Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: VICTOR HUGO

Hugo Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
VICTOR HUGO
DER SCHWARZE ROMANTIKER
Vom 17. November 2017 bis zum 15. Jänner 2018

Die Freiheit des Schaffens

Wer „Victor Hugo“ sagt, denkt an den „Glöckner von Notre Dame“ und an „Les Miserables“, um an seine berühmtesten Romane zu erinnern, und Opernfreunde wissen auch, dass er mit einigen seiner romantischen Stücke Vorlagen zu manchem Opernlibretto geliefert hat. Kurz, Victor Hugo (1802–1885) lebt als Dichter im Bewusstsein der Nachwelt. Das Leopold Museum jedoch belehrt in seiner bereits zehnten Ausstellung des Jahres 2017 dahingehend, dass – was die wenigsten wussten – Victor Hugo ein Doppeltalent war, der in frühen Lebensjahren sogar vor der Entscheidung stand: Dichter oder bildender Künstler? Der Dichter ist es geworden – aber gezeichnet und aquarelliert hat er nebenbei sein Leben lang.

Von Heiner Wesemann

Victor Hugo   Geboren am 26. Februar 1802 in Besançon als Sohn eines Generals, war er ein Kind der Napoleonischen Ära, wuchs nicht nur in Paris, sondern auch in Neapel und Madrid auf. Er schrieb vom frühen Alter an und behielt das bei (während er sein zeichnerisch-malerisches Talent „nebenbei“ laufen ließ). In seinen literarischen Werken zeigte er sich gleicherweise der Romantik wie dem Realismus verpflichtet – „gemütlich“ waren seine Themen nie. Mochte er ideologisch zu Beginn noch ein Konservativer gewesen sein, so mutiert er zum Regimekritiker und Republikaner, was ihm unter Napoleon III. das Schicksal der Verbannung eintrug (dort widmete er sich in „Les Miserables“ paradigmatisch dem Schicksal der Elenden in der Gesellschaft). Er lebte von 1851 bis 1871, als der dritte Napoleon gestürzt wurde, vorwiegend auf den (britischen) Kanalinseln – und weil das Meer für ihn emotional auch als Maler eine so große Rolle spielte, hat Kurator Ivan Ristic für die Wände des Hugo-Ausstellungsraumes im Leopold Museum die Farbe Blau gewählt – tiefblau. Victor Hugo kehrte hoch geehrt nach Paris zurück, wo er am 22. Mai 1885 starb.

Hugo Raum~1

Doppeltalente       Doppeltalente in der Kunst sind bekannt, wenige konnten in beiden Genres schrankenlos so reüssieren wie etwa Wilhelm Busch, der seine Schreibfeder und seine Zeichenfeder so genial verband. Adalbert Stifter würde man heute unter den österreichischen Malern führen, wäre er nicht ein noch größerer Dichter gewesen. Oskar Kokoschka hätte seinen Platz in der Literatur des österreichischen Expressionismus, kennte man ihn nicht als großen Maler. Meist hat ein Talent das andere, auch wenn es groß war, zumindest in der Wahrnehmung der Mit- und Nachwelt unterdrückt. So auch bei Victor Hugo, dem Hobbymaler, der in nur einem Raum im Leopold Museum zur Entdeckung wird.

Der schwarze Romantiker   Goya, Callot, Piranesi hat man als Referenzvergleich herangezogen, um Hugos zeichnerisch / malerisches Werk einzuordnen. Vielleicht war er im Einsatz seiner Mittel so schrankenlos und inkonsequent, weil er sich nicht als „Berufsmaler“ fühlte, sondern nach Lust und Laune vorgehen konnte. Das gewährte ihm die Freiheit, vielfach nach dem Zufallsprinzip zu arbeiten und absolut abstrakte, ja absurde Effekte zu erzielen. Das wiederum ist es, was vielen seiner Werke einen so „modernen“ Touch verleiht,  dass man sie nicht ins 19. Jahrhundert versetzen würde, sondern für zeitgenössisch halten könnte.

Hugo Totenkopf~1  Hugo Schloss~1

Sie kennen meine Sudeleien?     Victor Hugo hat sich selbst ironisch über seine Werke ausgelassen, aber schon die Mitwelt, die seine malerischen Produkte kannte, nahm ihn ernst. Und im Leopold Museum ist man stolz, nun mit etwa 60 seiner Werke dem bildenden Künstler Victor Hugo in Wien die erste monographische Ausstellung zu widmen. Man sieht kleinformatige Werke, die nicht nur technisch (Hugo „spielte“ auch damit, etwa Kaffeesatz als Malmittel zu verwenden!), sondern auch inhaltlich ungemein vielseitig sind – von schaurigen Totenköpfen bis zu düsteren Ruinen, gleichfalls meist düster gehaltenen Landschaften oder Meeres- und Schiffs-Darstellungen, bis zu geradezu collagehaften Werken, in denen er auch Buchstaben verarbeitete. Er ist schlechtweg surreal, wenn man in einem übersteigerten „Champignon“ ein Menschengesicht zu erkennen meint, was auch mit etwas Phantasie möglich ist, wenn man seine Darstellung eines Dolmen betrachtet (Darum lautet der Titel wohl auch: „Dolmen, wo zu mir der Schattenmund sprach“…). Und ein Werk wie „Spitzen und Gespenster“ zeigt einfach nur die Lust am Möglichen, das keinem Zweck dienen muss.

Hugo Champignon x~1  Hugo Klecks~1

Flecke und Kleckse      Ob Spinnennetze, ob titellose Farbflecken, ob „Klecksografien“ (wie das Museum sie nennt), Hugo war seiner Zeit weit voraus, wenn man bedenkt, was und wie damals in Europa, zumal in Frankreich, dem Land der Malerei, auf diesem Gebiet geschaffen wurde. Hätte er seine Bilder verkaufen müssen, er hätte anders gemalt. Es ist die Freiheit des Schaffens, die nur ein Nicht-Profi hat, die sich hier auf die interessanteste Weise manifestiert.

Leopold Museum:
Victor Hugo. Der schwarze Romantiker
Bis 15. Jänner 2018,
täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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WIEN / Theatermuseum: VON TRIEST NACH RIO DE JANEIRO

Ender Blick in die Ausstellung~1

WIEN / Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien
zu Gast im Theatermuseum:
THOMAS ENDER
VON TRIEST NACH RIO DE JANEIRO
Vom 8. November 2017 bis zum 18. Februar 2018

Bilder einer Reise

Erzherzogin Leopoldine, Tochter von Kaiser Franz I., war die erste von drei Frauen, die den Titel einer „Kaiserin von Brasilien“ trugen. Ihr in vielen Gebieten so interessierter Vater sandte 1817  im Kielwasser der Tochter eine ganze Expedition von Wissenschaftlern und Künstlern mit nach Südamerika, um aus dem in Europa noch weitgehend unerforschten Land „Exotisches“ zurückzubringen: Tiere, Pflanzen, Mineralien, Gegenstände des täglichen Lebens und natürlich Ansichten, wie nur Maler sie vermitteln konnten. Unter ihnen war Thomas Ender (1793-1875), später einer der großen Aquarellisten und Landschaftsmaler der österreichischen Kunst, hier in seinen frühen zwanziger Jahren, doch schon ein wahrer Könner. 28 Blätter dieser Reise sind nun als „Gastspiel“ der Akademie der bildenden Künste Wien im Theatermuseum zu sehen. Es mögen „nur“ Kleinformate sein, aber das genaue Hinschauen lohnt sich. Eine Kostbarkeit.

Von Renate Wagner

Die Akademie im Theatermuseum   Der Sachverhalt ist bekannt, die Akademie der bildenden Künste musste zwecks Restaurierungsarbeiten für drei Jahr „ihr“ Haus, die Akademie am Schillerplatz, verlassen. Viele ihrer kostbarsten Gemälde und natürlich der „Bosch-Altar“ haben im ersten Stock des Theatermuseums im Palais Lobkowitz „Unterschlupf“ gefunden. In diesen Räumlichkeiten gibt es auch einen „Gang“, viel zu schmal, um dort Ölgemälde zu zeigen. René Schober, Kustode des Kupferstichkabinetts der Akademie, hat die Gelegenheit benützt, um hier eine kleine, aber sehr feine Sonderausstellung zu bieten. Sie widmet sich raumgebedingt einer nicht umfangreichen, aber besonders interessanten Auswahl von Werken, die Thomas Ender auf der Reise nach Brasilien geschaffen hat.

Ender Musizieren auf der Austria x
Musizieren auf der „Austria“

Das weniger Bekannte zeigen   Dabei hat man aus den 763 Zeichnungen und Aquarellen, die in 19monatiger Abwesenheit von Wien entstanden sind, nicht die bekannten und öfter gezeigten Brasilien-Ansichten wählte – nur ganz am Ende steht, quasi als „Drüberstreuer“, der Zuckerhut -, sondern die Werke, die Ender zu Beginn der Fahrt zwischen Mittelmeer und Atlantik schuf, also in Triest, Pula, Malta, Gibraltar und Madeira.

