so berühmten Dichters entstand – und seither ein Kultfoto wurde…

Horowitz Bernhard

Bunter Blick  in die ganze Welt  Die von Horowitz lange Jahre betreute Freizeit-Beilage des Kuriers war berühmt für ihre ausführlichen Reiseberichte mit oft großartigen Fotos. Natürlich waren nicht alle von ihm, aber die Ausstellung beweist, dass er in einer „zweiten Karriere“ als Fotograf sehr viel gereist ist. Und auch in aller Welt,  nun bunt, Menschenbilder „geschossen“ hat: in Europa, den USA und Asien, unvergessliche Gesichter, aber auch skurrile Szenen (im Diamantenviertel von Antwerpen blickt ein orthodoxes, bärtiges Judengesicht unter einem Motorradhelm hervor), Armut, Traurigkeit, ganze Schicksale komprimiert (der alte Mann im Basar von Istanbul, der die bunten Büstenhalter verkauft, die hinter ihm hängen).

Mehr als Ästhetik   Wenn es beim Foto auf den „richtigen Augenblick“ ankommt, so hat Michael Horowitz oft genug genau dann abgedrückt, aber diese Bilder dienen nicht nur der Nostalgie, der Stimmung oder der Schönheit (wie das faszinierende geschminkte Frauengesicht unter dem roten Kopftuch aus Istanbul). Er hat auch ein „politisches“ Auge auf  Situationen, die hintergründig von Schmerz und Elend erzählen – wenn er nicht ohnedies ganz genau das ausdrückt, was mit einem Bild zu sagen ist: Demos gegen Vietnam, gegen den neuen Rechtsruck (mit Hakenkreuzfahnen), und selbst der aktuellste Wahlkampf ist noch dabei – vor dem Plakat von Norbert Hofer wogt eine Menschenmenge seiner Wähler, die Bierdose wird geschwungen, was dem Foto eindeutige satirische, gewissermaßen Deix’sche Qualität verleiht.

Museum Judenplatz:
HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER
Bis 28. Mai 2017
1010 Wien, Judenplatz 8,
von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag von 10 bis 17 Uhr

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WIEN / Albertina: FILMSTILLS

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WIEN / Albertina / Galleries for Photography:
FILMSTILLS
Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino
Vom 4. November 2016 bis zum 26. Februar 2017 

Ikonen aus eigenem Recht

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In der Ausstellung fotografiert von Renate Wagner

Wer kennt sie nicht? Nosferatu, wie er erstarrt das Bild des Schreckens selbst ist, Marilyn, wie sie in sich hineinlacht, wenn ihr weißer Rock hoch weht. Sie flankieren den Eingang zur Albertina zur „Filmstills“-Ausstellung. Es sind Bilder, die Geschichte machten, nicht bloß Filmgeschichte. Kino – das sind die Moving Pictures. Fotos, das sind die „Stills“. Man kann sie in Ruhe ansehen und verinnerlichen. Als Objekte waren sie an sich nur zur Werbung und zur Dokumentation gedacht. Die Ausstellung in der Albertina zeigt, dass „Filmstills“ Meisterwerke für sich sein können und auch als solche in der Welt der Fotografie, aber auch der des kollektiven Bewusstseins stehen.

Von Renate Wagner

Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum      Das Filmmuseum (derzeit geleitet von Alexander Horwath)  ist unmittelbarer Nachbar, fast Untermieter, denn es befindet sich (mit eigenem Eingang auf Straßenebene, vor der zur Albertina führenden Treppe) im Gebäude der Albertina selbst. Dort ist das Filmmuseum nicht nur aktiv, indem man immer wieder kostbare Klassiker des Kinos für Zuschauer zugänglich macht, sondern man sammelt auch – 400.000 Fotos sind es mittlerweile, die seit 1964, der Gründung der Institution durch Peter Konlechner und Peter Kubelka, zusammen getragen wurden. Die Albertina zeigt in ihrem schon längere Zeit der Fotografie gewidmeten Raum 130 ausgewählte Objekte, hauptsächlich Schwarzweißfotos. Dazu gibt es, gewissermaßen als „Aufputz“, einmal ein Plakat (Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf Französisch), einmal eine Czeschka-Graphik zu den „Nibelungen“ groß affichiert. Im übrigen sind die Objekte klein – und sprechen für sich, wenn man sich die Mühe nimmt, sie genau anzusehen.

Werbung heißt, Erwartungen wecken     Film braucht Werbung, die Öffentlichkeit muss erfahren, dass es den Film gibt, ein Foto als Blickfang muss Erwartungen wecken, mehr noch – den Wunsch und das Bedürfnis evozieren, Geld zu investieren, um den Film zu sehen, über den man voraus nur liest bzw, viel effektvoller, ein Foto sieht, das unwiderstehlich anziehend wirkt. Es ist eine Welt, in der die Studios aktiv waren, und oft kennt man die dort angestellten Fotografen gar nicht, die da zu den „Werbefotos“ abkommandiert wurden. Dass dann beim Ausarbeiten „getrickst“ wurde, in Ausschnitten, in Retouchen, ist selbstverständlich. Und doch, die „Studioaufnahmen“, die man sich leistete, hatten künstlerischen Anspruch für sich.

