Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: WIEN UM 1900

Moser Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
WIEN UM 1900
KLIMT – MOSER – GERSTL – KOKOSCHKA
Vom 18. Jänner 2018 bis zum 16. Juni 2018

Feiern mit dem „Liebestrank“

Eines der bedeutendsten Bilder, die das Leopold   Museum in seiner jüngsten Ausstellung „Wien um 1900“ zeigt, ist „Der Liebestrank“ (Tristan und Isolde) von Kolo Moser aus den Jahren 1913 bis 1915 – und von der Thematik her natürlich auch für Musik- und Opernfreunde bedeutend. Überhaupt steht jener Kolo Moser neben den größeren Namen von Gustav Klimt, Richard Gerstl und Oskar Kokoschka, denen die Ausstellung je einen Raum widmet, unweigerlich im Zentrum. Elisabeth Leopold selbst ist angetreten, dem Künstler seinen Rang anzuweisen… und lädt das Publikum ein, „mit dem Liebestrank zu feiern“.

Von Heiner Wesemann

1918 – Jahr der Tragödien     Hundert Jahre danach häufen sich die „Gedenktage“, ungeachtet dessen, dass es lauter tragische Ereignisse waren, die damals das Geschehen prägten. Der Erste Weltkrieg neigte sich seinem Ende zu und brachte das Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die immerhin ein (wenn auch gescheiteter) Versuch gewesen war, verschiedene Völker friedlich zusammen zu schmelzen. Und die Kunstszene verzeichnete Verluste ohnegleichen unter den Männern, die „Wien um 1900“ einen Aufschwung geschenkt hatten, wie er heute noch nachleuchtet: Die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele starben ebenso wie der Architekt Otto Wagner und jener Kolo Moser, den man aus heutiger Sicht nur als „Allround-Künstler“ erster Ordnung bezeichnen kann.

Moser Raum~1

Koloman Moser    Elisabeth Leopold ist es, die den Schwerpunkt dieser Ausstellung auf Kolo Moser (1868-1918) legt, in der wohl richtigen Überlegung, dass dieser von seinen großen malenden Zeitgenossen „erdrückt“ und überschattet und möglicherweise als „Gebrauchskünstler“ nicht ausreichend geschätzt wird. Dabei ist es gerade diese Vielseitigkeit, die Moser so besonders macht – nicht nur ein durchaus eindrucksvoller Maler der von ihm mit begründeten Secession, sondern auch als Mitbegründer der „Wiener Werkstätte“ ein Künstler, der das Alltagsgesicht der Epoche mitprägte – mit Wohnungseinrichtungen, mit Geschirr und Glas (wobei er sich stets der neuesten Techniken bediente), mit Entwürfen zu allem, was benötigt wurde, die Dinge „neu“ zu machen, seien es Tapeten oder Geldscheine. Er arbeitete viel für Otto Wagner, dekorierte etwa prachtvoll mit Golddekor eines von dessen Wienzeilen-Häusern, war auch mit Werken für die Kirche am Steinhof befasst (was für ihn allerdings zu viel Ärger führte). Ein viel beschäftigter, hoch produktiver, künstlerisch einfallsreicher Mann – so ist der erste, Kolo Moser gewidmete Raum ein „Wohnzimmer“ von 1900 geworden, mit Möbeln, Bildern, Einrichtungsgegenständen, die alle durch ihre Eleganz bestechen. Wobei die von ihm neu erfundene Einfachheit nach der Üppigkeit des Historismus teils auf glatte neue Sachlichkeit verwies, teils aber auch ein Rückgriff auf das Biedermeier erschien. Elisabeth Leopold hat für diesen Teil der Ausstellung ein Büchlein über Koloman Moser in der Reihe „Junge Kunst“ des Verlags Klinkhardt & Biermann vorgelegt.

Klimt Tod und Leben~1

Klimt      Bedenkt man, dass das Leopold Museum selbst noch in diesem Jahr eine „Solo-Ausstellung“ für Gustav Klimt (1862-1918) veranstalten wird, ist vielleicht nicht völlig einsichtig, dass er auch in dieser Ausstellung aufscheint – es sei denn, aus dem logischsten aller Motive, dass nämlich er es ist, der automatisch die meisten Besucher anzieht. Alles, was nicht Kolo Moser betrifft, hat Leopold-Direktor Hans-Peter Wipplinger gestaltet, und hier begibt er sich (auch in der Beschränkung auf nur wenige Werke) ganz abseits der Klischees – keine schönen Damen, keine ins Auge springenden Gold-Ornamente, sondern Rares, auch Kleines, Diskretes in Landschaften und Porträts, und im Zentrum jenes große „Tod und Leben“-Gemälde, in dem Klimt dem düsteren Schiele so nahe ist, wie er nur sein konnte.

Kokoschka     Oskar Kokoschka (1886-1980) war mit seinem Geburtsdatum ein „Später“, noch ein Teenager im Jahr 1900. Und doch kann man ihn nicht zuletzt durch seine Mitarbeit bei der Wiener Werkstätte „Wien um 1900“ zuordnen. Seinen Höhepunkt erreichte er allerdings nicht in der Welt von Secession und Jugendstil, sondern in jener des Expressionismus. Auch das eine Entscheidung des Direktors, die nicht a priori einleuchtet, zumal er auch Werke Kokoschkas aus den dreißiger und vierziger Jahren zeigt. Rund um die Büste von Kokoschkas Kopf, die Alfred Hrdlicka so eindrucksvoll schuf, geht man hier in den Epochen schon ein paar Schritte weiter.

Gerstl      Richard Gerstl (1883 bis 1908) zählt zu den Galionsfiguren des Leopold Museums, das mehr seiner Gemälde besitzt als jedes andere Haus. Manches war zu der großen Ausstellung in der Schirn-Halle in Frankfurt gewandert (wo der Besucher aus Österreich eine bedauerliche Erkenntnis mitnehmen musste: Die parallele Matisse-Ausstellung in der Schirn hatte mindestens zehnmal so viele Besucher, kam man von den „lockeren“ Gerstl-Räumen, fand man sich bei Matisse im Gedränge…), Nun hat das Leopold Museum seine beiden großen Selbstbildnisse als ganzer und halber Akt wieder, die zweifellos zu den eindrucksvollsten Arbeiten des Künstlers zählen und den absoluten Blickfang dieses Raumes darstellen.

Verlustmeldung     Das Leopold Museum hatte lange Zeit eine permanente Kostbarkeit zu bieten: Das gesamte oberste Stockwerk hatte sich in eine „Wien um 1900“-Landschaft verwandelt, wo das Haus seinen schier grenzenlosen Schatz an Gemälden und Skulpturen mit Möbeln und Accessoires aller Arten dekorierte. Es war eine unvergleichliche Wunderwelt, in die man jeden Wien-Gast schicken konnte – und die nun verschwunden ist. Einerseits um einer Ausstellung der Horten-Sammlung Platz zu machen, andererseits, weil das Leopold Museum auf seinen Dach einen „Libellen“-Aufsatz erhält (wozu, das wissen die Götter). Auf die Frage, ob „Wien um 1900“ in aller Form „unter dem Dach“ wiederkehrt, meinte Frau Professor Leopold: „Vielleicht 2019?“ Wie heißt es doch bei Shakespeare? „Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen.“

Leopold Museum, bis 10. Juni 2018, geöffnet täglich außer Dienstag: 10 – 18 Uhr, Donnerstag: 10 – 21 Uhr

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BERLIN/ Jüdisches Museum: „WELCOME TO JERUSALEM“ – zu sehen bis 30.4.

BERLIN/ Jüdisches Museum: „Welcome to Jerusalem“ – zu sehen bis 30.4.2018

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Als Zentrum der drei monotheistischen Weltreligionen, des Christentums, Judentums und Islams war und ist Jerusalem eine Ausnahmeerscheinung, begehrtes Zentrum der Herrschaft, immer schon ein multikultureller Ort. Dass die Eröffnung  der Ausstellung  „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin fast zeitgleich mit Trumps Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels erfolgte, gibt der Ausstellung eine aktuelle Brisanz.