Ein 23jähriger bricht auf     Thomas Ender und sein Zwillingsbruder Johann Nepomuk wurden am 3. November 1793 als Söhne eines Altwarenhändlers am Spittelberg geboren. Thomas’ Talent war schon während des Studiums aufgefallen, aber wahrscheinlich hätte er nie die Chance bekommen, bei der Brasilien-Expedition dabei zu sein, wenn der allmächtige Fürst Metternich nicht auf ihn aufmerksam geworden wäre. So konnte der 23jährige am 28. März 1817 von Wien aus in Richtung Triest aufbrechen, wo er am 7. April eintraf und am 10. an Bord der österreichischen Fregatte “Austria” in See stach. Schon die kurze Zeit in Triest hatte er für sechs erste Werke genützt. Die Wissenschaftler können an den Bildern dieser Reise geradezu mitansehen, wie Enders Fähigkeiten von Werk zu Werk wuchsen, wie er aus der Erfahrung des Arbeitens lernte.

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Das Amphitheater von Pula

Auf stürmischer See     Die damaligen Schiffe unterschieden sich gewaltig von den riesigen Kreuzfahrschiffen von heute, denen kein Wetter etwas anhaben kann. Die Fregatte “Austria” war ein Segelschiff mittlerer Größe, das bereits an seinem ersten Tag in der nördlichen Adria wegen heftiger Stürme an der Küste Istriens entlangnavigieren musste. Am nächsten Tag gab es einen so gewaltigen Sturm, dass sich auch ältere Seeleute an nichts Ähnliches erinnern konnten (man kann sich vorstellen, wie eine 23jährige Landratte aus Wien das empfand!) und der Bugspriet des Schiffes brach. Man musste also im Hafen von Pula Zuflucht suchen. Ender benützte die Gelegenheit, die Stadt zu erforschen, und zeigte sich vor allem von ihren römischen Überresten fasziniert, den Tempeln und natürlich dem Amphitheater, das bis heute Besucher der Stadt in den Bann schlägt. Der achttägige Aufenthalt brachte 7 Werke hervor, die Ausstellung zeigt drei davon, eine Tempel-Ansicht, zweimal das Amphitheater, wobei Ender schon damals seine Blickwinkel variierte (das Innere des Amphitheaters ist in voller Breite auseinandergezogen). Am 20. April 1817 konnte die Reise fortgesetzt werden.

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Malta, der Hafen von La Valetta

Von Küsten und Städten    Die längere Zeit auf dem Schiff benützte Ende dazu, die vorbeiziehenden Landschaften festzuhalten, wobei er nach und nach stark stimmungshafte Elemente einsetzte. Man fuhr vorbei an Korfu, das Kaiserin Elisabeth (die damals noch nicht geboren war) später so viel bedeuten sollte, an Sizilien und Sardinien. Dann musste man wieder wetterbedingt eine Landung einlegen, diesmal in der britischen Kronkolonie Malta, deren Hauptstadt die Malteserritter zu einer so gewaltigen Festung ausgebaut hatten. “Der Hafen von La Valetta” wirkt in der Aquarellform wie die Vorarbeit für ein mögliches großes Bild. Nur bei genauem Hinsehen merkt man, dass der Künstler sich hier in den Dimensionen verschätzt hat – um links noch Bäume als “Rahmen” für das Hafenbecken hinzuzufügen, musste er einen Papierstreifen ankleben…

Ender Gibraltar Spitze von Europa x
Gibraltar

In Richtung Atlantik   Am 1. Mai 1817 ging es von Malta weiter in Richtung Gibraltar, ebenfalls eine britische Enklave. Das Meer war so unruhig, dass man dort Mitte des Monats drei Wochen lang bleiben musste, was Ender die Möglichkeit gab, die Felsenlandschaften geradezu “dramatisch” zu beschwören. 4 Panoramen und 29 Ansichten von Gibraltar waren das Ergebnis seines Fleißes. Am 3. Juni 1817 ging es schließlich weiter, wobei der letzte Zwischenstopp auf der Insel Madeira eingelegt wurde (später Exil- und Begräbnisort des letzten österreichischen Kaisers Karl). Madeira war in portugiesischem Besitz, und es war der Kronprinz aus dem portugiesischen Haus Braganza, den Erzherzogin Leopoldine am 13. Mai 1817 per procurationem geheiratet hatte, worauf sie sich (mit einem andern Schiff) nach Brasilien aufmachte, um ihren Gatten kennen zu lernen (die portugiesische Königsfamilie war vor Napoleon in ihre Kolonie Brasilien geflüchtet). Mehrere Ansichten von Madeira stehen am Ende der Ausstellung (abgesehen – wie erwähnt – von dem berühmtesten Rio-Motiv).

Die wahre Arbeit beginnt   Als die „Austria“ am 6. Juni 1817 Funchal verließ und am 14. Juli 1817 in Rio de Janeiro ankam, hatte man 92 Reisetage hinter sich, wobei Ender das Leben auf dem Schiff dokumentiere (wo man auch seine eigene, von ihm verewigte Kapelle hatte, um sich mit Musik die Zeit zu vertreiben). Erzherzogin Leopoldine war noch nicht in Brasilien eingetroffen, aber die österreichische Mannschaft nahm ihre Arbeit auf. Ender, der mit ungeheurem Fleiß im ganzen über 700 Zeichnungen und Aquarelle nach Wien zurück brachte, erkrankte in Brasilien mehrfach, blieb aber dennoch fast ein Jahr lang dort. Erst am 1. Juni 1818 trat er (dennoch früher als vorgesehen) seine Rückreise an.

Die Karriere eines Künstlers   Obwohl man ihm lange Zeit einen Großteil seines verabredeten Honorars nicht auszahlte, konnte Thomas Ender sich über seine weitere Karriere nicht beschweren: Metternich erhielt ihm seine Gunst, ein Stipendium ermöglichte ihm einen langen Italien-Aufenthalt, und später machte er fast ein Vierteljahrhundert lang als einer der Kammermaler von Erzherzog Johann sich und diesem Ehre (die Albertina hat ihm und seinen Kollegen in dieser Eigenschaft 2015 eine besonders schöne Ausstellung gewidmet). In Johanns Diensten kam er auch als Reisender bis in den Vorderen Orient. Thomas Ender starb am 28. September 1875 in Wien und ist auf dem Zentralfriedhof begraben.

Bis 18. Februar 2018,
Täglich außer Dienstag 10 – 18 Uhr
Der Katalog enthält alle gezeigten Werke und eine Einführung zum Thema

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WIEN / Weltmuseum neu eröffnet

Weltmuseum Briefmarke~1

WIEN / Weltmuseum (WMW) neu eröffnet
Permanente Schausammlung im Mezzanin

Alte Schätze, neu kommentiert

Die Räumlichkeiten sind dieselben, die gebotenen Schätze sind es auch, und doch ist aus dem einstigen „Museum für Völkerkunde“ am Heldenplatz nun das „Weltmuseum Wien“ (mit dem Kürzel WMW) geworden, und die Präsentation der Objekte ist ebenso eine andere wie der Zugang, den man gerade heute zur Problematik dieser Art von Museen nimmt. Vieles neu also in einem Haus, das trotzdem nach wie vor den Reiz der Exotik, den Zugang zu fremden Lebens- und auch Denkwelten bietet.

Von Renate Wagner

Weltmuseum Eingangshalle~1

Einladung zum Schnuppern   Das Weltmuseum spielt sich auf zwei Ebenen ab (der oberste Stock des Gebäudes, mit der Eintrittskarte zugänglich, ist nach wie vor der höchst sehenswerten Hof-, Jagd- und Rüstkammer gewidmet). Im Parterre, wo nun ein einladendes Café und ein großzügiger Bookshop warten, gibt es in den Ausstellungsräumen einzelne „Gustostücke“ – Werke, die von den jeweiligen Kuratoren ihrer Abteilungen ausgewählt wurden (und die sie auf kleinen Videoschirmen auch kommentieren). Die Eintrittskarte wird erst verlangt, wenn man die Treppen hochgeht – das Schnuppern im Parterre ist also kostenlos, lädt zum Besuch ein, verpflichtet aber noch nicht zum Kauf einer Karte.

Weltmuseum Federschmuck~1

Der Kopfschmuck liegt jetzt…     Man kennt zum großen Teil, was den Besucher in den 14 Sälen des Mezzanins (das eigentlich der erste Stock ist) erwartet, wobei es vielleicht nicht die optimale Entscheidung war, das berühmteste aller Objekte, den altmexikanischen Federkopfschmuck „Penacho“ (früher hat man „die Krone des Montezuma“ dazu gesagt) halb liegend (und noch dazu auf dunklem Hintergrund!) zu präsentieren: gerade stehend (wie er früher zu sehen war) ist er entschieden wirkungsvoller. In diesem Saal zeigt sich, wie in den anderen, gleich beim Eintritt die Tendenz, Stücke der Vergangenheit mit Gebrauchsgegenständen von heute zu konfrontieren, also beispielsweise die Frage nach „Mexiko“ bis in die Gegenwart herauf zu ziehen.