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Ein Quiz für Fans     Die Aushangfotos, die man früher in den Kinos sah, waren dann aus dem Film selbst genommen – Filmfans werden sich hier entzückt in einem Quiz finden, den sie mühelos bestehen. Wer kennt sie nicht, Anita Eckberg und Marcello Mastroianni im Fontana di Trevi? Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg durch Paris bummelnd? Charlie Chaplin vor dem Globus? Cary Grant auf der Flucht vor einem Hubschrauber in der Wüste? James Dean mit seinem zu allem entschlossenen Gesichtsausdruck? Ein Bild, ein Film, ein Stück Filmgeschichte. Eine Ausstellung für Fans.

Tief in die Historie      Die Ausstellung, von Kurator Walter Moser nach einem vielschichtigen Themenkatalog gestaltet, blendet allerdings tief in die Geschichte zurück, 1902 bis 1975 ist der selbst gewählte zeitliche Rahmen, da hängt eine geheimnisvolle Marlene Dietrich für den Themenkomplex „Star-Portät“, dessen Bedeutung kaum zu unterschätzen ist, da wird aber auch auf die kunstvolle Stilisierung hingewiesen, mit der Fritz Lang etwa seine „Nibelungen“ (auch in Bezug auf Czeschka-Illustrationen) gestaltet hat, oder wie etwa der Fotograf Hans Natge Murnaus „Faust“ fotografierte, als komponiere er verschwommene Graphiken…

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Die grenzenlose Spannweite des Fotos     Wenn Waler Ruttmann in den wilden zwanziger Jahren den Film „Berlin – Die Symphonie einer Großstadt“ schuf, dann sind die dazu ausgestellten Fotos Collagen, die Einzelelemente wie Hochhäuser, Autos, Züge und Damenbeine, gespreizt oder hängend, zur Wirrnis der Epoche zusammen fügen. Besonders interessant sind die unter „Metabilder“ zu sehenden Fotos, Jimmy Stewart, wie er mit Riesenobjekt in „Das Fenster zum Hof“ den Nachbarn ausspioniert, Liv Ullmann, wie sie in „Persona“ durch die Kamera blickt… Und natürlich begegnet man, unter welchem Gesichtspunkt auch immer, den großen Namen der Filmgeschichte, ob Fellini oder Kubrick, ob Kazan oder Strohheim, Goddard oder Visconti, Film ist Kunst und die „Stills“, die nach so vielen Aspekten ausgewählten Bilder zu Filmen, sind es auch.

Albertina:
FILMSTILLS
Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino
Bis zum 26. Februar 2017,  Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr
www.albertina.at

 

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WIEN / Jüdisches Museum: DIE BESSERE HÄLFTE

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Alle Fotos: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum in der Dorotheergasse: 
DIE BESSERE HÄLFTE
Jüdische Künstlerinnen bis 1938
Vom 4. November 2016 bis zum 1. Mai 2017

Die vergessene Hälfte

Als „bessere Hälfte“ bezeichnet man allgemein die Ehefrau, und solcherart ist der Titel der neuen  Ausstellung im Jüdischen Museum (Haupthaus in der Dorotheergasse) eindeutig irreführend. Die Damen, um die es geht, waren zwar teilweise verheiratet (viele trugen einen Doppelnamen, was noch nicht so üblich war wie heute, aber von ihrem Selbstverständnis zeugt), aber keinesfalls stehen sie in dieser Rolle im Zentrum. Es geht vielmehr um eine „vergessene“ Hälfte der Weiblichkeit, um jene jüdischen Künstlerinnen, die im Wien des Fin de Siècle unter unendlichen Schwierigkeiten ihre Stimme (Pinsel und Meißel) erhoben und begehrten, Künstlerinnen zu sein. Was immer sie erreicht hatten – spätestens 1938 war es für sie in ihrer Heimat zu Ende.

Von Renate Wagner

Nicht alle sind vergessen       Eine trug die Fahne, und sie steht an der Spitze dieser von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner kuratierten Ausstellung. Tina Blau (1845-1916) hatte sich ihre herausragende Stellung unter den Künstlern Wiens so nachhaltig erobert, dass sie nicht in Vergessenheit geriet – aber sie erregte mit ihren großartigen Landschaftsbildern keinerlei Anstoß, und sie starb früh genug, um nicht vom Nationalsozialismus vernichtet zu werden. Das Foto, wo sie sich mit einer Staffelei in einem Korbwagen, der gut als Kinderwagen taugen mochte, in den Prater aufmacht, zählt zu den signifikantesten überhaupt – grenzenlos zu interpretieren. Ihre jüdischen Kolleginnen waren weniger glücklich. Immerhin, einige von ihnen erlebten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine zögerliche Wiederentdeckung, oft verbunden mit der Initiative einzelner Kuratoren, die Ausstellungen durchsetzen konnten. So kam Broncia Koller-Pinell (1863-1934) wieder ins Bewusstsein, desgleichen Marie-Louise von Motesiczky (1906-1996), die den Holocaust überleben konnte und bis ins hohe Alter aktiv blieb, und man entdeckte auch – vielleicht weil ihre Arbeiten so hinreißend originell waren – die Keramikerin Vally Wieselthier (1895-1945) wieder. Tatsache aber ist, dass viele der 44 Künstlerinnen, die in der Ausstellung vorgestellt werden, tatsächlich vergessen sind. Sehr zu Unrecht.

