Der Neue Merker

WIEN / Jüdisches Museum: KAUFT BEI JUDEN!

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WIEN / Jüdisches Museum: 
KAUFT BEI JUDEN!
Geschichte einer Wiener Geschäftskultur
Vom 17. Mai 2017 bis zum 19. November 2017

Eine verlorene Welt

Als Paula Wessely in dem Film „Heimat“ den berüchtigten Satz sagte: „Wir kaufen nicht bei Juden“, markierte das ein Ende. Jahrhunderte lang war es anders gewesen. Bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte man sehr wohl „bei Juden“ gekauft, besonders intensiv in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es vor allem jüdische Unternehmer waren, die die „Erlebniswelt“ der Großkaufhäuser kreierten. Kaum noch klägliche Reste davon sind in Wien vorhanden. Das Jüdische Museum hat Erinnerungsstücke an eine glanzvolle Geschäftskultur – Kultur im vollsten Wortsinn – zusammen getragen.

Von Renate Wagner

Von der Geschichte verweht…   Welche Namen kennt man noch außer „Gerngross“, und das ist heute ein Kaufhaus-Kramladen wie alle anderen, bar jeder Eleganz. Ältere Wiener werden sich noch daran erinnern, dass es daneben den „Herzmansky“ mit seiner opulenten Fassade gab. Wenn zu Beginn der „Kauft bei Juden“-Ausstellung eine Liste bedeutender Namen ehemaliger jüdischer Geschäfte zu lesen ist, dann existieren gerade noch zwei Etablissements – Knize am Graben und Jungmann & Neffe am Albertina-Platz. Doch wo sind die Zeiten, da am Looshaus noch „Goldmann & Salatsch“ stand. Und als man auf die Frage, wo der Stephansdom sei, antwortete: „Vis a vis vom Rothberger“ – ein prachtvoller Einkaufspalast, der sich über drei Häuser erstreckte. Entstanden in den liberalen Jahrzehnten der Herrschaft von Kaiser Franz Joseph, der Karl Lueger verhindert hätte, wenn es ihm gelungen wäre, hinweggefegt innerhalb kürzester Zeit nach dem Anschluß 1938.

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Einkaufen als Erlebnis       Da so gut wie alle Länder, in denen sie lebten, den Juden Grund und Boden versagten, waren viele von ihnen im Lauf ihrer Geschichte als Händler tätig. Sie hatten dafür ebenso Talent wie für das „Showbiz“ (wie sich später in der Filmbranche zeigte). Im Rausch der Gründerzeit  wurden die großen Warenhäuser geboren, „Paläste des Konsums“ (alte Fotos zeigen, welchen Glanz der riesige offene Innenraum von Gerngross einst ausstrahlte). Einkaufen wurde von der Notwendigkeit zum Vergnügen, zur Freizeitbeschäftigung.

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Jüdischer Unternehmergeist     Viele Wiener Unternehmen dieser Art wurden von jüdischen Familien etabliert – Gerngross, Zwieback, Jacob Rothberger, Braun & Co, Goldman & Salatsch, Jungmann & Neffe oder Knize, um nur einige zu nennen. Unter ihnen gab es faszinierende Persönlichkeiten, die in Ausstellung und Katalog gewürdigt werden, etwa die Unternehmerin in einer Männerwelt – Ella Zirner-Zwieback, die das Luxustextilhaus in der Kärntnerstraße erbte und führte. (Der Schauspieler August Zirner ist übrigens ihr Enkel.)

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Künstlerische Ambitionen     Die Gestaltung der Häuser wie auch die Präsentation der Waren (und diese selbst) zeugten oft von hohen künstlerischen Ambitionen. Leopold Goldmann, unter den Herrenausstattern einer der allernobelsten, beauftragte für sein Grundstück gleich gegenüber der Hofburg den Modernen der Modernsten, Adolf Loos, mit der Gestaltung seines Geschäftsgebäudes… Das Looshaus hat Goldmann & Salatsch überlebt. Einst brachten viele dieser Häuser es zu Hoflieferanten. Heute sind sie vergessen.

Soziales Gefälle     Dass der Prunk, den jüdisches Geld hier entfaltete, immer schon zu Neid Anlass gab, schürte den in Wien latenten und später instrumentalisierten Antisemitismus. Ein interessantes Foto zeigt einen armen Juden mit Bauchladen vor dem Luxusgeschäft Zwieback – das Segment der reichen Juden war vergleichsweise nicht überbordend, aber sie stachen ins Auge. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als diese spezifisch wienerisch-jüdische Kultur verschwunden und zerstört war, reemigrierten Juden wieder in die Stadt – sie bauten dann das „Textilviertel“ und die neue Jüdische Gemeinde auf. Heute gibt es nur noch im Zweiten Bezirk eine gewisse Dichte jüdisch geführter Geschäfte, denen allerdings der Prunk der Monarchie-Epoche abgeht.

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Jüdisches Museum im Palais Eskeles, Dorotheergasse:
Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur
Bis 19. November 2017,  täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr

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WIEN/ Kunst – Werk-Galerie des Online-Merker: AUSSTELLUNG MARGARETA VILMA GRAFSTRÖM / PONTUS GRAFSTRÖM

WIEN/ KUNST – WERK-GALERIE DES ONLINE-MERKER: AUSSTELLUNG MARGARETA VILMA GRAFSTRÖM & PONTUS GRAFSTRÖM (zu sehen – und auch zu kaufen bis Mitte Juni 2017)

Preise auf Anfrage

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Atelier von Pontus Grafström in Härnonsand. Foto: Grafström


Die Kuratorin/ Veranstalterin Esther Hatzi. Copyright: Barbara Zeininger


Pontus Grafström, Margareta Vilma Grafström, Esther Hatzi, Hugo Paulsson. Copyright: Barbara Zeininger

Margarete Vilma Grafström wurde in Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens, 1922 geboren. Sie war als Lehrerin tätig und heirate nach Härnonsand, fast 900 km östlich von Kiruna.

Sie arbeitete als ethnologische Historikerin für lokale Forschung mit Schwerpunkt „Leben und Sitten 17. und 18. Jahrhundert“ und hat sich auch als bildende Künstlerin in Schweden einen Namen gemacht.

Bemerkenswert ist, dass sich eine 95jährige über tausende Kilometer nach Wien begibt, um dort der Vernissage beizuwohnen. Allein das ist eine außerordentliche Leistung. Die Autofahrt von Härnonsand zum Flughafen Stockholm führt über 500 km.


Margareta Vilma Grafström: Spielen im Schärrahmen. Copyright: Barbara Zeininger

 


Margareta Vilma Grafström: Unterricht im Samizelt. Copyright: Barbara Zeininger


Margareta Vilma Grafström: Das Probierbrot im Backhaus. Copyright: Barbara Zeininger


Margareta Vilma Grafström. Copyright: Barbara Zeininger

Frau Grafström hat vier Kinder und zahreiche Enkelkinder. Einer davon ist Pontus Grafström (geb. 1987), Lehrer für Sport und Gesundheit in einer Schule in Härnonsand, ebenfalls Maler, aber auch Extremsportler. Er war 2007 und 2010 Surf-Champion von Schweden. Er hat mit seiner Großmutter ein gemeinsames Buch verfasst und stellt seine Arbeiten in der „Kunst – Werk-Galerie“ des Online-Merker aus, wie seine Großmutter.


