Der Neue Merker

NÖ / Klosterneuburg: KIRCHE, KLOSTER, KAISERIN

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NÖ / Klosterneuburg: KIRCHE, KLOSTER, KAISERIN
Maria Theresia und das sakrale Österreich
Jahresausstellung anlässlich des 300. Geburtstags Maria Theresia
4.
März bis zum 15. November 2017

Fromm und gottesfürchtig

Das Quartett des Jahresausstellungen zu Maria Theresia anlässlich ihres 300. Geburtstags hat das Thema Glauben und Religiosität bewusst schmal gehalten, weil Stift Klosterneuburg natürlich der gebotene Ort ist, Maria Theresia und das sakrale Österreich zu dokumentieren. Allerdings geht es weniger um die Rolle, die die katholische Kirche in ihrem Reich spielte, als vielmehr um die private Beziehung der Kaiserin zu dem Stift, das mit den Habsburgern aufs engste – besonders mit ihrem Vater Karl VI. – verbunden war.

Von Heiner Wesemann

Der heilige Leopold        Stift Klosterneuburg geht auf eine Stiftung des später heilig gesprochenen Babenberger-Herzogs Leopold III. zurück. Die „Schleier-Legende“ zählt zu den berühmtesten Überlieferungen aus der österreichischen Sagenwelt: Hier, wo er den verwehten Schleier seiner Gattin Agnes gefunden hat, wurde das Stift  ab der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Hier sind Leopold und Agnes begraben, heute unter dem Verduner Altar, zur Zeit Maria Theresias noch unter einer prachtvollen Gitterkonstruktion, die nicht mehr existiert. Heute Landesheiliger von Niederösterreich, war Leopolds Bedeutung als Heiliger für die Habsburgischen Erblande noch weit bedeutender. Maria Theresias Großvater, der Leopolds Namen trug, veranstaltete alljährlich zum Sterbetag des Heiligen am 15. November eine „Staatswallfahrt“ von Wien nach Klosterneuburg, und selbst, wenn dies nur eine Übernachtung bedeutete, betrug sein Gefolge bis zu 300 Personen.

Klosterneuburg Daniel Gran~1 Klosterneuburg   Klosterneuburg Kaiserliche Tafel~1

Karl VI. und sein Escorial     Es war Maria Theresias Vater, Kaiser Karl VI., der früher König in Spanien gewesen war, der in Klosterneuburg die Möglichkeit sah, sich hier, an Kirche und Kloster angebaut, seinen persönlichen Escorial zu errichten. Die Bauarbeiten gerieten nur bis zu den beiden prunkvollen Kuppeln, es gibt Kaiserappartements (bis heute nahezu unverändert erhalten) und einen Marmorsaal mit einem Deckenfresko von Daniel Gran, das alle Qualitäten des strahlenden Barocks vereinigt. Allerdings hatte Maria Theresia kein Geld, hier den barocken Ausbau des Stiftes weiter zu betreiben (ihr zentrales Interesse galt Schloß Schönbrunn). Die Wallfahrten, die sie seit Kindestagen unternommen hatte, behielt sie lange bei, bis sie diese 1765, im Jahr ihrer Witwenschaft,  beendete – was nicht nur für den Wiener Hof eine finanzielle Erleichterung darstellte, sondern auch für das Stift, das stets eine gewaltige „Hoftafel“ mit Austern und Leckereien auszurichten hatte. Das Stift gab übrigens jedem Pilger, der zu ihnen kann, einen „Leopold-Pfennig“ – einige davon sind in der Ausstellung zu sehen.

Klosterneuburg Erherzogshut  x~1

Der Erzherzogshut     So bedeutend der sakrale Rang von Klosterneuburg war und ist, so ist man hier als Hüter des „Erzherzogshuts“ auch für die Monarchie „staatstragend“ gewesen. Da es vor 1806, als Maria Theresias Enkel das „Kaisertum Österreich“ konstituierte, nur ein „Erzherzogtum“ gab, für das zwar eine Krönung, allerdings unter dem Namen „Erbhuldigung“ vorgesehen war, ist dieser Erzherzogshut die erste „österreichische Krone“ und durfte das Kloster nur für die Feier der Erbhuldigung in Wien verlassen. Es war das erste große Zeremoniell, das Maria Theresia am 22. November 1740 – nur einen Monat nach dem Tod des Vaters am 20. Oktober 1740 – als Nachfolgerin konstituierte, obwohl sie „nur eine Frau“ war. Die Ausstellung in Klosterneuburg stellt einen Teil des Erbhuldigungszuges, mit Maria Theresia in einer Sänfte nach (sie war mit ihrem vierten Kind schwanger, es sollte – was damals noch niemand wusste – der erste Sohn und damit der heiß erwartete Thronfolger sein). Der Hut (die Krone) wird samt Szepter und Apfel feierlich voran getragen. Es ist nur eine „Puppen-Prozession“, aber man kann dahinter auch noch einen Dokumentarfilm über den Erzherzogshut betrachten.

 

Die Pracht der Paramente    Die Ausstellung beginnt in der Schatzkammer des Stifts, die berühmt ist für ihre Reliquiare und liturgischen Gerätschaften, vor allem aber für ihre Paramente, also die reich bestickten und geschmückten Ornate, von denen einige direkt auf Maria Theresia Bezug nehmen. Sie hat dergleichen kostbare Stücke – oft von den „Englischen Fräulein“ in St. Pölten hergestellt – besonders gerne verschenkt. Der so genannte Maria Theresien-Kasel mit reichem Blumenschmuck ist nur eines von vielen Meisterwerken sakraler Stickkunst. Maria Theresia galt als große Verehrerin einer berühmten stehenden Kinder-Jesus-Statue, des so genannten „Prager Jesulein“ (die Schatzkammer zeigt eine Kopie aus dem 18. Jahrhundert), von dem Wundertaten überliefert sind und dem sie auch ein Gewand gestiftet haben soll. Wenn man später in die Kaiserlichen Gemächer kommt, findet man gleich nach dem Marmorsaal prominent einen so genannten „Thronus“ ausgestellt, das erste bekannte Geschenk Maria Theresias an Klosterneuburg aus dem Jahre 1740. Der reich bestickte Behälter war dazu gedacht, die Monstranz zu „ummanteln“.

Klosterneuburg MaTh  Unterschrift~1

Aus eigener Hand    Von ähnlicher Bedeutung für das Stift ist im gleichen Raum ein Dokument, in dem Maria Theresia die Rechte des Stifts bestätigte – was sich die Äbte von jedem neuen Herrscher erbaten. Zur Sicherheit. Das Stift besitzt auch noch andere Originale, etwa ein Kondolenzschreiben aus eigener Hand der Kaiserin. Besonders bedeutend ist das Schreiben, in dem sie um Überlassung des Erzherzogshuts für ihre Erbhuldigung „bittet“.

Klosterneuburg Dekret~1

Auf Maria Theresias Spuren     Man schreitet im zweiten Teil der Ausstellung, den Kaiserzimmern, durch Maria Theresias „fromme“ Geschichte – sie war eine gläubige, praktizierende Katholikin, die auch noch im Tod bewusst ihrem Gott entgegengehen wollte. Allerdings ist es durchaus nicht klösterliche Bescheidenheit, sondern imperialer Prunk, dem man in diesen Räumen begegnet – eine gedeckte Tafel vermittelt den Eindruck, wie man zwischen Gobelins und Kandelabern speiste. Man sieht reichlich kostbares Porzellan, und prunkvolle Möbel und Gemälde geben einen Eindruck der damaligen Lebensform. Viele Bilder und Ausstellungsobjekte beziehen sich dabei naturgemäß auf Maria Theresias große Familie, Jubelschriften zeigen, mit welchem „Frohlocken“ jedes einzelne Kind begrüßt wurde. Immerhin haben zehn ihrer 16 Kinder das Erwachsenenalter erreicht, davon vier Söhne: der jüngste, Maximilian Franz (1756-1801), schlug, wie es in Fürstenfamilien oft der Fall war, die geistliche Laufbahn ein und wurde Erzbischof und  Kurfürst von Köln.