Weltmuseum Indianerkopfschmuck~1  Weltmuseum Badeballkappen~1

Orient, Ferner Osten, Südsee     Dicht gestellt und gehängt, reich beschriftet (aber bei den Objektbeschriftungen oft zu klein, um gut lesbar zu sein, weil alle Räume sich in schummrigem Halbdunkel befinden, um die Objekte zu schonen), entfaltet sich der Reichtum dessen, was man besitzt, mit spektakulären Höhepunkten, ob es ein großer roter chinesischer Thron-Stellschirm ist, ob das einen halben Raum ausfüllende Modell einer japanischen Daimyo-Residenz, ob jene Federbüste aus Hawai, die das Museum auch als Motiv wählte, als eine Briefmarke zur Wiedereröffnung des Hauses ausgegeben wurde. Man ist reich bis überreich an Altem, schlägt aber immer die Brücke zum Neuen – eine Phalanx von Baseball-Kappen scheint einen mächtigen indianischen Kopfschmuck, der ihnen gegenüber hängt, geradezu zu grüßen…

Weltmuseum Erbeutet~1

Woher kommt das alles?     Das Museum schlägt immer wieder die Brücke zur eigenen Vergangenheit, ob man den Bezug zu Brasilien würdigt (als Erzherzogin Leopoldine Kaiserin von Brasilien wurde, schickte ihr Vater, Kaiser Franz I., eine große wissenschaftliche Expedition ins Land, die mit reichen Beständen und auch Erkenntnissen wieder kam), ob man an die großen Forscher der Wiener Völkerkunde (etwa Etta Becker-Donner) erinnert. Es liegen kostbare alte Reiseberichte (damals vor allem mit Kupferstichen reich bebildert) aus, aber man fragt auch nach Kolonialismus (wobei für Österreich hier die Unschuldsvermutung gilt, die Habsburger-Monarchie hat fremde Welten nicht ausgebeutet wie Briten, Franzosen, Spanier, Belgier u.a.), nach Sammelwahn, nach dem „Kulturkampf“, der auf das Urteil der Minderwertigkeit nichtweißer Völker hinauslief. Natürlich ist auch Wanderung ein Thema, das zur heutigen Migration führt, und so bleibt nichts in dieser Neuaufstellung des Alten unkommentiert.

Weltmuseum Japanischer Palatst~1  Weltmuseum Chinesischer Wandschirm~1

Viele Besuche nötig     Die Bestände des Museums gehen in die Hunderttausende, aber allein das Gezeigte übersteigt das Fassungsvermögen bei nur einem Besuch. Man muss immer wieder kommen und sich möglichst auf einen Bereich konzentrieren, wenn man wirklich tiefer in die hier gebotenen Welten und Gedankengänge eintreten will. Nun, das Weltmuseum ist offen und lädt ein. Ein kostenloser Raumplan liegt auf. Sonderausstellungen mit Werken zeitgenössischer Künstler gibt es in den Räumlichkeiten rechts an der Eingangshalle.

Weltmuseum Wien, Heldenplatz
Geöffnet täglich außer Mittwoch 10 bis 18 Uhr, am Freitag
bis 21 Uhr
Es gibt eine Jahreskarte um € 44
Ein Online-Ticket kann digital im Internet oder auf dem Smartphone gebucht werden

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BONN/ Bundes-Ausstellungshalle: DER GEHOBENE KUNSTSCHATZ VON CORNELIUS GURLITT

BONN/ Bundesausstellungshalle: Der gehobene Kunstschatz von Cornelius Gurlitt

 Von Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger

 Die Falknerin von 1880 von Hans Makart Foto Andrea Matzker P3720552
Die Falknerin von 1880 von Hans Makart. Foto: Andrea Matzker

Flusslandschaft von Jan Brueghel dem Jüngeren Foto Andrea Matzker P3720578
Flusslandschaft von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601 bis 1678). Foto: Andrea Matzker

Parallel zum Kunstmuseum Bern zeigt die Bonner Bundesausstellungshalle unter dem Titel “Bestandsaufnahme Gurlitt” bis Mitte März 2018 bisher verborgene Schätze der Sammlung und des Nachlasses Gurlitt und stellen sie somit erstmals einer breiten Öffentlichkeit vor. Die Berner Schau konzentriert sich auf den Aspekt “Entartete Kunst“, wohingegen die Bonner Ausstellung die problematische Rolle des Kunsthandels während der Nazizeit beleuchtet. Da über den weiteren Verbleib der meisten dieser Kunstwerke noch nicht entschieden ist, empfiehlt sich ein Besuch der Bonner Ausstellung unbedingt, da es sich zum größten Teil um ausgesprochene Kostbarkeiten verschiedenster Perioden handelt, die man womöglich nie mehr zu sehen bekommt. Die Sammlung umfasst rund 250 außergewöhnliche Kleinode, köstliche, gerade postkartengroße Zeichnungen und Gemälde, ebenso wie großflächige, höchst beeindruckende Meisterwerke. Viele schriftliche Aufzeichnungen und exemplarische Biografien von Zeitgenossen runden die Ausstellung ab und zeigen auf, wie problematisch die Erstellung einer ausführlichen, zuverlässigen und ununterbrochenen Provenienzgeschichte eines Kunstwerkes ist.

Domitilla von Peter Paul Rubens Ausschnitt aus dem Jahr 1606 Foto Andrea Matzker P3720562
Domitilla von Peter Paul Rubens. Ausschnitt aus 1606. Foto: Andrea Matzker

Diese Auflistung ist allerdings auch bei vielen Werken, die nicht der sogenannten “Raubkunst” angehören, schwierig zu erstellen und oft genug raffiniert gefälscht worden. In jedem Fall haben sich der Bund und der Freistaat Bayern im Umgang mit dieser Sammlung wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, wie hinlänglich bekannt sein dürfte. Cornelius Gurlitt, der darüber mit 81 Jahren im Jahr 2014 verstarb, soll gesagt haben, dass “die Nazis scheinbar nie aufhören, einem alles wegzunehmen” (Zitat unter anderem aus dem Dokumentarfilm “Gurlitts Schatten” von Stefan Zucker aus dem Jahre 2017, 3sat, 4. November 2017). Es darf nicht vergessen werden, dass Gurlitt diesen großartigen Schatz sein Leben lang für die Nachwelt gehütet hat, und dass der Vorwurf der sogenannten “Raubkunst” bisher erst bei angeblich sechs Werken nachgewiesen werden konnte. Und eigentlich gilt doch in Deutschland die Unschuldsvermutung, oder nicht? Insofern liegt also eine traurige Stimmung über der Ausstellung, die einem aber nicht die Freude über die unglaublich schönen Kunstwerke nehmen sollte.

Andrea Matzker/ Dr. Egon Schlesinger

Francesco Guardi's Venezianische Straßenszene Foto Andrea Matzker m P3720588
Francesco Guardi (1712 bis 1793):  „Venezianische Straßenszene“. Foto: Andrea Matzker

Eine Dame in der Loge von Otto Dix aus dem Jahr 1922 Foto Andrea Matzker P3720527

Eine Dame in der Loge von Otto Dix – aus 1922. Foto: Andrea Matzker

Eine Dompteuse von Otto Dix aus dem Jahr 1922 Foto Andrea Matzker P3720529
Eine Dompteuse von Otto Dix (aus 1922). Foto: Andrea Matzker

Hagelstürme im März in Sewastopol von Honoré Daumier aus dem Jahr 1855 Foto Andrea Matzker P3720716
Hagelstürme im März in Sewastopol von Honoré Daumier aus 1855. Foto: Andrea Matzker

Der Löwe von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1859 Foto Andrea Matzker P3720615
„Der Löwe“ von Eugéne Delacroix aus 1859. Foto: Andrea Matzker

Der Orientalische Reiter von Eugène Delacroix  Foto Andrea Matzker P3720615
Der orientalische Reiter von Eugéne Delacroix (um 1859). Foto: Andrea Matzker

Eine winzige aus einem Korken geschnitzte Badende von Edgar Degas Foto Andrea Matzker P3720654
Eine winzige, aus einem Korken geschnittene „Badende“ von Edgar Degas (1834 bis 1917). Foto: Andrea Matzker

Figuren am Strand von Max Liebermann Foto Andrea Matzker P3720692
„Figuren am Strand“ von Max Liebermann (1847 bis 1935). Foto: Andrea Matzker

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WIEN / Jüdisches Museum: HELENA RUBINSTEIN

Rubinstein Sie in Farbe mit Namen~1

WIEN / Jüdisches Museum / Judenplatz:
HELENA RUBINSTEIN
DIE SCHÖNHEITSERFINDERIN
Vom 18. Oktober 2017 bis zum 6. Mai 2018

Geschäftskonzept: Schönheit

Der Name Helena Rubinstein steht – neben dem von nur einigen wenigen berühmten Kolleginnen wie Elizabeth Arden oder Estée Lauder – für ein Konzept weiblicher Schönheit, wie sie durch Kosmetika zu erringen ist. Die absolut erstaunliche Frau, die hinter einer Weltmacht steht, die ihr Konzern einst war, ist nun im Jüdischen Museum (nicht im Haupthaus, Achtung, sondern in der Dependance am Judenplatz) in vieler Hinsicht zu erleben: als Emanzipationsgeschichte einer Ostjüdin und als Erfolgsgeschichte einer begnadeten Geschäftsfrau, die auch noch in den drei engst bestückten Ausstellungsräumen als faszinierende, gelegentlich auch skurrile Persönlichkeit erkannt werden kann.

