Der Neue Merker

WIEN / Albertina: DAS WIENER AQUARELL

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WIEN / Albertina / Propter Homines Hallen:
DAS WIENER AQUARELL
Vom 15. Februar 2018 bis zum 13. Mai 2018  

Von Maria Theresia bis zur Eisengießerei

Im Anfang steht die kaiserliche Familie im Jahr 1776, am Ende der Blick, den der greise Rudolf von Alt im Jahr 1903 auf die Eisengießerei Kitschelt in der Wiener Skodagasse warf. Dazwischen entfaltet die Albertina mit mehr als 200 Werken, eines exquisiter als das andere, einen Überblick über die Geschichte des Wiener Aquarells. Das über die enorme künstlerische Bedeutung hinaus noch eine topographische hatte – Aquarelle wurden in den Vor-Fotografie-Zeiten bestellt, um die Welt und die Zeit, in der man lebte, darzustellen.

Von Renate Wagner

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Die Schätze der Albertina    Die Albertina besitzt an die 2.500 Aquarelle bedeutender österreichischer Künstler, wobei Wien auch für jene ein Zentrum war, die von der Geburt her aus den Kronländern der Monarchie stammten oder aus Deutschland zuzogen. Wie jener Heinrich Friedrich Füger aus Heilbronn, dessen Aquarell mit Albert von Sachsen-Teschen, Erzherzogin Christine und Kaiserin Maria Theresia zu Beginn der Ausstellung einen Schwerpunkt setzt (und ausgerechnet dieses Werk musste die Albertina vom Belvedere borgen…). Als frühes Beispiel der Kunst des Aquarells (als Techniken werden unter diesem Begriff Wasserfarben, Deckfarben, Tempera und Guachen zusammen gefasst), gilt es nicht nur als eine Art „Gründungsdokument“ der Albertina, weil das Ehepaar Albert und Christina darin der Schwiegermutter / Mutter Bilder präsentieren, die sie aus Italien mitgebracht haben (und auf dieser Sammlung beruht ja die Albertina); gleichzeitig räumt das Blatt auch mit der Idee auf, das Aquarell sei ein Markenzeichen des „bürgerlichen“ Biedermeier.

Kaiser und Fürsten   Der Wunsch, die Gegenwart zu dokumentieren, konnte vor der Erfindung der Fotografie natürlich auch mit einem Ölgemälde befriedigt werden, doch war diese Technik zu zeit- und arbeitsaufwendig. Neben der Zeichnung bot das Aquarell – trotz künstlerischer Hochwertigkeit, Sorgfalt, handwerklicher Meisterschaft – die Möglichkeit, Dinge schneller festzuhalten. Wer es sich leisten konnte, verpflichtet zu diesem Zweck sogar große Meister – Erzherzog Johann beschäftigte u.a. Matthäus Loder und Thomas Ender, die ihn auf Reisen begleiteten. 40 Jahre lang sorgte der Erzherzog für die Dokumentation seiner Länder und seiner Reisen. Der kranke Erzherzog Ferdinand, der 1835 als Kaiser seinen Vater Franz I. beerbte, schickte Maler wie Karl Ruß und Vater und Sohn Alt auf Reisen, um ihm die Länder und Menschen seines Reiches zu malen, worauf er die Bilder mittels eines Guckkastens betrachten konnte.

Aquarell Interieurs x~1Und Rudolf von Alt, bald der Star der Aquarellisten-Szene, malte für Fürstenhäuser wie die Liechtensteins, Rasumofskys oder Harrachs die kostbaren Innenräume ihrer Paläste… man wollte zeigen, was man hat.

Eine Welt in Porträts     Die kaiserliche Familie, wie sie zu Maria Theresias Zeiten so oft gemalt und aquarelliert wurde, zählte immer zu den Kunden der Maler: So gab man Familienbilder in Auftrag, wie jenes, das Peter Fendi 1834 malte und das Kaiser Franz I. und seine Gattin Caroline Auguste im Kreis der ungeheuer zahlreichen Familienmitglieder zeigte, viele Kinder inbegriffen, die mit ihrem Spielzeug befasst waren. 1839 malte Fendi Erzherzogin Sophie mit ihren Kindern – der spätere Kaiser Franz Joseph kniet als kleiner Junge andächtig im Gebet. Porträts gab es in Form von Medaillons, aber auch halber oder ganzer Figur – der so jung verstorbene Sohn Napoleons, der Herzog von Reichsstadt, ist als zauberhafter junger Mann zu sehen, gemalt von Daffinger. Daneben allerdings auch ein Porträt von Franz Schubert – auch die Künstler hatten ihren Stellenwert als „Modelle“ in dieser Zeit.

Genreszenen und Blumenbilder, Städte und Landschaften… Moritz Michael Daffinger, Friedrich von Amerling und Josef Danhauser zählten zu den großen Porträtmalern (auch viele schöne Frauen, nicht nur adelige), die sich aber auch in anderen Genres bewegen – Fendi mit seinen Volks- und Genreszenen, Daffinger mit seinen Blumenbildern, andere, wie Thomas Ender mit seinen eindrucksvollen Gletscherlandschaften, fanden eigene Schwerpunkte. Und sie alle sind viel gereist und brachten „Wiener Aquarelle“ auch mit römischen Ruinen oder Meeresszenen zurück… ganz zu schweigen von eigen geschaffenen Genres wie jene „Ungarn“- und „Zigeuner“-Bilder, mit denen Anton Romako geradezu eine Mode schuf.

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Rudolf von Alt, der Großmeister    Nicht nur seiner langen Lebenszeit wegen (er wurde 93 Jahre alt) ist Rudolf von Alt der ungekrönte König des Wiener Aquarells. Von seinem Vater Jakob (er selbst auch ein Meister dieser Kunst) perfekt ausgebildet, begann er mit später kolorierten Bleistiftzeichnungen und hat dann Wiener Stadtszenen „nach der Natur“ geschaffen. Die präzise Genauigkeit, wunderbare Farbigkeit, souveräne Behandlung des Lichts und dabei die ganz persönlicher Handschrift – die Albertina bezeichnet seine Werke als „Kleinode“, die einen Beitrag zur Weltkunst liefern. Alt ist viel gereist, hat aber die Stadt Wien durch das ganze 19. Jahrhundert auch in ihren Veränderungen begleitet. Gewissermaßen war er auch der Vorgänger einer Künstlerschar von Naturmalern – seine „Praterbäume“ wirken wie Vorgängerstudien zu Tina Blaus Meisterwerken. Auch in der Ära von Franz Joseph hoch geschätzt, hat Rudolf von Alt bis ins hohe Alter gearbeitet – am Ende der Ausstellung steht nicht nur sein Selbstporträt als alter Mann (an sich war er kein Porträtist), sondern auch jenes Bild der Eisengießerei Kitschelt in der Wiener Skodagasse, auf die er von seiner Wohnung hinabblickte – und die ihn als Künstler genau so interessierte wie die luxuriösen Fürsten-Interieurs, die er vor 1848 gemalt hatte…