Der Kampf um die Berufung      Die Frauen mussten sich ihre Emanzipation auf allen Gebieten schwer erkämpfen, die Männerbastionen hielten, nicht nur Wahlrecht, auch Ausbildung wurde ihnen vorenthalten. Jüdische Mädchen mit künstlerischen Ambitionen (Juden stellten um 1900 zehn Prozent der Bevölkerung Wiens, der Anteil jüdischer Künstlerinnen lag bei über 30 Prozent) hatten es vergleichsweise leichter, weil sich das jüdische Bildungsideal auch auf Töchter erstreckte und oft das Geld da war, sie in Privatschulen, zu Privatlehrern oder ins Ausland zu schicken. Das war aber schon der einzige Vorteil. Wollten sie sich im Alltag etablieren, sahen sie sich extremer männlicher Feindseligkeit ausgesetzt.

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Teresa Feodorowna Ries / Bettina Ehrlich-Bauer

Auch Adolf Loos beschimpfte die Frauen    Nicht nur, dass man es etwa für unsittlich erachtete, dass Frauen Aktstudien betreiben könnten, auch Männer, denen man mehr Intelligenz zugetraut hätten, schütteten Kübel von Verachtung über Künstlerinnen, die in ihren Augen ohnedies nur Dilettantinnen waren und sich auf männliches Terrain wagten, auf dem sie nichts zu suchen hätten („unerhörte Pupperlwirtschaft“ orteten die empörten Herren). Ein Fehlurteil, dem die Ausstellung eine Überfülle an Objekten aller Art – Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte, Plastiken, Keramiken – entgegenzustellen hat.

Das Leben retten, dann die Kunst     Dokumente aller Art, von Schulzeugnissen bis zu Pässen, mit denen man die rettende Emigration anstrebte, geben Einblicke in die Leben dieser Künstlerinnen, von denen manche schon vorzeitig ins Ausland gegangen war… Am Ende ging es nur noch um das Leben, nicht um das Werk: Bettina Ehrlich-Bauer (aus der Bloch-Bauer-Goldene Adele-Familie stammend) rettete das Werk ihres Mannes Georg Ehrlich in die Emigration, nicht ihr eigenes: Die Ausstellung kann ihre Werke nur in Fotos zeigen, hat aber ein Selbstporträt von 1928, eine nachkolorierte Fotografie, als Sujet für das Plakat und  Titelbild für den Katalog gewählt…

Weg durch die Spiegel     Die Ausstellung bedient sich vieler Spiegel, die für die Besucher durchaus verwirrende Wirkung haben können, was allerdings beabsichtigt ist. Schließlich betritt man eine Welt der Unsicherheit, um dort allerdings großen künstlerischen Reichtum vorzufinden. Es gab nichts von all dem, was die Männer sich vorbehalten wollten, das die Frauen nicht auch gekonnt hätten – sie waren Bildhauerinnen (Teresa Feodorowna Ries begrüßt mit der herausfordernden Statue einer Hexe, Ilse Twardowski-Conrat gestaltete die Brahms-Büste am Grabmal des Komponisten am Zentralfriedhof, Gustav Mahlers Tochter Anna hatte eine lebenslange Karriere als erfolgreiche Bildhauerin), sie malten in Öl, sie schufen eindrucksvolle Gebrauchsgraphik, sie belebten die Wiener Keramik in schier unglaublichem Ausmaße: ein Saal mit den Werken von Vally Wieselthier, Susi Singer und Kitty Rix birst geradezu vor Farbigkeit und Vitalität.

In ihrer Zeit aktiv     Kunst und Künstler der Zeit erscheinen in diesen Ausstellungsräumen – Bettina Ehrlich-Bauer hat „Johnny spielt auf“ ein spektakuläres Gemälde gewidmet, Marie Mautner-Kalbeck hat nicht nur ein Buch über Josef Kianz geschrieben, sondern auch eines der berühmtesten Bilder (als Mephisto) von ihm geschaffen, Edith Kramer malte Berthold Viertel, Lilly Steiner Alban Berg… Aber die Themen der Künstlerinnen waren auch durchaus politisch, gingen in die Arbeitswelt (für Marie-Louise von Motesiczky war ein Arbeiter ebenso ein Sujet wie ein reicher Mann, der sich porträtieren ließ) oder reagierten direkt auf das Zeitgeschehen: Lilly Steiners „Composition baroque“ war 1938 ein Aufschrei gegen eine Welt, in der die einen in die Luft flogen und die anderen dies mit katholischer Frömmigkeit (in Gestalt einer Betenden) hingebungsvoll ertrugen… weil es ja nicht sie traf.