Von Renate Wagner

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In der Ausstellung fotografiert: Renate Wagner

Helena Rubinstein – dem Schicksal davongelaufen      Wenn man 1870 in Krakau (damals Teil der Habsburger-Monarchie) die älteste Tochter einer kleinbürgerlichen Rabbinerfamilie (zwölf Geschwister folgten!) geboren wurde, hatte man wohl nicht viel vom Leben zu erwarten. Heiratsvermittler schoben die jungen Mädchen in Ehen und glanzlose Schicksale. Für Chaja, wie Helena Rubinstein damals noch hieß, war das nichts. Man muss es sich vorstellen, was es bedeutet hat, in jungen Jahren einfach entschlossen wegzugehen, einem vorgeformten Schicksal davonzulaufen. Erst dorthin, wohin es alle Juden der Monarchie zog, nach Wien. Glücklicherweise lebte dort eine Tante, und das Polnisch und Jiddisch der jungen Frau mischte sich mit Deutsch – das alles in einem unverkennbaren Mischmasch und Akzent, der später ihre Sprache prägte, egal welche sie sprach (am Ende war es wohl vor allem Englisch). Wenn Chaja 1896 mutig nach Australien reiste, konnte sie sich auch da auf das Netzwerk jüdischer Familien verlassen: Immerhin lebten drei ihrer Onkel da.

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Die Creme der Mutter     Helena Rubinstein, die keine „schöne Helena“, aber in ihrer Jugend eine sehr hübsche Frau war, hat nun nicht als große Unternehmerin begonnen, sie arbeitete wie viele Migranten als Verkäuferin oder Serviererin. Was die australischen Frauen (mit ihrer sonnenverbrannten Haut) bewunderten, war die herrliche Haut, die die junge Osteuropäerin mit einer Creme pflegte, deren Rezept von ihrer Mutter stammte (Kräuter, Mandelöl und Rinderfett als Basis). So begann es – die Nachfrage nach der Creme stieg, sie stellte sie selbst her, tat dies dann in immer größerem Ausmaß. Zu Cremes kamen Puder, Makeup, Lippenstifte, Wimperntusche, Haarfärbemittel, was immer hilft, Frauen „schöner“ zu machen – es gäbe keine hässliche Frau, ließ die Rubinstein ihre Geschlechtsgenossinnen wissen, nur ungepflegte. Und die Schönheit sei für jede Frau ihre eigene, wichtige Aufgabe…1902 hatte sie ihren eigenen Schönheitssalon, der dann Filialen in ganz Australien eröffnete. Dass sie jede Menge Schwestern aus Polen zu sich holen konnte, um ihr bei den Geschäften zu helfen, war zweifellos sinnvoll.

Rubinstein Zeitschrift Homestory~1

Die Eroberung von der Welt   1908 kam Helena Rubinstein, die den gleichfalls aus Krakau stammenden Journalisten William Titus geheiratet hatte, mit dem sie zwei Söhne hatte, wieder nach Europa und eröffnete ihre Schönheitssalons in London und Paris, nach dem Krieg dann auch in Wien. 1914 ging sie mit ihrer Familie nach New York, das dann ihr Hauptwohnsitz blieb, ohne die anderen Salons in aller Welt aufzugeben. Sie war eine Geschäftsfrau ersten Ranges, die zwar auf Qualität, aber auch auf Quantität setzte – und der es gelang, aus dem New Yorker Börsenkrach reicher denn je hervorzugehen. Unaufhörlich expandierende Geschäftsideen, kluge Werbestrategien und ihre eigene Person als Objekt des Interesses hielten den Namen „Helena Rubinstein“ stets im Bewusstsein – bis heute, wo ihr Konzern bereits in den Konzern L’Oreal aufgegangen ist. Als sie 94jährig im Jahr 1965 starb, gab es gut 100 Rubinstein-Niederlassungen in 14 Ländern der Welt.

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Antwort auf den Antisemitismus     Wie alle Juden überall begegnete auch Helena Rubinstein dem Antisemitismus, aber Geld ist darauf eine gute Antwort: Als man ihr 1941 in New York eine Wohnung nicht vermieten wollte, kaufte sie einfach das ganze Haus und bezog darin ein Appartement mit 36 Zimmern und Dachterrasse… Ihre Wohnungen waren stets Gegenstand der allgemeinen Bewunderung, zahlreiche Homestories zeigten sie als Sammlerin, sie bezog immer Werke von modernen Künstlern (in Wien eine komplette Besteck-Ausstattung von Josef Hoffmann – ein Projekt mit Adolf Loos kam nicht zustande). Sie war eine Dame von Welt, Picasso hat sie gezeichnet, und sie war auch – im Vergleich zur lebenslangen Konkurrentin Elizabeth Arden, die ausschließlich für die „weiße“ Bevölkerung arbeitete – schon von ihrer Herkunft her „multikulti“: Sie schuf auch Pudern und Cremes für Farbige, sie entwarf das Makeup für Josephine Baker – und sie leistete sich ein Privatleben für die Boulevardpresse, als sie 1938 (von Titus geschieden) den um 26 Jahre jüngeren „georgischen Prinzen“ Artchil Gourielli-Techkonia heiratete…

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Die Ausstellung     „Alles“, was Ausstellungsgestalterin Iris Meder und die enthusiastisch mitarbeitende Direktorin des Hauses, Danielle Spera, nur zusammentragen konnten, findet sich dicht gedrängt in drei Räumen, die überborden an Material – in Glaskästen ihre stets geschmackvoll gestalteten Kosmetikprodukte, dazu Zeitschriften voll Artikeln über sie, Dokumentarisches aller Art, Fotos, Werbung, auch Picassos Zeichnung, eine Büste von ihr, Glitzerabendkleider. Objekte erzählen von Schönheit und von – Geschäft, und an den Wänden gibt es übersichtliche Informationen zu den zahlreichen Stationen ihres Lebens. Helena Rubinstein total, dann auch im Katalog (Amalthea Verlag) nachzublättern.

Jüdisches Museum Wien am Judenplatz:
HELENA RUBINSTEIN. DIE SCHÖNHEITSERFINDERIN
Bis 6. Mai 2018, täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr, in der Winterszeit 10 bis 14 Uhr

 

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WIEN / KHM: RUBENS

Rubens KHM Tor~1  Rubens Plakat auf Litfasssäule~1

WIEN / Kunsthistorisches Museum:
RUBENS
KRAFT DER VEWANDLUNG
Vom 17. Oktober 2017 bis zum 21. Jänner 2018

Wie „Kunst“ entsteht…

Peter Paul Rubens (1577-1640), Superstar unter den Altmeistern, fleißig wie wenige sonst, gleichermaßen geschäftstüchtig, umtriebig, dabei unendlich gebildet, neugierig, immer auf der Suche nach Anregungen, die er verwenden konnte – kurz, das Kunsthistorische Museum Wien nennt seine lange erwartete Rubens-Ausstellung „Kraft der Verwandlung“ . Und setzt damit den „dramaturgischen Akzent“: nicht nur eine Abfolge von Riesenwerken, die Fleischbeschau, Farbenpracht und großartige Bewegtheit bieten, sondern nachvollziehbare Wege für den Betrachter, die Genesis dieser Bilder zu erleben.

Von Heiner Wesemann

Raum mit 4 Flüsse und Skulptur
In der Ausstellung fotografiert: Heiner Wesemann

Peter Paul Rubens   Geboren am 28. Juni 1577 in Siegen (heute in Nordrhein-Westfalen), wurde für ihn seit seinem 10. Lebensjahr Antwerpen das Zentrum seines Lebens. Lebenslang als Maler tätig, reiste er nach Italien, wo er sich der Renaissance ebenso widmete wie, in Rom, der Antike. 1608 heimgekehrt, heiratete er in erster Ehe Isabella Brant, mit der er sehr glücklich war, von der es aber vergleichsweise wenige Bilder gibt – Isabella starb 1626, ihre Nachfolgerin, Helene Fourment, die er 1830 heiratete, war schöner und diente ihm immer wieder als Modell, teils als sie selbst, teils für seine Frauengestalten. Rubens, der zwischenzeitlich auch in Paris gearbeitet hatte, nach Madrid (in Habsburgischen Diensten) und London reiste, war der Maler des europäischen Barocks schlechthin, dessen Werk keine inhaltlichen Grenzen kannte – in einem halben Jahrhundert des Schaffens hat er für die Kirche Altarbilder und alle Themen der Geschichte Christi gemalt, daneben jede Menge „privater“ Bildnisse, Zyklen für höfische Ausgestaltung, Szenen aus der Mythologie, der antiken Geschichte und der Bibel, Jagdszenen und Landschaften, Entwürfe für Deckengemälde und Tapisserien.