Pontus Grafström: Heller Wendepunkt (Öl auf Leinen , 140 mal 84 cm. Copyright: Barbara Zeininger


Pontus Grafström: Überfluss (Öl auf Leinen, 160 mal 94 cm. Copyright: Barbara Zeininger


Pontus Grafström: Dreamed More North (Öl auf Leinwand. 54 mal 82 cm). Copyright: Barbara Zeininger


Pontus Grafström: Kontemplizierte Fokusstelle (links) und Beim Wunder verwundert (rechts). Copyright: Barbara Zeininger


Pontus Grafström. Copyright: Barbara Zeininger

Bei der Vernissage gab es auch ein umfangreiches Rahmenprogrammm dargeboten von Künstlern verschiedener Nationalität


Myrto Chantziara (griechische Mezzosopranistin und Pianistin). Copyright: Barbara Zeininger


Hugo Paulsson (schwedischer Tenor). Copyright: Barbara Zeininger

 
Marina Moiseeva (georgische Pianistin). Copyright: Barbara Zeininger
 
Diese Künstler werden auch bei der Finissage am 29.5 um 19 h singen und spielen. Die Ausstellung ist bei freiem Eintritt täglich von 15,30 h bis 19 h zu besichtigen. Voraussichtlich bleiben die Werke bis Mitte Juni in unserer Galerie zugänglich.
Es handelt sich um eine Verkaufsausstellung mit Direktverkauf der Künstler. Die Preise liegen bei uns auf!
 
Anton Cupak

 

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WIEN / Literaturmuseum: IM RAUSCH DES SCHREIBENS

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Alle Fotos: Literaturmuseum

WIEN / Literaturmuseum im Grillparzerhaus:
IM RAUSCH DES SCHREIBENS
Von Musil bis Bachmann
Vom 28. April 2017 bis zum 11. Februar 2018

Damit die Maschine rollt

Ein Auto braucht Treibstoff, ein Dichter braucht – Inspiration? Aber woher kommt diese? Nur von Luft und faulen Äpfeln? Oder ist da auch Stärkeres angesagt? Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek hat sich eine besonders attraktive Ausstellung ausgedacht. Die sonst verpönten Süchte – pfui Alkohol, Nikotin, Rauschgift – erscheinen hier in geradezu hinreißend verklärter Form. Und man setzt sich nicht nur auf die Spur dieser „verderblichen“ Laster und „bedauernswerten“ Opfer, die ihnen erlegen sind, sondern auch auf jene großer Kunstwerke… 170 literarische Originale bietet das Literaturmuseum für Literaturfexe.

Von Renate Wagner

Wien –  Am 27. April eröffneten Generaldirektorin Johanna Rachinger und Schriftsteller Franz Schuh die neue Sonderausstellung im Literaturmuseum der Österreichische Nationalbibliothek. „Im Rausch des Schreibens“ präsentiert Literatur zwischen Exzess und Askese und zeigt außergewöhnliche Exponate von Musil bis Bachmann.

Zuerst das Schreiben   Im Obergeschoß des Literaturmuseums, einst das k.u.k. Hofkammerarchiv, heute nach dem dort lange Zeit waltenden und schuftenden Dichter und Direktor der Institution „Grillparzer-Haus“ genannt, hat man die ideale Form gefunden, um Papier (darum geht es letztlich) zu präsentieren: In riesigen Stellagen, wo man alles hineinstellen kann, nicht nur Bücher und Manuskripte, sondern auch Schreibmaschinen, wo man Fotos affichiert und Zitate groß druckt. Und wenn man auch auf einem Bild Elfriede Jelinek 1984 vor der Frühform eines Computers erblickt (mit dem Hinweis, dieser sei für sie und ihr Schreiben erfunden worden), so geht es doch noch um die gute, alte Schreibmaschine… und um die Hand. Unglaublich, wie viel Dichter auch herum gekritzelt haben (Jonke tat es exzessiv), wie viele geheimnisvolle Pläne sie zeichneten, wie viele Notizen sie sich machten… Und dann sieht man in einem Film, wie die Bachmann mit einem Kuli in der Hand ein mit Schreibmaschine geschriebenes Manuskript korrigiert. Keine Frage, wer es ernsthaft betreibt, weiß es: Schreiben ist eine Heidenarbeit. Und alles andere als leicht.

Da braucht man Hilfe… Die Stimulanzia sind klassisch (Sex ist ausgespart): das Glas Wein oder Stärkeres, die Zigarette, Zigarre, Pfeife, und schließlich das Rauschgift, geraucht, geschnüffelt, gespritzt, Hauptsache es versetzt den Dichter in jenen „Rausch“-Zustand (wenn’s bis Trance und Ekstase führt, umso besser) in dem ihm etwas Substanzielles, Haltbares einfällt (spätere nüchterne Überarbeitung eingeschlossen). Und das macht die Dichter dann oft so glücklich, dass sie diese Erfahrungen auch in ihren Werken preisen… die Bachmann tat es gern (und wohl sogar dankbar). Ernst Jandl zeichnet seine Bedürfnisse auf, das Glas, die Zigarette, den Bleistift – und wer weiß, welch sonderbare Utensilien noch. Und unter den Rauschgift-Essern, die bekenntnishaft erzählen, finden sich ganz große Namen der Literatur, vom Klassiker der Sucht, Thomas de Quincey, bis Hans Fallada und Aldous Huxley.

 LitMus  rauschgiftesser~1Spaziergang durch die Exzesse   „Ganz Wien is heit auf Heroin“ – das war Falco, der dies „dichtete“, und auch ein Pop-Poet darf sich in die literarische Landschaft fügen. Tatsächlich will man ihn mit seinen Notizbüchern, in denen er Entwürfe zu Pop-Texten notierte, in die österreichische Literatur holen. Zu den „Süchtlern“ gehört er jedenfalls. Räusche aller Arten, die auch Grenzen überschritten, werden hier thematisiert, keinesfalls aber moralisch verurteilt. Robert Musil schrieb über das „wunderbares Gefühl der Entgrenzung und Grenzenlosigkeit“, und wenn dann am Ende der „Mann ohne Eigenschaften“ steht, wer wollte dann mit einem Dichter rechten? Allerdings: So manch einer hat sich auch mit Drogen zugrunde gerichtet (Georg Trakl beispielsweise). Oder mit Alkohol – der göttliche Säufer Joseph Roth. Oder der 35jährig im Rausch erstickte Werner Schwab… Einen kleinen Ausflug zu einem anderen Laster macht man mit Adalbert Stifter: Dessen exzessive Lust war das Essen, oft sechsmal am Tag…

Noch einmal: Das Rauchen… Wenn man nur rauchen könnte, klagte Friedrich Torberg einmal. Ist man am Ende der Ausstellung angelangt, ist die finale Wand voll von Bildern rauchender Literaten, Arthur Schnitzler mit Zigarre ziert die „Österreichische Raucherzeitung“, Doderer war Pfeife rauchend Titelbildheld des „Spiegels“, Thomas Bernhard liegt rauchend am Sofa, Friederike Mayröcker sitzt rauchend an ihrer Schreibmaschine. „Ich lebe, um zu rauchen“, schrieb Robert Musils 1937 in sein Tagebuch. Wie gut, dass die meisten von ihnen tot sind, was täten sie in unserer rauch- und lustfreien Welt?