Jüdinnen  Steiner  1938
Lilly Steiner

Hilfe beim Katalog      Man müsste die Ausstellung vielfach besuchen, um sowohl die einzelnen Werke zu rezipieren, wie auch die 44 Persönlichkeiten, die im Raum nicht wirklich von einander abgesetzt sind, in den Griff zu bekommen. Der Katalog hilft hier, bringt bemerkenswerte Untersuchungen zu den verschiedensten Themen. Dass jede Künstlerin zumindest eine Doppelseite bekommen hätte, um ihr Schicksal ausreichend zu umreißen und auf ihr Werk zu fokusieren, das wünscht man allerdings vergeblich – von den berühmten abgesehen, bleiben die weniger berühmten wieder nur Kurzartikel im Anhang. Und es gälte doch, sie nicht nur als Kollektiv, sondern auch als Einzelpersönlichkeiten hervorzuholen.

Ergänzung: „Das Wohnzimmer der Familie Glück“    Im Extrazimmer neben den großen Ausstellungsräumlichkeiten präsentiert das Jüdische Museum jene Möbelstücke (Eckbank, Buffet, Barschrank, Tisch und zwei Hocker aus den zwanziger Jahren), die Henry Glück dem Haus geschenkt hat. Die Glücks waren eine wohlhabende Kürschnerfamilie, die aus Galizien kam und es in Wien zu Wohlstand brachte. Als die Familie floh, konnte sie diese Möbel in die USA verschiffen lassen und nahm ein Stück Wien mit. Nun, zurückgekehrt, lässt der Raum eine Welt von gestern in ihrem Zauber, in ihrer Tragik aufleben.

Jüdisches Museum Wien:
Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938
Vom 4. November 2016 bis zum 1. Mai 2017,
täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr, Freitag nur bis 14 Uhr

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WIEN / Akademie: NATUR AUF ABWEGEN?

Bosch  Plakat von Website x

WIEN / Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste:
„NATUR AUF ABWEGEN? MISCHWESEN, GNOME UND MONSTER (NICHT NUR) BEI HIERONYMUS BOSCH“
Vom 04. November 2016 bis zum 29. Jänner 2017

Mensch auf Abwegen?

Hieronymus Bosch (ca.1450-1516) ist ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod Jahresregent der Kunst (so wie es Shakespeare zu seinem 400. Todestag in der Welt der Literatur ist). Eine Großausstellung kann sich Wien nicht leisten, wohl aber eine nicht so große, die seine Themen aufwirft und variiert. Ort des Geschehens kann natürlich nur die Akademie der bildenden Künste sein. Sie besitzt eines von den gar nicht so vielen erhaltenen Bosch-Werken, zumal eines der größten und berühmtesten: das „Weltgerichts-Triptychon“. Man hat es aus konservatorischen Gründen nicht einmal an die große Bosch-Jahresausstellung in s’Hertogenbosch (die gut 400.000 Besucher anzog!) verliehen. In Wien steht das Werk nun im Mittelpunkt der Ausstellung „Natur auf Abwegen?“ mit dem aufwendigen Untertitel „Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch“.

Von Heiner Wesemann

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Hieronymus Bosch   Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, aber er wurde wohl um 1450 in eine Künstlerfamilie hineingeboren (mit dem Geburtsnamen Jheronimus van Aken). Er übernahm die Berufs-Tradition seiner Vorfahren und Verwandten, er heiratete wohlhabend, und bannte die gar nicht erbauliche Welt des Mittelalters auf Leinwand und Zeichenpapier. Obwohl er nie Schönheitsideale bediente (oder gerade deshalb?), und im übrigens Orgien abgründiger Phantasie entfesselte, faszinierte er mit seinen Schöpfungen die damalige Welt. Der spanische König Philipp II. (der als extremer Katholik viel für die Schrecken der Hölle übrig hatte) besaß mehrere seiner Werke.

Großes Werk – wenig erhalten   Aus Boschs Schaffen sind nur 45 Bilder und Zeichnungen erhalten, die in der ganzen Welt verstreut sind und für jedes Museum eine besondere Kostbarkeit darstellen. (Das Kunsthistorische Museum besitzt nur einen einzigen Bosch, eine „Kreuztragung Christi“, an der weniger das fromme Sujet als die Darstellung des „Volkes“ ringsum interessant ist.) Als Hieronymus Bosch 1516 starb (man weiß nicht, woran), war er berühmt, heute gehört er zur Speerspitze jener Künstler, die man als die wichtigsten der Kunstgeschichte nennt.