Der Titel ist Konzeption und wird in 15 Kapiteln mit fast 300 Exponaten abgehandelt. Willkommen sollen alle in Jerusalem sein, dessen Geschichte, religiöse Vielfalt und aktuellen Probleme kennenlernen. Das will die Ausstellung für ein internationales Publikum in erster Linie atmosphärisch vermitteln. 70 Filmteams begleiteten 24 Stunden lang 90 Bewohner Jerusalems in ihrem Alltag. Sie  filmten Juden, Christen, Araber  beim Arbeiten, in der Freizeit, ihre Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen. Das Ergebnis ist eine sehr videogeprägte Ausstellung mit vielen optischen Eindrücken und Fakten, doch ohne wesentliche neue Erkenntnisse für den, der ein gewisses Vorwissen mitbringt.

Mottogerecht werden die Besucher mit „Welcome to Jerusalem“ mit vier simultanen Großwandprojektionen begrüßt, die sich Jerusalem als imposanten Stadtraum aus unterschiedlichsten Perspektiven nähern. „Die Vermessung der Stadt“ entwickelt sich  aus historischen Karten, Drucken, Fotografien, Panoramabildern, Leporellos, am besten durch eine sehr große animierte Grafik, in der die Stadterrweiterung Jerusalems in Relation zur Eroberungsgeschichte in Endlosschleife dargestellt wird. Hier wird jedem deutlich, wie  sich in Jerusalem, bedingt durch die religiösen Machtverschiebungen und demographische Entwicklung der Christen, Juden und Moslems deren Lebensbereiche ständig veränderten und überlagerten.

Hinter der „Reise nach Jerusalem“ offeriert sich die Bedeutung Jerusalems als Pilgerstadt für alle drei Religionen, sichtbar durch Symbole, Tätowierungsstempel, Weihegefäße, Souvenirs der Pilger, wobei durch die vielen Kreuze die Wände hinauf  die Präsenz der Christen völlig übergewichtet erscheint.

Im Raum der „Heiligen Stadt“ wird Jerusalems multireligiöse Vielfalt hörbar.  Gebete und Gesänge der drei Religionen über den  Modellen der Klagemauer, Grabkirche und des Haram asch-Scharif schwebend,  vermitteln den besonderen Klang Jerusalems. Ein eigenes Kapitel, dem Jüdischen Museum geschuldet, ist dem „Tempel im Judentum“ gewidmet.

Ansonsten zeigt die Ausstellung immer sehr subjektiv „Diesseits und Jenseits der Stadtmauer“ beide Seiten im „Konflikt“. Aus der Sicht einzelner Bewohner wird das heutige Jerusalem  im Alltag lebendig. Einem Barbier wird nicht erlaubt in die Al-Aksa-Moschee zu beten. Ein arabischer Junge erzählt, wie er  seinen Drachen, wenn er über die Mauer fliegt, gefahrvoll durch ein selbst gebuddeltes Loch unter der Mauer zurückholen muss. Eine jüdische 90-jährige erinnert sich an die Ausgrenzung der Juden in Berlin. Interviews aus „24th Jerusalem“ bilden ein Kaleidoskop von  Parallelen und Unterschieden  im „Alltag in Jerusalem“.  Nebenthemen beleuchten „Hotels“, sabotiert von Juden, „Frohe Provokateure“, die sich mit religiösen Situationen ironisch auseinandersetzen. „Nächstes Jahr in Berlin“ präsentiert Postkarten und Standorten Jerusalems in Berlin, vom Neu-Jerusalem über Flughafen Tempelhof bis zu Berliner Biergarten „Golgatha“. „Videokunst“ beendet die Ausstellung, wobei Yael Bartanas „Inferno“ das Ausstellungsthema unfassbaren kitschig smart konterkariert. Junge Menschen aus aller Welt in weißen Gewändern mit Blumen und Früchten geschmückt,  werden wie in einem Hollywoodfilm pompös, von schlechten Statisten inszeniert im Tempel Opfer eines Attentats,  die religiösen Symbole dennoch gerettet.  Die Ausstellung hätte einen würdigeren Abschluss verdient.

Zu sehen bis 30. April 2019 im Jüdischen Museum Berlin

Michaela Schabel

 

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WIEN/ „Strichelei“ – Galerie des Online-Merker: FOTOS VON DER VERNISSAGE „CHARLOTTE POHL – MALEREI UND DRUCKGRAFIK“

STRICHELEI“ – GALERIE DES ONLINE-MERKER. FOTOS VON DER VERNISSAGE „CHARLOTTE POHL – MALEREI UND DRUCKGRAFIK“

pol


Günther Fritsch (Präsident der „Gemeinschaft bildender Künstler“), Charlotte Pohl, Erich Frey (Vizepräsident). Copyright: Barbara Zeininger


Charlotte Pohl vor einer ihrer Arbeiten (Umwelt“ – 100 mal 70 cm, Acryl auf Leinwand. Copyright: Barbara Zeininger

Acryl auf Jute


„Fata Morgana“ aus der „Äthiopien-Serie“.
Acryl auf Jute. Copyright: Barbara Zeininger


Aus der „Äthiopien-Serie“. Copyright: Barbara Zeininger


„Kind in Äthiopien“. Acryl auf Jute.
Copyright: Barbara Zeininger


„Impressionen“ aus der „Äthiopien-Serie“. Copyright: Barbara Zeininger

Druckgraphik


Rentiere. Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger


„Tiere der Nacht 1“ – Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger


„Tiere der Nacht 2“ – Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger

Sehen Sie eine große Auswahl an Arbeiten:

FOTOS ONLINE-GALERIE „STRICHELEI“ – ALBUM 10

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WIEN / Albertina: MEISTERWERKE DER ARCHITEKTURZEICHNUNG

Architekturzeichnung Plakat~1
Fotos: Wesemann

WIEN / Albertina / Tietze Galleries for Prints and Drawings:
MEISTERWERKE DER ARCHITEKTURZEICHNUNG
Vom 15. Dezember 2017 bis 25. Februar 2018

Ob gebaut oder nicht…

Eine Architekturzeichnung ist ein zweckgebundenes Stück Arbeitsmaterial: Von der ersten Skizze über Grundriß, Aufriß, Perspektive, dient sie nur dazu, dass aus einer Idee im Kopf des Künstlers am Ende ein dreidimensionales Gebäude wird. Wenn dieses Ziel erreicht ist, könnte man die Skizzen eigentlich wegwerfen. Was in vielen Fällen eine Katastrophe wäre. Die Albertina beweist es mit einer Ausstellung über Meisterwerke der Architekturzeichnung, wo eine Kostbarkeit die andere jagt…

Von Heiner Wesemann

Das nie realisierte Museum   Unter den vielen Spezialsammlungen der Albertina nehmen die Architekturzeichnungen einen besonderen Rang ein, nicht nur wegen ihres Umfangs von an die 40.000 Exponaten. Als die künstlerischen Besitztümer der Habsburger nach dem Ersten Weltkrieg an die Institutionen der Republik verteilt wurden, hat man gerade in der Albertina ein „Architekturmuseum“ ins Auge gefasst, stammte doch ein Großteil der Werke aus dem Besitz von Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen. Das eigene Museum kam nicht zustande, aber die Sammlung wuchs, basierend auf Meisterwerken von Bernini oder Borromini (dieser wurde von Philipp Baron von Stosch im 18. Jahrhundert gesammelt). Schon damals hatte man Entwurfszeichnungen der Ringstraßen-Architekten (Semper, Hasenauer, Hansen) im Besitz, zusätzlich zu den „Modernen“ (Otto Wagner, Adolf Loos). Später wuchs die Sammlung nicht nur in Bezug auf die Österreicher (Holzmeister, Hollein), sondern bis in die jüngste Zeit (Zaha Hadid). Dass die Albertina die Nachlässe von Adolf Loos, Josef Frank, Clemens Holzmeister u.a. besitzt, stellte eine besondere Stärkung der Sammlung dar.