Literaturmuseum, 1. Bezirk, Johannesgasse 6:
Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann
Bis 11. Februar 2018, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr,
In den Monaten Juni bis inklusive September täglich geöffnet

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WIEN / Theatermuseum: DER MAGISCHE RAUM

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WIEN / Theatermuseum:
DER MAGISCHE RAUM
Bühne – Bild – Modell
Vom 20. April 2017 bis zum 12. Februar 2018

Kulissenzauber der besonderen Art

Einzelne Bühnenbildmodelle sieht man immer wieder einmal in Theaterausstellungen, dreidimensionaler Aufputz zu Bildern und Dokumenten. Diesen Theatermodellen eine eigene Ausstellung zu widmen, erweist sich im Theatermuseum im Palais Lobkowitz als überaus gewinnbringender, lehrreicher, reizvoller Spaziergang durch die Geschichte. Wer, der sich für Theater und Oper interessiert, schaut nicht gerne einmal „hinter die Kulissen“: Hier kann man es im Wortsinn tun – auch mit verdrehtem Hals…

Von Renate Wagner

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Fotos: Theatermuseum

Wie stellt man Modelle auf?     Das Theatermuseum in Wien besitzt annähernd tausend Bühnenbildmodelle, das ist außerordentlich viel, und Ulrike Dembski und Rudi Risatti als Kuratoren konnten reich wählen, um verschiedene Epochen für Stücke und Ausstattungen zu versinnbildlichen. Vermutlich wäre es den Ausstellungsgestaltern Karin Müller-Reineke und Gerhard Vana langweilig erschienen, die einzelnen großen „Kästen“ mit ihrem Inhalt einfach in Reih und Glied aufzustellen. Ihre „verschränkte“ Darstellungsweise hat auf den ersten Blick den Nachteil, dass man des öfteren einfach vor der „Rückenfront“ steht und sich entweder verdrehen oder rundum auf die andere Seite gehen muss: Aber das Prinzip des „Raums“ wird solcherart klarer, und man muss es sich quasi erarbeiten.

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Reinhardts „Wald“

Auf den Spuren von Legenden     Wer sich ein bisschen mit Theatergeschichte befasst hat, weiß, dass man 1905 in Berlin am Abend zu einander gesagt hat: „Jetzt dreht sich bei Reinhardt der Wald.“ Max Reinhardt hatte für seine legendäre Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ in seinem Neuen Theater von Karl Kaiser tatsächlich einen „Wald“ mit Baumstämmen, Gras und Laub auf die Drehbühne stellen lassen, eine Sensation damals, Theater gewordene Bühnenpoesie. Will man über die beiden Ausstellungsräume im Parterre des Palais Lobkowitz hinausgehen, die Treppen hoch, vorbei am Eroica-Saal, noch einen Stock höher, findet man da die „Zusatzausstellung“ mit dem Titel „Spielräume“, wo einige überdimensionale Modelle permanent präsentiert werden – darunter die ebenso legendäre „Faust“-Stadt, jene Simultanbühne, die Clemens Holzmeister einst für Reinhardts „Faust“-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen in die Felsenreitschule gestellt hat…

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„Phädra“ auf Russisch

Antike     Man hat die Bühnenbilder nicht chronologisch gegliedert (was natürlich auch seinen Reiz gehabt hätte), sondern in sieben thematische Schwerpunkte aufgeteilt. Wobei „Antike“ nicht bedeutet, dass man hier mit Modellen griechischer und römischer Bühnenbauten konfrontiert wäre (Stein ist haltbar, vieles ist noch „live“ in unserer Welt aufzufinden), sondern dass es um Bühnenbildern zu Werken geht, die antike Themen behandeln. Das müssen nicht nur die griechischen Klassiker sein, auch Shakespeare schrieb einen „Julius Caesar“, Oscar Wilde eine „Salome“. Und wenn man auf den bunten, kubischen und nach wie vor ungemein „modern“ wirkenden Raum für Racines „Phädra“ blickt, dann macht man sich klar, dass dieses Bühnenbild von Aleksander Vesnin schon 1921 für das Moskauer Künstlertheater entstanden ist und in engster Verbindung mit den damaligen Kunstrichtungen der Moderne stand. Und man erinnert sich noch, welche Sensation es bedeutete, als kein Geringerer als Fritz Wotruba in den sechziger Jahren am Wiener Burgtheater einen Antike-Zyklus ausstattete und dabei „seine“ spezifische Form des bildhauerischen Ausdrucks auf die Bühne brachte: Sein Palast von Mykene zu „Elektra“ ist hier zu betrachten.

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„Zauberflöte“ à la Barock

Der Traum von der Vergangenheit    Bühnenbilder reflektieren, wie sich das Theaterverständnis verändert hat. Frühere Zeiten haben Goethes Faust noch keine Jeans angezogen, sondern ihn in das Mittelalter versetzt, in dem die „Geschichte vom Doktor Faustus“ ursprünglich angesetzt war. Aber auch Passionsspiele, natürlich der „Jedermann“ oder auch Franz Schmidts Oper „Notre Dame“ sind klassische Mittelalter-Sujets, die oft gewissermaßen „folkloristisch“ umgesetzt wurden. Tatsächlich aber hat man aber auch hier schon relativ früh zur Abstraktion gegriffen, wie etwa Robert Kautskys Bühnenbilder zu „König Lear“, 1958 im Burgtheater, zeigen. Über Renaissance, Barock und Rokoko bis zur Romantik und gar erst bei Mythen und Märchen (eine „Zauberflöte“ stellte man auch später in barockes Ambiente) hat sich das Verständnis früherer Zeiten oft im schönen Bild festgemacht, wobei die Ausstatter auch als Kinder ihrer jeweiligen Zeit zu verstehen sind. (Der „moderne“ Duktus der Opern-Ära von Gustav Mahler war ja auch mit den Abstraktionen von Alfred Roller verbunden.) Unsere nüchterne Zeit, die in der Ausstellung geringer repräsentiert ist, muss sich aber auch den Genres fügen, die sie bedient: Wenn man ein Musical ausstattet wie „Cats“, das sich an ein Massenpublikum wendet, bekommt auch eine Müllhalde einen gewissermaßen „romantischen“ Touch…

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„Cats“ im Theater an der Wien

Reiz der Technik     Betrachtet man die Ausstellung unter dem Gesichtspunkt der Theatergeschichte und des künstlerischen Ausdrucks, ist sie schon ergiebig genug. Aber reizvoll ist es auch, den Weg von den alten Kulissenbühnen des Barocks bis zu den Abstraktionen zu gehen, die man auf Drehbühnen stellt, wobei das Theater ja auch längst die konventionellen Räume verlassen hat und sich immer wieder alternative Spielstätten mit ebensolcher Ausstattung (oder auch schon „Nicht-Ausstattung“) sucht. Wie grenzenlos die Möglichkeiten sind, wie viel Phantasie und auch technische Künste aufgewendet werden, um „Theater“ letztlich auch durch die Optik zu bestimmen, das kann man weiterführend in dem voluminösen Katalog genießen, den Ulrike Dembski herausgebracht hat und der weit über die Ausstellung hinaus geht. Dort wurde übrigens der originelle Zugang gewählt, Opern und Theaterstücke (und ihre Ausstattungen) schlichtweg nach dem Alphabet aufzulisten – was ein herrliches Durcheinander durch die Epochen ergibt.