Albertina: Das Wiener Aquarell
Bis 13. Mai 2018,  täglich von 10 bis 18 Uhr,  Mittwoch & Freitag von 10 bis 21 Uhr

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WIEN/ Tschechische Botschaft: Die Brünner Messe präsentiert das Kulturfestival RE:PUBLIKA

Tschechische Botschaft in Wien – die Brünner Messe präsentiert das Kulturfestival RE:PUBLIKA (14.2.2018)

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Die Brünner Messe, ein durch Jahrzehnte erfolgreiches Großunternehmen mit über 50 Kongress- , Kultur- oder Messeveranstaltungen im Jahr, wirbt nicht nur für innovative Technologien (etwa Tech Agro, MSV Maschinenbau, Urbis Smart City Fair), sondern auch für Kultur und Erziehungswesen (das Gaudeamus-Weiterbildungsprogramm). In diesem Jahr wird speziell auf die kulturellen Entwicklungen in unserem Nachbarland hingewiesen: FESTIVAL  RE:PUBLIKA ist ein von der Stadt Brünn in großem Stil organisiertes umfangreiche Festival-Projekt betitelt, welches in ganz Tschechien anlässlich der 100 Jahre Selbstständigkeit (teilweiser zumindest) seit 1918, dem Ende der Herrschaft der Habsburger, durchgeführt wird. Dieses Festival soll in würdiger Weise die hundertjährige Existenz einer freien Tschechoslowakei feiern und all diese Erinnerungen und Umbrüche wachrufen, welche die Tschechische Republik im Laufe der letzten 100 Jahre erlebt hatte. Inklusive des zeitgenössischem heimischen Kulturschaffens.

Konzentriert bereitet die Brünner Messe auf ihrem Gelände für RE:PUBLIKA von 25. Mai  bis 17. Juni ein breit gestreutes Programm mit Reflexionen und Erinnerungen an historische Ereignisse auf.  Gedacht als ein interaktiver Raum, der als Ort der Begegnung und Diskussion, der Weiterbildung wie auch der Unterhaltung dienen soll. Themenschwerpunkte bei dieser Aufarbeitung sind etwa: 100 Jahre 100 Bücher – Fotos und ihre Geschichten – Dance Brno 100 – Avant Garde …. Österreich und die Slowakei wie auch die Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches sind dabei ebenfalls integriert.

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Jiri Kulis, der CEO der Brünner Messe, weist auch auf die Sehenswürdigkeiten von Brünn als europäische Metropole des Funktionalismus, als im 20. Jahrhundert die Stadt eines progressiven, streng pragmatischen Architekturstils hin. Doch vor allem: „Es ist uns gegeben, ganz große Veranstaltungen zu machen, denn innerhalb der EU zeichnet sich die Wirtschaft in Tschechien durch ein besonders starkes Wachstum aus.“ Schließlich und endlich aber, tschechisch humorvoll hinzugefügt: „Gute Laune und gute Nachbarschaft sind erwünscht.“

Info:  www.bvv.cz  /  www.facebook.com/republika2018/

Meinhard Rüdenauer

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WIEN / Kunstforum: MAN RAY

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WIEN / Kunstforum:
MAN RAY
Vom 14. Februar 2018 bis zum 24. Juni 2018

Magie aus der Dunkelkammer

Nein, es gäbe kein Jubiläum zu begehen, meinte Ingried Brugger, die Direktorin, Bank Austria Kunstforum Wien, bei der Pressekonferenz (vielleicht mit einem kleinen Seitenhieb auf die anderen Häuser, die runde Gedenktage der Großen auf und ab spielen, sprich ausstellen). Es war das Publikum des Kunstforums, das einst bei einer Befragung, welcher Künstler von Interesse wäre, Man Ray gewählt hat. Mit einiger Sicherheit meinten die meisten damals nur den Fotografen. Kuratorin Lisa Ortner-Kreil allerdings dachte weiter – an den Allroundkünstler Man Ray. Dieser wird nun in über 150 Werken, die aus den großen Kunst-Institutionen aus aller Welt komen, umfassend vorgestellt.

Von Heiner Wesemann

Man Ray     Geboren 1890 als Emmanuel Radnitzky in Philadelphia, gestorben 1976 im Alter von 86 Jahren in Paris, wurde er am Cimetière du Montparnasse beigesetzt: Frankreich war seine zweite Heimat. Die ersten 30 Jahre seines Lebens verbrachte Man Ray in den USA, vor allem New York. Er traf in dieser Zeit den französischen Konzeptkünstler Marcel Duchamp, mit dem er ideologisch lebenslang verbunden war. Als Man Ray 1921 nach Paris ging, fand er sich sofort als wichtiges Mitglied in der Welt der Dadaisten und Surrealisten, die sich ja 1924 ideologisch formulierten und in deren Geisteswelt er zuhause war. 1940 ging er auf Flucht vor den Nazis zurück in die USA, wo er bis 1951 in Hollywood lebte, bis er nach Paris zurück kehrte, wo er bis zu seinem Tod blieb. Hatte er sich in seiner Frühzeit als Maler und Zeichner betätigt, wurde er schon in seinen ersten französischen Jahren ein nicht nur gefragter, sondern auch künstlerisch innovativer Fotograf – und das sollte später seinen wahren Weltruhm ausmachen.

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Der Maler und Zeichner – die Kollegen lassen grüßen…. Der Besucher im Kunstforum wird in der Eingangshalle mit einem riesigen Foto von Man Ray begrüßt und dann in den linken Saal zu seinem Frühwerk gebeten. Es handelt sich um kraftvoll-farbige Gemälde, die ihren „französischen“ Einfluß nicht leugnen können. Als Fotograf fast ausschließlich „schwarz weiß“ (erst in seinen späten Jahren befasste er sich mit Farbfotografie), ist er – wie man im Lauf der Ausstellung sehen kann – immer wieder zur Malerei zurückgekehrt und verschränkte auch die Thematik zwischen den Künsten: Später malte er seine Fotos, allerdings stets mit großen Veränderungen. Allerdings ist Man Ray gerade als Maler und Zeichner seinen großen Zeitgenossen Picasso und Dali verwandt, aber letztlich nicht ebenbürtig. Sein Gemälde „La Fortune“, ein Billardtisch unter stilisierten Wolkenformationen, atmet Dali, ohne ihn zu erreichen.