Der Großmeister des Abgründigen       Hätte Bosch die Landschaften, Interieurs, Genrebilder und Porträts der niederländischen Schulen gemalt, er wäre einer von vielen. Doch er ließ seine Phantasie explodieren, er kombinierte Elemente der Wirklichkeit zu schauerlicher Wirkung, er schuf Monster, wie sie in der Kunstgeschichte nahezu singulär sind. Die Wiener Ausstellung hat an originalem Bosch nur den Altar (am Ende des Durchgangs durch die lange Halle) und die Federzeichnung „Das Höllenschiff“ (aus eigenem Besitz) zu bieten, wo Bosch ein Schiff durch den Kopf eines Menschen gestoßen hat. Aber allein, was dem Großmeister der Monster in seinem „Weltgericht“-Flügelaltar eingefallen ist, spottet jeder Beschreibung. Dass Christus samt Engeln und Heiligen über allem schwebt, erweckt beileibt nicht so viel Aufmerksamkeit wie das Grauen, das sich darunter entfaltet. Wobei der linke Flügel ein recht zweifelhafte Paradies (mit dem Engelssturz darüber) bietet, der Mittelteil eine schreckliche Welt, wo schon genügend „Teuflisches“ zu finden ist, und der rechte Flügel die Hölle nach allen Regeln der Kunst.

Bosch  Triptychon x

Monster und Mischwesen     Um das Böse, das rund um den Menschen zu finden ist, zu gestalten, ging Hieronymus Bosch die Phantasie nie aus. Da kann man es ruhig den Besuchern überlassen, von einem Erstaunen ins andere zu fallen. Von den verzerrten Leibern mit den Tierköpfen, von den Teufeln und Fabelwesen, den Bedrohungen und Verwundungen, kurz, den gemalten Albträumen. Aber Bosch war natürlich nicht der Einzige, dem solches einfiel – die Ausstellung bietet etwa einen an Skeletten reichen „Triumph des Todes“, den Jan Brueghel der Jüngere zwei Generationen nach Bosch malte und der den Zeitgenossen zweifellos auch unter die Haut ging.

Die Tradition des Schreckens      Überhaupt: das Groteske, Abnorme, das Überhöhte, das „Andere“ und „Fremde“, das zu fürchten ist und sich oft in Fabelwesen ausdrückt, gehört bis tief in die Antike hinab zur europäischen Tradition. Wenn die Ausstellung in jene Epoche kommt, die man auch „groteskes Barock“ nennt, dann kann ein „Kompositkopf“ des Archimboldo („Die Erde“ aus der Liechtenstein-Sammlung) nicht fehlen, der zeigt, dass Künstler doch noch „mehr“ vermögen als die Natur, indem sie diese pervertieren (in diesem Fall mit Hilfe von Tierkörpern). Dass zum Schauer auch der Humor kommen kann, beweisen etwa Rabelais-Illustrationen, und dass Hydra, Drache, Basilisk etwa zum festen Kanon europäischer Horrortradition zählen, erläutert die Ausstellung an einprägsamen Beispielen.

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Der schaurige Humor der Gegenwart      Jede Ausstellung wird heutzutage versuchen, die Vergangenheit mit der Gegenwart in Dialog zu setzen, und Kuratorin Martina Fleischer hat interessante Beiträge zum Schaurigen und Abartigen der Zeitgenossen zu bieten. Hier sind dann auch in großem Ausmaß „Objekte“ gefragt, vor allem Tiere – Schaf „Dolly“ am Foto im Grunde nur, um zu dokumentieren, wie weit der Mensch schon in der Wirklichkeit zur Künstlichkeit vorgedrungen ist. Noch stärkere Gänsehaut verursacht die „Vacanti-Maus“, der die Wissenschaftler (zwei Brüder) ein Riesenohr am Rücken angezüchtet haben. Was das in der Natur tatsächlich alle heiligen Zeiten vorkommende „Kalb mit zwei Köpfen“ ist, daran erinnern die Tierpräparate der Südtirolerin Irene Hopfgartner, in denen Vogelkörper ineinander gewachsen sind.

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Gemäldegalerie, Akademie der bildenden Künste, Nov. 2016

Die Versuche am Menschen    Und die Versuche von heute, den gestern noch gemalten und gezeichneten Schrecken zu realisieren, enden nicht bei den Tieren. Da wirkt es mehr als erschreckend, wenn ein Foto zeigt, wie der zypriotische Künstler Stelarc sich ein Ohr in seinen Arm einsetzen ließ (man würde es gerne für eine Fälschung halten, ist es aber wohl nicht). Und wie sieht ein Horrorgeschöpf heute aus? Es wird von dem Italiener Federico Bonaldi „Friedenstaube“ genannt und ist eine kleine Skulptur, Mischung aus Mops und Drache, blasphemisch und erschreckend gemeint – und wenn man trotzdem lacht, ist das vielleicht die Flucht des Besuchers vor so viel abgründiger Phantasie, wie diese Ausstellung sie entfesselt.

Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
„Natur auf Abwegen? Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch“
Bis zum 29. Jänner 2017, täglich außer Montag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

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WIEN / Winterpalais: HIMMLISCH!