Klosterneuburg   Locke~1 Klosterneuburg a  Blumenschere und Schreibfeder~1

Eine Locke, eine Blumenschere    Den persönlichsten Zugang zu Maria Theresia findet man im Eckzimmer, wo in einer Vitrine, die von einer weißen Porzellanbüste der Herrscherin gekrönt wird, „Devotionalien“ zu finden sind: Offenbar hat sie einmal eine Haarlocke gespendet, und man hat ein Glas, eine Blumenschere und eine Feder, die sie während ihres Klosterneuburger Aufenthalts benützte, sorglich aufbewahrt. Daneben befindet sich ein opulent ausgestattetes Nähkästchen, das in Form einer Orgel gestaltet ist…

Am Ende weiß man, dass das Stift seine eigene Beziehung zur frommen Kaiserin schön und würdevoll thematisiert hat. Die religiösen Spannungen, die dieses 18. Jahrhundert kennzeichneten, hat man ausgeklammert. Klosterneuburg ist für die positiven Seiten des Katholizismus zuständig.

Stift Klosterneuburg:
Kirche, Kloster, Kaiserin
Vom 4. März bis zum 15. November 2017
täglich 10.00 – 17.00 Uhr, Sommersaison ab 1. Mai, täglich 9.00 – 18.00 Uhr

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NÖ / Niederweiden: MARIA THERESIA zum Vierten

Maria Theresia  Niederweiden x~1
Alle Fotos: Wesemann

NÖ /  Niederweiden:
300 JAHRE  MARIA THERESIA
„STRATEGIN MUTTER REFORMERIN“
Modernisierung und Reformen 
Vom 15. März 2017 bis zum 29. November 2017  

Taferlklassler und Daumenschrauben

Ein „Taferlklassler“  zu sein und „Daumenschrauben“ angesetzt zu bekommen – beides besteht in der Realität nicht mehr, aber die Begriffe sind lebendig geblieben. Zumindest ersterer geht ausschließlich auf das Zeitalter Maria Theresias zurück, die die Unterrichtspflicht als staatliche Aufgabe sah. Sie sorgte dafür, dass möglichst jedes Kind in der Monarchie mit Hilfe einer mit Buchstaben beschriebenen, etwas mehr als handgroßen Tafel das Lesen und Schreiben lernte. Eine von vielen Reformen ihrer Epoche, die Karl Vocelka in der Ausstellung „Modernisierungen und Reformen“ auf Schloß Niederweiden dokumentiert hat.

Von Heiner Wesemann

 Maria Theresia Denkmal Messershmidt x~1Umgeben von klugen Männern      Maria Theresia selbst steht als Statue, die sie als Königin von Ungarn zeigt, im kleinen zentralen Kuppelraum von Schloß Niederweiden. Franz Xaver Messerschmidt hat sie einst so gestaltet (die Ausstellung zeigt eine Kopie), und ausnahmsweise ganz ohne die Grimassen, die seine Charakterköpfe kennzeichnen… Man liest Maria Theresias Satz, wie viel sie ihren ausgezeichneten Beratern verdankt, und sie sind es dann auch, die die Ausstellung in Niederweiden beherrschen. Ohne die Souveränität und Aufgeschlossenheit etwa von van Swieten, von Sonnenfels und Born, von Kaunitz und Haugwitz, wäre vieles in ihren Ländern nicht so nachdrücklich von der Stelle gekommen. Die Folter allerdings wurde auf Drängen von Sonnenfels erst spät (drei Jahre vor ihrem Tod) und unter ihren Bedenken abgeschafft – und eine genaue bildliche Darstellung in einem Buch, wie Daumenschrauben anzulegen seien, darf nicht fehlen, wenn sie auch niemandem zur Ehre gereicht. Unter Maria Theresias Beratern wird übrigens auch ihr Gatte Franz Stephan aufgeführt: Er hat sich mit dem Regieren nicht abgegeben, aber sehr viel von Finanzen und Naturwissenschaften verstanden.

Zuerst die Schule       Der größte Raum der Ausstellung ist in Form einer altmodischen Schule mit Pulten gestaltet. Reiches Unterrichtsmaterial in Form von Tafeln und Büchern zeigt, wie gründlich man schon in pre-aufklärerischem Geist vorging. Es war auch eine Welt der Bücher, die Ausstellung ist reich an Publikationen, die damals neue Themen auch in aufwendiger Pracht behandelten (etwa das Buch über die aus Amerika stammenden Pflanzen, das Nikolaus von Jacquin herausbrachte, nachdem er im Auftrag von Franz Stephan die Karibik bereist und auch Pflanzen für die kaiserlichen Gärten gesammelt hatte).

 

Maria Theresia Klassenzimmer x~1  Maria Theresia Schulbuch x~1

Ärzte, Soldaten, Künstler, Diplomaten     Maria Theresia und ihre Berater wussten, dass sie in Zukunft Fachleute auf allen Gebieten brauchten, was zu einer weitgreifenden Reform der höheren Bildung führte. Allein das Wissen und die Fortschrittlichkeit von van Swieten verhalf Wien zu einer „Ersten medizinischen Schule“ von Rang. Auch Tierärzte wurden gebraucht, noch war der Kupferstich das einzige Mittel, Bildmaterial zu vervielfältigen, also wurde eine Kupferstichakademie gegründet. Die Theresianische Militärakademie gibt es noch heute, acht Bilder „aus dem Leben der Zöglinge“ zeigen sportliche Übungen, aber auch Schlittschuhlauf und Tanz… Vor allem aber brauchte man Diplomaten, die viele Sprachen beherrschten. Ein Kupferstich trägt den Titel „Ein Glück für jeden fremden Mann, der selbst mit Türken sprechen kann“ – man wollte angesichts der Diplomatie mit dem Osmanischen Reich nicht immer auf die wohl kaum allzu verlässlichen Dolmetscher des Sultans angewiesen sein…

Maria Theresia Türkisch lernen bild x~1  Maria Theresia Türkisch lernen Text x~1

Die Organisation der Monarchie    Der Prunk des Adels und des Hofs und die Armut eines großen Teils der Bevölkerung: In der Wirtschaft musste so viel geschehen wie im Rechtswesen. (Die Leibeigenschaft hat erst Joseph II. nach dem Tod seiner Mutter aufgehoben.) Der bis in unsere Tage legendäre Maria Theresien-Taler war Zahlungsmittel in der Monarchie und nahm den Weg nach Afrika und den Nahen Osten. Volkszählungen (nur Männer und Vieh, nicht die Frauen) und eine erstmalige Festlegung von Adressen (die Häuser erhielten Nummern) waren darauf ausgerichtet, die wehrfähigen jungen Männer zu finden. Was immer in der Welt Maria Theresias geschah, war zweifellos auch von Idealismus, aber in weit höherem Ausmaß noch vom Pragmatismus geprägt. Und der besagte, dass ein funktionierendes Staatswesen einfach leichter zu lenken ist als ein desolates. Vieles, was man erst Joseph II. zuschreibt, so Karl Vocelka, war bereits im Zeitalter Maria Theresias angelegt.

Niederweiden: „Maria Theresia – Modernisierungen und Reformen“
Bis 29. November 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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NÖ / Schloßhof: MARIA THERESIA zum Dritten

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Alle Fotos: Heiner Wesemann

NÖ /  Schloßhof:
300 JAHRE  MARIA THERESIA
„STRATEGIN MUTTER REFORMERIN“
Bündnisse und Feindschaften
Vom 15. März 2017 bis zum 29. November 2017  

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Kriege und Krönungen

Seit Prinz Eugen von Savoyen sie 1725 im gleichen Jahr erwarb, befinden sich die beiden Marchfeldschlösser Schlosshof und Niederweiden stets unter „einer“ Hand: Maria Theresia kaufte sie von der Erbin des Prinzen, Schlosshof – an sich schon eine ungewöhnlich große Anlage – wurde noch erweitert, Niederweiden vom Hofarchitekten Nikolaus Pacassi umgestaltet. Nach einigem Hin und Her (später bedeuteten die Schlösser den Habsburgern nicht mehr so viel, und die Republik wusste nicht viel damit anzufangen) stehen sie heute unter der Verwaltung der Schloß Schönbrunn Kultur-und Betriebsges.m.b.H., die es allerdings noch nicht geschafft hat, die Marchfeld-Schlösser zu einer ähnlichen Touristenattraktion auszubauen wie etwa die Loire-Schlösser (obwohl das Potential vorhanden wäre). Jedenfalls sind Schlosshof und Niederweiden heuer Schauplätze von zweien der vier Maria Theresia-Ausstellungen, die Schönbrunn und KHM veranstalten. Behandelt man in Wien eher die „private“ Seite Maria Theresias, so geht es in Niederösterreich um Politik – Außen- und Innenpolitik. Allerdings hat Gestalter Karl Vocelka dem Thema eine überaus sinnliche und fassbare Aufbereitung angedeihen lassen.