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Die Kunst der Objekte    Da es das Ziel dieser Ausstellung ist, Man Ray in der Vielfalt seiner „Künste“ zu zeigen, hängen hier auch Kleiderhaken über einem Koffer (er hat sich der damals virulenten Kunst der „Ready-mades“, der Alltagsgegenstände in der Kunst, verschrieben). Nicht immer ist er so eindeutig wie mit seinen zwar verfremdeten, aber doch erkennbaren Schachfiguren. Im zentralen Saal sieht man Kleinplastiken, die zu beschreiben nahezu die Möglichkeiten der Sprache übersteigt, weil die Form keine Interpretation zulässt – im Gegensatz zu „klassischen“ surrealen Objekten wie etwa „Mr. Knife und Miss Fork“, Messer und Gabel mit einem per Netz verhüllten Teller dazwischen. Es ist der Ausstellungskuratorin auch gelungen, immer wieder ähnliche Thematik durch verschiedene Kunstformen zu verfolgen. Nicht zu vergessen sind seine surrealen Kurzfilme, die in einem eigenen Raum der Ausstellung gezeigt werden oft mit Jazzmusik unterlegt und auch manche seiner fotografischen Kunststücke umsetzen.

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Zauberer in der Dunkelkammer     Ein Foto ist bei Man Ray nicht einfach ein Foto, sondern auch ein – oft spielerisch zu begreifendes – bewusstes Kunstwerk. Er hat dazu auch verschiedene Techniken entwickelt, ob es Unschärfe war, Überlappen, Verdoppelungen, Spiegelungen, Einfügungen, Verzerrungen oder das Verändern des Bildes durch beim Entwickeln eingefügte Partikel. Von ihm experimentell entwickelte Techniken sind heute etwa als „Rayographie“ ein Begriff, wo er ohne Kamera arbeitete und Objekte auf Fotopapier legte und beleuchtete. Zusammen mit Lee Miller, die sich ihm als Assistentin antrug und von 1929 bis 1932 eine wichtige und kreative Mitarbeiterin war, entwickelte er die „Solarisation“, die Überbelichtung als künstlerischer Effekt. All dies war nur in der Welt der analogen Fotografie möglich.

Künstler, Mode, Glamour     Es ist einer der faszinierenden Widersprüche im Leben von Man Ray, dass er einerseits voll in der Welt der experimentellen, vom Mainstream abweichenden Kunst zuhause war – und dennoch viele Jahre, als er wieder in den USA lebte, auch als Modefotograf für Vogue, Vanity Fair, Harpers Bazaar und andere prestigeträchtigen Magazine tätig war und weltberühmte Porträts seiner Zeitgenossen geschaffen hat. Das betraf nicht nur in der Frühzeit die Dadaisten und Surrealisten wie Tristan Tzara oder Andre Breton, sondern auch Künstlerkollegen wie Picasso und Dali, später Künstler anderer Genres wie Virginia Woolf, Cocteau oder Schönberg, oder Filmstars, wobei das Bildnis von Ava Gardner aus dem Jahr 1950 stammt, Catherine Deneuve (1968) hingegen aus seiner Spätzeit.

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Spiel mit dem Porträt   Er hat nicht nur Münder, Augen, Hände gezeichnet und verfremdet, Man Ray spielte auch mit dem dreidimensionalen Porträt, ob es ein fiktiver Marquis de Sade war oder – er selbst. Im letzten Raum hängt er mit seinem Autoporträt von 1937 (1971 überarbeitet) an der Wand, das Gesicht aus Bronze, mit grotesken viereckigen Brillen als Plexiglas bereichert. Letztendlich ist er sich selbst immer treu geblieben.

Bank Austria Kunstforum Wien: Man Ray
Bis 24. Juni 2018, täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr

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KÖLN/ Michael Werner Kunsthandel: JÖRG IMMENDORFF – Bilder der 1980er Jahre in Köln

KÖLN: Michael Werner Kunsthandel: Jörg Immendorff – Bilder der 1980er Jahre in Köln

Ausstellung bis 31 .3.²018

Von Dr. Egon Schlesinger

Jörg Immendorff Westralf II 1980 Foto Andrea Matzker P4050421
Jörg Immendorff: Westralf II (1980). Copyright: Andrea Matzker

Bis zum 31. März zeigt der Michael Werner Kunsthandel großformatige, farbenprächtige und äußerst beeindruckende Werke des 2007 verstorbenen Künstlers, die allesamt aus den Jahren 1980 bis 1989 stammen. Darunter „Es gibt keine Hölle“, 1985, 285 x 330 cm, signiert, oder das sechsteilige Werk „Naht Quadriga“, 1981, 228 x 110 cm (5) und 110 x 513 cm (1), signiert.

In den 1980er Jahren war der Künstler noch nicht erkrankt und stellte seine monumentalen Bilder selbst her. Nicht umsonst gilt sein Lieblingsgalerist und Testamentsvollstrecker Michael Werner als erwiesener Kenner Immendorffs und musste bereits Plagiate von Originalkunstwerken seines Künstlers entlarven und eindeutig unterscheiden. Somit ist die Garantie, so es denn eine geben sollte, gegeben, dass die Provenienz der in Köln ausgestellten Werke absolut zuverlässig ist und als erwiesen angesehen werden kann. Bei der Ausstellungseröffnung waren Sammler Prof. Dr. Reiner Speck und Buchhändler und Verleger Walther König zugegen. Bei letzterem erscheint nun der zweite Band des Werkverzeichnisses der Gemälde Immendorffs, herausgegeben von einem weiteren Kölner Kenner der Materie, Prof. Dr. Siegfried Gohr.

Jörg Immendorff Naht Quadriga 1981 Foto Andrea Matzker P4050432
Jörg Immendorff: Naht Quadriga (1981)
. Copyright: Andrea Matzker

Jörg Immendorff Es gibt keine Hölle 1985 Foto Andrea Matzker  P4050431
Jörg Immendorff: „Es gibt keine Hölle (1985). Copyright: Andrea Matzker

Jörg Immendorff Detail Es gibt keine Hölle Foto Andrea Matzker P4050418
Jörg Immendorff: Es gibt keine Hölle. Detail. Copyright: Andrea Matzker

Jörg Immendorff Detail Es gibt keine Hölle Foto Andrea Matzker P4050424
Jörg Immendorff: Es gibt keine Hölle. Detail. Copyright: Andrea Matzker

Jörg Immendorff Detail Es gibt keine Hölle Foto Andrea Matzker P4050419
Jörg Immendorff: Es gibt keine Hölle. Detail. Copyright: Andrea Matzker

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WIEN / Nationalbibliothek: SCHATZKAMMER DES WISSENS

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WIEN / Nationalbibliothek / Prunksaal:
SCHATZKAMMER DES WISSENS
650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek
Vom 26. Jänner 2018 bis zum 13. Jänner 2019

Von der Karteikarte zum Tablet…

Wer „Schatzkammer“ sagt, denkt im allgemeinen an Kronen und Juwelen. Glücklicherweise war den Menschen immer klar, dass es auch Schätze geistiger Art gibt. In Österreich hat man sie durch den Lauf der Geschichte gewissenhaft gesammelt. Ein Ort, wo sich das Beste vom Besten konzentrierte, war stets die zentrale Bibliothek – einst die Hofbibliothek der Habsburger, heute die Nationalbibliothek Österreichs. Sie feiert mit dem „650er“ ein halbrundes Jubiläum, bedeutend genug, um Schätze aus den Archiven zu holen, „die man wohl nur einmal im Leben im Original sehen kann“, sagt Generaldirektorin Johanna Rachinger. Denn „Jubiläen sind das Rückgrat unserer Erinnerungskultur“. Dass heute alles bereits „im Netz“ ist, dafür hat sie selbst in ihrer Ära gesorgt. Aber es sind die Originale, die die Ausstellung „Schatzkammer des Wissens“ zu einer Wunderkammer von Geschichte und Kultur machen.