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Fotos: © Belvedere, Wien, 2016 &
© Lviv National Art Gallery

WIEN / Belvedere / Winterpalais:
HIMMLISCH!
Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel
Vom 28. Oktober 2016 bis zum 12. Februar 2017  

Bei ihm kann Holz fliegen…

Er hieß „Pinsel“, aber er malte nicht, sondern schuf die unglaublichsten, stärksten Werke aus Holz: Johann Georg Pinsel, der Barockbildhauer, von dem man persönlich nichts weiß, der uns nur einen Teil seiner Werke hinterlassen hat. Für uns „entdeckt“ wurde er von der Direktion und den Kuratoren des Belvederes im Zusammenhang mit einer für die Zukunft geplanten Sobieski-Ausstellung. Nun lernt man diesen Künstler, der „vielleicht“ aus Österreich stammte, im 18. Jahrhundert im einstigen „Polen / Litauen“ arbeitete und dessen Werke heute der Ukraine gehören, im Winterpalais kennen. Fast eine Sensation.

Von Renate Wagner

Johann Georg Pinsel    Mit der Wiederentdeckung seines Werks wuchs die Neugier bezüglich seiner Person, aber obwohl Wissenschaftler mit Fleiß durch alte Dokumente gestiegen sind, weiß man so gut wie nichts über Johann Georg Pinsel (früher auch „Pinzel“ geschrieben). Nur, dass er wohl um 1761 oder 1762 gestorben ist, sonst hätte seine Frau nicht wieder geheiratet (zwei Söhne der beiden sind in den Kirchenbüchern von Butschatsch, seinem Wohnsitz, verzeichnet). Irgendwo fand man den Hinweis, „Er muss aus Wien gewesen sein“, Belege dafür gibt es nicht. Tatsächlich ist der ganze Mann ein Geheimnis, und was man von ihm weiß, hat die Wissenschaft aus stilkritischen Unersuchungen geschlossen.

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Die Welt der vazierenden Künstler    Das 18. Jahrhundert war in hohem Maße von der Migration der Künstler geprägt. Das traf sowohl die Musiker wie die bildenden Künstler: Man ging dorthin, wo man die beste Ausbildung erfuhr (und wohl auch Kontakte knüpfte), und schließlich wanderte man der Arbeit nach. So kann es sehr wohl sein, dass Pinsel mit dem Wunsch (und auch offenbar der besonderen Fähigkeit) als Bildhauer, voran Holzschnitzer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, möglicherweise von Wien ausgehend die Zentren für diese Kunst aufsuchte. Die lagen im Tirolerischen, im Süddeutschen, aber auch im Böhmischen und Mährischen Raum. Dort vermutet ihn Kurator Georg Lechner am ehesten, denn dort herrschte – im Gegensatz zur eleganteren, in Österreich gepflegten Form – jener expressive Stil vor, dessen Meister Pinsel werden sollte. In der Folge ortet man ihn nach seinen Werken an verschiedenen Stellen der damaligen Adelsrepublik Polen – Litauen, rund um Lemberg, die bald nach Pinsels Tod dann 1772 als Königreich Galizien-Lodomerien an die Habsburger Monarchie kam. Heute sind es die Wissenschaftler der Ukraine, die sich um Pinsel verdient gemacht haben. Viele seiner Werke gingen während der Sowjetzeit einfach verloren – manches konnte man an seltsamen Orten wieder finden, etwa als Friedhofsstatue…

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Zentrum Butschatsch    Die Stadt Butschatsch, die nicht groß ist, aber zahlreiche Kirchen und ein Rathaus aufwies (im 20. Jahrhundert wurde hier Simon Wiesenthal geboren), war wohl Pinsels Lebensmittelpunkt. Offenbar fand er in dem reichen polnischen Magnaten Nicholas Basil Potocki, von dem es in der Ausstellung ein Porträt  zu sehen gibt und der in Butschatsch eine Burg besaß, einen Gönner. Für die katholische Kirche zu arbeiten, war damals eine ergiebige Profession, und Pinsel tat es auch in Stein, aber seine Fassaden-Figuren sind weit weniger zahlreich als das, was er, holzgeschnitzt, als Innenschmuck für zahlreiche Kirchen schuf. Er war viel beschäftigt, hatte eine Werkstatt mit Mitarbeitern und Schülern, die seinen Stil über seinen Tod hinaus bewahrten.