6-Rubens_Venusfest

„Sua mano“     Niemand hinterließ ein so reichhaltiges Werk – außer vielleicht Picasso, hieß es bei der Pressekonferenz zur Ausstellung. Was nur möglich war durch eine „Werkstatt“, die reich mit spezialisierten jungen Künstlern bestückt war, die an seine Werke ergänzende Hand anlegten. „Sua mano“ – eigenhändig! – stand dann in manchem Vertrag, denn man wusste, ein „ganz echter“ Rubens ist selten. Und doch sind die Werke, die unter seinem Namen figurieren, ganz und gar seine Schöpfungen. Rubens starb am 30. Mai 1640 in Antwerpen. Von seinen 63 Lebensjahren hatte er wohl ein halbes Jahrhundert seiner Arbeit und seiner Kunst gewidmet.

Wie Kunst entsteht      Unser Verständnis von Kunst erlaubt es nicht mehr, einfach Bilder an Wände zu hängen und diese isoliert zu betrachten, wir wollen das Wie, Warum verstehen, das vor der Genialität kommt, die letztlich ein Meisterwerk prägt: kurz, es geht um die Entstehungsgeschichte. Wie war Rubens’ Umgang mit Inspirationen aus Vergangenheit und Gegenwart, wie erfolgte die Findung von Themen und Formen, und was war dann das Ureigenste des Künstlers? Die Zeichnung als Umgang mit dem Vorbild, als „Tauglichmachung“ von Material zu den Bedürfnissen, Vorstellungen und Wünschen ist hier ebenso vertreten wie Bücher, aus denen er seine Anregungen holte, oder Gemälde von Zeitgenossen, die er thematisch paraphrasierte. Ganz abgesehen von den Statuen der Antike, die er im wahrsten Sinn des Wortes „umkreiste“, um sie auf die Leinwand zu bannen, wo er versuchen musste, die Bewegung, die mit dem Umkreisen des Steins gegeben ist, auf die Zweidimensionalität zurück zu führen.

Rubens 2 x kauernde Venus~1

Die kauernde Venus… Die Ausstellung widmet sich natürlich dem Frauenbild von Rubens, der ja „die schöne Nackte“ zur üppig-barocken Vollendung gebracht hat, überall locken die Grazien, aber der Venus hat man einen eigenen Saal gewidmet – und kann da besonders signifikant darstellen, wie der unmittelbare Bezug von Vorbild und Werk durch die „Kraft der Verwandlung“ herzustellen ist: eine römische kauernde Venus-Statue (aus dem Museum in Neapel) und die „frierende Venus“ des Rubens (aus Antwerpen) wirken wie dieselbe Frau. Andere Statuen und Statuetten der Ausstellung sind in Rubens’ Studienzeichnungen fast ebenso direkt wieder zu erkennen. Die Mühe der Aneignung, die Kunst der Neuformung – man könnte es nicht besser zeigen. (Nebenbei bemerkt ist nicht ganz verständlich, dass man zu den Venus-Gemälden die Liechtensteiner nicht nach ihrer „Venus im Spiegel“ gefragt hat, die wohl die geglückteste Version dieses Sujets darstellt…)

Rubens Pelzchen und Tizian~1

Die schöne Helene…   Eines der berühmtesten Rubens-Gemälde im reichen Wiener Bestand ist natürlich „Das Pelzchen“, seine Gattin Helene Fourment als lockender Halbakt, wobei die Ausstellung darauf aufmerksam machen kann, dass schon Tizian, ein Jahrhundert vor Rubens geboren und ihm stete Inspiration, schon bei seinem halbnackten „Mädchen im Pelz“ gewusst hat, welch erotischen Schimmer dieses Pelz-Accessoir mitbringt. Diese beiden Gemälde (beide im Besitz des KHM) nebeneinander, wobei sogar die Handhaltung der Frauen dieselbe ist, stellen „Beweismaterial“ für die Intention der Ausstellung dar. Die auch gleich zeigen kann, dass schöne Frauen bei Rubens gerne wie die Gattin aussahen – unter den Göttinnen im daneben hängenden „Urteil des Paris“ (aus Madrid) trägt die schönste die Züge von Gattin Helene.

Rubens Pelzchen Kopf~1  Rubens Helene als Venus

Die Macht der Altäre      Es sind „nur“ sechs große Räume, jeder einem großen Thema gewidmet, die in Wien die Rubens-Ausstellung gliedern. Noch monumentaler als in allen anderen Räumen wird man in der Welt der Altäre bedient. Rubens, als Protestant geboren, wurde katholisch und fand in einer von Habsburg geprägten, katholischen, flanderischen Welt (der niederländische Norden blieb protestantisch und in der Bildsprache entsprechend strenger) nicht nur Auftraggeber, sondern auch Entfaltungsmöglichkeiten. Angesichts der Altäre – u.a. der Franz Xaver in der Jesuitenkirche in Antwerpen – kann die Ausstellung auch die Modelli bieten, jene nicht übergroßen Ölskizzen, nach denen die Riesenwerke dann ausgeführt wurden. In den vielen Bildern rund um die Geschichte von Jesus Christus (wobei er und Johannes als Kinder geradezu engel-puttengleich erscheinen) zeigt sich Rubens’ Ambition, mit extremen Körperhaltungen technisch zu prunken, aber natürlich auch ungemein dramatische Effekte zu erzielen. Dazu sind ihm aber auch wilde Tiere (Tiger und Krokodil in den „Flüssen des Paradieses“) recht. („Spezialeffekte“ nennt man das in heutiger Sprache.)

Rubens Krokodil und Tiger~1

Gewitterlandschaft der Seele     Landschaften gibt es bei Rubens immer wieder, vor allem als Hintergrund, und man weiß, dass diese vielfach von seinen Schülern zu seinen zentralen Szenen hinzugemalt wurden. Eine Ausnahme stellt wohl die große „Gewitterlandschaft“ dar, die am Ende der Ausstellung nicht nur zeigt, wie sehr sich Rubens für die Natur an sich interessieren konnte (Menschen spielen da am rechten Bildrand eine untergeordnete Rolle), sondern dass er auch ein „Stimmungsmaler“ jenseits der großen Geste war (so dramatisch das Bild auch ist). Dieses Gemälde, ein Schatz des KHM, wurde auch für die Ausstellung höchst aufwendig restauriert, worüber der Katalog Aufschluß gibt. Dieses starke Bild steht am Ende – ein anderes starkes Bild am Anfang: Ein Selbstporträt von Rubens als müder, alter Mann, entstanden vermutlich zwei Jahre vor seinem Tod… Die Bandbreite seines Könnens wurde übrigens schon von seinen Zeitgenossen erkannt und gewürdigt, als „Maler der Könige und König der Maler“.

rubens_Große Gewitterlandschaft~1 Rubens Selbstporträt KHM~1

Gestaltung     Hervorragend zusammen gestellt von Stefan Weppelmann, dem Direktor der Gemäldegalerie, und Kuratorin Gerlinde Gruber, kann das KHM auf seine eigenen 40 Gemälde und 33 Zeichnungen von Rubens zurückgreifen und ergänzt die insgesamt 120 ausgestellten Werke mit Leihgaben der größten Museen der Welt, wobei das Frankfurter Städel Museum, das die Ausstellung 2018 zeigen wird, als Co-Produzent fungiert. Durch die in den Raum gestellten antiken Statuen, durch die zahlreichen Objekte in den Vitrinen, durch die kleinteiligen Graphiken zwischen den teils riesigen Gemälden, ist für eine abwechslungsreiche Optik gesorgt, wobei die Zusammenhänge der Objekte immer klar wird. Der ausführliche Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen. Und „Rubens Superstar“ ist in seiner Verwertung – von Tasse über Tasche bis Polster und T-Shirt, von zahllosen Publikationen abgesehen – auch im Shop zu bewundern…

Rubens Shop~1

KHM: „Rubens. Kraft der Verwandlung“
Bis 21. Jänner 2018, Dienstag bis Sonntag, 10 bus 18 Uhr,
Donnerstag 10 bis 21 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: FERDINAND HODLER

Hodler Plakat x~1
Fotos aus der Ausstellung : Heiner Wesemann

WIEN / Leopold Museum:
FERDINAND HODLER
WAHLVERWANDTSCHAFTEN VON KLIMT BIS SCHIELE
Vom 13. Oktober 2017 bis zum 22.Jänner 2018

Der Mann und sein Werk

Ferdinand Hodler, geboren 1853 in Bern, starb 1918 – so wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser (oder auch Otto Wagner), die in diesem Jahr ihre Leben beendeten. Und tatsächlich war der Schweizer den Wienern, der Secession, in hohem Maße verbunden. „Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele“ ist der Untertitel der umfassenden Hodler-Retrospektive (100 Gemälde, 50 Arbeiten auf Papier, einige Büsten, reiches dokumentarisches Material), die nun im Leopold Museum den Künstler zeigt, der als „berühmtester Schweizer Maler“ in der Kunstgeschichte steht. Zu Recht.