Theatermuseum: DER MAGISCHE RAUM  Bühne – Bild – Modell
Bis zum 12. Februar 2018, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr
Hörstationen, Filme, digitales Infomaterial sind in die Ausstellung eingebaut

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WIEN / Albertina: MARIA LASSNIG

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In der Ausstellung fotografiert,  Renate Wagner

WIEN / Albertina 7 Tietze Galleries for Prints and Drawings
MARIA LASSNIG – ZWIEGESPRÄCHE
Vom 5. Mai 2017 bis zum 27. August 2017

Der Körper ist immer da

Ziemlich genau zum dritten Todestag der am 6. Mai 2014 in Wien verstorbenen Maria Lassnig widmet ihr die Albertina eine Ausstellung der besonderen Art, die noch zu ihren Lebzeiten vorbereitet worden war. Von ihren 95 Lebensjahren (* 1919 in Kärnten) war sie gut 80 schöpferisch tätig. Höhepunkte dessen, was in dieser Zeit auf dem Gebiet von Graphik und Aquarell entstanden ist, kann man nun in der Albertina bewundern. Im Zentrum das ewig Thema der Lassnig – ihr eigener Körper.

Von Renate Wagner

Maria Lassnig     Geboren in Kärnten, ohne den leiblichen Vater aufgewachsen, entschied sich Maria Lassnig kompromisslos für den künstlerischen Weg. Schon in ihren frühen Teenager-Jahren schuf sie Selbstporträts, die sie – in stupendem Wandel der Stile – ihr Leben lang begleiten sollten. Den Beruf einer Volksschullehrerin ließ sie hinter sich, um ab 1940 an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu studieren, wo sie sich nach kurzer Rückkehr nach Kärnten auch niederließ. Dann jedoch begann ein intensives Reiseleben, das sie stets für längere Zeit in andere Welten führte – sie lebte in den sechziger Jahren erst in Paris, dann in New York, danach in Berlin, bis sie in den achtziger Jahren wieder nach Österreich heimkehrte. Während ihres gesamten Schaffens hat sie subtil auf Einflüsse der Umwelt reagiert, ohne je ihren ganz persönlichen Stil, ihr ganz persönliches Weltbild zu verleugnen.

Lassnig  Zwiegespräch~1 Das titelgebende „Zwiegespräch“

Das Körpergefühl malen   Was immer Maria Lassnig in ihrem Leben zeichnete, malte und gestaltete, eines stand ihr als Objekt ihrer Betrachtung und Gefühle immer zur Verfügung, wie sie sagte: „Das von uns bewohnte Körpergehäuse“. Diesem hat sie nun unendliche Variationen abgewonnen, wobei Kuratorin Antonia Hoerschelmann für die Albertina Ausstellung chronologisch verfahren ist. Das bedeutet die Rückblende auf die noch ganz konventionellen, der akademischen Kunstbetrachtung verpflichteten frühen Porträts, bevor sie schnell zu experimentieren begann – Kärntner Kolorismus, Wiener Informel, Pariser Tachismus (spontane Gefühlskunst). Natürlich fanden auch Kubismus, Surrealismus (ob das Selbstporträt als Zitrone, 1949, ob das Selbstportrait als Playboystuhl, 1969) Eingang in ihr Werk, wich der Realismus eine zeitlang der Abstraktion, wobei sie ihrer eigenen Thematik – dem Körper – weitestgehend treu blieb: Rar sind die Beispiele, wo sie sich in Landschaften oder Tieren versucht hat. Dass sie gerade in New York (wo dann der Begriff „Body Awareness“ aufkam) für ihre Kunst kein Verständnis fand und einen Kurs für Comic-Zeichnen belegte, um damit ihren Lebensunterhalt finanzieren – auch dafür finden sich in der Ausstellung Beispiele (wobei sie auf diesem Gebiet recht erfolgreich wurde). Dass sie bis ins hohe Alter gearbeitet hat und dann ohne weiteres zum Selbstzitat, zu eigenen Formen und Erkenntnissen früherer Jahre griff, rundet sich zum Lebenskreis, den diese Ausstellung ausschreitet.

Mit dem Zeichenstift auf den Punkt     Die Albertina-Ausstellung, die kein einziges Lassnig-Ölgemälde bietet, trifft die Künstlerin mit ihrer konzeptionellen Vorliebe für die Graphik als dem Medium von Intimität und Nähe. Wobei sie auch die Wasserfarben liebte: „Das Aquarell ist eine Liebesbeziehung“, sagte sie. Das Haus besitzt selbst 50 ihrer Werke, dazu kamen Exponate, die von der Lassnig-Stiftung geliehen wurden, sechs davon konnten auch mit Hilfe von Fundraising in den Besitz der Albertina übergehen. Diese rund 80 Werke, die später auch im Kunstmuseum Basel zu sehen sein werden, erfordern jenes genaue Hinsehen, das die Beschäftigung mit jedem Bild zum Gewinn macht – auch oder gerade wenn die Künstlerin dem Betrachter surreale Rätsel über ihre Befindlichkeit aufgibt.

Lassnig  Vati und ich~1  xxx Vati und ich

Zwiegespräch     Nicht von ungefähr hat die Albertina ihrer Ausstellung den Titel „Zwiegespräch“ gegeben. Da für Maria Lassnig der Körper eine „Sensation“ war, der den Ausdruck der inneren Befindlichkeit vermittelt, werden ihre Bilder – egal, ob Bleistiftstriche, ob koloriert, ob Aquarelle – zu Psychogrammen aller Art, zur Auseinandersetzung mit menschlichen Gefühlen, Ängsten, Unbewusstem, Unaussprechlichem. „Worüber ich nicht sprechen kann, muss ich zeichnen“, sagte sie selbst und reflektierte Geräusche, gefühlte „Körperfarben“, Schmerzen, Bedrohungen (etwa die Camera Cannibale, 1998, die zeigt, wie viel Witz sie entwickeln konnte). Interessant sind auch biographische Ansätze: Die Frau, die unehelich zur Welt kam und sich stets einen Vater träumte, hat in den sechziger Jahren „Vati“ und sogar „Vati und ich“ gezeichnet – erstmals hier zu sehen. Dass sie selbst der Kunst ein erfülltes menschliches Beziehungsleben geopfert hat, ist bekannt, und man meint auch Einsamkeit aus ihren Bildern zu spüren, die sich in oft grotesker Hässlichkeit in Seelenschmerzen eingraben….

Ehrung   Maria Lassnig hat sich zu ihren Lebzeiten (trotz vieler Ehrungen) nicht ausreichend gewürdigt gefühlt, was wohl objektiv nicht der Fall war. Jedenfalls ist diese Ausstellung eine Ehrung, wie man sie sich nur wünschen kann. Desgleichen der voluminöse, im Hirmer Verlag erschienene Katalog, der auf 240 Seiten im Großformat alle gezeigten Werke und mehr abbildet.