Architekturzeichnung Halle~1
Paul Wilhelm Eduard Sprenger, Entwurf für eine Exerzier- und Industrie-Ausstellungshalle in Wien

Zwei Ausstellungen nötig     Um hier auch nur einen Überblick liefern zu können, bietet die Albertina (die diese Ausstellung schon erfolgreich nach Berlin geschickt hat) nun – kuratiert von dem Leiter der Architektursammlung der Albertina, Christian Benedik – den ersten Teil der „Meisterwerke der Architektur­zeichnung aus der Albertina“. Der zweite Teil der Ausstellung, für Juni 2018 in Aussicht genommen, wird sich mit u.a. mit Gärten, Denkmälern, Theaterbauten befassen.

Die Funktion der Skizze     Die Ausstellung ist didaktisch aufgebaut, sie führt durch die Genres. Am Beginn muss die Ideenskizze stehen, der dann „Faktisches“ folgt: der Grundriß, der Querschnitt, der die „Geometrie“ eines Gebäudes erläutert, die Frontalansicht und die Perspektivansicht, die dann das Gefühl der Dreidimensionalität geben soll. Zu all dem sind meisterliche Beispiele aus verschiedenen Epochen vorhanden. Einzelaspekte der Betrachtung gelten auch Kuppeln, Türmen oder der Farbe in der Architektur.

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Theophil Hansen, Entwurf für das Abgeordnetenhaus

Was man alles bauen kann – oder nicht     Von den realen Bauwerken, die geplant wurden, zeigt die Ausstellung Brücken und Brunnen, aufwendige Residenzen und private Villen oder Gartengebäude. Ein Schwerpunkt wird selbstverständlich bei den Gebäuden der Wiener Ringstraße gesetzt, wo sich schnell herausstellt, dass bei weitem nicht alles, was hier geplant und schon auf dem Papier sorglich ausgeführt wurde, auch wirklich gebaut wurde. So hat Theophil Hansen 1865 den Entwurf für ein Abgeordnetenhaus geschaffen, mit den für ihn typischen griechischen Elementen. Dann hat Kaiser Franz Joseph beschlossen, das Herrenhaus und Abgeordnetenhaus zusammen zu legen, und Hansen übernahm Elemente seines Entwurfs für das Parlament, wie wir es heute kennen. Andere, aufwendige Projekte wurden nicht realisiert: Man lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Zeit technischen Aufbruchs, man hatte Metall und Glas als Bauträger entdeckt, die Architekten planten opulent. Aber eine riesige Exerzier-, Industrie- und Ausstellungshalle, wie Paul Eduard Sprenger sie 1853 entwarf und die als monumentaler gewölbter Hallenbau auf der Schmelz gedacht war, kam nicht zur Ausführung. Kleineres, wie etwa die Bahnstation für Kaiser Franz Joseph in Hietzing, von Joseph Olbrich für das Büro Otto Wagners konzipiert, hatte da bessere Chancen: Bloß dass der Kaiser „seinen“ privaten Bahnhof gerade zweimal genutzt hat, dagegen konnte man nichts tun – aber als Baujuwel steht er noch heute, so wie die Skizze ein Juwel des Genres Architekturzeichnung ist.

Architekturzeichnung Wagner Kapuzinergruft~1
Otto Wagner, Entwurf für den Umbau der Kapuzinergruft

So sollte die Kapuzinergruft aussehen   Nach dem Tod von Kaiserin Elisabeth plante Otto Wagner, ein leidenschaftlicher Monarchist, für die (bis heute) schlichte Kapuzinergruft einen gewaltigen Umbau: Die Skizze der Fassade lässt ahnen, welch gewaltiges Tor mit Kuppel, dazu seitlichen Türmen und einer Postsparkassen-ähnlichen Fassade hier die Grablege der Habsburger optisch aufgewertet hätte. Wieder eines von vielen Projekten, die nicht verwirklicht wurden – wie etwa auch die Kirchenbauten von Clemens Holzmeister in Brasilien, auf dem Papier prächtig anzusehen, nie Realität geworden.

Architekturzeichnung Holzmeister Kathedrale~1
Clemens Holzmeister, Kathedrala für Rio de Janeiro

Kunstwerke an sich     Bedenkt man, dass hier in den Räumen der Tietze Galleries for Prints and Drawings „Arbeitsblätter“ ausgestellt sind, so steht der künstlerische Wert von jedem einzelnen Werk nicht in Frage. Abgesehen vom Bezug zur jeweiligen Realität, in der die Werke entstanden, spiegeln sie künstlerische wie gesellschaftliche Aspekte. Der großartige Katalog bildet die Werke im Breitformat ab und gibt auch schon einen Vorgeschmack auf den zweiten Teil der Ausstellung.

Bis 25. Februar 2018, täglich 10 bis 18 Uhr,
Achtung, zweimal abends länger geöffnet!
Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr  

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WIEN / Jüdisches Museum: GENOSSE. JUDE.

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Alle Fotos: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum:
GENOSSE. JUDE.
WIR WOLLTEN NUR DAS PARADIES AUF ERDEN
Vom 6. Dezember 2017 bis zum 1. Mai 2018

Sie träumten den unmöglichen Traum…

Die Zeit ist genau richtig für das Thema: Vor hundert Jahren fegte die Russische Revolution durch das Zarenreich und löste es durch den Kommunismus des Sowjetstaates ab. Im nächsten Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx vermutlich so viel Beachtung nach sich ziehen wie das Luther-Jahr – der Mann, der „Das Kapital“ und „Das kommunistische Manifest“ schrieb. Geschichte ist angesagt, und der Kommunismus steht im Zentrum. Auch im Jüdischen Museum, wo „Genosse. Jude.“ das Thema auf breiter Ebene, aber aus jüdischer Perspektive behandelt.

Von Renate Wagner

Juden: zwischen Kapitalismus und „Linke“     Juden waren, wenn sie die Möglichkeit hatten, in der Politik aktiv: Es soll beispielsweise der Liberale Adolf Fischhof gewesen sein, der in Wien die Revolution vom März 1848 lostrat. Das reiche Judentum – besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bankiers, Unternehmer, Fabrikanten in der Habsburger-Monarchie – stand für jenen Kapitalismus, den die „Linke“ (die ausgebeuteten Arbeiter) bekämpfte. Andererseits fanden sich besonders viele Juden in der Ideologie des Kommunismus gut aufgehoben. „Wir wollten nur das Paradies auf Erden“, lautet der Untertitel der Wiener Ausstellung – und die Idee, dass in der „klassenlosen Gesellschaft“ alle Menschen gleich sein sollten, barg die Hoffnung auf das Ende des Antisemitismus in sich. So stimmten die Juden Russlands in „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“ ein, nachdem das antisemitische Zarenreich weggefegt worden war. Russland und kommunistische Juden in Österreich, das sind die beiden Ebenen, auf denen sich diese Ausstellung bewegt.

Genosse Jude Trotzki~1 Trotzki, gezeichnet von Emil Orlik

Herr Bronstein im Café Central         Im nachhinein weiß man es immer besser. Wer solle denn die Russische Revolution machen, witzelte man in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central? Und nachher, als dieser Herr Bronstein unter dem Namen Trotzki berühmt wurde, war tatsächlich er es, der an Lenins Seite „Revolution“ machte und dem Kommunismus in Russland zum Sieg verhalf… Nach Österreich hatte sich Trotzki gewendet, als er – noch vor dem Zarenreich flüchtend – sich von 1907 bis 1914 im Wiener Exil aufhielt, wo kommunistische Freunde ihn unterstützten und er hier propagandistisch an der Vorbereitung der Revolution arbeiten konnte. In Österreich gab es im Rahmen der Arbeiterbewegung viele Juden: Die Ausstellung widmet ihnen als Personen zahlreiche, auf die/den einzelne(n) abzielende Schwerpunkte, wo man eine Menge persönliches Material zusammengetragen hat. Unter ihnen finden sich gleicherweise Politiker wie Künstler. Klar wird: „Genosse“ zu sein, bedeutete einen starken Zusammenhalt von Menschen (egal welcher Religion) untereinander – fest gehalten durch das Band einer positiv verstandenen Ideologie.