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Heilige, Engel, Helden… Und dann steht man vor jenen 19 Holzskulpturen, die aus Lemberg zu uns kamen, und kann nur staunen, wie hier ein Künstler mit genialem Schwung die Schwerkraft aufgehoben zu haben scheint, manches „fliegt“ geradezu in den Himmel, anderen bleibt kraftvoll auf der Erde, und wenn Samson den Löwen bekämpft, dann spielen seine Muskeln und die Krallen des Tieres drohen, die Dramatik ist unglaublich. Nicht anders als „expressiv“ kann man Pinsels Skulpturen beschreiben, auch wenn er sich bei Engeln, Allegorien oder Christus am Kreuz in seiner Bewegtheit zurückhält (doch man betrachte die schaurige Deutlichkeit, mit der er die von einem Nagel durchstoßenen Füße gestaltet). Wo immer es legitim möglich ist, schnitzte er überbordende Gewänder mit wildem Faltenwurf, und er bearbeitete das Holz hart, kantig, schuf schmale, oft böse wirkende Gesichter. Gelegentlich ist er so „modern“, dass man sich nicht wundern würde, wenn man das eine oder andere in einer Ausstellung eines Zeitgenossen präsentiert bekäme. Die vom Belvedere selbst beigestellten Werke von Troger oder Maulbertsch zeigen, wie vergleichsweise „leicht“ es war, Figuren zu malen, denen Pinsel einen Körper verlieh.

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Das Winterpalais    Ein Barockmeister wie Pinsel passt perfekt in das barocke Winterpalais des Prinzen Eugen, von dem man zuletzt gehört hat, das Finanzministerium wünsche die Räumlichkeiten zurück. Das Belvedere, das ja im „Sommerschloß“ des Prinzen Eugen wohnt, war natürlich die idealen Institution, auch diese großartigen Räumlichkeiten zu betreiben, die mit ihren Ausstellungen und den Räumen selbst eine echte Bereicherung für Wien (auch den Tourismus) darstellen. Agnes Husslein, die ihre letzten Monate als Direktorin mit bemerkenswerter Standhaftigkeit absolviert, erklärte, dass sie zwei Ausstellungen für 2017 fertig positioniert hat. Ab 24. Februar 2017 wird „FRIVOL – VULGÄR – GEWAGT. Fashion Redefined“ aus dem Londoner Barbican Centre übernommen, über 120 Objekte von der Renaissance bis zum 21. Jahrhundert reflektieren dann über den Geschmack in der Mode. Anschließend gibt es eine historische Ausstellung über jenen Polenkönig Jan Sobieski, der die Wiener 1683 vor den Türken rettete,  an den eine Gedenktafel an der Augustinerkirche erinnert und nach dem man eine Kirche am Kahlenberg benannte. Damals hat sich auch, wie erinnerlich, der junge Prinz Eugen seine ersten militärischen Sporen verdient. Bei den Vorarbeiten zu dieser Ausstellung ist man auf Johann Georg Pinsel gestoßen… Ab 2018 will das Finanzministerium den Vertrag mit dem Belvedere wieder lösen, Agnes Husslein bedauert, dass sie die geplante Ausstellung über das britische Skandalgenie Damien Hirst nicht bis zur Unterschrift fixieren konnte (und damit bis ins Jahr 2018 gekommen wäre) … Jedenfalls wird ihre Nachfolgerin auch daran gemessen werden, ob sie diesen für das Gesamtpaket „Belvedere“ und Prinz Eugen so wichtigen Ort halten kann.

Winterpalais (Himmelpfortgasse 8, 1010 Wien)
Himmlisch!
Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel
Bis 12. Februar 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: POETIKEN DES MATERIALS

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WIEN / Leopold Museum: 
POETIKEN DES MATERIALS
Vom 21. Oktober 2016 bis zum 30. Jänner 2017 

Leopold Poetik Mayer
 Christian Kosmas Mayer / Alle Fotos: Leopold Museum

Auf neuen Wegen

Dass mit Hans-Peter Wipplinger als Direktor im Leopold Museum vieles anders werden würde, war klar. Er hat bisher die Verbindung zwischen dem, was das Haus ausmacht, und der Moderne gesucht, aber keinerlei Zeit verloren, diese zeitgenössische Kunst allein in den Mittelpunkt einer Ausstellung zu stellen. Im Tiefgeschoß finden sich unter dem Motto „Poetiken des Materials“ sieben Künstler (sechs Schwerpunkte, denn zwei arbeiten gemeinsam) zusammen. Grundsätzlich muss man sagen, dass Ausstellungen wie diese nur ein paar Schritt weiter – im MuMok, in der Kunsthalle – von der Tradition und vom Publikum her goldrichtig wären. Bei Leopold wirkt sie vergleichsweise aufgezwungen. Andererseits – wer weiß, ob der immer so wache Rudolf Leopold, ruhte er nicht auf dem Grinzinger Friedhof, nicht auch neue Wege gegangen wäre?