Von Heiner Wesemann

Hodler Raum mit Tell x~1

Ferdinand Hodler     Geboren am 14. März 1853 in Bern, stammte er aus armen Verhältnissen, lernte schon als Kind schwere Verluste kennen (Eltern und Geschwister starben früh), doch er hatte das Glück, als 18jähriger beim Kopieren von Gemälden von dem Maler und Lehrer Barthélemy Menn entdeckt zu werden – dessen berühmtester Schüler er wurde. Reisen nach Spanien, Siege bei Wettbewerben, Ausstellungen in der Schweiz und Paris erwarben ihm Reputation, aber es waren die Maler der Wiener Secession, die ihn für sich „entdeckten“, ausstellten und letztendlich 1904 wirklich berühmt machten. In seiner Heimat ebenso anerkannt wie international, lebte er in der Schweiz bis zu seinem Tod am 19. Mai 1918 in Genf.

Hodler Malkasten~1  Hodler Selbstporträt x~1

Devotionalien und Selbstporträts     Gleich zu Beginn der Ausstellung, die mit dem Archiv Jura Brüschweiler in Genf erarbeitet wurde, gibt es „Hodler zum Angreifen“ – zwei seiner Malkästen liegen da, vermitteln ein ganz unmittelbares Gefühl der Nähe. Später, wenn Hodler in viele Spezialthemen „aufgespalten“ und auch sein Verhältnis zur Musik gezeigt wird, sieht man eine Trommel, die er selbst benutzt hat (ein Foto zeigt ihn trommelnd). Immer wieder verweisen Fotografien, Dokumente, Aussagen stark biographisch auf den Mann und flankieren das gezeigte Werk. Wobei, auch gleich zu Beginn der Ausstellung, ein Schwerpunkt auf seine Selbstporträts gelegt wird, die er im Laufe seines Lebens immer wieder gemalt hat. 1873 und 1879, mit Anfang und Mitte 20, hält er sich noch in dunklen Farben, melancholisch im Ausdruck, weit weniger konturiert als in späteren Jahren, wo der kraftvolle Hodler-Strich scharfe Akzente setzt, ob er nun (im Jahr vor seinem Tod) lächeln mag oder skeptisch-aggressiv blickt…

Hodler Gabriele Müller~1  Hodler Valerie mit Hut~1

Porträts und Landschaften     Porträts und Landschaften waren große Themen für Hodler, wobei es eindrucksvolle Beispiele von Damen-Bildnissen gibt, die in der Intention jenen von Klimt gleichen (seine Geliebte Valerie 1909 mit Hut oder Gertrud Müller als ganze Figur 1911), aber bewusst nicht dessen Raffinesse und Eleganz zeigen, sondern weniger Form als Inhalt beschwören. Beeindruckend auch, dass er die „armen Leute“, aus deren Welt er stammte, als Künstler nicht vergessen hat: „Bildnis eines Unbekannten“ (1887) ist in der schweren Depression, die das Werk ausstrahlt, bewundernswert. Hodlers Landschaften, in der Jugend eindeutig von den Impressionisten beeinflusst, finden später in seinen Berg- und Wasser-Motiven zu jenem expressiven Ausdruck, den er schon 1896 für seinen gewaltigen „Wilhelm Tell“ fand, der mit Armbrust auf den Betrachter zuzustürzen scheint.

Hodler schiele Hodler x~1

Die Secession und ihre Künstler     Als Hodler Mitglied der Wiener Secession wurde (er trat auch der Berliner und Münchner Secession bei), ließ er sich fraglos von deren Stil stark beeinflussen. Die Hodler-Forschung notiert diese Werke unter dem Begriff des Symbolismus, wobei in der Esoterik und auch Erotik die Klimt- und Schiele-Verwandtschaft eindeutig ist. Hier arbeitet die Ausstellung stark mit Gegenüberstellungen, die einmal mehr, einmal weniger überzeugen – gegen Schieles legendäre „Vier Bäume“ sinkt Hodlers „Herbstlandschaft“ nicht nur ab, weil sie wesentlich kleiner ist, sondern weil sie sich an Intensität nicht mit dem Vergleichsobjekt messen kann. Sein in sich verschlungenes Liebespaar und eines von Schiele (das Leopold Museum kann aus seinen eigenen Schätzen beisteuern) sind hingegen eng verwandt, Hodlers Blumen („Gartenlaube“, 1910) neben jenen von Klimt („Gartenlandschaft mit Bergkuppe“, 1916) überzeugen ebenso, und die gelegentliche Ähnlichkeit mit Egger-Lienz ist geradezu frappant. Kurz, die Zusammenhänge gibt es fraglos.

Hodler Trommel x~1  Hodler Foto mit Trommel x~1

Hodler-Allerei   Auf den Spuren des Menschen Hodler hat Kurator Hans-Peter Wipplinger, der Direktor des Leopold Museums, noch einige Spezialthemen aufgetan, darunter Hodler und die Musik (offenbar war er gerne mit Akkordeon und Trommel unterwegs) oder Hodler und die Fotografie, wo jene Gertrud Dübi-Müller, die er oft gemalt hat (und die mit dem Kunstmuseum Solothurn so eng verbunden ist), eine große Rolle spielt: Als frühe Pionierin der Fotografie stammen von ihr zahlreiche Fotos des Künstlers, die in sein Privatleben blicken lassen.

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Liebe und Tod    Der letzte, zweigeteilte Saal der Ausstellung ist in vieler Hinsicht der intensivste: ein abgeschlossener Teil ist seiner Beziehung zu der Pariserin Valentine Godé-Darel (1873-1915) gewidmet, der Hodler 1908 begegnete, die Modell und Geliebte des verheirateten Malers und 1913 Mutter seiner Tochter Paulette wurde. Er hat sie immer wieder gemalt, in ihrer vollen Schönheit, aber auch – und das ist das erschütternde daran – in allen Stadien ihrer Krankheit, im Dahinschwinden, zuletzt am Totenbett als Leiche. Hodler selbst hatte nicht mehr viele Jahre vor sich, und der letzte Raum konzentriert sich nahezu auf seine magischen Gemälde des Genfer Sees, Wasser, Berge, Schatten, Wolken, eine Welt von Blau in Gelb, wohl das Wunderbarste, was er geschaffen hat, als er den Tod nahen fühlte.

Hodler Genfer See x~1

Leopold Museum Wien
Ferdinand Hodler. Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele.
Bis zum 22.Jänner 2018. täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

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WIEN / Dom Museum NEUERÖFFNUNG

DomMuseum Asstellungsraum 
Fotos: Dom Museum

WIEN / Dom Museum  
NEUERÖFFNUNG
Sonderausstellung BILDER DER SPRACHE UND SPRACHE DER BILDER
Vom 7. Oktober 2017 bis zum 26. August 2018

Neue Räume, alte Schätze

Selbstverständlich definiert man Museen auch nach ihren Besitztümern. Der Louvre beispielsweise „hat“ die Mona Lisa. Aber selbst ein vergleichsweise kleines (wenn auch ungemein bedeutendes) Haus wie das Dom Museum in Wien, das nun neu eröffnet wurde, besitzt einen einmaligen Schatz: Das Gemälde des Habsburgers Rudolf IV., genannt „der Stifter“ (er gründete die Wiener Universität), ist das erste, nachweislich einen ganz bestimmten Menschen zeigende Bildnis in der europäischen Geschichte. Es ist das älteste Porträt des Abendlandes. Allein dafür müssten schon alle historisch Interessierten in dieses Museum pilgern, das Wiens Angebot an besonderen Häusern nun um eine gewichtige Adresse vermehrt.

Von Heiner Wesemann

 Dommuseum Treppe  Dommuseum Fassade

Neues Kleid für das alte Haus     Alles neu unter der Adresse Stephansplatz 6 („links vom Stephansdom“, um es einfach auszudrücken): Das „neue“ Dom Museum, ehemals „Erzbischöfliches Dom- und Diözesanmuseum“ genannt, hat den praktischen verkürzten Namen erhalten, vor allem aber – nach fünfjährigem Umbau – ein völlig neues „Outfit“. Architekt Boris Podrecca hat alte, dunkle Räumlichkeiten in moderne Ausstellungssäle verwandelt, Licht und Klimatisierung sind neu aufgestellt, eine Glasfront zum Stephansplatz hin wurde gestaltet und gibt damit den Blick auf den Dom frei, dessen Schätze hier großteils verwahrt werden. Besonders beeindruckend ist das neue, frei schwebende Treppenhaus mit einem Glaslift.