Von Heiner Wesemann

Krieg und Frieden     Es waren zwei große Kriege, die Maria Theresia auszufechten hatte, der erste, später so genannte „Österreichische Erbfolgekrieg“, begann unmittelbar nach ihrem Regierungsantritt 1740 und dauerte bis 1748. Und es ging dabei nicht nur um die Ansprüche der (verschwägerten) Bayern und Sachsen auf die Habsburgischen Länder, sondern auch um jenen Krieg, den Friedrich II. von Preußen um Schlesien führte – und eine Landkarte zeigt, wie sehr ihm dieses reiche Gebiet vor der Nase lag und seinen Großmachtbestrebungen entgegen kam. Es gibt nicht übertrieben viele Schlachtenbilder, aber man sieht die Ausstattung auch der preußischen Soldaten, man denkt an das Elend der Krüppel und Verwundeten, die digital projiziert werden – nur die Säge, mit denen man verletzte Gliedmaßen abschnitt, ist echt…

Maria Theresia Karte Schlesien x~1

Frieden und Krieg   Der zweite Krieg, später der „Siebenjährige“ genannt, 1756 bis 1763 geführt, fand dann schon auf breiterer Ebene statt, Preußen hatte sich mit England (das auch in Amerika Krieg führte) zusammen getan, Maria Theresia hatte erfolgreich Bündnisse mit Frankreich, Russland und anderen deutschen Staaten geschlossen. Damals wurde anlässlich der siegreichen Schlacht von Kolin 1757 der Maria Theresien-Orden gestiftet, aber das Kriegsziel wurde verfehlt, Schlesien blieb preußisch, die Verluste waren gewaltig. Als prachtvolles Dokument kann man die Ratifikation des Friedens von Hubertusburg betrachten, der nichtsdestoweniger für Österreich nichts gebracht hat.

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Die Multi-Kulti-Monarchie   Tatsächlich konnte Maria Theresia bedeutende Gebietserweiterungen am Verhandlungstisch gewinnen: Das türkisch geschriebene Dokument, das nach wieder einmal einer Polnischen Teilung den Erwerb der Bukowina bestätigt, ist ebenso in der Ausstellung zu sehen wie Stücke kostbarer dortiger Folklore: Der Vielvölkerstaat der Habsburger wurde immer bunter. Als man Bayern das Innviertel abgewann – ein prächtiges bayerisches Zollamtschild zeugt von früheren Grenzen – , war kein wirklicher Krieg nötig: Da hat Maria Theresia mit Friedrich II. (die beiden sind einander allerdings nie begegnet) den Frieden von Teschen ausgehandelt.

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Die großen Krönungen    „Außenpolitik“ ist auch, was sich an Imperialem in Österreich begab, denn es richtete sich letztendlich an die Umwelt: die Pragmatische Sanktion, die Erbhuldigung, die Krönung in Ungarn, die Krönung in Böhmen, und die Krönungen von Gatten und Sohn: Franz Stephan von Lothringen wurde 1745 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Maria Theresias ältester Sohn Joseph schon 1764 „römischer König“.  So hielten sich in Maria Theresias 40 Regierungsjahren, in denen sie die Zügel auch als Witwe nicht aus der Hand gab, die Niederlagen und Erfolge gewissermaßen die Waage: Jedenfalls hatte Habsburg sein Bestehen gesichert und seine Zukunft als Haus Habsburg-Lothringen auf feste Beine gestellt (wenn auch nur bis 1918, wie allerdings erst die Nachwelt weiß).

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Schloßhof als Witwenresidenz   Die Ausstellung in Schlosshof bezieht sich nicht allein auf die zahlreichen Räume, die das „Bündnisse und Feindschaften“-Thema in vielen Details und teils spektakulären Objekten aufsplittern. Man kann anschließend auch das Schloß selbst mit den Prunkräumen besichtigen, die von Prinz Eugen eingerichtet und von Joseph II. teils umgestaltet wurden. Maria Theresia, die das Schloß so sehr liebte, dass sie die Hochzeit ihrer Lieblingstochter Marie Christine mit Albert von Sachsen-Teschen hier ausrichtete, hat sich ein Witwen-Appartment einrichten lassen, gedämpfte Farben, klassizistisch, mit einem riesigen Himmelbett. Und in einem Raum ist in vier Riesengemälden die Nachkommenschaft versammelt – Leopold in der Toskana mit seinen Kindern (darunter der später Kaiser Franz II./I.), Marie Antoinette in Frankreich, Maria Carolina in Neapel-Sizilien, Maria Amalia in Parma mit Gatten und Kindern. Maria Theresia hat keine ihrer ins Ausland verheirateten Töchter je wieder gesehen.

Schloßhof: „Maria Theresia – Bündnisse und Feindschaften“
Bis 29. November 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Wagenburg: MARIA THERESIA zum Zweiten

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Alle Fotos: Wesemann

WIEN / Wagenburg:
300 JAHRE  MARIA THERESIA
„STRATEGIN MUTTER REFORMERIN“
Frauenpower und Lebensfreude
Bis 29. November 2017  

Auf Hufen, Kufen und Rädern…

Das Kunsthistorische Museum „bespielt“ nur einen Schauplatz von vieren, aber darüber hinaus hat man zu den Maria Theresien-Ausstellungen viel beitragen: KHM-Direktorin Sabine Haag betonte, dass man aus den einzelnen Abteilungen des Hauses reichlich Objekte beisteuerte – aus der Gemäldegalerie, der Kunstkammer, der Musiksammlung, der Hof-, Jagd- und Rüstkammer, und das Münzkabinett wird Ende des Monats noch eine eigene Ausstellung zum Maria-Theresia-Reigen des 300. Geburtstags bieten. Im übrigen gehört die Wagenburg des Schlosses Schönbrunn in den Verband des KHM, und dort hat die Direktorin dieser Abteilung des KHM, Monica Kurzel-Runtscheiner, „Frauenpower und Lebensfreude“ lebendig gemacht.

Von Heiner Wesemann

Wagen Prozession x~1

Der familiäre Wagenpark     Man betritt die Wagenburg immer noch durch den Raum, der Kaiser Karl, dem letzten Kaiser, gewidmet ist und der schon mit „richtigen“ Autos fuhr. Der gewaltige Leichenwagen, an dem man vorbeigeht, galt nicht Maria Theresia, sondern damit wurden Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph in die Kapuzinergruft gebracht. Aber schon links davon hat man eine wahre Wagen-Prozession aufgestellt, jeweils von sechs geschmückten Pferden gezogen, und so hat sich die Familie vermutlich oftmals durch Wien bewegt, um der Bevölkerung etwas zum Schauen zu bieten. Und natürlich auch, um sich selbst in Szene zu setzen. So, wie heute die Kinder der Reichen ihre Luxusautos geschenkt bekommen, erhielten die Söhne und Töchter Maria Theresias ihre eigenen Kutschen, die so genannten Prinzen- und Damenwägen. Einer davon wurde für die Ausstellung restauriert und erstrahlt „wie neu“. Der erste Wagen ist übrigens jener, mit dem Kaiser Franz I. mit seinem Sohn Joseph 1764 in Frankfurt eingezogen ist – dessen Krönung zum „Römischen König“ galt als sichere Vorbereitung auf dem Kaisertitel. Dass dieser allerdings so bald folgen wollte (Franz Stephan von Lothringen starb im Jahr darauf), konnte damals noch niemand ahnen.