Albertina: Maria Lassnig – Zweigespräch
Bis 27. August 2017, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Musikverein: MARIA THERESIA UND DIE MUSIK

MV  Kupf_Maria Theresia_Pastell, unbez._J.E~1  MV  Sua Maesta l'imperatice in.Hasse, G.A._Litanie (Q 591) S 48_900ppi~1
Alle Fotos: Gesellschaft der Musikfreunde, Wien

WIEN / Musikverein / Archiv: 
MARIA THERESIA UND DIE MUSIK
Vom 6. April 2017 bis zum 22. Juni 2017

Musik zu jeder Gelegenheit

Maria Theresia war die Nachfahrin von Generationen hoch begabter Musiker, manche von ihnen nicht nur ausübend tätig, sondern auch begabte Komponisten. Die Musikalität lag in der Familie Habsburg und wurde dort auch exzessiv gepflegt. Die Gesellschaft der Musikfreunde bereitet nun in ihrem Ausstellungsraum im Musikvereinsgebäude die nahe liegende Thematik „Maria Theresia und die Musik“ auf. Obwohl die Gesellschaft erst 1812 gegründet wurde, war ihre Sammlerleidenschaft sofort aktiv und wandte sich auch in die Vergangenheit: So kann man auch aus dem Zeitalter Maria Theresias wahre Kostbarkeiten bieten.

Von Heiner Wesemann

Maria Theresia und die Musik     Eine Erzherzogin erhielt eine ordentliche Allgemeinbildung, aber was Maria Theresia und wohl auch den Eltern und Lehrern besonders am Herzen lag, waren die profunden musikalischen Kenntnisse, die in ihrem Fall mit wahrer Leidenschaft der Ausübung Hand in Hand gingen: Maria Theresia hat von früher Jugend an gerne gesungen, stand mit Animo selbst auf der Bühne, und als sie selbst – Regentin geworden – in der Öffentlichkeit nur noch „Konsumentin“ sein durfte, sorgte sie dafür, dass ihre Kinder ebensoviel Musik lernten, kannten und ausübten, wie es in der Familie Tradition war. In Franz Stephan von Lothringen, der ja auch am Wiener Hof erzogen wurde, hatte sie einen Gatten, den dieselbe Liebe zur Musik auszeichnete.

MV  Caldara, Antonio_Achille in Sciro_VI 2098 (Q 1226)_Titelblatt_scan~1Musik zu jeder Gelegenheit       Allein der Reichtum an kirchlichen Festen bot dem Wiener Hof ununterbrochen Anlaß zu musikalischen Veranstaltungen. Darüber hinaus wurde aber so gut wie jedes Ereignis in der kaiserlichen Familie mit großen Musikfesten zelebriert, wobei Maria Theresia selbst besonders die Oper, zumal italienische, liebte. Vizehofkapellmeister Antonio Caldara schuf zu ihrer Hochzeit mit Franz Stephan von Lothringen die Oper „Achille in Sciro“, deren handschriftliche Partitur der Musikverein stolz zeigen kann. Auch zur Hochzeit ihrer geliebten Schwester Maria Anna mit Karl von Lothringen (er war der Bruder von Maria Theresias Gatten) gab es eine Festoper, die Johann Adolf Hasse komponierte. Es heißt, dass Maria Theresia damals, 1744, noch selbst darin auftreten wollte: Man musste ihr nahelegen, dass dies für eine Herrscherin nicht angemessen sei…

L'infedelta deusa Burletta_(Marco Coltellini, Joseph Haydn)_16950-Tb_Titelblatt_scan~1

Die Komponisten ihrer Welt     Die größten Namen in Maria Theresias Welt waren jene von Christop Willibald Gluck (obwohl sie persönlich ihn gar nicht so schätzte), der Wien allerdings in Richtung Paris verließ, wo dann seine ihn liebende Gesangsschülerin Marie Antoinette erst Dauphine, später Königin war. Weiters Joseph Haydn, der allerdings nicht dem Kaiserhof „gehörte“, sondern den Fürsten Esterhazy. Maria Theresias Ausspruch: „Wenn ich eine gute Oper hören will, dann gehe ich nach Esterhaz“ (sprich: zu einem Werk von Haydn), ist ebenso bekannt wie ihr Bekenntnis: „Spectacel müssen sein.“ Am Wiener Hof gab es sie reichlich, wobei Maria Theresia durchaus aktiv in die Wahl der Musik eingriff. Wenn ein Komponist nicht ihren Vorstellungen entsprach, wie der von ihrem Vater geadelte Johann Georg von Reutter, dann setzte sie ihn für Kirchenmusik und nicht für die Opern ein…

Die musikalischen Kinder      Eine eigene Vitrine der Ausstellung ist den Kindern der Kaiserin gewidmet, deren künstlerische Begabungen (übrigens nicht nur für Musik, teilweise auch für Zeichnen und Malen) verbürgt ist. Die bei Festivitäten tanzenden und singenden Kinder des Kaiserpaares wurden oft dargestellt. Jedes dieser 13 Kinder (drei von den 16 waren in frühestem Kleinkindalter gestorben) war auch Anlass für musikalische Ereignisse, die Geburten ohnedies, aber auch Geburtstage, Namenstage, Hochzeiten: Das Trompetenensemble, das zur Geburt des Thronfolgers Joseph 1721 musizierte, wurde in einem Kupferstich verewigt…

MV  Festarchitektur, 1741  Salomon Kleiner, Augsburg 1741_Trompeterchor~1Mozart und die Habsburger    Dass Mozart, das Wunderkind, in Schönbrunn vor der kaiserlichen Familie auftrat (obwohl die Kaiserin die Betriebsamkeit von Leopold Mozart nicht schätzte), ist bekannt. Ebenso wie die wichtige Rolle, die Maria Theresias Opern liebender Sohn, Kaiser Joseph II., dann für den erwachsenen Mozart in Wien spielte. Das zentrale Opernhaus hatte schon seine Mutter für Wien etabliert, ebenso übrigens wie in Mailand – die Scala, 1778 mit einer Salieri-Oper eröffnet, ging auf ihre Aktivität zurück.

Für „Sua Maesta l’imperatice“      Man hat Maria Theresia selbst unzählige musikalische Werke gewidmet, vieles davon ist in der von Archivdirektor Prof. Otto Biba gestalteten Ausstellung zu sehen, die alle gezeigten Objekte – Musikautographe, Manuskripte und Notendrucke, Bücher und Periodika, Akten und Dokumente aller Art –   aus dem eigenen Archiv, der Bibliothek und den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde holen konnte.