Von Heiner Wesemann

Die Gründung    Eine Gründungsurkunde gab es nicht. Aber als der Habsburger-Herzogs Albrecht III. bei Johannes von Troppau ein Evangeliar in Auftrag gab, ganz „in Gold“ geschrieben, und dieses im Jahr 1368 vollendet wurde, setzt man den Beginn der heutigen Nationalbibliothek an – vor 650 Jahren. Bis vor hundert Jahren, dem Ende der Monarchie, hat kein Habsburger-Herrscher das Sammeln von Büchern (im allerweitesten Sinn) und Dokumenten vernachlässigt. Und auch die Republik fügte ihre Dokumente bei. Damit die Geschichte nachvollziehbar und greifbar ist – und das heute für jedermann leichter denn je, auf Computern, Tablets, Smartphones. Die Menschheit ist einen weiten Weg gegangen.

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Durch Zeiten und Welten       Die Ausstellung wurde von Mag. Michaela Pfundner so übersichtlich kuratiert, dass sie einerseits einen chronologischen Weg durch die Geschichte bietet, von Habsburgischen Sammlern bis zum Anschluß an die Gegenwart. Dabei vergisst man auch nicht auf das Dritte Reich, das seiner Nachwelt viele Probleme bereitet hat – die gnadenlose, aggressive und verbrecherische „Sammlertätigkeit“, die sich straflos an jüdischem Eigentum vergriff, bescherte der Nachkriegszeit eine Flut von Recherchen und Restitutionen. Diese waren vor allem für Johanna Rachinger immer ein „moralisches Anliegen“. Mittlerweile haben mehr als 50.000 Objekte aller Art den Rückweg zu den Erben der einstigen Besitzer gefunden.

Sammeln, erwerben, ergänzen   Großartige Handschriften, meist geistlicher Art, waren die frühesten Objekte, die in die Habsburgischen „Bibliotheksbestrebungen“ fielen. Wenn ein Kaiser wie Maximilian I. sich auch selbst als Autor betätigte, ist der mit einem Holzschnitt zu seinem „Theuerdank“ vertreten. Interessante historische Details: Man kaufte (billig, weil ausgerechnet die Fugger ausnahmsweise kein Geld hatten!) 15.000 Bände der Fugger’schen Bibliothek; man plünderte kühn die Bestände, die die Habsburger in Tirol auf Schloß Ambras zusammen getragen hatten, und brachte sie nach Wien; man erwarb die Bibliothek des Prinzen Eugen, die heute noch im Prunksaal der Nationalbibliothek (das Gebäude ließ Kaiser Karl VI. errichten) aufbewahrt wird.

Der Glücksfall der besonderen Interessen   Spezielle Interessen einzelner Habsburger führten zu Sammlungs-Schwerpunkten: Dass das Haus heute über ein eigenes Papyrus-Museum verfügt, geht auf Erzherzog Rainer zurück. Das Sonderinteresse von Kaiser Franz I. an den Naturwissenschaften führte zu großartigen Aquarellen der Tierwelt, Pflanzenwelt und der Landschaften des Habsburgischen Reichs, die von ihm in Auftrag gegeben wurden.

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Verzeichnis verbotener  Bücher

Eine kleine Bibliothekskunde     Im Laufe der Ereignisse lässt sich auch verfolgen, dass große Sammlungen die natürlichen Probleme des Registrierens, Ordnens und Findens mit sich bringen. Handschriftliche Verzeichnisse führten nicht nur die „normalen“ Bücher auf, sondern widmeten auch dicke Wälzer den „verbotenen Büchern“. Werke zur „Bücherkunde“ wurden gedruckt, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfand man dann den „Zettelkatalog“, der auf der Grundlage des Alphabets der erste Schritt zur Beweglichkeit des Arbeitens bot. Dass diese frühen Zettel zusammen mit einem Tablet in einer Vitrine liegen, verdeutlicht wortlos den Weg, den die Menschen gegangen sind – in Bezug auf Bücher und darüber hinaus.

Schwerpunkt Dichter     Die Österreichische Nationalbibliothek gönnt sich nicht von ungefähr seit einiger Zeit ein eigenes Literaturmuseum (dort, wo Franz Grillparzer einst über Akten brütete): Das Sammeln von Dichter-Nachlässen ist geradezu ein Schwerpunkt der gegenwärtigen Arbeit. Dabei geht es nicht nur um handschriftliche Briefe (ausgestellt: Freud, Wittgenstein), nicht nur um korrigierte Entwürfe zu Dichtungen, nicht nur um Dokumente (ein Meldezettel von Ingeborg Bachmann) – auch Kuriosa sind zu verzeichnen: Die Einkaufsliste sieht aus wie viele andere in vielen Haushalten (Obst, Wein, Bier… Klopapier…) – aber Ernst Jandl hat sie geschrieben.

NB  Gründungsbuch

Das Objekt des Monats     Als besonderen Anziehungspunkt für eine Ausstellung, die ein volles Jahr laufen wird (üblicherweise setzt man die Laufzeit höchstens mit einem halben Jahr an), hat man sich das „Objekt des Monats“ vorgenommen – in einer Glasvitrine rechts, sobald man den Saal betritt. Derzeit ist es der dazu erklärte „Gründungs-Beleg“, das Evangeliar des Johannes von Troppau, in geschlossenem Zustand, mit seinem prachtvollen, golden und silbern gehämmerten Einband. In einem Jahr wird man aufgeschlagen „hineinsehen“ können. Dazwischen werden es wohl Mozarts Requiem sein, das Musikfreunde anzieht (ab 30. März 2018), oder eine der wenigen erhaltenen Gutenberg-Bibeln aus der Frühzeit der Buchdruckerkunst (ab 1. Juni) für die historisch Interessierten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und dennoch denkt die NB ganz an heute – die kostenlose ÖNB-App zum Jubiläumsjahr bietet „650 Jahre in der Hosentasche“…

Bis 13. Jänner 2019, derzeit täglich außer Montag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.
Mai bis Oktober täglich geöffnet

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WIEN / Leopold Museum: WIEN UM 1900

Moser Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
WIEN UM 1900
KLIMT – MOSER – GERSTL – KOKOSCHKA
Vom 18. Jänner 2018 bis zum 16. Juni 2018

Feiern mit dem „Liebestrank“

Eines der bedeutendsten Bilder, die das Leopold   Museum in seiner jüngsten Ausstellung „Wien um 1900“ zeigt, ist „Der Liebestrank“ (Tristan und Isolde) von Kolo Moser aus den Jahren 1913 bis 1915 – und von der Thematik her natürlich auch für Musik- und Opernfreunde bedeutend. Überhaupt steht jener Kolo Moser neben den größeren Namen von Gustav Klimt, Richard Gerstl und Oskar Kokoschka, denen die Ausstellung je einen Raum widmet, unweigerlich im Zentrum. Elisabeth Leopold selbst ist angetreten, dem Künstler seinen Rang anzuweisen… und lädt das Publikum ein, „mit dem Liebestrank zu feiern“.