Dommuseum Rudolf Bildnis  Dom Museum Rudolf Grabtuch

Kostbarkeiten aus der Geschichte     Was ein Publikum üblicherweise von einem „Domschatz“ erwartet, kann man hier in exzeptioneller Auswahl sehen, wenn man sich auch auf rund 80 Werke beschränkt, natürlich mit dem Porträt von Rudolf IV. im Zentrum. Man sieht kostbare Handschriften, Heiligenstatuen und Gemälde mit religiösen Themen, Kruzifixe und Kreuzabnahme-Szenen, großartige Altäre, auch Flügelaltäre, Kästchen und Behälter, Email- und Metallarbeiten, Monstranzen und Pastorale, Chormäntel und prunkvoll bestickte Kasel. Besonders bemerkenswert, zentral in einem Glasschaukasten ausgestellt, ist ein Stoff aus Gold-Seide aus dem Orient, der als Grabhülle des besagten Rudolfs IV. fungierte, ihm posthum auf den toten Leib geschneidert.

Monsignore Otto Mauer   Der Name von Monsignore Otto Mauer (1907–1973) ist legendär in der Geschichte der Wiener Kunstentwicklung, hat er doch nach dem Krieg in seiner Galerie nächst St. Stephan junge Künstler gefördert, die damals provokanteste Avantgarde waren. Vom ihm gesammelte Werke sind in einem eigenen Raum ausgestellt.    

Dimmuseum Moderne Figur  DomMuseum Plakat Ausstell

Konzept Gegenwartskunst   Die neue Direktorin des Hauses, Johanna Schwanberg, ist Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Moderne (sie hat über Günter Brus dissertiert), und sie wird dem Dom Museum eine neue Richtung geben. So stellt sie gleich zum Einstand die halbe Ausstellungsfläche des Hauses der Schau „Bilder der Sprache und Sprache der Bilder“ zur Verfügung, in denen Altes und Neues einander gegenübersteht, das 12. oder 15. oder 18. Jahrhundert gegen das 20. – Alfred Kubin, Günter Brus, Arnulf Rainer. Wie Sprache in Form von Schrift in Bilder eingeht, kann durch die Jahrhunderte betrachtet und verglichen werden. Die Direktorin wird die „modernen“ Ausstellungen im Halbjahres-Rhythmus bieten, wie bei der Pressekonferenz bekannt gegeben wurde. „Kunst und Kirche kommen nicht mehr zusammen“: Das hat Arnulf Rainer einst gesagt, und die Direktorin glaubt nicht daran. Im Gegenteil. Im Sinne von Monsignore Otto Mauer sollen die Themen Kirche und Gegenwartskunst immer wieder und stets von neuem zusammen finden.

DOM MUSEUM
Stephansplatz 6, 1010 Wien
Mittwoch bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, Montag, Dienstag geschlossen www.dommuseum.at​

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WIEN / Albertina: RAFFAEL

Raffael Ankündigung~1 
Fotos: Wesemann, in der Ausstellung fotografiert

WIEN / Albertina / Propter Homines Halle:
RAFFAEL
Von 29. September 2017 bis zum 7. Jänner 2018

Wie Vollkommenheit entsteht

 Raffael Schröder Foto Apa  x~1 Foto: APA

Es zählt zu den wichtigsten Projekten von Klaus Albrecht Schröder als Direktor der Albertina, die in seinem Haus befindlichen Konvolute von Graphiken der größten Künstler – Dürer, Rembrandt, Michelangelo, Brueghel – aufzuarbeiten und in bahnbrechenden Ausstellungen zu präsentieren. Raffaels Graphiken in Kombination zu einer Vielzahl seiner Gemälde ist zu einem Ausstellungs-Höhepunkt geworden, der Kunstfreunde zu Hunderttausenden in Bewegung setzen müsste.

Von Heiner Wesemann

Raffael       Der Mann, der keinen Nachnamen zu haben scheint (er hieß Santi): Man braucht ihn nicht zur Identifikation, ebenso wenig wie der Nachname Buonarotti nötig ist, Michaelangelo zu definieren (und, auf anderer Ebene, Bonaparte für Napoleon). Es sind die größten Namen (auch Leonardo oder Tizian zählen dazu), die einfach für sich selbst stehen, es kann keine anderen geben. Raffael, Sohn eines Künstlers, 1483 in Urbino geboren (wo man sein Geburtshaus besichtigen kann), wurde in Perugia ausgebildet, hatte Erfolge in Florenz, war in Rom einer der geschätztesten Künstler, bevor er dort 1520 (erst 37 Jahre alt, vielleicht an der Pest, vielleicht an einer Geschlechtskrankheit) starb. Vor ihm waren Michelangelo und Leonardo die Größten, nach ihm kam Tizian, Raffael stand in einer grandiosen Mitte der Hochrenaissance, veredelte die Kunst zu manchmal überirdischer Schönheit (von der Nachwelt auch zu Kitschzwecken benützt – man denke an seine kleinen Engel, die am unteren Rand der Sixtinischen Madonna hereingucken).

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Verschränkung der Künste      Die Albertina mit ihrem beachtlichen Oeuvre an Raffael Zeichnungen hat diese auch zu einem permanentem Forschungsprojekt erhoben. Hier werden zum ersten Mal die vielen Graphiken Raffaels, die mit zu den kostbarsten Besitztümers des Hauses zählen, mit den umfangreichen Beständen des Ashmolean Museum von Oxford zusammengebracht. Darüber hinaus bieten 18 höchstrangige Gemälde aus den größten Museen der Welt eine einmalige Gelegenheit, den Weg der Raffael-Werke von der Studie bis zum fertigen Gemälde zu verfolgen. Raffael hat stets Einzelstudien angefertigt, ganze Szenen, aber etwa auch  „Draperie“-Studien, wo er einfach zeichnend ausprobierte, wie Stoff fällt. Man sieht auch ein erhaltenes Beispiel eines originalgroßen „Kartons“, die äußerst selten sind, da diese Vorzeichnungen bei der „Übersetzung“ in Wandmalerei meist kaputt gingen. Die Ausstellung, die auch – mit dunkelblauen und dunkelroten Wänden, mit großen fotografischen Aufrissen von Bilddetails – wunderbar gestaltet ist, bietet Vergleichs- und Arbeitseinblicke, wie man sie selten je empfangen hat. Der Weg zur Vollkommenheit vieler Raffael-Werke ist nachzuvollziehen.

Raffael Raummit Johannes~1

Meister der Gesichter      Man betritt die Ausstellung und wird von dem berühmtesten aller Raffael-Selbstporträts begrüßt, das aus den Uffizien kam. (Direktor Schröder lobt die Zusammenarbeit mit dem dortigen Chef, Eike Schmidt, der bekanntlich das KHM übernehmen wird.) Das Bild wurde von dem vielleicht 17-, 18jährigen gemalt und zeigt ihn als wahren Meister des Ausdrucks, ein junges, dabei geheimnisvolles Gesicht, in dem sich Fragen an die Welt und das Leben spiegeln. Weitere Porträts zeigen Raffaels Fähigkeit, äußere „Glätte“ mit stark individuellem Ausdruck zu verbinden. Zwei Gemälde, die man unter historische Genremalerei einordnen kann, bieten Bewegheit, die eher untypisch anmutet – die stürmische Vision des Ezechiel (aus dem Palazzo Pitti) ebenso wie seine Darstellung von Johannes dem Täufer (aus den Uffizien): So stellt man sich keinen frommen Mann der Bibel, sondern einen kraftvollen antiken Helden vor… Eine Ausstellung wie diese geht weit über Klischeevorstellungen hinaus.

Madonn Kopf Zeichnung 1  Madonna Kopf nach lins.j Buch 2 Madonna Kopf mt Schleier 3

Raffaels Madonnen lesen gern     Wer Raffael sagt, denkt „Madonna“, so wie Mona Lisa gleich Leonard da Vinci ist oder Venus gleich Botticelli. Was Raffael im Genre des Marienbildes geleistet hat, zeigt sich nicht nur im Vergleich mit den Künstlerkollegen, sondern auch in seiner eigenen unerschöpflichen Vielfalt, Maria und das Kind stets neu in Beziehung zu setzen. Da kann die Albertina auf eine Fülle von Madonnen-Gemälden und –Skizzen zurückgreifen, die aus allen Schaffensperioden des Künstlers stammen (viele Madonnen-Gemälde wirken erstaunlich korrekt und akkurat „vorgezeichnet“). Würde und Heiligkeit der Ausstrahlung sind zweifellos vorhanden, die Menschlichkeit scheint aber doch zu überwiegen. Es fällt nicht nur auf, wie wunderschön die Gesichter sind, wie liebevoll Raffael die Konfiguration Mutter und Kind gestaltet hat, sondern auch, dass seine Marien gerne lesen… manch eine hat ein Buch in der Hand. Eine intellektuelle Mutter gewissermaßen.