Bis 22. Juni 2017, Montag bis Freitag 9.00 bis18.00 Uhr, Samstag 09.00 bis14.00 Uhr
(Musikverein 2. Stock, mit dem Lift erreichbar, Eingang tagsüber über Künstlereingang Bösendorferstraße 12)

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SALZBURG-MUSEUM: DIE WALKÜRE 1967 . 2017. (bis 18. April)

WALKÜRE 1967 . 2017. Ausstellung im Salzburg Museum  bis 18. April 2017

Wer die Re-Kreation der  WALKÜRE in Salzburg gesehen hat, pilgert selbstverständlich auch in die dazu organisierte Ausstellung im Stadtmuseum – zumal der Eintritt mit ( irgend )- einer Festspielkarte gratis ist. Aber auch ohne den Besuch der  Vorstellung ist die Schau empfehlenswert. Gleich beim Eingang der Raum, der hier zur Zeit wird: die Breite des Ausstellungssaales , die Max-Gandolph-Bibliothek übertrifft mit 36m um 4m  die Bühne im Festspielhaus. Durch die vielen Stell-Wände lässt sich  die Weite aber nur beim bewußten Ausschreiten oder dem Blick auf das schöne Deckengewölbe erfassen.

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Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen. Foto: Erwin Messer

 ZU große Erwartungen , jetzt viele Bilder, Gegenstände, gar Kostüme von der „alten“ Produktion  von Karajan und Schneider-Siemssen zu finden, soll sich niemand machen. Dafür detaillierte Bühnenskizzen, viele handbemalte Glasdias, Modelle, erstaunlich wenige Fotos, nur schwarz weiß, aber viele Zeitungsausschnitte und Briefe, dazu aufschlussreiche Filmdokumente. Doch dafür braucht es Zeit, die sich das Festspielpublikum erst nehmen muss. Eine Art Wohnzimmer im Stil der 60er Jahre lädt zum Erinnern  ein,  mit Zeitschriften, Filmausschnitten, Tondokumenten der Stimmung der Zeit nach zu spüren. Zeitvertreib nicht nur  bei  Schlechtwetter.

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Auch nicht eben billig, für damalige Verhältnisse. Foto: Erwin Messer

 Nothung das Schwert ist noch erhalten, auch die Besetzung und eine Eintrittskarte gibt es zu sehen. Nicht ganz billig ein Platz im Parterre.

 Außerdem erfährt man, dass es durch die frühen Ostern am Premierentag , dem 19.März, arg kalt war , Schneeregen, Matsch  auf den Straßen. Gut, dass die Luxuslimousinen bis zum Eingang vorfahren konnten.

Die originellste Anmerkung  zu Herbert von Karajans Wirken stammt von Joachim Kaiser in der „Zeit“ vom 24.3.67: Die Salzburger Walküre (selbstbesetzt, selbstfinanziert, selbstinszeniert, selbstdirigiert – dass Wagner das Werk komponierte, wirkt fast wie ein Schönheitsfehler).

Ulrike Messer-Krol

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WIEN / Palais Porcia: NASTA ROJC

Nasta Rojc  Eingang~2  Nasta Rojc  Plakat~1

WIEN / Palais Porcia: 
HOMMAGE Á NASTA ROJC
Vom 31. März 2017 bis zum  27. April 2017 

Porträts, Landschaften, Träume…

Man betrachtet es als Höhepunkt des Kulturjahres „Österreich – Kroatien 2017“. Im sonst nicht zugänglichen Palais Porcia in der Herrengasse 23 wird eine mit 53 Werken bestückte Ausstellung über die kroatische Malerin Nasta Rojc (1883-1964) gezeigt, eine der wichtigsten Künstlerinnen ihres Landes. Viele Institutionen haben für dieses Ereignis zusammen gewirkt – der Kunstpavillon Zagreb hat die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt, dem Kulturministerium der Republik Kroatien und der Stadt Zagreb organisiert.

Von Heiner Wesemann

Nasta Rojc       Geboren 1883 in Zagreb, wo sie 1964 auch gestorben ist, hat Nasta Rojc schon in jungen Jahren beschlossen, Malerin zu werden, was damals für eine Frau nirgends leicht war. Entscheidend war auch die frühe Begegnung mit dem kroatischen Maler Branka Senoa, ihrem späteren Ehemann. Es kostete das junge Mädchen Mühe, von ihrem Vater – sie stammte aus einer reichen bürgerlichen Familie –  die Erlaubnis für das Malstudium zu erhalten, das sie in Zagreb begann und in München fortsetzte, bis sie 1902 nach Wien kam, wo sie an der Kunstschule für Frauen und Mädchen studierte. Dort knüpfte sie viele Kontakte, u.a. auch mit der damals schon sehr berühmten Tina Blau: Sie hat Nasta, die selbst bemerkenswerte Pferdebilder schuf, auch eine Zeichnung ihres verstorbenen Gatten, des berühmten Pferdemalers Hans Lang, geschenkt. Die Pleinair-Malerei der Tina Blau war auch für Nasta Rojc wichtig. Sie schuf bemerkenswerte Porträts, Akte, Landschaften, Stadtansichten. 1910 nahm sie endgültig von Wien Abschied (wohin sie nun mit dieser Ausstellung zurückgekehrt ist). Obwohl sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte, heiratete sie daheim in Zagreb Branka Senoa. 1920 gründete sie in ihrer Heimatstadt einen Club von Malerinnen, eine wichtige feministische Initiative. Immer wieder erkrankt, verbrachte sie Jahre zwecks medizinischer Betreuung in England, aus denen sie Dutzende von Werken mitbrachte. Als gefragte Porträtistin konnte sie von ihrer Kunst gut leben. Da sie sich keiner modernen Richtung anschloß, verlor sie an öffentlicher Beachtung. Nun versucht ihre Heimat, die Künstlerin wieder ins rechte Licht zu rücken und auch für ihre internationale Würdigung zu sorgen.

Nasta Rojc  Wand mit Pferdebild~1

Die Werke       Nasta Rocj hat einige bemerkenswerte Selbstporträts hinterlassen, u.a. ihr „Selbstporträt mit einer Waffe“, das zu ihren berühmtesten Werken zählt, ähnlich stark ist das Selbstporträt, das sie neben einem Pferd zeigt. Ihre Aktbildnisse erinnern entfernt an Richard Gerstel, dessen Werk sie in Wien begegnet sein muss. Möglicherweise am stärksten wirken ihre mannigfaltigen Landschaftsbilder, die auch durch die Beleuchtung oft dämonische Stimmung erzielen. Sie malte Felsenriffe am Meer, schottische Hügel, eine nächtlich schimmernde Stadtansicht von Zagreb. Einen besonderen Akzent setzen ihre esoterischen Bilder – teils surreale Visionen, aus Träumen geboren.

Nasta Rojc  Landschaft~1

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WIEN / KHM – Münzkabinett: ZUHANDEN IHRER MAJESTÄT

KHM Plakat~1 
Fotos: Wesemann

WIEN / Kunsthistorisches Museum – Münzkabinett: 
ZUHANDEN IHRER MAJESTÄT
DIE MEDAILLEN MARIA THERESIAS
Vom 28. März 2917 bis zum 18. Februar 2018 

Handlich, haltbar, häufig

Das Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums verfügt nur über einen einzigen Sonderausstellungsraum, und der ist nicht groß. Dennoch kann man dort auf engstem Raum oft die größten Schätze auf einem Fleck betrachten. Die aktuelle Ausstellung gilt zum aktuellen Anlass des 300. Geburtstags Kaiserin Maria Theresia – und den Münzen und Medaillen aus ihrer Regierungszeit. Dazu verfügt das Haus über eine besonders hochkarätige Sammlung, die vieles über den kaiserlichen Hof und seine Repräsentation aussagt.