Von Heiner Wesemann

1918 – Jahr der Tragödien     Hundert Jahre danach häufen sich die „Gedenktage“, ungeachtet dessen, dass es lauter tragische Ereignisse waren, die damals das Geschehen prägten. Der Erste Weltkrieg neigte sich seinem Ende zu und brachte das Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die immerhin ein (wenn auch gescheiteter) Versuch gewesen war, verschiedene Völker friedlich zusammen zu schmelzen. Und die Kunstszene verzeichnete Verluste ohnegleichen unter den Männern, die „Wien um 1900“ einen Aufschwung geschenkt hatten, wie er heute noch nachleuchtet: Die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele starben ebenso wie der Architekt Otto Wagner und jener Kolo Moser, den man aus heutiger Sicht nur als „Allround-Künstler“ erster Ordnung bezeichnen kann.

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Koloman Moser    Elisabeth Leopold ist es, die den Schwerpunkt dieser Ausstellung auf Kolo Moser (1868-1918) legt, in der wohl richtigen Überlegung, dass dieser von seinen großen malenden Zeitgenossen „erdrückt“ und überschattet und möglicherweise als „Gebrauchskünstler“ nicht ausreichend geschätzt wird. Dabei ist es gerade diese Vielseitigkeit, die Moser so besonders macht – nicht nur ein durchaus eindrucksvoller Maler der von ihm mit begründeten Secession, sondern auch als Mitbegründer der „Wiener Werkstätte“ ein Künstler, der das Alltagsgesicht der Epoche mitprägte – mit Wohnungseinrichtungen, mit Geschirr und Glas (wobei er sich stets der neuesten Techniken bediente), mit Entwürfen zu allem, was benötigt wurde, die Dinge „neu“ zu machen, seien es Tapeten oder Geldscheine. Er arbeitete viel für Otto Wagner, dekorierte etwa prachtvoll mit Golddekor eines von dessen Wienzeilen-Häusern, war auch mit Werken für die Kirche am Steinhof befasst (was für ihn allerdings zu viel Ärger führte). Ein viel beschäftigter, hoch produktiver, künstlerisch einfallsreicher Mann – so ist der erste, Kolo Moser gewidmete Raum ein „Wohnzimmer“ von 1900 geworden, mit Möbeln, Bildern, Einrichtungsgegenständen, die alle durch ihre Eleganz bestechen. Wobei die von ihm neu erfundene Einfachheit nach der Üppigkeit des Historismus teils auf glatte neue Sachlichkeit verwies, teils aber auch ein Rückgriff auf das Biedermeier erschien. Elisabeth Leopold hat für diesen Teil der Ausstellung ein Büchlein über Koloman Moser in der Reihe „Junge Kunst“ des Verlags Klinkhardt & Biermann vorgelegt.

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Klimt      Bedenkt man, dass das Leopold Museum selbst noch in diesem Jahr eine „Solo-Ausstellung“ für Gustav Klimt (1862-1918) veranstalten wird, ist vielleicht nicht völlig einsichtig, dass er auch in dieser Ausstellung aufscheint – es sei denn, aus dem logischsten aller Motive, dass nämlich er es ist, der automatisch die meisten Besucher anzieht. Alles, was nicht Kolo Moser betrifft, hat Leopold-Direktor Hans-Peter Wipplinger gestaltet, und hier begibt er sich (auch in der Beschränkung auf nur wenige Werke) ganz abseits der Klischees – keine schönen Damen, keine ins Auge springenden Gold-Ornamente, sondern Rares, auch Kleines, Diskretes in Landschaften und Porträts, und im Zentrum jenes große „Tod und Leben“-Gemälde, in dem Klimt dem düsteren Schiele so nahe ist, wie er nur sein konnte.

Kokoschka     Oskar Kokoschka (1886-1980) war mit seinem Geburtsdatum ein „Später“, noch ein Teenager im Jahr 1900. Und doch kann man ihn nicht zuletzt durch seine Mitarbeit bei der Wiener Werkstätte „Wien um 1900“ zuordnen. Seinen Höhepunkt erreichte er allerdings nicht in der Welt von Secession und Jugendstil, sondern in jener des Expressionismus. Auch das eine Entscheidung des Direktors, die nicht a priori einleuchtet, zumal er auch Werke Kokoschkas aus den dreißiger und vierziger Jahren zeigt. Rund um die Büste von Kokoschkas Kopf, die Alfred Hrdlicka so eindrucksvoll schuf, geht man hier in den Epochen schon ein paar Schritte weiter.

Gerstl      Richard Gerstl (1883 bis 1908) zählt zu den Galionsfiguren des Leopold Museums, das mehr seiner Gemälde besitzt als jedes andere Haus. Manches war zu der großen Ausstellung in der Schirn-Halle in Frankfurt gewandert (wo der Besucher aus Österreich eine bedauerliche Erkenntnis mitnehmen musste: Die parallele Matisse-Ausstellung in der Schirn hatte mindestens zehnmal so viele Besucher, kam man von den „lockeren“ Gerstl-Räumen, fand man sich bei Matisse im Gedränge…), Nun hat das Leopold Museum seine beiden großen Selbstbildnisse als ganzer und halber Akt wieder, die zweifellos zu den eindrucksvollsten Arbeiten des Künstlers zählen und den absoluten Blickfang dieses Raumes darstellen.