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Feste als politische Demonstration     Zwei der vielen Feste, die es in der Welt Maria Theresias gab, sind besonders populär geworden, weil sie in großformatigen Gemälden festgehalten wurden. Das so genannte „Damenkarussell“ am 2. Jänner 1743 sollte die Wiedergewinnung Böhmens feiern („draußen“ wurde nämlich ein brutaler Erbfolgekrieg gekämpft) und wurde von Reiterinnen (Maria Theresia selbst saß zu Pferd) und Wagenlenkerinnen bestritten: Ihre Schwester Maria Anna fuhr einen der goldenen Karussell-Wägen, der hier vor dem Gemälde aufgestellt ist. Ähnlich berühmt wurden die Schlittenfahrten, die sich im allgemeinen zwischen der Hofburg und Schönbrunn hin- und herbewegten. Ein Riesengemälde zeigt die Schlittenfahrt, die der Hof 1765 anlässlich der zweiten Hochzeit von Joseph II. mit seiner bayerischen Cousine veranstaltete, und auf einem weißen („Schnee“)-Hügel davor hat man die goldenen Schlitten samt Pferden aufgestellt… Dass solche Veranstaltungen eine ausgefeilte (und wohl auch geprobte) Choreographie benötigten, damit nicht jeder wahllos hin- und herfuhr, versteht sich. Die Ausstellung zeigt Skizzen mit genau vorgegebenen Anweisungen der zu nehmenden Wege.

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Vor allem in der Staatskarosse      Maria Theresia hatte für die ungarische Krönung ihre bis dahin nicht besonderen Reitkünste aufgefrischt, denn sie wollte sich beim Ritt auf den Königshügel in Pressburg natürlich nicht blamieren. Danach wurde sie eine so leidenschaftliche Reiterin, dass sie bei den Damen des Hofes eine wahre Mode auslöste, über die die Herren nur den Kopf schütteln konnten. Sie ritt sogar während mancher Schwangerschaft – aber man besitzt auch einen Gala-Tragsessel, wie er im höheren Stadium der Schwangerschaft nötig wurde. Immer ein Glanzstück der Wagenburg war und ist der vergoldete Imperialwagen, der von einem Kaiser zum nächsten weitergereicht wurde, jeder ließ dann seine Insignien darauf applizieren: Maria Theresia ließ Hera gegen Poseidon darauf setzen – sie gegen Friedrich II. von Preußen. Die goldene Karosse diente als Beförderungsmittel zu allen festlichen Anlässen – wie ein Staatswagen im Autopark der Republik.

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Der eigene Orden der Königin         Maria Theresia konnte vieles, aber nicht alles: Sie konnte nicht selbst, in persona, Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs werden (nur als Gattin und wird auf vielen Dokumenten auch als „Römische Kaiserin“ bezeichnet), und sie konnte nicht Großmeister des Goldenen Vlieses werden, weil dieser Habsburgische Hausorden nur Männer aufnahm. Aber sie konnte als „König von Ungarn“ ihren eigenen Orden gründen: Man sieht die Ornate des „St. Stephans-Ordens“, den sie als Verdienstorden gründete, was bedeutete, dass sie in diesem Fall Leistung vor Geburt stellte. Nur dass sie hier auch Frauen aufgenommen hätte, so weit ging sie nicht – sie wusste, wie viel sie der Mitwelt zumuten konnte. Doch dafür, dass sie in der damaligen Welt „nur eine Frau“ war, hat sie das Optimum aus ihrer Stellung und ihren Möglichkeiten gemacht.

Wagenburg: „Maria Theresia – Frauenpower und Lebensfreude“
Bis 29. November 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Hofmobiliendepot: MARIA THERESIA zum Ersten

Maria Theresia Ausstellungsplakat

WIEN / Hofmobiliendepot: 
300 JAHRE MARIA THERESIA
„STRATEGIN MUTTER REFORMERIN“
Familie und Vermächtnis 
Bis 29. November 2017  (Heiner Wesemann)

Visualisiert und verschriftlicht

Auch im Vorjahr haben sich die Schloß Schönbrunn Kultur-und Betriebsges.m.b.H. und der KHM-Museumsverband zusammen geschlossen, um damals den 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph mit vier Ausstellungen zu begleiten. Heuer geschieht Gleiches anlässlich des 300. Geburtstags von Maria Theresia. Es gibt allerdings eine kleine Änderung – das Schloß Schönbrunn mit seinen buchstäblich Millionen Besuchern jährlich trägt den zusätzlichen Ansturm von Besuchern nicht so gut. Also sind es in Wien nur noch zwei Ausstellungsorte – das Hofmobiliendepot und die Wagenburg -, während man in Niederösterreich die beiden Marchfeldschlösser Schlosshof und Niederweiden „bespielt“. Dabei hat man sich in Wien eher auf die „private“, in Niederösterreich auf die „politische“ Maria Theresia konzentriert.

Von Heiner Wesemann

Was war sie wirklich?    Als übergreifende Schlagworte einer „300 Jahre danach“ aktuellen Maria Theresia-Betrachtung hat man die Begriffe „Strategin Mutter Reformerin“ gewählt. Strategin war sie gewiß, vor allem in Bezug auf ihre Selbstdarstellung (was ihre Mitmenschen betraf, war sie Diplomatin hohen Ranges). Die Rolle der Mutter kann man ihr nicht absprechen, wenn der Kindersegen auch mit einiger Sicherheit nicht der Befriedigung mütterlicher Instinkte, sondern dem politischen Kalkül diente. Die „Reformerin“ ist ihre unangefochtenste Rolle, hier hat sie mit Intelligenz, Umsicht und natürlich auch Strategie agiert, sowohl die organisatorischen wie die finanziellen Notwendigkeiten fest im Blick. Jeder heutige Blick auf Maria Theresia differenziert frühere Urteile, und auch gegenwärtige Fragestellungen (wie die Betonung von Antisemitismus und religiöser Intoleranz) folgen dem Zeitgeist.

Maria Theresia Blumenstrauss aus Edelsteinen

Visualisiert und verschriftlicht    Die schön gestaltete Ausstellung versucht erfolgreich, das Zeitalter Maria Theresias visuell zu versinnlichen – mit Möbeln, Geschirr, Kostbarkeiten (ein „Blumenstrauß“ als Diamanten als Geschenk für den Gemahl). Man hat sogar einen ausgestopften Schoßhund aus dem Naturhistorischen Museum geholt, weil diese Tiere offenbar zum Alltag der Kinderstuben gehörten. Tatsächlich geht es aber um Bilder und um Dokumente. Und an diesen Bildern kann man klar machen, wie gezielt die Selbstdarstellung Maria Theresias und ihrer Familie betrieben wurde. Vor allem die Darstellungen der Kinder war doppelt nötig – um zu den Untertanen eine „familiäre“ Beziehung zu den Habsburgern aufzubauen, wie auch, um den Ausland (den Feinden zumal)  zu zeigen, dass die Situation, die eine Frau auf die Throne der Habsburgischen Erblande brachte (!), sich nie mehr wiederholen würde… Die Verschriftlichung zeigt sich an einer Überfülle von Dokumenten aller Art, die erst mit der Hand geführt (und aufbewahrt wurden), von der Geburt bis zur peniblen Schilderung des Sterbens. Der schier ungeheure Verwaltungsaufwand des Hofes, der sich auch auf Sitzordnungen bei Staatsdiners und auf Poststationen bei Reisen bezog, ist in seiner Logistik nachzuvollziehen, viele Aufzeichnungen wurden auch gedruckt. Ein Beamtenstaat dokumentierte alles – nicht zuletzt sich selbst.