Von Heiner Wesemann

Die Vorzüge von Münzen       Gemälde wurden gemalt, bestenfalls kopiert, ihre Verbreitung war gering. Als Gabe kaiserlicher Huld und Anerkennung waren sie jedenfalls ungeeignet. Ganz anders Münzen und Medaillen, die viele Vorzüge auf sich vereinigten: Sie waren klein, also leicht zu transportieren. Sie waren dank ihres Materials haltbarer als jedes Werk aus Papier. Und sie konnten in großer Auflage hergestellt werden. Solcherart eigneten sie sich als wertvolle kaiserliche Geschenke, sowohl an andere Höfe wie an verdiente Bürger,  und wurden selbstverständlich zu begehrten Sammelobjekten. Prachtvolle Beispiele zeigen, zu welchen Gelegenheiten die kaiserliche Münzwerkstätte in Aktion trat. Im übrigen glänzen auch Medaillen an Orden aus den Vitrinen. Die geschmackvoll gestaltete und exzellent beschriftete Ausstellung bietet auch etwa Bilder der Familienmitglieder mit ihren persönlichen Medaillen affichiert.

KHM Familie mit Medaillen~1

Verherrlichung von Ereignissen     Es gab im Leben Maria Theresias Ereignisse, die alle anderen überragten, beispielsweise ihre drei Krönungen. Jene zum (wohlgemerkt) „König von Ungarn“ 1741 war von besonderer Bedeutung. Matthäus Donner, der jüngere Bruder des großen Raphael Donner, wurde vor allem als „Stempelschneider“ berühmt, obwohl er beispielsweise auch eine Büste Maria Theresias geschaffen hat, die für diese Ausstellung von der Kunstkammer ins Münzkabinett kam. Matthäus Donner hat die Medaille auf die Ungarische Krönung geschaffen, auf der Vorderseite Maria Theresia im Profil, auf der Rückseite der „Ritt auf den Königshügel“, der zum Symbol dieses Ereignisses geworden ist. Ähnliche Medaillen, wenn auch nicht ganz so spektakulär, gibt es zur Böhmischen Krönung.

Die ausgestellten Söhne      In der Fülle der Medaillen finden sich auch Kuriositäten. So hatte Maria Theresia am 1. Juni 1754 den Sohn Ferdinand zur Welt gebracht. Damit waren es vier Söhne, die lebten: der damals 13jährige Joseph, der neunjährige Karl Joseph (der allerdings wenige Jahre später starb), der siebenjährige Leopold und der neugeborene Ferdinand. Dennoch ließ man von Anton Mathias  Domanöck, später Direktor der Gravierschule an der Akademie der bildenden Künste zu Wien, eine Prunkmedaille auf die „vierfach gesicherte Thronfolge“ anfertigen, wo die vier Herren Söhne in vier Profilabbildungen hintereinander weit älter erschienen, als sie waren. Die Rückseite zeigte dann das stolze Elternpaar, den Kaiser im Vordergrund, Maria Theresia im Hintergrund.

„Medienstar“ ihrer Zeit     Noch nie wurde Maria Theresia mit einem so ausgeprägten zeitgeistigen Vokabular apostrophiert wie im 21. Jahrhundert. Das reicht von der  „hard working mom“ bis zum „Medienstar“. Hier bewegen sich auch die Medaillen, die zu Ereignissen aller Art entstanden, etwa auf die „Wiederherstellung der Hofämter in Siebenbürgen“ (1762) oder auf die „Erneuerung der Universität zu Pavia“ (1770). Dergleichen hob auch das Selbstbewusstsein der Kronländer. Ein Besuch in einem Bergwerk wurde verewigt, aber auch Privates wie eine „Genesung von den Pocken“ war eine Medaille wert. Desgleichen die Geburten einzelner Kinder oder wenn ihre Tochter Maria Anna zur Äbtissin ernannt wurde. Und das Ereignis musste nicht freudig sein – der Tod von Karl VI., der gleich darauf erfolgte Kriegsbeginn: Medaille! Der Anlässe waren viele, und die Tendenz ging dahin, zu jedem Ereignis von einiger Bedeutung auch Medaillen herstellen zu lassen, so dass die „visuelle Kommunikation“ nie abriss.

KHM die 2 mit Kronen~1

Spott und Hohn auf Münzen   Zumindest ein Beispiel hat die Ausstellung auch zum Thema „Spottmedaille“ zu bieten, denn so sehr man am Mythos der Kaiserin schon zu Lebzeiten „medial“ arbeitete, gab es doch auch Gegner, die wussten, wie ätzend Spott und Satire sein kann. Dabei wurde Maria Theresia – ebenso wie auf Karikaturen – auch gerne ganz oder halbnackt dargestellt wie auf einer Münze, die sie im Clinch mit Kaiser Karl VII. zeigt: Das war der mit ihrer  Cousine verheiratete Bayernherzog, der nach dem Tod ihres Vaters, Karl VI., die Krone des Heiligen Römischen Reichs erobert hatte. (Erst dessen plötzlicher Tod machte dann den Weg von Maria Theresias Gatten Franz Stephan zur Kaiserkrone frei.)

Das Massenmedium    Was aus den kaiserlichen Werkstätten kam (und man zeigt stolz auch die Arbeitswerkzeuge, die dort benötigt wurden), war meist aus Gold und Silber und hochkarätig. Aber bald gab es auch Billigversionen für Liebhaber und Sammler. Die Ausstellung zeigt dazu ein Beispiel für „Schraubmedaillen“, die zusammenhängende Hohlräume boten, in denen man Bildmaterial aus dem kaiserlichen Leben einfügen konnte – eine „bunte“ Maria Theresia in diesem Zusammenhang wirkt mehr volkstümlich als majestätisch.

KHM Wien, Münzkabinett: Bis 18. Februar 2018; Dienstag bis Sonntag: 10.00 bis 18.00 Uhr

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WIEN / Leopold Museum: CARL SPITZWEG – ERWIN WURM

Leopold Spitzweg Plakat~1  Leopold Spitzweg Wurm kniet~1
Fotos: Wesemann (in der Ausstellung fotografiert)

WIEN / Leopold Museum: 
CARL SPITZWEG – ERWIN WURM
Köstlich! Köstlich?
Vom 25. März 2017 bis zum 19. Juni 2017 

Der Hintergründige und der Vordergründige

Was hätten Carl Spitzweg (1808-1885) und Erwin Wurm (geboren 1954) wohl gemeinsam? Deutsches „Biedermeier“ und aggressive Gegenwarts-Satire? Selbst Erwin Wurm hat den Zusammenhang nicht gesehen, wie er in der Pressekonferenz der Ausstellung eingestand. Aber Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, war davon überzeugt, dass eine Konfrontation beider Künstler für beide interessante Aspekte ergeben könnten. Und tatsächlich – die Satire bei Spitzweg wird schärfer, der zu bekämpfende „Biedermeier“-Aspekt bei Wurm desgleichen.