Verlustmeldung     Das Leopold Museum hatte lange Zeit eine permanente Kostbarkeit zu bieten: Das gesamte oberste Stockwerk hatte sich in eine „Wien um 1900“-Landschaft verwandelt, wo das Haus seinen schier grenzenlosen Schatz an Gemälden und Skulpturen mit Möbeln und Accessoires aller Arten dekorierte. Es war eine unvergleichliche Wunderwelt, in die man jeden Wien-Gast schicken konnte – und die nun verschwunden ist. Einerseits um einer Ausstellung der Horten-Sammlung Platz zu machen, andererseits, weil das Leopold Museum auf seinen Dach einen „Libellen“-Aufsatz erhält (wozu, das wissen die Götter). Auf die Frage, ob „Wien um 1900“ in aller Form „unter dem Dach“ wiederkehrt, meinte Frau Professor Leopold: „Vielleicht 2019?“ Wie heißt es doch bei Shakespeare? „Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen.“

Leopold Museum, bis 10. Juni 2018, geöffnet täglich außer Dienstag: 10 – 18 Uhr, Donnerstag: 10 – 21 Uhr

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BERLIN/ Jüdisches Museum: „WELCOME TO JERUSALEM“ – zu sehen bis 30.4.

BERLIN/ Jüdisches Museum: „Welcome to Jerusalem“ – zu sehen bis 30.4.2018

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Als Zentrum der drei monotheistischen Weltreligionen, des Christentums, Judentums und Islams war und ist Jerusalem eine Ausnahmeerscheinung, begehrtes Zentrum der Herrschaft, immer schon ein multikultureller Ort. Dass die Eröffnung  der Ausstellung  „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin fast zeitgleich mit Trumps Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels erfolgte, gibt der Ausstellung eine aktuelle Brisanz.

Der Titel ist Konzeption und wird in 15 Kapiteln mit fast 300 Exponaten abgehandelt. Willkommen sollen alle in Jerusalem sein, dessen Geschichte, religiöse Vielfalt und aktuellen Probleme kennenlernen. Das will die Ausstellung für ein internationales Publikum in erster Linie atmosphärisch vermitteln. 70 Filmteams begleiteten 24 Stunden lang 90 Bewohner Jerusalems in ihrem Alltag. Sie  filmten Juden, Christen, Araber  beim Arbeiten, in der Freizeit, ihre Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen. Das Ergebnis ist eine sehr videogeprägte Ausstellung mit vielen optischen Eindrücken und Fakten, doch ohne wesentliche neue Erkenntnisse für den, der ein gewisses Vorwissen mitbringt.

Mottogerecht werden die Besucher mit „Welcome to Jerusalem“ mit vier simultanen Großwandprojektionen begrüßt, die sich Jerusalem als imposanten Stadtraum aus unterschiedlichsten Perspektiven nähern. „Die Vermessung der Stadt“ entwickelt sich  aus historischen Karten, Drucken, Fotografien, Panoramabildern, Leporellos, am besten durch eine sehr große animierte Grafik, in der die Stadterrweiterung Jerusalems in Relation zur Eroberungsgeschichte in Endlosschleife dargestellt wird. Hier wird jedem deutlich, wie  sich in Jerusalem, bedingt durch die religiösen Machtverschiebungen und demographische Entwicklung der Christen, Juden und Moslems deren Lebensbereiche ständig veränderten und überlagerten.

Hinter der „Reise nach Jerusalem“ offeriert sich die Bedeutung Jerusalems als Pilgerstadt für alle drei Religionen, sichtbar durch Symbole, Tätowierungsstempel, Weihegefäße, Souvenirs der Pilger, wobei durch die vielen Kreuze die Wände hinauf  die Präsenz der Christen völlig übergewichtet erscheint.

Im Raum der „Heiligen Stadt“ wird Jerusalems multireligiöse Vielfalt hörbar.  Gebete und Gesänge der drei Religionen über den  Modellen der Klagemauer, Grabkirche und des Haram asch-Scharif schwebend,  vermitteln den besonderen Klang Jerusalems. Ein eigenes Kapitel, dem Jüdischen Museum geschuldet, ist dem „Tempel im Judentum“ gewidmet.

Ansonsten zeigt die Ausstellung immer sehr subjektiv „Diesseits und Jenseits der Stadtmauer“ beide Seiten im „Konflikt“. Aus der Sicht einzelner Bewohner wird das heutige Jerusalem  im Alltag lebendig. Einem Barbier wird nicht erlaubt in die Al-Aksa-Moschee zu beten. Ein arabischer Junge erzählt, wie er  seinen Drachen, wenn er über die Mauer fliegt, gefahrvoll durch ein selbst gebuddeltes Loch unter der Mauer zurückholen muss. Eine jüdische 90-jährige erinnert sich an die Ausgrenzung der Juden in Berlin. Interviews aus „24th Jerusalem“ bilden ein Kaleidoskop von  Parallelen und Unterschieden  im „Alltag in Jerusalem“.  Nebenthemen beleuchten „Hotels“, sabotiert von Juden, „Frohe Provokateure“, die sich mit religiösen Situationen ironisch auseinandersetzen. „Nächstes Jahr in Berlin“ präsentiert Postkarten und Standorten Jerusalems in Berlin, vom Neu-Jerusalem über Flughafen Tempelhof bis zu Berliner Biergarten „Golgatha“. „Videokunst“ beendet die Ausstellung, wobei Yael Bartanas „Inferno“ das Ausstellungsthema unfassbaren kitschig smart konterkariert. Junge Menschen aus aller Welt in weißen Gewändern mit Blumen und Früchten geschmückt,  werden wie in einem Hollywoodfilm pompös, von schlechten Statisten inszeniert im Tempel Opfer eines Attentats,  die religiösen Symbole dennoch gerettet.  Die Ausstellung hätte einen würdigeren Abschluss verdient.

Zu sehen bis 30. April 2019 im Jüdischen Museum Berlin

Michaela Schabel

 

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WIEN/ „Strichelei“ – Galerie des Online-Merker: FOTOS VON DER VERNISSAGE „CHARLOTTE POHL – MALEREI UND DRUCKGRAFIK“

STRICHELEI“ – GALERIE DES ONLINE-MERKER. FOTOS VON DER VERNISSAGE „CHARLOTTE POHL – MALEREI UND DRUCKGRAFIK“

pol


Günther Fritsch (Präsident der „Gemeinschaft bildender Künstler“), Charlotte Pohl, Erich Frey (Vizepräsident). Copyright: Barbara Zeininger


Charlotte Pohl vor einer ihrer Arbeiten (Umwelt“ – 100 mal 70 cm, Acryl auf Leinwand. Copyright: Barbara Zeininger

Acryl auf Jute


„Fata Morgana“ aus der „Äthiopien-Serie“.
Acryl auf Jute. Copyright: Barbara Zeininger


Aus der „Äthiopien-Serie“. Copyright: Barbara Zeininger


„Kind in Äthiopien“. Acryl auf Jute.
Copyright: Barbara Zeininger


„Impressionen“ aus der „Äthiopien-Serie“. Copyright: Barbara Zeininger

Druckgraphik


Rentiere. Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger


„Tiere der Nacht 1“ – Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger


„Tiere der Nacht 2“ – Holzschnitt auf Papier. Copyright: Barbara Zeininger

Sehen Sie eine große Auswahl an Arbeiten:

FOTOS ONLINE-GALERIE „STRICHELEI“ – ALBUM 10

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WIEN / Albertina: MEISTERWERKE DER ARCHITEKTURZEICHNUNG

Architekturzeichnung Plakat~1
Fotos: Wesemann

WIEN / Albertina / Tietze Galleries for Prints and Drawings:
MEISTERWERKE DER ARCHITEKTURZEICHNUNG
Vom 15. Dezember 2017 bis 25. Februar 2018

Ob gebaut oder nicht…

Eine Architekturzeichnung ist ein zweckgebundenes Stück Arbeitsmaterial: Von der ersten Skizze über Grundriß, Aufriß, Perspektive, dient sie nur dazu, dass aus einer Idee im Kopf des Künstlers am Ende ein dreidimensionales Gebäude wird. Wenn dieses Ziel erreicht ist, könnte man die Skizzen eigentlich wegwerfen. Was in vielen Fällen eine Katastrophe wäre. Die Albertina beweist es mit einer Ausstellung über Meisterwerke der Architekturzeichnung, wo eine Kostbarkeit die andere jagt…

Von Heiner Wesemann

Das nie realisierte Museum   Unter den vielen Spezialsammlungen der Albertina nehmen die Architekturzeichnungen einen besonderen Rang ein, nicht nur wegen ihres Umfangs von an die 40.000 Exponaten. Als die künstlerischen Besitztümer der Habsburger nach dem Ersten Weltkrieg an die Institutionen der Republik verteilt wurden, hat man gerade in der Albertina ein „Architekturmuseum“ ins Auge gefasst, stammte doch ein Großteil der Werke aus dem Besitz von Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen. Das eigene Museum kam nicht zustande, aber die Sammlung wuchs, basierend auf Meisterwerken von Bernini oder Borromini (dieser wurde von Philipp Baron von Stosch im 18. Jahrhundert gesammelt). Schon damals hatte man Entwurfszeichnungen der Ringstraßen-Architekten (Semper, Hasenauer, Hansen) im Besitz, zusätzlich zu den „Modernen“ (Otto Wagner, Adolf Loos). Später wuchs die Sammlung nicht nur in Bezug auf die Österreicher (Holzmeister, Hollein), sondern bis in die jüngste Zeit (Zaha Hadid). Dass die Albertina die Nachlässe von Adolf Loos, Josef Frank, Clemens Holzmeister u.a. besitzt, stellte eine besondere Stärkung der Sammlung dar.

Architekturzeichnung Halle~1
Paul Wilhelm Eduard Sprenger, Entwurf für eine Exerzier- und Industrie-Ausstellungshalle in Wien

Zwei Ausstellungen nötig     Um hier auch nur einen Überblick liefern zu können, bietet die Albertina (die diese Ausstellung schon erfolgreich nach Berlin geschickt hat) nun – kuratiert von dem Leiter der Architektursammlung der Albertina, Christian Benedik – den ersten Teil der „Meisterwerke der Architektur­zeichnung aus der Albertina“. Der zweite Teil der Ausstellung, für Juni 2018 in Aussicht genommen, wird sich mit u.a. mit Gärten, Denkmälern, Theaterbauten befassen.

Die Funktion der Skizze     Die Ausstellung ist didaktisch aufgebaut, sie führt durch die Genres. Am Beginn muss die Ideenskizze stehen, der dann „Faktisches“ folgt: der Grundriß, der Querschnitt, der die „Geometrie“ eines Gebäudes erläutert, die Frontalansicht und die Perspektivansicht, die dann das Gefühl der Dreidimensionalität geben soll. Zu all dem sind meisterliche Beispiele aus verschiedenen Epochen vorhanden. Einzelaspekte der Betrachtung gelten auch Kuppeln, Türmen oder der Farbe in der Architektur.

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Theophil Hansen, Entwurf für das Abgeordnetenhaus

Was man alles bauen kann – oder nicht     Von den realen Bauwerken, die geplant wurden, zeigt die Ausstellung Brücken und Brunnen, aufwendige Residenzen und private Villen oder Gartengebäude. Ein Schwerpunkt wird selbstverständlich bei den Gebäuden der Wiener Ringstraße gesetzt, wo sich schnell herausstellt, dass bei weitem nicht alles, was hier geplant und schon auf dem Papier sorglich ausgeführt wurde, auch wirklich gebaut wurde. So hat Theophil Hansen 1865 den Entwurf für ein Abgeordnetenhaus geschaffen, mit den für ihn typischen griechischen Elementen. Dann hat Kaiser Franz Joseph beschlossen, das Herrenhaus und Abgeordnetenhaus zusammen zu legen, und Hansen übernahm Elemente seines Entwurfs für das Parlament, wie wir es heute kennen. Andere, aufwendige Projekte wurden nicht realisiert: Man lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Zeit technischen Aufbruchs, man hatte Metall und Glas als Bauträger entdeckt, die Architekten planten opulent. Aber eine riesige Exerzier-, Industrie- und Ausstellungshalle, wie Paul Eduard Sprenger sie 1853 entwarf und die als monumentaler gewölbter Hallenbau auf der Schmelz gedacht war, kam nicht zur Ausführung. Kleineres, wie etwa die Bahnstation für Kaiser Franz Joseph in Hietzing, von Joseph Olbrich für das Büro Otto Wagners konzipiert, hatte da bessere Chancen: Bloß dass der Kaiser „seinen“ privaten Bahnhof gerade zweimal genutzt hat, dagegen konnte man nichts tun – aber als Baujuwel steht er noch heute, so wie die Skizze ein Juwel des Genres Architekturzeichnung ist.

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Otto Wagner, Entwurf für den Umbau der Kapuzinergruft

So sollte die Kapuzinergruft aussehen   Nach dem Tod von Kaiserin Elisabeth plante Otto Wagner, ein leidenschaftlicher Monarchist, für die (bis heute) schlichte Kapuzinergruft einen gewaltigen Umbau: Die Skizze der Fassade lässt ahnen, welch gewaltiges Tor mit Kuppel, dazu seitlichen Türmen und einer Postsparkassen-ähnlichen Fassade hier die Grablege der Habsburger optisch aufgewertet hätte. Wieder eines von vielen Projekten, die nicht verwirklicht wurden – wie etwa auch die Kirchenbauten von Clemens Holzmeister in Brasilien, auf dem Papier prächtig anzusehen, nie Realität geworden.

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Clemens Holzmeister, Kathedrala für Rio de Janeiro

Kunstwerke an sich     Bedenkt man, dass hier in den Räumen der Tietze Galleries for Prints and Drawings „Arbeitsblätter“ ausgestellt sind, so steht der künstlerische Wert von jedem einzelnen Werk nicht in Frage. Abgesehen vom Bezug zur jeweiligen Realität, in der die Werke entstanden, spiegeln sie künstlerische wie gesellschaftliche Aspekte. Der großartige Katalog bildet die Werke im Breitformat ab und gibt auch schon einen Vorgeschmack auf den zweiten Teil der Ausstellung.