Genosse_Jude_Raum~1

„10 Tage, die die Welt erschütterten“    Es waren tatsächlich „nur“ zehn Tage, die die Russische Revolution währte, aber sie veränderte alles. Die Ausstellung dokumentiert die Revolution (u.a. auch mit einer Szene aus dem Film „Oktober“, den Sergej Eisenstein 1927 darüber drehte) – das bietet eine Überfülle von dokumentarischem Material, vor allem politischer Plakate. Für die Juden bedeutete das Sowjetreich jedoch bald ein herbes Erwachen aus der Illusion, „nur“ noch „Genosse“ und nicht mehr „der Jude“ zu sein. Lenin starb 1924, und Stalin brauchte nur wenige Jahre, seine Alleinherrschaft zu etablieren. Im Machtkampf mit Trotzki wurde dieser 1928 erneut ins Exil geschickt (und Stalin sorgte bekanntlich noch in Mexiko für dessen Ermordung). Der nunmehrige Diktator, der sich „staatsmännisch“ als großer Steuermann an einem Steuerrad darstellen ließ, war Antisemit, und Juden fielen neben anderen Regime-Zweiflern und –Gegnern seinen Verfolgungen zum Opfer. Unter dem dokumentarischen Material findet sich auch traurig Originelles: Ein jüdischer Teppich, in den man ursprünglich das Bildnis Stalins hineingewebt hatte. Nachdem die Enttäuschung evident war, versuchte man, es durch Hinzufügen eines entsprechenden Bartes per Übermalung zu „Theodor Herzl“ umzugestalten…

Genosse Jude Stalin-Herzl-Teppich~1

Neue Heimat Israel   Immerhin hatte es in der Sowjetunion Anfang der dreißiger Jahre ein jüdisches „Experiment“ gegeben – ganz weit im Osten (also gewissermaßen wieder in der Verbannung) durften Juden eine autonome Region errichten (Jüdische Autonome Oblast = Verwaltungsbezirk), in der sie sozialistische Ideale verwirklichen wollten. Doch der (wenn auch kurzfristige) Hitler-Stalin-Pakt 1939 begrub jegliche Hoffnungen, dass der Sowjet-Kommunismus ein für Juden sicheres System sein könnte, wenngleich viele Juden später für Stalin im Krieg gegen Hitler arbeiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen zahllose Juden die Sowjetunion, wobei für viele dann schon der neue Staat Israel eine neue Heimat bedeuten konnte – wenn auch auf anderer Ebene ebensowenig sicher wie die alte… Die österreichischen Juden waren, wenn sie nicht in Konzentrationslagern ermordet wurden, schon während des Zweiten Weltkrieges in die Emigration gegangen. Der Kommunismus, mit oder ohne Juden, versickerte in Österreich nach dem Staatsvertrag und dem Abzug der Sowjet-Besatzungsmacht langsam zur Bedeutungslosigkeit. Das kommunistische „Paradies“, das mit so vielen Idealen behaftet war und den Juden so viele Hoffnungen schenkte, hatte sich nicht verwirklicht. Nirgends.

Genosse. Jude. – Wir wollten nur das Paradies auf Erden
Jüdische Museum Wien, 1010 Wien, Dorotheergasse 11
Bis 1. Mai 2018
Von Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Jüdisches Museum: ISRAEL BEFORE ISRAEL

Israel Aufschrift~1

WIEN / Jüdisches Museum in der Dorotheergasse / Extrazimmer: I
SRAEL BEFORE ISRAEL
Fotografien von Ze’ev Aleksandrowicz 1932–1936
Vom 22. November 2017 bis zum 1. April 2018

Der Schatz aus dem Koffer

Nicht nur Goldstücke sind Schätze, Dokumente sind es auch, und das in vielleicht noch höherem Maße. Es klingt romanhaft, war aber in diesem Fall Realität – dass der Enkel auf dem Dachboden einen Koffer des Großvaters entdeckte, von dem niemand wusste. Darin fanden sich rund 15.000 Negative für Schwarzweißfotos, aufgenommen in den dreißiger Jahren in Tel Aviv, damals noch Palästina, aber schon besiedelt von Juden, die ihr „Altneuland“ gefunden hatten. „Israel before Israel“ nennt das Jüdische Museum in Wien die Ausstellung, die eine Auswahl dieser Fotos von Ze’ev Aleksandrowicz zeigt.

Von Renate Wagner

Israel er in gross x~1Ze’ev Aleksandrowicz      Geboren 1905 in Krakau, war Ze’ev Aleksandrowicz Sohn eines wohlhabenden Papierhändlers. Schon als Fünfjähriger bekam er von einer Tante seinen ersten Fotoapparat geschenkt. Als Student lebte er in den zwanziger Jahren auch kurz in Wien, als Fotograf (er war autodidakt, bekam aber viele Aufträge) war er viel unterwegs. Wie viele Juden nach dem Ersten Weltkrieg hing er dem Zionismus des Theodor Herzl an, glaubte, dass die Juden in ihre alte Heimat aus biblischen Zeiten zurück kehren und dort leben sollten. Tel Aviv war schon 1909 gegründet worden, und dorthin reiste Aleksandrowicz in den dreißiger Jahren dreimal, bevor er sich ganz hier niederließ. Allerdings hörte er, nachdem er 1936 eine sephardische Jüdin geheiratet hatte, gänzlich mit dem Fotografieren auf – einer Erklärung dafür gab es nie. Er starb 1992.

Israel Schachspiel~1  Israel Kamele vor Schiff~1

Tel Aviv – wo Welten auf einander prallten    Tel Aviv war die Stadt, die von europäischen Juden in Palästina gegründet wurde. Diese Juden Europas haben ihre Lebensform, ihre Erkenntnisse, ihre „Moderne“ mitgebracht. Die Palästinenser lebten in ihrer althergebrachten Form – und sahen, wie ein modernes Tel Aviv aus dem Boden wuchs. Ze’ev Aleksandrowicz zückte in den dreißiger Jahren seine Kamera – und sah beide Seiten. Die Juden, die aussahen wie „daheim“, die alten Männer, die im Freien Schach spielten, als seien sie im Kaffeehaus, die Baustellen und die modernen Bauten, die aus dem Boden wuchsen. Und er sah die Araber auf ihren Kamelen, die verschleierten Frauen, die Beduinen, die Eselskarren der „anderen“. Für eine so spannungsgeladene Zeit wirken die Bilder ausgesprochen friedlich und gelassen auf beiden Seiten – wäre es nur so geblieben.