Von Renate Wagner

Leopold Poetik Pöschl
Mathias Pöschl

Zitat   Weitverbreitet ist heute die Überzeugung, dass die Realität in zunehmendem Maß hinter der künstlich erzeugten medialen Bilderflut „verschwindet“. Trotz – oder gerade wegen – der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche lassen sich gegenwärtig im Bereich der Kunst unter dem Schlagwort eines „Neuen Materialismus“ Strategien beobachten, welche dem Material sowie materiellen Phänomenen der Wirklichkeit einen hohen Stellenwert einräumen. Diese künstlerischen Bestrebungen sind nicht als schlichte Reaktion auf die Entmaterialisierung der Lebenswelt misszuverstehen. Vielmehr operieren sie auf dem dadurch bereiteten Feld. Denn zeitgenössische Kunst, die dem „Neuen Materialismus“ zugeordnet werden kann, verleiht der gegenseitigen Durchdringung von materiellen Phänomenen und immateriellen Aspekten der Wirklichkeit Ausdruck. Letztere zeigen sich etwa in der Bedeutung der Sprache oder der kulturellen Prägung von Wahrnehmung. Bei den in der Ausstellung Poetiken des Materials versammelten Werken handelt es sich demnach um Kunst, die, so Christiane Heibach, „das Materielle und dingorientierte Aspekte in der Beschreibung von Kultur und Gesellschaft zwar in den Vordergrund rückt, ihre immateriellen Ordnungs- und Spiegelfunktionen aber nicht leugnet und Dinge als Akteure von Netzwerken kultureller Prozesse versteht.“ Gemeinsam ist den Arbeiten von Benjamin Hirte, Sonia Leimer, Christian Kosmas Mayer, Mathias Pöschl und Anne Schneider sowie dem Beitrag von Misha Stroj und Michael Hammerschmid daher der Einsatz vorgefundener Objekte, Alltagsgegenstände und „kunstfremder“ Materialien. Diese werden als Träger kultureller Bedeutungsgehalte hinterfragt. Eingebunden in die Struktur der vorwiegend skulpturalen und installativen Kunstwerke werden ihre Ästhetik und Geschichtsträchtigkeit freigelegt sowie ihr semantischer Gehalt analysiert – und dies häufig auf der Basis eines spielerischen Wechselverhältnisses von Material und Sprache.
Diese Erklärungen verdankt man vermutlich Kuratorin Stephanie Damianitsch und zeigen, wie schwierig die sprachliche Vermittlung zwischen bildender Kunst und verbaler Interpretation mitunter sein kann.

Leopold Poetik Leimer  Leopold Poetik Misha StrojMichael Hammerschmid
Sonia Leimer  /  Misha Stroj und Michael Hammerschmid

Theorie und Realität   So weit der theoretische Überbau dieser Ausstellung. Tatsächlich handelt es sich, wie Wipplinger selbst ankündigte, um eine neue Reihe großer zeitgenössischer Ausstellungen, wobei in diesem Fall  sechs Künstler „jeweils fast eine Personale“ erhalten. Die Objekte liegen großzügig verstreut in den großen Räumen. Die Wände bleiben unbeschriftet – auf Anhieb keine Hilfestellung, welcher Künstler hier was geschaffen hat. Ein Tipp: Die A 4 großen Zettel, die man an den Wänden aus Behältern entnehmen kann, enthalten nicht immer dieselbe Information, sondern berichten dann über die einzelnen Künstler, so zart gedruckt und klein geschrieben allerdings, dass man neben der Lesebrille auch am besten eine Lupe bei der Hand hätte. Oder man geht durch die Ausstellung, ohne sich über das Wer und Was und Warum den Kopf zu zerbrechen (theoretische Erklärungen sind überflutend zu haben, praktikabel für das Verständnis sind sie nicht), und sieht, was zu sehen ist.

Leopold Poetik Schneider 1 Leopold Poetik Schneider 2
Anne Schneider

Rosa und Blau, Holz und Metall     Anne Schneider (* 1965 in Enns) hat gleich links vom Eingang ihren eigenen „Saal“. Was ihre meist rosa ummantelnden Stelen bedeuten, muss man sich aus der Erklärung holen, aber die Mischung aus Beton darunter (sieht man nicht) und Textilien ist zumindest amüsant („Beton und Textilien, wie Anne Schneider sie verwendet, stehen nicht nur für sich selbst. Sie bringen hier auch ihre Geschichte und Funktion mit, erzählen vom Bauen und von der Kleidung. Und so verweisen Schneiders Plastiken nicht zuletzt auf die Strategien des Menschen, seine Existenz zu bewältigen.“) Christian Kosmas Mayer (*1976 Sigmaringen) lenkt das Auge auf blaue Zäune, blau bemalte Baumteile. Die weiteren „skulpturalen und installativen Kunstwerke“ bieten, wenn man sie durchschlendert, durchaus rätselhafte Schauwerte. Mit versuchten Erklärungen kann man sich das Hirn verrenken oder dies den berufenen Interpreten überlassen und sich durch deren Texte durchbeißen, auf dass man dann gescheiter ist oder nicht. Am Ende weiß man nicht, ob man sich auf einem grundsätzlichen Irrweg für das Haus befindet – oder ob man dem Kuratorium des Leopold Museums für seine Offenheit gratulieren soll. Take your pick.

Leopold PoetK Hirte
Benjamin Hirte

Leopold Museum
POETIKEN DES MATERIALS
Benjamin Hirte, Sonia Leimer, Christian Kosmas Mayer, Mathias Pöschl, Anne Schneider, Misha Stroj und Michael Hammerschmid
Zweites Untergeschoß
Bis 30. Jänner 2017, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

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