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Familie, Familie, Familie   Die Ausstellung im Hofmobiliendepot ist dem Lebensüberblick gewidmet, wobei im ersten Stock das Leben abläuft, eingebettet in Porzellan, Schmuck und Silber –  und eine Unzahl von Verwandten, in prunkvollen Stammtafeln oder Medaillon-Sammlungen zu bewundern. Im Mittelpunkt immer wieder Maria Theresia und ihr Gatte Franz Stephan, selten gemeinsam auf einem Gemälde, meist in repräsentativen Doppelbildnissen, die zwar getrennt sind, aber in Größe und Stil eindeutig zueinander gehörig gestaltet wurden. Daneben wird man von den Kindern überschwemmt, ihren Bildern, aber auch ihren Talenten – die Habsburger waren begabt, nicht nur in Musik, einige Töchter zeichneten sehr gut, erzählen der Nachwelt „Familienszenen“. Auch unter „privat“ fallen Ereignisse wie Erbhuldigung, Ungarische Krönung (besonders wichtig in der medialen Verwertung damals), Franz Stephans Kaiserkrönung, Hochzeiten. Das alles vermittelt einen ungetrübten, wenn auch für die Beteiligten wohl etwas „anstrengenden“ Eindruck…

Maria Theresia Asiatisches Zimmer

Ein Schloß und eine Herrscherin   Nach dem Tod ihres Vaters in der Favorita (dem heutigen Theresianum) wollte Maria Theresia diese Sommerresidenz nicht mehr benützen. Sie kümmerte sich sehr um die Ausgestaltung von Schönbrunn, und hier konnten die Ausstellungsmacher dann auch schwelgen, wenn sie etwa Blumenecken oder Indisches oder Chinesisches (Maria Theresia schwärmte für asiatischen Exotismus) nachstellen.

Und drei Karikaturen     Da die Hagiographie schon zu Lebzeiten festgeschrieben wurde, stets Stück für Stück ergänzt und dauernd daran gearbeitet, wird man von Widerstand oder Unzufriedenheit nichts erfahren, möglicherweise drang dergleichen auch nicht in die familiäre Welt. Und die Karikaturen, die über Maria Theresia erschienen, konnten nur von ausländischen Blättern vertrieben werden – zwei niederländische, eine englische greifen der Herrscherin unter die Kleider. Dass man dergleichen in ihrem  Reich nicht zu sehen bekam, dafür sorgte die Zensur…

Bildnis in Witwentracht an einem Schreibtisch sitzend. Aquarell auf Elfenbein, unbekannter Künstler um 1770.  Wien, Hofburg, Präsidentschaftskanzlei.

Das Nachleben begann schon früh     Im Parterre der Ausstellung ist das Ende auch ein Anfang: Maria Theresia im Witwengewand, das sie die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens nicht ablegte, wurde ebenso populär wie die großen Repräsentationsgemälde der Kaiserin. Man hat ihren Tod und ihr Begräbnis genau dokumentiert, neben der berühmten Sterbeszene von Löschenkohl ist sie auch im Sarg liegend zu erblicken. Und dann begann das Nachleben, das für die Habsburger-Dynastie so wichtig war wie ihr Leben. Die Denkmäler, die Romane, Theaterstücke, Operetten, Filme. Nicht übertrieben viel, aber stets signifikant. Zu den beliebtesten Mythen, weil hier Maria Theresia mit einem ebenso großen Namen gekoppelt werden konnte, zählte der Auftritt des kleinen „Wolferl“ Mozart in Schönbrunn, der „der Kaiserin auf den Schoß sprang“. Lesebuchgeschichten für die Popularität, aber auch der „staatstragende“ Mythos: Hugo von Hofmannsthal lobte mit hohen Worten, Leopold Figl nannte sie 1945, als die österreichische Identität wieder dringend gesucht wurde, die „Mater Austriae“. Genügend Fotos aus der Republik beweisen, dass man Politikersärge vor ihrem Gemälde aufbahrte – und dass auch Bruno Kreisky im Schatten von Maria Theresias Bildnis stand, die lange Zeit unangefochten gewissermaßen „das beste Österreich“ repräsentieren durfte und hier eine geradezu „rauschhafte“ Darstellung findet.

Hofmobiliendepot: „Maria Theresia – Familie und Vermächtnis“
Bis 29. November 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Albertina: ACTING FOR THE CAMERA

Albertina   Romy Plakat 
Fotos Renate Wagner

WIEN / Albertina / Galleries for Photography: 
ACTING FOR THE CAMERA
Vom 10. März 2017 bis zum 5. Juni 2017  

Mein Bild mache ich

Als die Fotografie erfunden wurde, bestand das erste Entzücken darin, wie vergleichsweise schnell „ein Bild“ zu machen war – im Vergleich zu Zeichnungen oder gar Gemälden. Und außerdem glaubte man, gänzlich fälschlicherweise natürlich, nun ein Medium zu besitzen, das die Welt „exakt“ abbilde. Doch davon entfernte man sich bald, als Fotografen ihren Beruf „erlernten“ und merkten, was sie mit der Kamera alles zu tun imstande waren: Dass sie als Künstler weit über die Grenzen des realen Abknipsens hinausgehen konnten. Und Menschen merkten, dass sie ihr Bild in der Kamera selbst bestimmen konnten… „Acting for the Camera“ in der Albertina zeigt nun das Foto als Kunstbild, als gestelltes Selbstbild.

Von Renate Wagner

Acting for the Camera   Dass jemand vor der Kamera „spielt“, würde man a priori mit der Welt des Films in Verbindung bringen, aber sehr früh entdeckten vor allem Künstler, die ihr Bild als „Image“ der Mitwelt vermitteln wurden, das Foto als Mittel der Selbstdarstellung. Die Ausstellung in der Albertina, die das Thema von vielen Seiten umkreist, hat hier ganz signifikante Beispiele zu bieten, von Schiele bis zu Romy Schneider. Und im übrigen bietet die Auswahl aus der großen und bedeutenden Fotosammlung der Albertina auch einen Überblick darüber, welche Genres sich Fotografen in ihren „Pionierzeiten“ eroberten.

Albertina  Riesen Schiele

Schauspieler, Schauspieler, Schauspieler   Schon in der Frühzeit der Fotografie trug man der Berühmtheit eines Alexander Girardi Rechnung, indem man ihn in vielen Posen nebeneinander zeigt, charakteristische Gestik und Mimik einfangend, die seinen Zeitgenossen und Bewunderern zweifellos vertraut waren. Ein Schauspieler wie Luis Rainer, berühmter Tod im „Jedermann“, ließ sich 1925 in der Rolle des König Lear konterfeien – ein Vorläufer der „Starfotos“, die es jahrzehntelang gab. Besonders bemerkenswert ist jene Fotoserie, die der Amerikaner Will McBride, damals erfolgreicher Werbefotograf in Deutschland, 1964 von der damals erst 26jährigen Romy Schneider machte. Schon hatte sie der „Sissi“-Welt den Rücken gekehrt, aber ihr Bedürfnis, die neue, selbst kreierte Romy darzustellen, ist in diesen Fotos evident – rauchend, lachend, erotisch, geheimnisvoll, in zweifellos selbst gewählte Posen, zeigen die Schauspielerin weit weg von jeder Lieblichkeit. Die Fotografie wurde benützt, ein neues Ego zu kreieren und dann mit Hilfe von zahllosen Zeitschriften in die Welt zu tragen.

Die großen Ateliers und Fotografen      Der Blick haftet üblicherweise auf den Dargestellten. Bedenkt man, wie viele Maler und andere bildende Künstler im Bewusstsein der Mit- und Nachwelt leben, sind es auf dem Gebiet der Fotografie entschieden weniger, weil sie zu oft hinter dem Objekt, das sie ins rechte Licht rücken, zurücktreten. In den Anfängen war Fotografie auch eine Welt, in der sich Frauen hervortun konnten, denen noch viele Ausbildungsstätten verschlossen waren. Trude Fleischmann und Dora Kallmus, deren Atelier „Madame d’Ora“ ein Muß für die Gesellschaft Wiens war, sind hier mit signifikanten Arbeiten vertreten. Man sieht vieles von Rudolf Koppitz, spezialisiert auf künstlerische Akte (als „Bewegungsstudien“ bezeichnet) und auf das Ausloten von Tanz. Und ein Schiele-Porträt von Anton Josef Trcka beherrscht überdimensional den ersten Ausstellungsraum: Tracka ist es gelungen, Schiele in dem Stil zu fotografieren, wie er sich selbst gezeichnet und gemalt hat… und so die Selbststilisierung des Künstlers im anderen Medium fortsetzte.