Israel Liegestühle und Decke~1  Israel Liegestühle~1

Einladung in den Liegestuhl     Es war ein Enkel von Ze’ev Aleksandrowicz, der elf Jahre nach dem Tod des Großvaters den Koffer am Dachboden entdeckt hat. Heute sind die Bilder aus der eigenen Frühzeit für den Staat Israel so wertvoll, dass das Israel-Museum sie ins Internet gestellt hat. Das Jüdische Museum in Wien nahm das Angebot einer Ausstellung gerne an – Kuratorin Andrea Winklbauer hatte die Aufgabe, aus der Unmenge des vorhandenen Materials eine Auswahl von 24 Stück zu treffen, steht ihr doch nur der Nebenraum, das „Extrazimmer“, in dem die Ausstellungs-Gustostückerln des Hauses stattfinden, zur Verfügung. Da gibt es nun einiges Dokumentarisches zu Ze’ev Aleksandrowicz, signifikante Fotos – und ein paar Liegestühle, die Ausstellungsgestalter Conny Cossa in den Raum gestellt hat und die den Besucher einladen, den Blick auf die Decke des Raums zu richten: Dort laufen in einer Dia-Show von 80 weiteren Fotos…

Jüdisches Museum Dorotheergasse – Palais Eskeles, Dorotheergasse 11, 1010 Wien
Israel before Israel
Fotografien von Ze’ev Aleksandrowicz 1932–1936
Bis 1. April 2018
Geöffnet Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr,
Freitag von 10 bis 14 Uhr (Winterzeit) bzw. 17 Uhr (Sommerzeit)

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WIEN / Belvedere: RUELAND FRUEAUF D. Ä. UND SEIN KREIS

Frueauf mit Schrift x~1
Alle Fotos: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

WIEN / Belvedere / Oberes Belvedere:
RUELAND FRUEAUF D. Ä. UND SEIN KREIS
Meisterwerke im Fokus
Vom 23. November 2017 bis 11. März 2018

Es gibt auch das Mittelalter

Die Ausstellungen großer Häuser wenden heute ihr Interesse in erster Linie der Moderne oder den Klassikern von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert zu. Gerade das Belvedere besitzt jedoch eine großartige, in eigenen Räumen ausgestellte Mittelalter-Sammlung, in die sich – hinter der Orangerie gelegen – normalerweise nur wenige Besucher verirren. Nun hat man bedeutenden Künstlern des 15. Jahrhunderts die Räumlichkeiten links vom Eingangsbereich des Oberen Belvederes eingeräumt: In der Reihe „Meisterwerke im Fokus“ gibt es eine mehr als eindrucksvolle Ausstellung für Rueland Frueauf den Älteren, für seinen Sohn Rueland Frueauf den Jüngeren., ergänzt durch Arbeiten des Meisters von Großgmain.

Von Heiner Wesemann

Frueaufd.J.SauhatzS Ausschnitt~1 Frueauf portrat~1
Die berühmte „Sauhatz“ des Sohnes (Ausschnitt) / Der Vater porträtierte den Kollegen Jobst Seyfrid 

Vater und Sohn     Daten für das 15. Jahrhundert sind nicht mit Sicherheit auszumachen. Anzunehmen ist, dass Rueland Frueauf – den man den „Älteren“ nennt, weil sein Sohn dann in seine künstlerischen Fußstapfen trat – um 1445 im Umkreis von Salzburg geboren wurde und 1507 in Passau starb. Sein Hauptwerk ist der „Salzburger Passionsaltar“ (um 1490) mit seinen acht großformatigen Tafeln. Sein Sohn, „der Jüngere“ gleichen Namens, mag um 1470 im Salzburger Land geboren sein und ist nach 1545 in Passau gestorben. Der Vater gehört zu den wichtigsten deutschen Malern der Generation vor Albrecht Dürer, in deren Werken die Spätgotik einen Höhepunkt erreichte, der Sohn war ein unmittelbarer Zeitgenosse Dürers (1471-1528). Beide Frueaufs sind für ihre Altartafeln berühmt geworden, wobei der Sohn besonders enge Bindung zum Stift Klosterneuburg hatte, das als großzügiger Leihgeber dieser Ausstellung auftrat. Das Belvedere ergänzt auch noch Werke des Meisters von Großgmain, von denen man kostbare Stücke besitzt.

Heiliger Ambrosius des Meisters von Großgmain (Ausschnitt)

GrogmainHl.AmbrosiusInv. ausschnitt~1 Das große Restaurierungsprojekt     Die Ausstellung im Belvedere, die Licht auf die beiden Frueaufs und als Ergänzung auf den Meister von Großgmain wirft, hat mit einem großen Restaurierungsprojekt zu tun: Die acht, aus Salzburg stammenden Altartafeln mit Passions- und Marienszenen des älteren Frueauf, die sich im Besitz des Belvedere befinden, wurden jahrelang restauriert, teilweise auch als „Schaurestaurierung“, die es Publikum möglich machte, bei der Arbeit zuzusehen. Dazu ist übrigens zu bemerken, dass die Altartafeln schon im frühesten 20. Jahrhundert vertikal zersägt wurden, damit man beide Seiten sehen und ausstellen konnte…
Darüber hinaus hat man im Belvedere in vieler Hinsicht wissenschaftlich, auch kunsttechnologisch gearbeitet und die Werke regelrecht „durchleuchtet“: Da zeigt sich etwa, wenn ein Maler auf dem Holz bereits ein Thema angeschlagen, aber später aus welchen Gründen auch immer verworfen und übermalt hat. Digitale Stationen machen dergleichen für ein interessiertes Publikum nachvollziehbar.

„Familienzusammenführung“     Inhaltlich hat in diesem Zusammenhang Kurator Björn Blauensteiner zu Frueauf dem Älteren ergänzende Werke gesucht und gefunden, wobei – wie erwähnt – die Kunstsammlungen des Stifts Klosterneuburg Werke des Sohnes beisteuern konnten, darunter die berühmte Leopoldlegende. Eine „Familienzusammenführung nach über 500 Jahren“, wie es hieß. Ein anderer großer Künstler der Spätgotik und vermutlich Zeitgenosse von Frueauf dem Älteren ist der Meister von Großgmain, dessen Werke hier ebenfalls zu Vergleich und Ergänzung herangezogen sind.

Die Welt des Mittelalters     Möglicherweise genießen Werke des Mittelalters beim breiten Publikum weniger Interesse als die späterer Epochen, weil der Eindruck besteht, es handle sich immer nur um Variationen derselben Motive der Heilsgeschichte Christi und der Marienlegende. An der Thematik gab es in der damaligen Epoche nichts zu rütteln, doch es sind die Details der Bilder, es ist der Ideenreichtum der künstlerischen Gestaltung, die hier offenbar werden und genaue Betrachtung nahelegen.

Frueauf Älterer Salzburger Altar x~1
Der restaurierte Salzburger Altar des älteren Freuauf

Die Meisterschaft des „Älteren“   Bei den Gesichtern von Jesus, Maria und den Heiligen ging die Experimentierfreude aus begreiflichen Gründen nicht weit (manchmal wurden da sogar Schablonen benutzt), aber in der Gestaltung des „Volks“ wird man als Ausstellungsbesucher in hohem Maße fündig: Da finden sich etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, in dem Altarbild von der „Kreuztragung Christi“ beim älteren Frueauf Gesichter, die in ihrer Bösheit und Verbissenheit an Bosch erinnern. Bemerkenswert als künstlerisch-formales Element ist auch die sorgliche Ausgestaltung des meist opulent vertretenen Faltenwurfs der Gewänder, gleichfalls die oftmalige Einfügung von Landschaftsszenen im Hintergrund. Der Ruhm des älteren Frueauf kam, vielleicht auch in Zusammenhang mit seiner Farbenpracht, nicht von ungefähr. Das einzig individuelle Porträt der Ausstellung, als der ältere Frueauf seinen Malerkollegen Jobst Seyfrid um 1490 malte, strahlt große Verinnerlichung aus.

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Der Meister von Großgmain

Der Meister von Großgmain   Das Belvedere besitzt vom Meister von Großgmain (dessen Daten man nicht kennt, der aber auch um 1500 tätig war) zwei seiner berühmten Heiligendarstellungen, den Heiligen Augustinus und den Heiligen Ambrosius, beide in reiche Bischofsgewänder gekleidet, beide mit Büchern befasst (Ambrosius trägt sogar eine Brille). Man konnte aus Londoner Privatbesitz noch den Heiligen Gregor hinzufügen (er ist beim Schreiben und trägt eine kostbare Tiara). Vom Großgmainer Meister bietet die Ausstellung noch ein Triptychon mit dem „Tod Mariens“ im Zentrum (sie stirbt als mittelalterliche Dame in einem mittelalterlichem Bett), und sein reich mit Gold im Hintergrund arbeitender Stil unterscheidet sich entschieden von dem der beiden Frueaufs – Mittelalter ist nicht Mittelalter, jeder große Künstler hatte (schon vor Dürer) seine Handschrift.