Madonnas Buch  Raffael  Blick in die Stanzen~1

Raffael, Rom, der Vatikan     Man weiß, wie groß der Anteil Raffaels vor allem an der bildnerischen Ausgestaltung des Vatikans war, der noch junge Mann genoß das Vertrauen der Päpste, hatte er doch sein überragendes Können vielfach unter Beweis gestellt. Die „Stanzen“ hätten ursprünglich von mehreren Künstlern gestaltet werden sollen, doch Papst Julius II. war von seinen Entwürfen so begeistert, dass er die Werke anderer Künstler abschlagen ließ (!) und die gesamte Ausschmückung Raffael übertrug. Die Albertina zeigt – etwa in der Größe eines mittelgroßen Puppenhauses – ein Modell dieser Stanzen, das einen faszinierenden Überblick bietet, wie die berühmten Wandmalereien sich zu einander verhalten. Im übrigen arbeitet die auch sehr biographische Ausstellung Raffaels wichtigste Arbeiten bis zu seinem frühen Tod auf, ob Tapisserien für den Papst, ob Wandmalereien der Villa Faresina in Rom.

Unentbehrlich dazu ist für den Besucher der gewichtige Katalog zur Nachbereitung.

Albertina: Raffael.
Bis 7. Jänner 2018, täglich 10 bis 18 Uhr.
Achtung, vermehrte Abendöffnungen, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: ANTON KOLIG

Kolig Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
ANTON KOLIG
Vom 22. September 2017 bis zum 8. Jänner 2018

Der Künstler und die Zeit

Anton Kolig (1886-1950), in Mähren geboren, „Kärtner“ geworden (Mittelpunkt des „Nötscher Kreises“), zählt zu den eindrucksvollsten Künstlerpersönlichkeiten Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Zeitgenosse von Schiele und Kokoschka hat in der Nachwelt nicht dieselbe Beachtung gefunden wie diese. Das Leopold Museum holt nun die umfassende Begegnung mit Koligs Werk für den Kunstfreund in einer Personale nach.

Von Heiner Wesemann

 Kolig Saal 2~1 
(In der  Ausstellung fotografiert)

Anton Kolig     Er wurde an 1. Juli 1886 in Neutitschein, damals Mähren und Teil der Habsburger Monarchie, geboren, schon der Vater war Kirchenmaler. So kam der begabte Sohn mit 18 Jahren nach Wien, zuerst an die Kunstgewerbeschule, dann an die Akademie der bildenden Künste. Nach seiner Heirat wurde ab seinem 25. Lebensjahr bis zu seinem Tod Kärnten seine Heimat, Nötsch im Gailtal, das durch Kolig und seine Künstlergruppe zu einem Begriff wurde. Zwei Weltkriege durchschnitten sein Leben. In der Zwischenkriegszeit war er erfolgreich, wenn sich auch eine an sich ehrenvolle, fünfzehnjährige Professur in Stuttgart als gewissermaßen künstlerisches Nebengeleis erwies. Von den Nationalsozialisten abgelehnt und ins Eck gestellt, ereilte ihn 1944 die finale Katastrophe seines Lebens. Damals wurde er bei einem Bombenangriff verschüttet und schwer verletzt. Obwohl er noch einige Schaffensjahre nützen konnte, starb er doch am 17. Mai 1950 in Nötsch an den Folgen dieses Ereignisses.

Die Gefährten der Jugend    Kolig lernte schon auf der Kunstgewerbeschule den gleichaltrigen Oskar Kokoschka kennen, später kam er in den Kreis des um vier Jahre jüngeren Egon Schiele, dessen „Neukunstgruppe“ er beitrat. Zu beiden Künstlern kann man Verwandtschaften entdecken, wenn man Koligs Frühwerk betrachtet. Vor allem der expressionistische Schwung Kokoschkas ist bei ihm zu entdecken, wie auch die Düsternis, die viele Gemälde Schieles auszeichnet. Aber auch Kolig ist ein Opfer der Tatsache, dass das goldene Dreieck Klimt-Schiele-Kokoschka ihre Zeitgenossen so überstrahlte, dass auf diese nicht ausreichend Licht fiel. Wobei Kolig nach dem Ersten Weltkrieg (da waren Klimt und Schiele bekanntlich tot und Kokoschka verließ Wien schon vor den Nationalsozialisten in Richtung einer internationalen Karriere) noch ein reiches Werk vorlegen konnte.

Der „ganze Kolig“   Wie Kurator Franz Smola richtig feststellt, hat sich Kolig sowohl als Maler, Zeichner wie auch „Wandmaler“ – gewissermaßen für Kunst im öffentlichen Raum – herausragend betätigt, und von den bekannten Sujets des Malerischen (Porträts, Stillleben, Genreszenen) nur die Landschaft aus seinem Werk ausgeklammert. Diese Übersicht bietet nun das Leopold Museum, die erste große Personale für den Künstler seit Jahrzehnten, wobei das Haus selbst einen großen Teil der Ölgemälde beisteuern kann: Rudolf Leopold hat als Sammler ja immer auch die Österreicher des 19. / 20. Jahrhunderts im Blick gehabt.

Kolig, Gutheil Schoder~1  Kolig Selbstporträt~1

Porträts – er und die anderen   Kolig war in den 20er Jahren als Porträtmaler gefragt, als Künstler, der sowohl die eleganten Makart-Figuren wie die schönen Klimt-Damen zugunsten starken Ausdrucks hinter sich gelassen hatte. So malte er – eines seiner berühmtesten Gemälde – 1923 mit unglaublichem Schwung, Impetus und herausfordernder Farbenpracht die Sängerin Marie Gutheil-Schoder, als diese in dem Richard Strauss-Ballett „Josephs Legende“ als Frau des Potiphar auftrat. Kolig porträtierte sich selbst in durchaus ungewöhnlicher Posen, desgleichen die Frauen seiner Familie, wobei die Idee erstaunt, dass er seine Tochter Antonia 1930 quasi als Halb-Akt, nur einen Pelz über geworfen, darstellt. Dazu kommen die zahlreichen Männerporträts – nackt und angezogen.

Der männliche Akt   Anton Kolig war seit 1911 mit Katharina Wiegele, der Schwester seines Malerkollegen Franz Wiegele (mit diesem und Sebastian Isepp bildete er den harten Kern des Nötscher Kreises), verheiratet. Das Paar hatte fünf Kinder, vier Töchter, einen Sohn, alle waren verheiratet und segneten die Eltern mit einer überreichen Enkelschar. Kolig führte also, was man damals ein „normales Leben“ nannte. Dennoch begleitete ihn lebenslang die Faszination, die der männliche Körper auf ihn ausübte. Schon im Ersten Weltkrieg zeichnete er statt der Helden verehrenden Bilder, die das Kriegspressequartier von ihm erwartete, die Soldaten mit Vorliebe nackt – und er tat es sein Leben lang. Im Katalog wird (Autor: Otmar Rychlik) seine Zerrissenheit in vielen Bereichen des Lebens charakterisiert: Er „war zugleich fortschrittlich und traditionsverbunden, mutig kämpferisch und ängstlich grüblerisch, begeisterungsfähig und leicht zu enttäuschen, liebte seine Familie und fühlte sich zu jungen Männern hingezogen, die er in tausenden Aktzeichnungen fixierte.“ Das Leopold Museum widmet diesem Bereich von Koligs Schaffens einen eigenen Raum „im Keller“, ohne zu verstecken, was weder künstlerisch noch ideologisch versteckt werden muss. Die Porträts transzendieren zum Allegorischen, wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg nackte junge Männer malte, die Totenköpfe vor ihre Geschlechtsteile hielten…

Kolig Raum 1~1

„Kunst im öffentlichen Raum“ Die Ausstellung gibt den Arbeiten, die Kolig in Gestalt großformatiger Werke der Öffentlichkeit widmete (oder auch nicht, wenn sie nicht zur Ausführung kamen), breiten Raum, teils im letzten Zimmer des Erdgeschosses, teils im Kellergeschoß. Kolig hat das Wiener Krematorium ausgestattet, diese Fresken sind erhalten, jene im Klagenfurter Landhaus wurden von den Nationalsozialisten zerstört, denen Koligs Bildsprache keinesfalls konventionell genug war. Besonders bemerkenswert sind Entwürfe, die er ohne Auftrag für Fenster des Stefansdoms schuf, die aber nicht zur Ausführung gelangten – er hat sich damit u.a. eindrucksvoll in die Tradition von „Höllensturz“-Visionen gestellt.

Leopold Museum: Anton Kolig Bis 8. Jänner 2018, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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