Albertina  Exhibitonismus

Schwerpunkte     Es gibt einige thematische Schwerpunkte dieser Ausstellung, eine gilt auf jeden Fall dem Tanz, denn die dort gezeigten expressiven Bewegungen trafen sich auch vielfach mit dem Expressionismus der zwanziger Jahre, der solcherart auch in die Fotografie einzog. Ein eigenes Thema wird in dem tiefer gelegenen dritten Ausstellungsraum unter dem Titel „Aktionistische Inszenierungen des eigenen Körpers“ geboten: Tatsächlich feiert hier der künstlerische Exhibitionismus geradezu bildhafte Orgien, John Coplans sechsfaches „Selbstporträt“ wirkt als Blickfang, die eigene Nacktheit schonungslos zusammen gesetzt. Man sieht Fotos von den Aktionen eines Günter Brus, eines Rudolf Schwarzkogler, die Grimassen des Arnulf Rainer, die „Sculptures“, in denen Erwin Wurm dem menschlichen Körper Verstümmelungen zufügt. Die Fotografie ist einen weiten Weg gegangen.

Bis 5. Juni 2017, täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: ZAUBER DER LANDSCHAFT

Leppold Landschaft Plakat~1

WIEN / Leopold Museum: 
ZAUBER DER LANDSCHAFT
Von Waldmüller bis Boeckl
Bis 1. Mai 2017 

Variationen des Naturverständnisses

Wer „Rudolf Leopold“ sagt, denkt an Schiele und Klimt, aber wie man längst weiß, war das Interesse des großen Sammlers viel breiter gestreut. Privat galt seine große Leidenschaft der Natur, und das schlug sich auch in seinen Bilderkäufen nieder. Sowohl im Leopold Museum wie in der Privatsammlung der Familie Leopold finden sich zahlreiche ausgesuchte Landschaftsbilder – genug, um ihnen im Parterre des Hauses eine Ausstellung zu widmen, die rund 50 hochrangige Ölgemälde und dazu eine Handvoll wertvoller Aquarelle in vier Räumen (und vier „Stationen“) aufbereitet.

Von Renate Wagner

WaldmüllerGauermann

Die Entdeckung der Landschaft     Zuerst waren es die Holländer, dann die Italiener und die Briten, auch die Franzosen, die sich der Landschaft als Thema widmeten. In der österreichischen Kunst des 19. Jahrhunderts haben Künstler wie Waldmüller, Gauermann und Romako Menschen und Landschaften auf verschiedenste Art kombiniert. Ferdinand Georg Waldmüller malte selten „reine“ Landschaften wie den „Dachstein mit Gosausee“, sondern stellte oft Genreszenen in den Reiz der Landschaft, ob es der berühmte, in vielen Fassungen bekannte „Vorfrühling im Wienerwald“ ist oder „Die Versöhnung an der Brücke“, wo die Menschengruppe und der fließende Bach sich harmonisch zusammen fügen – bis zu jenem Bild der heimkehrenden Mutter, die gebückt über die Türschwelle tritt, umgeben von drei Kinder, wo die Landschaft dann nur noch den Hintergrund bedeutet. Lieber als die Menschen waren Kollegen Friedrich Gauermann die Tiere, die er auch gerne in gewittrig dramatische Landschaften stellte, wobei er zudem ein Meister der Bäume war. Aber das spannendste, geradezu atemberaubende Bild aus dieser Sektion stammt von Anton Romako und zeigt ein Kind, das auf zwei Baumstämmen balanciert, um einen Wildbach zu überqueren

Romako

Die Meister der Aquarelle    Reich bestückt ist der Raum mit Landschaftsaquarellen, die allerersten Namen wie Rudolf von Alt, Emil Jakob Schindler, Thomas Ender führen dann bis zu Herbert Boeckl, wo die Landschaft auf ein paar Striche abstrahiert ist. Dazwischen steht ein herbstliches, ausschließlich der Natur verpflichtetes Stimmungsbild von Josef Dobrowsky neben einer Dinkelsbühl-Ansicht von Oskar Laske, wo jeweils die Architektur bereits gleichberechtigt neben die Natur tritt.

Die Landschaft, wie man sie um 1900 sah    Eine Ausstellung kann ihr Thema so weit strecken, wie sie will, und Elisabeth Leopold und Mit-Kurator Franz Smola nahmen auch ein Egger-Lienz-Gemälde hinein, das nur die Erde und etwas Wasser zeigt und wo der Mensch, der sich über die Quelle beugt, den zentralen Blickpunkt darstellt. Kolo Moser malte einen einsamen Kastanienbaum in einem von Häusern umschlossenen Hof. Nur Carl Molls Prater-Motiv (ganz ohne die Anmut, die Tina Blau diesen Bäumen einst gab) ist noch Landschaft pur.

Nach dem Ersten Weltkrieg     Landschaft als Ort der Schönheit und Ruhe war in der Welt des Expressionismus nicht mehr gefragt. Herbert Boeckls aggressive „Gruppe am Waldrand“ behandelt Natur kaum noch als Rahmen für die alles beherrschenden Menschen. Ob Anton Faistauer mit Dürnstein, Rudolf Wacker mit Bregenz, auch das sind Stadtszenen, ein wenig Natur am Rande. So wird die Ausstellung auch zu einem Spaziergang durch Entwicklungen der Kunstgeschichte.

Leopold Museum, bis 1. Mai 2017, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 21 Uhr

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WIEN / KHM: DAS ERSTE GOLD

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WIEN / Kunsthistorisches Museum: 
DAS ERSTE GOLD
Vom 7. März 2017 bis zum 25. Juni 2017  

Zum Golde drängt doch alles…

In jenem zentralen Ausstellungsraum im ersten Stock, wo das Kunsthistorische Museum sonst in seinen Sonderausstellungen berühmte Gemälde und spektakuläre Plastiken präsentiert, glänzt diesmal Goldschmuck. Man hat eine „archäologische“ Sensation zu bieten, den „größten Schatz der Bronzezeit“, wie es heißt, gefunden in Bulgarien, aus der Zeit zwischen 1500 und 1000 vor Christus, und vor allem, was für uns interessant ist, bearbeitet, das heißt, zu teils sensationell schönen Stücken geformt. Da neben bulgarischen auch österreichische Wissenschaftler bei der Erforschung des Goldbergwerks von Ada Tepe beteiligt waren, kommt Wien nun in den Genuß der dort gefundenen Schätze.

Von Heiner Wesemann

Ada Tepe     Vermutlich können sich die meisten Menschen unter dem Begriff „Ada Tepe“ nichts vorstellen. Es handelt sich dabei um einen Ort im bulgarischen Rhodopengebirge, und dort haben Wissenschaftler in den letzten Jahren ein prähistorisches Goldbergwerk gefunden. Gold, so dachte man – man kennt ja die Legende vom Goldenen Vlies –, wurde aus Flüssen gewonnen, wenn man Schaffelle ins Wasser hielt, blieben die Stücke darin hängen. Doch tatsächlich hat man Gold auch in diesem Bergwerk von Ada Tepe regelrecht abgebaut.

Gold… das ewige Faszinosum     Gold hat an sich nur den Wert, den man ihm zuweist. Ein glänzendes Edelmetall, vielfach zu verarbeiten, als Schmuck offenbar zu allen Zeiten geschätzt, auch in der Bronzezeit in Bulgarien und wo immer es als Handelsgut hin wanderte. Besonders reizvoll sind Spekulationen, die dieses Gold in Richtung Troja und Mykene sehen, wo ja Schliemann großartige Schmuckstücke gefunden hat. Tatsächlich gibt es auch in dieser Ausstellung eine „Maske“, die der berühmten des Schliemann-Schatzes verwandt wirkt. Es gab in allen Perioden der Geschichte Handelswege, die Idee ist also nicht abwegig.