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Rund um den Heiligen Leopold: der jüngere Frueauf

Rueland Frueauf der Jüngere   Der jüngere Frueauf, auch er biographisch noch sehr schwer zu fassen, repräsentiert in seinen Werken spürbar schon eine nächste Generation nach dem Vater. Die Farben sind weniger kräftig, dafür schillernder, die Figuren länger gestreckt, mit einem Hauch von Manierismus, die Landschaften differenzierter. Der jüngere Frueauf schuf für das Stift Klosterneuburg nicht nur die Flügeltafeln eines Johannes- und Passionsaltars, sondern auch ein Stück für die unmittelbare Geschichte des Stiftes: Dabei ist von seinem „Leopold Altar“ vor allem die „Sauhatz“ (als rein „weltliches“ Thema, bewegt dargestellt) berühmt geworden. Die drei anderen Altartafeln zeigen Leopold und Agnes, und von dem Heiligen Leopold schuf Frueauf auch ein zweieinhalb Meter hohes Tafelbild, das ihn mit dem Modell der Stiftskirche in der Hand zeigt – im Museum entsprechend prominent aufgestellt. Neben diesen Werken, durchwegs Leihgaben aus Klosterneuburg, besitzt das Belvedere selbst noch ein Tafelbild, das Leopold inmitten von Heiligen zeigt und damit natürlich sein Prestige hoch hält.

Eine Welt der Information   Unabdingbar für Kunstfreunde, die sich für diese Epoche interessieren, ist der Katalog, ein wahres Meisterstück in der Aufarbeitung der Thematik und in der Darbietung der Werke der drei hier zentral präsentierten Künstler.

Belvedere / Oberes Belvedere:
Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis
Bis 11. März 2018, täglich 9 bis 18 Uhr

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WIEN / Belvedere: DIE KRAFT DES ALTERS

Alter Plakat x~1

WIEN / Unteres Belvedere:
DIE KRAFT DES ALTERS
Vom 17. November 2017 bis zum 4. März 2016

Die „würdigen“ und
die „unwürdigen Greise“

Wandlungen des Zeitgeistes bedingen auch eine Wandlung von Werten. Das höhere und hohe Alter des Menschen, früher ein Sehnsuchtsziel, ist heute erreicht und schnell zur gesellschaftspolitischen Last geworden – mittlerweile so negativ besetzt, dass wir das Alter geradezu auszugrenzen suchen, solange es nicht um die ökonomischen Mittel geht, die man von dort noch zu melken sucht. Direktorin Stella Rollig und Kuratorin Sabine Fellner suchen nun im Belvedere das Bild des Alters in der Kunst, vom letzten Jahrhundert bis heute. Und das bietet einen vielfältigen, schillernden Gegenentwurf, „Die Kraft des Alters“ genannt.

Von Heiner Wesemann

Alter Marie Moll 2~1  Alter Koller Pinell 2~1 Alter Klimt, Blinde 3~1Alter Mann Moteschiszky 4~1

Was ist geschehen?    Wie gehen wir heute mit dem Alter um? Für alte Männer empfiehlt man junge Frauen, um den Eindruck von Potenz zu erwecken (viele Prominente machen es bis zur Peinlichkeit vor), für alte Frauen Anti-Aging-Kosmetik-Produkte, um falsche Jugendlichkeit vorzutäuschen. Das war nicht immer so. Die Ausstellung im Unteren Belvedere, die Sabine Fellner zusammen gestellt hat, hebt mit „würdevollen“ Altersbildern an, wie man sie im 19. Jahrhundert malte, als „alt“ mit allerlei positiven Eigenschaften (vor allem aber natürlich Macht und Geld in den entsprechenden Gesellschaftsschichten) Hand in Hand ging. Auch eine Versammlung knorriger Alter, wie Karl Meditz sie malte, „Die Eismänner“, mag eine Allegorie sein, aber eine, in der das Alte sich nicht scheu versteckte – so wie es alte Leute heute, gern in Heime abgeschoben und vergessen, oft tun.

Alter Klimt am Totenbett a~1

Alter neben Schönheit   Der „alte“ Teil der Ausstellung zeigt, wie sehr Alter neben Jugend und Schönheit ein Thema für die Künstler war. Selbst Klimt und Schiele, die vor allem als Zeichner erotischer junger Körper im Bewusstsein leben, werden hier als Zeichner alter Körper vorgeführt – und das Gemälde des weißhaarigen alten Mannes, „Der Blinde“ (1896), und vor allem sein „Alter Mann auf dem Totenbett“ (1899) zeigen, dass wahre Künstler sich keinem Thema verschließen. Und dass es schöne alte Frauengesichter gibt – und doch für Marie Louise von Motesiczky ihr schon altersverfallender „Onkel Ernst“ (1963) Modell für ein ergreifendes Porträt war. Keinesfalls hat die Kunst, die man nicht explizit der „Moderne“ zuschreibt, das Alter grundsätzlich beschönigt.

Der heutige Blick zwischen Ironie und Erkenntnis     Wenn Anton Kolig noch einen alten General in Uniform mit all seinen Orden malt, dann fotografiert Anastasia Khoroshilova in ihrem Zyklus „Die Übrigen“ nur noch eine Uniformjacke über einem Sessel, und die Orden hängen verloren daran herum: Die Frage, was von einstigem Ruhm geblieben ist, stellt sich einfach durch das Bild. Wobei die Kuratorin außer Malerei und Graphik und Skulptur auch die „modernen“ Medien wie Fotografie und Video stark in die Ausstellung einbringt, um alte Menschen in allen denkbaren Situationen zu zeigen und auch immer wieder die Generationenfrage stellt.

Alter Raum Wand~1

Sehr viel Selbstironie    Frauen vor allem sehen auf ihr Geschlecht teils mit Selbstironie, teils scharf kritisch, teils durchaus liebevoll. Und man beschwört bekannte Topoi: Eine Fotoserie von Birgit Jürgenssen, die sich „Totentanz mit Mädchen“ (1979/80) nennt, variiert das ewige Memento Mori mit modernen Mitteln. Ganz zeitgemäß ironisiert Margot Pilz den Jugendkult, dem sich manche ältere Frau verschreibt (Hollywood ist da ein schlechtes Beispiel): In ihrem „Anti Aging“ macht sie sich darüber lustig – weißhaarig beim „Outworken“… oder wie Martha Wilson ihr Gesicht „vorher und nachher“ zeigt, nachdem das Programm „Beauty Pass“ über ihr Foto gewandert ist. So, wie die Zeitschriften die Promis auf den Titelbildern mit Photoshop „liften“… weil die Realität nicht erlaubt ist.

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Die unwürdigen Greise     Maria Lassnig ließ sich fröhlich mit einer Rose im Mund fotografieren (so wie in „Some like it hot“) und malte sich noch im hohen Alter nackt. „Unwürdige Greisinnen“ – Bert Brecht hat diesen Ausdruck formuliert. keine braven, stillen Großmütter. Helen Mirren liegt nackt in der Badewanne. Noch radikaler war Vivienne Westwood, nackt und mit gespreizten Beinen von Juergen Teller abgelichtet. Das alles hat mit widerständiger Lebenskraft zu tun, die zweifellos die Aussage der Ausstellung ist, aber die Kuratorin beschönigt auch nicht: Eric Fischl stellte in „Frailty is a Moment of Self Reflection“ (1996) die volle Hinfälligkeit eines alten, dürr gewordenen Männerkörpers aus… Am anderen Ende der Betrachtungsweise steht der aufrechte, rot glänzende Penis, den die Wienerin Renate Bertlmann (berüchtigt für ihre Benützung von Dildos, Präservativen u.a.) wie ein Kronjuwel auf einen goldenen Polster platziert hat: Der ewige Männertraum von Potenz und Jugend.