Von Heiner Wesemann

Carl Spitzweg – verstreut in alle Welt      Zuerst geht es um Carl Spitzweg und um die größte Ausstellung dieses Künstlers, die in Österreich je zu sehen war. Man hat vieles auch aus Privatbesitz oder entlegenen Regionen geholt: Das Gemälde „Die Ankunft der Postkutsche“ befand sich einst im Besitz von Kaiser Franz Joseph, wurde vermutlich an eines seiner Enkelkinder vererbt, landete in der Eckhart G. Grohmann Collection in Milwaukee und ist für diese Ausstellung wieder (für kurze Zeit) nach Wien zurück gekehrt. Besonders reichhaltig ist das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt bestückt, wo man über 250 Werke von Spitzweg besitzt und – erstmals, wie Hans-Peter Wipplinger betonte, wurde eine große Anzahl von Werken entliehen. Es ist interessant, dass die einzigen Spitzweg-Werke in österreichischem Besitz sich in Salzburg befinden. Das gibt dieser Schau mit ihrem über 100 Werke umfassenden Angebot von Malerei und kommentierender Graphik ihren besonderen Stellenwert: „Der arme Poet“ etwa, ein Sujet von geradezu legendärer Berühmtheit, ist nicht nur als Ölgemälde, sondern auch als (in vielen Details unterschiedliche) Studie vorhanden. Man beachte die Zipfelmütze: Bedeutete sie wirklich „Jakobiner“, bedeutete sie „Widerstand“, oder kann man in nachweltlichem Eifer, jeden Künstler „politisch“ zu machen, auch über-interpretieren?

Leopold Spitzweg Mönche~1  Leopold Spitzweg Kaktusliebhaber~1 

Spitzweg, der Hintergründige     Man steht vor Spitzwegs Hauptwerken, alle übrigens nicht das, was man als „großformatige Gemälde“ bezeichnen kann. Als ob der Künstler die „kleine Welt“, die er schilderte, auch nur im Kleinformat abbilden wollte. Da ist er, der „Bücherwurm“, der alte Mann, der unbequem auf einem Schemel steht. Denn er hat nicht nur ein Buch unter dem Arm und ein anderes zwischen die Beine gequetscht, er hält eines in der linken Hand und steckt die Nase in jenes, das er in der rechten hält. Eine Studie der totalen Konzentration, Verinnerlichung, auch der Isolation. Man kann darüber lachen. Man kann auch darüber philosophieren. Und diese Hintergründigkeit ist so gut wie in  allen seinen Bilder vorhanden. Und wenn vor allem die einsamen Sonderlinge zu dominieren scheinen – wie auch anders, wenn man aus Germering-Unterpfaffenhofen (in der Nähe von München) stammt, lebenslang ein Außenseiter war, Junggeselle zumal, also vielleicht wusste, wovon man malte? Dass er mit ähnlicher, verbohrt glücklicher Konzentration vor seiner Staffelei saß, wie seine Figuren sich in die Objekte ihrer Obsession versenkten?

Leopold Spitzweg Rabe

Der genaue Blick     Aber Spitzweg, leidenschaftlicher Reisender, intensiver Beobachter, sah zwar in erster Linie die Komik im Alltag, die er köstlich umsetzte – ein Kaktusliebhaber, der sich seiner Pflanze so entgegenneigt, wie diese sich ihm… ein Schmetterlingsfänger, der nur in ein erstauntes „Oh“ angesichts eines besonders schönen, großen Exemplars ausbrechen kann… ein freundlicher Herr, der in seiner „Dachstube“ beglückt die paar Pflanzen auf seinem Erker gießt, rund um ihn nur Dächer. Das sind die Sonderlinge, die man nicht a priori für unglücklich halten muss. Aber dass die Mönche keine frommen Herren sind, sondern ganz schön schlemmen, dass die Beamten ein Faulpelzleben führen, die Bürger sich auf der Jagd lächerlich machen, ein Sonntagsspaziergang vielleicht nicht die reinste Idylle ist, ergibt sich bei näherem Hinsehen. Ganz zu schweigen von einem „Raben“, der zwar auf einem Strauch hockt – aber wirkt der Mann unter dem Spitzhut, wieder einmal in ein Buch vertieft, nicht wie eine leibhaftige Poe-Figur? Kaum anzunehmen, dass Spitzweg die Erzählung aus dem Jahre 1845 gekannt hat, aber wer weiß? Eines scheint sicher: Auch wenn er dahingehend rezipiert wurde, Spitzweg hat seinen Blick auf die Welt nicht als Idylle angelegt.

Der Wurm als Kommentar     Die Spitzweg-Ausstellung allein würde jeden Kunstfreund in hohem Maße zufrieden stellen. Aber da ist jetzt noch Erwin Wurm. Auf seinem berühmten Foto, wo er kniend mit einer Zitrone im Mund und betend gefalteten Händen erscheint, bittet der Künstler um Gnade. Er muss es nicht. Er ist zwar alles andere als hintergründig, im Gegenteil, seine Werke knallen ihre Aussage vordergründig auf den Betrachter zu. Aber was er zu zeigen hat, konnte Hans-Peter Wipplinger manchmal geradezu erstaunlich mit Spitzwegs Welt in direkten Zusammenhang bringen.

Leopold Spitzweg schmales Haus innen~1  Leopold Spitzweg Wurm blickt nach links~1

Das enge Städtchen, das enge Haus und andere Beengungen     Vor allem natürlich den „glücklichen Winkel“, bei Spitzweg scheinbare (oder teilweise sicher auch echte) Kleinstadt-Idylle, bei Wurm das „Narrow House“, fast in Originalgröße aufgebaut, nur eben schmal-gequetscht, Sinnbild der Enge schlechthin. Oder die Wurm’schen Gürkchen auf vielen weißen Podesten, wobei er eingestandenermaßen an das männliche Glied in seinen vielen möglichen Ausformungen gedacht hat – ob die Spitzweg-Kakteen phallisch waren? Er wäre nicht der klassische Kalender-Künstler, hätte die Mitwelt je daran gedacht… Und da ist ja auch Wurms „Ärgerbeule“, der kopflose Mann mit dem unter der Hose so ärgerlich erigierten Glied: Will Wipplinger unterstellen, dass der Spitzweg-Witwer, der zwei jungen Mädchen nachsieht, am Ende…?

Zeitverschiebung    Das Staunen, das Spitzweg so oft und wundersam malt, bietet Wurm in zwei pervertierten Figuren: ein lang gedehnter, bäuchlings liegender Ludwig Wittgenstein, ein in Wülste versunkener Adorno-Kopf: Sie haben / hatten beide Sinn für Humor. Die Bücher, die Wurm hinlegt (Adorno, Wittgenstein…) hätte der Bücherwurm noch nicht lesen können, da waltet die Zeitverschiebung, aber im Prinzip geht es darum. Nur in Sachen konkreter Politik ist Wurm geradliniger: Oder empfindet man die amerikanische Polizeimütze angesichts eines Trump-Amerika plötzlich so viel bedrohlicher?  

Leopold Spitzweg Wurm Mütze~1  Leopold Spitzweg Wurms Gurkerln~1

Köstlich! Köstlich?      Am Ende konzediert man dem Ausstellungsgestalter, dass er sein „köstliches“ Konzept erfüllt hat. Auch der Besucher, der für Spitzweg kommt, wird sich Erwin Wurm nicht entziehen können. Und über beide Herren und ihre Kunst lächeln. Und nachdenken.

Bis 19. Juni 2017, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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