Bis 25. Februar 2018, täglich 10 bis 18 Uhr,
Achtung, zweimal abends länger geöffnet!
Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr  

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WIEN / Jüdisches Museum: GENOSSE. JUDE.

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Alle Fotos: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum:
GENOSSE. JUDE.
WIR WOLLTEN NUR DAS PARADIES AUF ERDEN
Vom 6. Dezember 2017 bis zum 1. Mai 2018

Sie träumten den unmöglichen Traum…

Die Zeit ist genau richtig für das Thema: Vor hundert Jahren fegte die Russische Revolution durch das Zarenreich und löste es durch den Kommunismus des Sowjetstaates ab. Im nächsten Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx vermutlich so viel Beachtung nach sich ziehen wie das Luther-Jahr – der Mann, der „Das Kapital“ und „Das kommunistische Manifest“ schrieb. Geschichte ist angesagt, und der Kommunismus steht im Zentrum. Auch im Jüdischen Museum, wo „Genosse. Jude.“ das Thema auf breiter Ebene, aber aus jüdischer Perspektive behandelt.

Von Renate Wagner

Juden: zwischen Kapitalismus und „Linke“     Juden waren, wenn sie die Möglichkeit hatten, in der Politik aktiv: Es soll beispielsweise der Liberale Adolf Fischhof gewesen sein, der in Wien die Revolution vom März 1848 lostrat. Das reiche Judentum – besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bankiers, Unternehmer, Fabrikanten in der Habsburger-Monarchie – stand für jenen Kapitalismus, den die „Linke“ (die ausgebeuteten Arbeiter) bekämpfte. Andererseits fanden sich besonders viele Juden in der Ideologie des Kommunismus gut aufgehoben. „Wir wollten nur das Paradies auf Erden“, lautet der Untertitel der Wiener Ausstellung – und die Idee, dass in der „klassenlosen Gesellschaft“ alle Menschen gleich sein sollten, barg die Hoffnung auf das Ende des Antisemitismus in sich. So stimmten die Juden Russlands in „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“ ein, nachdem das antisemitische Zarenreich weggefegt worden war. Russland und kommunistische Juden in Österreich, das sind die beiden Ebenen, auf denen sich diese Ausstellung bewegt.

Genosse Jude Trotzki~1 Trotzki, gezeichnet von Emil Orlik

Herr Bronstein im Café Central         Im nachhinein weiß man es immer besser. Wer solle denn die Russische Revolution machen, witzelte man in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central? Und nachher, als dieser Herr Bronstein unter dem Namen Trotzki berühmt wurde, war tatsächlich er es, der an Lenins Seite „Revolution“ machte und dem Kommunismus in Russland zum Sieg verhalf… Nach Österreich hatte sich Trotzki gewendet, als er – noch vor dem Zarenreich flüchtend – sich von 1907 bis 1914 im Wiener Exil aufhielt, wo kommunistische Freunde ihn unterstützten und er hier propagandistisch an der Vorbereitung der Revolution arbeiten konnte. In Österreich gab es im Rahmen der Arbeiterbewegung viele Juden: Die Ausstellung widmet ihnen als Personen zahlreiche, auf die/den einzelne(n) abzielende Schwerpunkte, wo man eine Menge persönliches Material zusammengetragen hat. Unter ihnen finden sich gleicherweise Politiker wie Künstler. Klar wird: „Genosse“ zu sein, bedeutete einen starken Zusammenhalt von Menschen (egal welcher Religion) untereinander – fest gehalten durch das Band einer positiv verstandenen Ideologie.

Genosse_Jude_Raum~1

„10 Tage, die die Welt erschütterten“    Es waren tatsächlich „nur“ zehn Tage, die die Russische Revolution währte, aber sie veränderte alles. Die Ausstellung dokumentiert die Revolution (u.a. auch mit einer Szene aus dem Film „Oktober“, den Sergej Eisenstein 1927 darüber drehte) – das bietet eine Überfülle von dokumentarischem Material, vor allem politischer Plakate. Für die Juden bedeutete das Sowjetreich jedoch bald ein herbes Erwachen aus der Illusion, „nur“ noch „Genosse“ und nicht mehr „der Jude“ zu sein. Lenin starb 1924, und Stalin brauchte nur wenige Jahre, seine Alleinherrschaft zu etablieren. Im Machtkampf mit Trotzki wurde dieser 1928 erneut ins Exil geschickt (und Stalin sorgte bekanntlich noch in Mexiko für dessen Ermordung). Der nunmehrige Diktator, der sich „staatsmännisch“ als großer Steuermann an einem Steuerrad darstellen ließ, war Antisemit, und Juden fielen neben anderen Regime-Zweiflern und –Gegnern seinen Verfolgungen zum Opfer. Unter dem dokumentarischen Material findet sich auch traurig Originelles: Ein jüdischer Teppich, in den man ursprünglich das Bildnis Stalins hineingewebt hatte. Nachdem die Enttäuschung evident war, versuchte man, es durch Hinzufügen eines entsprechenden Bartes per Übermalung zu „Theodor Herzl“ umzugestalten…

Genosse Jude Stalin-Herzl-Teppich~1

Neue Heimat Israel   Immerhin hatte es in der Sowjetunion Anfang der dreißiger Jahre ein jüdisches „Experiment“ gegeben – ganz weit im Osten (also gewissermaßen wieder in der Verbannung) durften Juden eine autonome Region errichten (Jüdische Autonome Oblast = Verwaltungsbezirk), in der sie sozialistische Ideale verwirklichen wollten. Doch der (wenn auch kurzfristige) Hitler-Stalin-Pakt 1939 begrub jegliche Hoffnungen, dass der Sowjet-Kommunismus ein für Juden sicheres System sein könnte, wenngleich viele Juden später für Stalin im Krieg gegen Hitler arbeiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen zahllose Juden die Sowjetunion, wobei für viele dann schon der neue Staat Israel eine neue Heimat bedeuten konnte – wenn auch auf anderer Ebene ebensowenig sicher wie die alte… Die österreichischen Juden waren, wenn sie nicht in Konzentrationslagern ermordet wurden, schon während des Zweiten Weltkrieges in die Emigration gegangen. Der Kommunismus, mit oder ohne Juden, versickerte in Österreich nach dem Staatsvertrag und dem Abzug der Sowjet-Besatzungsmacht langsam zur Bedeutungslosigkeit. Das kommunistische „Paradies“, das mit so vielen Idealen behaftet war und den Juden so viele Hoffnungen schenkte, hatte sich nicht verwirklicht. Nirgends.

Genosse. Jude. – Wir wollten nur das Paradies auf Erden
Jüdische Museum Wien, 1010 Wien, Dorotheergasse 11
Bis 1. Mai 2018
Von Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

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