Alter Penis am goldenen Polster b~1

Hinsehen statt wegsehen   Man kann gar nicht versuchen, das Angebot des Gebotenen auszuschreiten oder zu schildern: Die Ausstellung ist so reichhaltig, dass sie jeden Besucher nachhaltig und vermutlich mehrere Male beschäftigen wird. Die Moral dieser Kraft und Stolz beschwörenden Schau ist jedenfalls: hinsehen statt wegsehen, reflektieren statt verdrängen. Auch was den Besucher selbst betrifft, welchen Alters er auch sei.

Unteres Belvedere:
Die Kraft des Alters
Bis 4.
März 2018. Täglich 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: VICTOR HUGO

Hugo Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
VICTOR HUGO
DER SCHWARZE ROMANTIKER
Vom 17. November 2017 bis zum 15. Jänner 2018

Die Freiheit des Schaffens

Wer „Victor Hugo“ sagt, denkt an den „Glöckner von Notre Dame“ und an „Les Miserables“, um an seine berühmtesten Romane zu erinnern, und Opernfreunde wissen auch, dass er mit einigen seiner romantischen Stücke Vorlagen zu manchem Opernlibretto geliefert hat. Kurz, Victor Hugo (1802–1885) lebt als Dichter im Bewusstsein der Nachwelt. Das Leopold Museum jedoch belehrt in seiner bereits zehnten Ausstellung des Jahres 2017 dahingehend, dass – was die wenigsten wussten – Victor Hugo ein Doppeltalent war, der in frühen Lebensjahren sogar vor der Entscheidung stand: Dichter oder bildender Künstler? Der Dichter ist es geworden – aber gezeichnet und aquarelliert hat er nebenbei sein Leben lang.

Von Heiner Wesemann

Victor Hugo   Geboren am 26. Februar 1802 in Besançon als Sohn eines Generals, war er ein Kind der Napoleonischen Ära, wuchs nicht nur in Paris, sondern auch in Neapel und Madrid auf. Er schrieb vom frühen Alter an und behielt das bei (während er sein zeichnerisch-malerisches Talent „nebenbei“ laufen ließ). In seinen literarischen Werken zeigte er sich gleicherweise der Romantik wie dem Realismus verpflichtet – „gemütlich“ waren seine Themen nie. Mochte er ideologisch zu Beginn noch ein Konservativer gewesen sein, so mutiert er zum Regimekritiker und Republikaner, was ihm unter Napoleon III. das Schicksal der Verbannung eintrug (dort widmete er sich in „Les Miserables“ paradigmatisch dem Schicksal der Elenden in der Gesellschaft). Er lebte von 1851 bis 1871, als der dritte Napoleon gestürzt wurde, vorwiegend auf den (britischen) Kanalinseln – und weil das Meer für ihn emotional auch als Maler eine so große Rolle spielte, hat Kurator Ivan Ristic für die Wände des Hugo-Ausstellungsraumes im Leopold Museum die Farbe Blau gewählt – tiefblau. Victor Hugo kehrte hoch geehrt nach Paris zurück, wo er am 22. Mai 1885 starb.

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Doppeltalente       Doppeltalente in der Kunst sind bekannt, wenige konnten in beiden Genres schrankenlos so reüssieren wie etwa Wilhelm Busch, der seine Schreibfeder und seine Zeichenfeder so genial verband. Adalbert Stifter würde man heute unter den österreichischen Malern führen, wäre er nicht ein noch größerer Dichter gewesen. Oskar Kokoschka hätte seinen Platz in der Literatur des österreichischen Expressionismus, kennte man ihn nicht als großen Maler. Meist hat ein Talent das andere, auch wenn es groß war, zumindest in der Wahrnehmung der Mit- und Nachwelt unterdrückt. So auch bei Victor Hugo, dem Hobbymaler, der in nur einem Raum im Leopold Museum zur Entdeckung wird.

Der schwarze Romantiker   Goya, Callot, Piranesi hat man als Referenzvergleich herangezogen, um Hugos zeichnerisch / malerisches Werk einzuordnen. Vielleicht war er im Einsatz seiner Mittel so schrankenlos und inkonsequent, weil er sich nicht als „Berufsmaler“ fühlte, sondern nach Lust und Laune vorgehen konnte. Das gewährte ihm die Freiheit, vielfach nach dem Zufallsprinzip zu arbeiten und absolut abstrakte, ja absurde Effekte zu erzielen. Das wiederum ist es, was vielen seiner Werke einen so „modernen“ Touch verleiht,  dass man sie nicht ins 19. Jahrhundert versetzen würde, sondern für zeitgenössisch halten könnte.

Hugo Totenkopf~1  Hugo Schloss~1

Sie kennen meine Sudeleien?     Victor Hugo hat sich selbst ironisch über seine Werke ausgelassen, aber schon die Mitwelt, die seine malerischen Produkte kannte, nahm ihn ernst. Und im Leopold Museum ist man stolz, nun mit etwa 60 seiner Werke dem bildenden Künstler Victor Hugo in Wien die erste monographische Ausstellung zu widmen. Man sieht kleinformatige Werke, die nicht nur technisch (Hugo „spielte“ auch damit, etwa Kaffeesatz als Malmittel zu verwenden!), sondern auch inhaltlich ungemein vielseitig sind – von schaurigen Totenköpfen bis zu düsteren Ruinen, gleichfalls meist düster gehaltenen Landschaften oder Meeres- und Schiffs-Darstellungen, bis zu geradezu collagehaften Werken, in denen er auch Buchstaben verarbeitete. Er ist schlechtweg surreal, wenn man in einem übersteigerten „Champignon“ ein Menschengesicht zu erkennen meint, was auch mit etwas Phantasie möglich ist, wenn man seine Darstellung eines Dolmen betrachtet (Darum lautet der Titel wohl auch: „Dolmen, wo zu mir der Schattenmund sprach“…). Und ein Werk wie „Spitzen und Gespenster“ zeigt einfach nur die Lust am Möglichen, das keinem Zweck dienen muss.

Hugo Champignon x~1  Hugo Klecks~1

Flecke und Kleckse      Ob Spinnennetze, ob titellose Farbflecken, ob „Klecksografien“ (wie das Museum sie nennt), Hugo war seiner Zeit weit voraus, wenn man bedenkt, was und wie damals in Europa, zumal in Frankreich, dem Land der Malerei, auf diesem Gebiet geschaffen wurde. Hätte er seine Bilder verkaufen müssen, er hätte anders gemalt. Es ist die Freiheit des Schaffens, die nur ein Nicht-Profi hat, die sich hier auf die interessanteste Weise manifestiert.

Leopold Museum:
Victor Hugo. Der schwarze Romantiker
Bis 15. Jänner 2018,
täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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WIEN / Theatermuseum: VON TRIEST NACH RIO DE JANEIRO

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WIEN / Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien
zu Gast im Theatermuseum:
THOMAS ENDER
VON TRIEST NACH RIO DE JANEIRO
Vom 8. November 2017 bis zum 18. Februar 2018

Bilder einer Reise

Erzherzogin Leopoldine, Tochter von Kaiser Franz I., war die erste von drei Frauen, die den Titel einer „Kaiserin von Brasilien“ trugen. Ihr in vielen Gebieten so interessierter Vater sandte 1817  im Kielwasser der Tochter eine ganze Expedition von Wissenschaftlern und Künstlern mit nach Südamerika, um aus dem in Europa noch weitgehend unerforschten Land „Exotisches“ zurückzubringen: Tiere, Pflanzen, Mineralien, Gegenstände des täglichen Lebens und natürlich Ansichten, wie nur Maler sie vermitteln konnten. Unter ihnen war Thomas Ender (1793-1875), später einer der großen Aquarellisten und Landschaftsmaler der österreichischen Kunst, hier in seinen frühen zwanziger Jahren, doch schon ein wahrer Könner. 28 Blätter dieser Reise sind nun als „Gastspiel“ der Akademie der bildenden Künste Wien im Theatermuseum zu sehen. Es mögen „nur“ Kleinformate sein, aber das genaue Hinschauen lohnt sich. Eine Kostbarkeit.