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Stücke einer Ausstellung     Man gibt einem Zeitbild, das die Welt von vor dreieinhalb tausend Jahren zeigt, natürlich auch die üblichen „flankierenden Elemente“: Von Schalen bis zu Speerspitzen, von Rasiermessern bis zu Äxten, von Schüsseln bis Krügen ist vieles vorhanden. Aber natürlich zieht zurst das Gold den Blick auf sich. Wofür hat man die rätselhaften Spiralröllchen verwendet, die nach modernen Lockenwicklern aussehen? (Vermutlich wurden sie tatsächlich in die Haare geflochten.) Es gibt Ringe, die als „Lockenringe“ bezeichnet werden,  man findet hier Ohrringe, Halsketten, Armreifen: Der Körper des Menschen gibt die Formen vor, doch die Verarbeitung kann vielfältig sein. Mehr als 300 Gold-, Silber- und Bronzefunde aus 14 bulgarischen Museen beschäftigen den Besucher.

Der Schatzfund von Vălčitrăn      Dieser Schatz, der nicht weniger als 12,5 kg Gold umfasste, steht mit seinen 13 Objekten im Zentrum, spektakuläre Gefäße und Scheiben und vor allen tropfenartig geformte Schalen verweisen auf außerordentliche Kunstfertigkeit der Verarbeitung. Neben Schmuck für die Menschen und Opfern für das Jenseits waren diese Objekte zweifellos auch als Gaben für die Götter gedacht – wie in allen Zeiten. (Man denke nur an die goldstrotzenden Kirchen Südamerikas.)

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Für die das Gold nicht bestimmt war     Die Zeiten, wo sich das Interesse der Historiker nur auf die Reichen und Mächtigen richtete, sind vorbei. Alltagskultur, Normalmenschen befinden sich ebenso im Fokus. Dabei wird auch gezeigt, wie kunstvoll die Arbeiter einst „in den Berg hinein“ gingen, wie man in den Stollen zur Goldgewinnung mit Feuer verfuhr und Goldstücke aus den erhitzten Wänden brach. Folglich bietet die Ausstellung im KHM auch virtuell einen Einblick in das Leben der Menschen, die damals im Bergwerk gearbeitet haben. Die „einfachen Leute“ von heute setzen ihre Fähigkeien anders ein – Bauern, die in der Region Goldschätze schon in den zwanziger Jahren aus ihren Böden holten, haben die Objekte in Stücke geschnitten und versucht, zu Geld zu machen… 

Bis 25. Juni 2017, täglich außer Montag von 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, ab Juni täglich

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Wien / Winterpalais: VULGÄR? Fashion Redefined

Raum Saint Laurent

Wien / Winterpalais:
VULGÄR? Fashion Redefined
Vom 3. März 2017  bis zum 25. Juni 2017  

Barock umarmt Moderne

Wenn man sich als Frau fragt: Würde man (vorausgesetzt natürlich, man hätte die  Figur dazu) auch nur eines der Modelle tragen wollen, die einem in der Winterpalast-Ausstellung „Vulgär“ so herrlich entgegenstrahlen, müsste man ehrlich sagen: Nein! (Es sei denn, vielleicht einmal im Fasching…). Fragt man sich, ob einem gefällt, was man sieht, muss sagen: Ja! Und wie! Phantastisch! Das erreicht eine an Opulenz unübertreffliche Präsentation von alter und neuer Mode, die eines gemeinsam hat: Es sind ja doch nicht „Kleider“, die man sieht, sondern letztendlich Kostüme, vor allem, was die Couturiers von heute zeigen. „Fashion Redefined“ kam von London nach Wien und bringt Weltstadt-Schwung exzentrischer Art in die herrlichen Barockräume des Prinzen Eugen. Wenn diese Ausstellung nicht der Hit wird, versteht man die Welt nicht mehr…

Von Renate Wagner

Über „Vulgarität“ phantasieren…       Wenn eine Schau von England nach Österreich kommt, trifft sie auch auf eine andere Sprache. „The Vulgar“ sind auf Englisch eigentlich auch die gewöhnlichen Leute. Auf Deutsch, wo „vulgär“ mit ordinär oder minderwertig gleich gesetzt wirde, kommt man dem näher, worüber die britischen Ausstellungsmacher Judith Clark (Historikerin mit dem Fachgebiet Mode) und Adam Phillips (Psychoanalytiker) bei ihrer Zusammenstellung von einigen kostbaren historischen Gewändern aus dem Victoria & Albert Museum und sehr vielen Beispielen ausgewählter Couturiers philosophierten: Worum geht es bei so viel Aufdringlichkeit, bei so viel Schrille, bei so viel gewollter Exzentrik? Oder sollte man Mode hier gleichzeitig unter Kunst und Zeitgeist einreihen und von abwertenden Urteilen absehen angesichts der überbordenden Kreativität, der man hier zweifellos begegnet?

Eine mehr als geglückte Übersiedlung       Im London war die Ausstellung im Barbican Center zu sehen, einem modernen Betonklotz, wo man sich entschloss, der  Buntheit des Gezeigten gar keinen Rahmen zu geben –  alles schwebte vor leeren Wänden vor sich hin. In Wien musste man die Ausstellung in die herrlichen Barockräume des Winterpalais einpassen, und das ist Kurator Alfred Weidinger hervorragend gelungen. Es ist doch gerade die Welt des Barocks, die auch in nüchternen Zeiten die Augen öffnet für herrlichste Verschwendung aller Mittel, der Farben, der Formen, der Ideen. Und daran mangelt es nicht. Wenn gleich im ersten Raum ein Stück Kirchenornat neben einem einfach und opulent zugleich wirkenden Mantelkleid von Elsa Schiaparelli aus den dreißiger Jahren zu sehen ist und dazu Maria Theresia in einem Riesengemälde von der Wand lächelt, sieht man vielleicht erstmals bewusst auf ihr Kleid… und Jahrhunderte kommen zusammen, in denen (einst wie jetzt und immer) die Notwendigkeit, sich zu kleiden, für die Reichen ein Ausdruck von Luxus und Selbstdarstellung war… Besonders gelungen ist es Alfred Weidinger, unter ein Gemälde von Prinz Eugen etwa eine Mantelkreation von John Galliano zu stellen, in welcher er den Barock geradezu modisch „nachbetet“. Kurz, die Räume – die Judith Clark bei der Pressekonferenz als „breathtaking“ (atemberaubend) bezeichnet hat, spielen mit.

Schön, bunt, wild, verrückt     Seid ihr alle da? Wer immer sich auch nur ein bisschen mit Mode befasst, kennt die großen Namen. Und steht dann vor jenen „geometrischen“, weiß-schwarz-bunt-flächigen Kleidern, die Yves Saint-Laurent berühmt gemacht haben. Vor zart fließenden Kreationen, mit denen Karl Lagerfeld Frauen (die es sich leisten können) nymphenartig umfließt. Starrt auf einen fleischfarbenen Body der Vivienne Westwood, wo das „Feigenblatt“ aufgenäht ist. Vergleicht den Exhibitionismus schier unglaublicher barocker Krinolinen (wie konnte man sich darin bewegen, damit sitzen?) mit Schöpfungen eines Christian Lacroix. Pam Hogg, live zu Gast, lässt sich – selbst ein Kunstgeschöpf – vor ihren Kreationen fotografieren, die in ihrer Verrücktheit ihr ohne weiteres entsprechen (sie ist imstande, auf einen nackten Frauenkörper nur ein paar Lederriemen zu applizieren). Auch für „zu viel des Guten“ hat man absichtsvoll Beispiele gewählt – wieder war es John Galliano, der für das Haus Christian Dior eine Phantasieorgie aus chinesischen Elementen geschaffen hat, deren einzelne Bestandteile gar nicht zu erkennen sind. Und und und… selbst hingehen, ansehen, seine Favoriten wählen. Welch eine Show! Es geht nicht um Geschmack (über den sich bekanntlich streiten lässt). Es geht um Phantasie, und die kann niemand den gezeigten Schöpfungen absprechen. Hier kann man wieder einmal das Staunen lernen.