Von Renate Wagner

Die Akademie im Theatermuseum   Der Sachverhalt ist bekannt, die Akademie der bildenden Künste musste zwecks Restaurierungsarbeiten für drei Jahr „ihr“ Haus, die Akademie am Schillerplatz, verlassen. Viele ihrer kostbarsten Gemälde und natürlich der „Bosch-Altar“ haben im ersten Stock des Theatermuseums im Palais Lobkowitz „Unterschlupf“ gefunden. In diesen Räumlichkeiten gibt es auch einen „Gang“, viel zu schmal, um dort Ölgemälde zu zeigen. René Schober, Kustode des Kupferstichkabinetts der Akademie, hat die Gelegenheit benützt, um hier eine kleine, aber sehr feine Sonderausstellung zu bieten. Sie widmet sich raumgebedingt einer nicht umfangreichen, aber besonders interessanten Auswahl von Werken, die Thomas Ender auf der Reise nach Brasilien geschaffen hat.

Ender Musizieren auf der Austria x
Musizieren auf der „Austria“

Das weniger Bekannte zeigen   Dabei hat man aus den 763 Zeichnungen und Aquarellen, die in 19monatiger Abwesenheit von Wien entstanden sind, nicht die bekannten und öfter gezeigten Brasilien-Ansichten wählte – nur ganz am Ende steht, quasi als „Drüberstreuer“, der Zuckerhut -, sondern die Werke, die Ender zu Beginn der Fahrt zwischen Mittelmeer und Atlantik schuf, also in Triest, Pula, Malta, Gibraltar und Madeira.

Ein 23jähriger bricht auf     Thomas Ender und sein Zwillingsbruder Johann Nepomuk wurden am 3. November 1793 als Söhne eines Altwarenhändlers am Spittelberg geboren. Thomas’ Talent war schon während des Studiums aufgefallen, aber wahrscheinlich hätte er nie die Chance bekommen, bei der Brasilien-Expedition dabei zu sein, wenn der allmächtige Fürst Metternich nicht auf ihn aufmerksam geworden wäre. So konnte der 23jährige am 28. März 1817 von Wien aus in Richtung Triest aufbrechen, wo er am 7. April eintraf und am 10. an Bord der österreichischen Fregatte “Austria” in See stach. Schon die kurze Zeit in Triest hatte er für sechs erste Werke genützt. Die Wissenschaftler können an den Bildern dieser Reise geradezu mitansehen, wie Enders Fähigkeiten von Werk zu Werk wuchsen, wie er aus der Erfahrung des Arbeitens lernte.

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Das Amphitheater von Pula

Auf stürmischer See     Die damaligen Schiffe unterschieden sich gewaltig von den riesigen Kreuzfahrschiffen von heute, denen kein Wetter etwas anhaben kann. Die Fregatte “Austria” war ein Segelschiff mittlerer Größe, das bereits an seinem ersten Tag in der nördlichen Adria wegen heftiger Stürme an der Küste Istriens entlangnavigieren musste. Am nächsten Tag gab es einen so gewaltigen Sturm, dass sich auch ältere Seeleute an nichts Ähnliches erinnern konnten (man kann sich vorstellen, wie eine 23jährige Landratte aus Wien das empfand!) und der Bugspriet des Schiffes brach. Man musste also im Hafen von Pula Zuflucht suchen. Ender benützte die Gelegenheit, die Stadt zu erforschen, und zeigte sich vor allem von ihren römischen Überresten fasziniert, den Tempeln und natürlich dem Amphitheater, das bis heute Besucher der Stadt in den Bann schlägt. Der achttägige Aufenthalt brachte 7 Werke hervor, die Ausstellung zeigt drei davon, eine Tempel-Ansicht, zweimal das Amphitheater, wobei Ender schon damals seine Blickwinkel variierte (das Innere des Amphitheaters ist in voller Breite auseinandergezogen). Am 20. April 1817 konnte die Reise fortgesetzt werden.

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Malta, der Hafen von La Valetta

Von Küsten und Städten    Die längere Zeit auf dem Schiff benützte Ende dazu, die vorbeiziehenden Landschaften festzuhalten, wobei er nach und nach stark stimmungshafte Elemente einsetzte. Man fuhr vorbei an Korfu, das Kaiserin Elisabeth (die damals noch nicht geboren war) später so viel bedeuten sollte, an Sizilien und Sardinien. Dann musste man wieder wetterbedingt eine Landung einlegen, diesmal in der britischen Kronkolonie Malta, deren Hauptstadt die Malteserritter zu einer so gewaltigen Festung ausgebaut hatten. “Der Hafen von La Valetta” wirkt in der Aquarellform wie die Vorarbeit für ein mögliches großes Bild. Nur bei genauem Hinsehen merkt man, dass der Künstler sich hier in den Dimensionen verschätzt hat – um links noch Bäume als “Rahmen” für das Hafenbecken hinzuzufügen, musste er einen Papierstreifen ankleben…

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Gibraltar

In Richtung Atlantik   Am 1. Mai 1817 ging es von Malta weiter in Richtung Gibraltar, ebenfalls eine britische Enklave. Das Meer war so unruhig, dass man dort Mitte des Monats drei Wochen lang bleiben musste, was Ender die Möglichkeit gab, die Felsenlandschaften geradezu “dramatisch” zu beschwören. 4 Panoramen und 29 Ansichten von Gibraltar waren das Ergebnis seines Fleißes. Am 3. Juni 1817 ging es schließlich weiter, wobei der letzte Zwischenstopp auf der Insel Madeira eingelegt wurde (später Exil- und Begräbnisort des letzten österreichischen Kaisers Karl). Madeira war in portugiesischem Besitz, und es war der Kronprinz aus dem portugiesischen Haus Braganza, den Erzherzogin Leopoldine am 13. Mai 1817 per procurationem geheiratet hatte, worauf sie sich (mit einem andern Schiff) nach Brasilien aufmachte, um ihren Gatten kennen zu lernen (die portugiesische Königsfamilie war vor Napoleon in ihre Kolonie Brasilien geflüchtet). Mehrere Ansichten von Madeira stehen am Ende der Ausstellung (abgesehen – wie erwähnt – von dem berühmtesten Rio-Motiv).

Die wahre Arbeit beginnt   Als die „Austria“ am 6. Juni 1817 Funchal verließ und am 14. Juli 1817 in Rio de Janeiro ankam, hatte man 92 Reisetage hinter sich, wobei Ender das Leben auf dem Schiff dokumentiere (wo man auch seine eigene, von ihm verewigte Kapelle hatte, um sich mit Musik die Zeit zu vertreiben). Erzherzogin Leopoldine war noch nicht in Brasilien eingetroffen, aber die österreichische Mannschaft nahm ihre Arbeit auf. Ender, der mit ungeheurem Fleiß im ganzen über 700 Zeichnungen und Aquarelle nach Wien zurück brachte, erkrankte in Brasilien mehrfach, blieb aber dennoch fast ein Jahr lang dort. Erst am 1. Juni 1818 trat er (dennoch früher als vorgesehen) seine Rückreise an.

Die Karriere eines Künstlers   Obwohl man ihm lange Zeit einen Großteil seines verabredeten Honorars nicht auszahlte, konnte Thomas Ender sich über seine weitere Karriere nicht beschweren: Metternich erhielt ihm seine Gunst, ein Stipendium ermöglichte ihm einen langen Italien-Aufenthalt, und später machte er fast ein Vierteljahrhundert lang als einer der Kammermaler von Erzherzog Johann sich und diesem Ehre (die Albertina hat ihm und seinen Kollegen in dieser Eigenschaft 2015 eine besonders schöne Ausstellung gewidmet). In Johanns Diensten kam er auch als Reisender bis in den Vorderen Orient. Thomas Ender starb am 28. September 1875 in Wien und ist auf dem Zentralfriedhof begraben.

Bis 18. Februar 2018,
Täglich außer Dienstag 10 – 18 Uhr
Der Katalog enthält alle gezeigten Werke und eine Einführung zum Thema

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