Wien / Winterpalais:  VULGÄR? Fashion Redefined
Vom 3. März 2017  bis zum 25. Juni 2017   Täglich 10 bis 18 UhrIm Katalog werden die Modelle alle von Female und Male Models gertragen, was stellenweise geradezu surreal wirkt

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WIEN / Belvedere: LAWRENCE ALMA-TADEMA

Alma Tameda Rosen
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Unteres Belvedere:
LAWRENCE ALMA-TADEMA  –  DEKADENZ & ANTIKE
Vom 24. Februar2017 bis zum 18. Juni 2017

Lass es rosa Rosen regnen…

Kitsch ist es nur auf den allerersten, flüchtigen Blick. Weil alles so schön, so farbig, so herzerfreuend und auch so gestrig erscheint. Dann aber erkennt man bald, was die Ausstellung über Lawrence Alma-Tadema im Belvedere will: eine vergangene Epoche hervorrufen, mit ihren damaligen Vorstellungswelten, ihrem Geschmack, ihrem Können, ihrer historischen Gewissenhaftigkeit. Gewiß, das ist Viktorianismus, wie er parallel zu Ringstraßen-Prunk und auch schon Jugendstil-Ästhetik verläuft. Aber soll man, wenn man das eigene Gelände ausreichend beacktert hat, nicht auch den Blick über den Tellerrand werfen? Die Ausstellung im Unteren Belvedere lässt keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens.

Von Renate Wagner

 Alma Tameda  Raum xx~1

Lawrence Alma-Tadema  Er war geborener Niederländer, Friesländer, um es enger zu fassen, aus dem nördlichen Eck des Landes: Der in Großbritannien zu „Sir Lawrence“ wurde, war ein Lourens Tadema, als er 1836 in Dronrijp geboren wurde. „Alma“ fügte er seinem Namen hinzu, um mit dem „A“ stets an der Spitze von Listen zu figurieren… Er studierte in Antwerpen, lebte mit seiner ersten Frau in Brüssel, hatte Erfolge bei der Pariser Weltausstellung, wurde aber erst der Superstar der Szene, als er sich 1870 in London niederließ, wo er die Künstlerin Laura Theresa Epps heiratete. Gemeinsam reisten sie zu archäologischen Ausgrabungsstätten, die letztlich seine primäre Inspiration darstellten (Pompej war damals groß in Mode). Sein Historismus entsprach so vollkommen dem Viktorianischen Zeitalter, dass er mit seinen vor Schönheit überquellenden Genrebildern einer der gefragtesten Künstler seiner Epoche wurde: Ein Porträt, das Kollege Ignacy Jan Padrewski 1891 von ihm malte, zeigt einen jugendlichen, lockenköpfigen Rotschopf,  der zu seiner Zeit in der ganzen Kunstwelt bekannt war, nicht zuletzt, weil er das mediale Netzwerken seiner Zeit beherrschte. 1899 wurde er von Queen Victoria geadelt, und nach seinem Tod 1912 in Wiesbaden gaben die Briten ihm die letzte Ruhestätte in der St Paul’s Cathedral. Im Katalog sieht man übrigens ein Foto über die Aufbahrung seines Sarges: Er ertrankt in einem Blumenmeer, so, wie Lawrence Alma-Tadema es oft gemalt hat…

Alma Tameda  Porträt

Wechsel der Wertigkeit     Die Zeitgenossen schätzten ihn, keine Frage, dass Klimt von Alma-Tadema beeinflusst wurde. Wien erwarb 1893 dessen Gemälde „Fredegonda und Galswintha“ (jetzt im Zimmer mit „nordischen“ Themen der Ausstellung zu sehen), das man 1903 in der Modernen Galerie ausstellte. Das Gemälde ist heute im Besitz der Akademie der bildenden Künste in Wien und das einzige, das wir von Alma-Tadema besitzen. Wie viele, die so sehr in ihrer Zeit ruhten und folglich in ihr entsprechend berühmt waren, wurde Alma-Tadema spätestens mit dem Ersten Weltkrieg hinweggefegt und war lange vergessen. Erst als im späten 20 Jahrhundert die Beschäftigung mit der Vergangenheit wieder einsetzte, holte man ihn als wichtigen Zeitzeugen des Viktorianischen Zeitalters und der Antike-Rezeption hervor. Mittlerweile erzielte die „Auffindung des Moses“ 2010 bei einer Auktion 30 Millionen Euro (!). Und die Dreifach-Ausstellung, die das niederländischen Fries Museum in Leeuwarden (demnächst europäische Kulturhauptstadt), das Belvedere und das Leighton House Museum in London veranstalten, hatte in den Niederlanden in 4 Monaten 160.000 Besucher, wie Kris Callens, der nach Wien angereiste Direktor des Hauses, berichtete. Es ist anzunehmen, dass das Interesse in Wien gleicherweise stark sein wird.

Die Antike       Heute machen es Computeranimationen, sehr beeindruckend, gewiß, aber auch glatt und unromantisch: Da wachsen dann aus Ruinen Gebäude hoch, wie sie einst ausgesehen haben mögen. Für die Gegenwart eine gute Möglichkeit, wenn sie sich mit dem Glanz auch nicht vergleichen lassen, den die Gemälde von Alma-Tadema ausstrahlen. Das alte Griechenland, das alte Rom, das alte Ägypten waren seine Themen – die Wiener Ausstellung hat zwei monumentale Hauptwerke, „Die Rosen des Heliogabalus“ (gemeint war der römische Kaiser Elagabal, der es Rosen regnen ließ, in denen seine Gäste erstickten) und „Die Auffindung des Moses“ (der Pharaonentochter in der Sänfte wird ein Baby im Körbchen gezeigt) entsprechend positioniert, dass sie ihre volle Wirkung entfalten können. Zahlreiche andere, kleiner formatige Gemälde erweisen nicht nur die Detailgenauigkeit, mit der der Künstler nach intensiven Studien verfuhr, sondern auch die Lebendigkeit der Szenen: Die ferne Antike wurde durch seine Gemälde schlicht und einfach nahe gerückt, menschlich begreiflich.

Alma Tameda Moses

Inspiration fürs Kino      Kein Wunder, dass so viel „Information“, wie sie hier durch die Kunst vermittelt wurde, nicht ungenützt blieb. Schon die frühesten „monumentalen“ Filme noch vor dem Ersten Weltkrieg holten sich ihre Anregungen aus den Gemälden von Alma-Tadema, und der letzte  Raum der Wiener Ausstellung ist Szenenausschnitten von Filmen gewidmet, die sich speziell zu ihrer Abhängigkeit bekennen – darunter Regisseur Ridley Scott sowohl für seinen „Gladiator“ wie auch zuletzt für sein Bibel-Epos „Exodus“, ein Remake von „Die zehn Gebote“, deren Ausstatter ihrerseits bereits auf Alma-Tadema zurück gegriffen hatten.

Alma Tameda  Ausstell Filme xx

Die Ausstellung    Die Ausstellung in Wien, die – wie der heimische Kurator Alfred Weidinger stolz verkündet – mit ihren 136 Objekten gut 60 Prozent der Hauptwerke Alma-Tamedas bietet, ist abwechslungsreich gestaltet, zeigt auch Möbel (eine beeindruckende, weiße, antikisierende Vorzimmerwand) und eine Staffelei aus dem Besitz des Künstlers, hat eine „Kuschelecke“ errichtet, wo man sich auf weichen Pölstern niederlassen kann, um sich den Details der Werke hinzugeben, berücksichtigt auch die Gattin Laura Theresa Epps, die nicht nur als Modell und Muse, sondern auch als gesellschaftlicher Fixpunkt eine überaus wichtige Protagonistin im Leben des Künstlers war, der ja den Frauen in seinem Werk besondere Präsenz eingeräumt hat. Fotos aus dem Leben Alma-Tamedas zeigen, das er in einer Makart-Parallelwelt lebte, mit Anlehnungen an secessionistische Ornamentik. Und das alles mehr oder minder gleichzeitig zu Künstlern, die wir – wie Cezanne (1839-1906) – als vergleichsweise „modern“ empfinden. So bedeutet diese Ausstellung auch einen „parallelen Weg ins 19. Jahrhundert zurück“.

Unteres Belvedere:
„Lawrence Alma-Tadema. Dekadenz & Antike“
Bis zum 18. Juni 2917, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr
Katalog „Lawrence Alma-Tadema. Klassische Verführung“ von Elizabeth Prettejohn und Peter Trippi (hrsg.), Verlag Prestel 2016, 240 Seiten
www.belvedere.at

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