Der Neue Merker

WIEN / Albertina: EGON SCHIELE

Schiele  Grimassierend Schiele  Augenbraue Schiele  Franzsiksu Mantel Schiele  Pfauenweste
Fotos: Albertina

WIEN / Albertina / Propter Homines Halle: 
EGON SCHIELE
Vom 22. Februar 2017 bis zum 18. Juni 2017 

Blick auf den „anderen“ Schiele

 Interpretieren ist des Kunsthistorikers Lust, wie sollte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder frei davon sein? Aber was er anlässlich der von ihm kuratierten Egon-Schiele-Ausstellung seines Hauses an neuen Einsichten anzubieten hat, geht weit über gewaltsame Neudeutung um ihrer selbst willen hinaus. Tatsächlich verschafft er mit seinen Intentionen einen „neuen Blick“ auf einen Künstler, der zwar längst nicht mehr (wie noch in den Nachkriegsjahren) gering geschätzt wird, im Gegenteil, heute einer der teuersten und berühmtesten ist. Aber vielleicht doch mit dem falschen Etikett versehen?

Von Renate Wagner

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Den eigenen Weg gefunden     Egon Schiele, 1890 in Tulln geboren, kam früh an die Akademie, war tatsächlich mit 16 Jahren einer jüngsten Schüler überhaupt. Erste Werke in der Albertina-Ausstellung zeigen ihn als viel versprechendes Talent, das jeden Weg hätte nehmen können. Vor allem wäre es wahrscheinlich bequem gewesen, sich in die Secession und ihre damals so geschätzte Kunst einzureihen. Aber schon Postkartenentwürfe für die Wiener Werkstätte machen klar, dass er sich nicht in den Weg ornamentaler Ästhetik gefügt hätte, und der Zwanzigjährige ist schon der Schiele, der seinen Weg, seinen Stil und seine thematische Welt gefunden hat. Und diese widmet sich vordringlich dem Menschen und seinem Körper. Natürlich gibt es von ihm Landschaften, Stillleben oder Porträts, aber sie nehmen vergleichsweise einen geringen Teil seines Schaffens ein. Die Ausstellung klammert sie nicht aus, legt aber den Schwerpunkt auf die Zeichnungen von Menschen, wobei – wie Schröder ausführt – die Kolorierung, die oft später erfolgte, dann auch die zugrundeliegende Zeichnung veränderte… Jedenfalls kann kein Zweifel bestehen, dass Egon Schiele seinen Weg aus innerer Überzeugung ging: Nicht, um sich als „Moderner“ oder „Expressionist“ zu positionieren, (was ihm ja auch wenig einbrachte), sondern aus absoluter künstlerischer Notwendigkeit.

Erotik war nicht das Ziel       Man hat Schiele immer als einen großen „Erotiker“ bezeichnet, weil er weibliche und männliche Nacktheit ebenso darstellte wie Genitalien. Aber wo bleibt die Lust? Wo bleibt der erotische Zauber, der den Betrachter erreichen würde wie bei Klimt, wie bei anderen „sanfteren“, geschmeidigeren Künstlern? Vielleicht hat erst Klaus Albrecht Schröder mit seiner Entschlossenheit zur Uminterpretation klar gemacht, wie wenig Schiele die Schönheit, Ästhetik und Verlockung des menschlichen Körpers zeigt – sondern vielmehr seine Ausgesetztheit, seine Verbogenheit, sein Eingeschlossensein, seine Einsamkeit, seine Traurigkeit.

Schiele  Kind  Schiele  Edith

Schieles Spiritualität      Schröder sorgt auch dafür, dass die Meinungen anderer Schiele-Forscher wie Rudolf Leopold in der Ausstellung zum Tragen kommen, vor allem aber die Erkenntnisse, die Johann Thomas Ambrózy (von dem auch zahlreiche Katalog-Beiträge stammen) zu allegorischen Werken gefunden hat. So bietet die Ausstellung in einem Raum mit roten Wänden (das Rot der Kirche) eine Reihe von Blättern sehr überzeugend als Schieles Paraphrase von Erkenntnissen über Franz von Assisi an, der damals in der Literatur häufig behandelt wurde (eine Vitrine bietet die Bücher der damaligen Zeit). Solcherart gewinnt ein Selbstporträt „in orangener Jacke“ eine gänzlich neue Dimension, wenn man bedenkt, dass es für Franziskus ein Zeichen seiner Armut war, unter seinem Mantel nackt zu sein…

Das Spiel mit dem eigenen Ich      Es gibt eine Fülle von Selbstporträts in der Ausstellung, darunter jenes  „Selbstporträt in Pfauenweste“, das auch zum Signet für Plakat und Katalog wurde. Hier ist der Künstler für seine Verhältnisse geradezu schön, elegant zu sehen. Gespreizter Zeige- und Mittelfinger, die „V-Geste“, hat bei ihm nicht „Victory“ bedeutet. Vielmehr bietet die Ausstellung ein altes Kunstbuch, mit dem Schiele an der Akademie arbeitete, das den byzantinischen Christus-Pantokrator mit dieser Geste abbildet. Sollte man das Weiß um den Kopf am Ende sogar als Variation eines Heiligenscheins deuten, wäre die Idee nicht abwegig, Schiele habe hier den Anspruch erheben wollen, das Heil der Welt könnte nur durch die Kunst kommen… Das Rollenspiel mit dem eigenen Ich führte aber auch zu Verrenkungen und Verdrehungen, wie man sie dem Wahnsinn zuschreiben kann. Grimassierend wirkt er wie ein leidendes Skelett, mit hoch gezogenem Augenlid mag er den Betrachter am Ende sogar verspotten.

Kleine nackte Mädchen     Wie man weiß, hat Schiele auch Straßenkinder nackt gezeichnet, und Prozeß und Gefängnis waren die Folge (wenn sich das Gericht auch verrenkte, um ihn schuldig zu sprechen). Klaus Albrecht Schröder möchte allerdings festhalten, dass es bei Schiele (anders als bei Loos oder Altenberg) keinen Hinweis auf Kindesmißbrauch gibt, auch nicht auf Inzest mit seiner Schwester, die er in ihren jungen Jahren oft nackt malte und zeichnete. Und wieder gibt keines der Bilder, wenn man es ehrlich betrachtet, eine pornographisch-erotische Dimension frei. Im Gefängnis hat Schiele (mit genauer Datierung) jeden Tag seine Umwelt gezeichnet – eine Serie von Impressionen, die Gang, Tür, Stuhl umfassen, wie sie für ihn ungewöhnlich sind. Schiele hat nach seinem Gefängnisaufenthalt übrigens aufgehört, nackte Kinder zu zeichnen, vielleicht nicht nur, weil ihm auf Erotika spezialisierte Sammler verloren gegangen sind…

Genau hinsehen – und drehen     Wohin hat Egon Schiele seine Signaturen gesetzt? Solcherart hat Schröder Bilder gefunden, die man üblicherweise im Breitformat zeigte, die Dargestellten liegend betrachtet. Die Signatur zeigt allerdings, dass sie als Hochformate gemeint waren, wodurch ihre Haltung und ihr Ausdruck sich gänzlich verändert: Aus einer Liegenden wird eine Stürzende… Die Ausstellung ist voll von spannenden Details, vor allem, wenn man sich darauf einlässt, Dinge neu betrachten zu wollen.

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Aus der „Liegenden“ wird eine „Stürzende“ (in der Ausstellung fotografiert)

Der Pazifist, der den Krieg nicht sehen wollte   Es ist eine grundlegende Erkenntnis, die man aus dieser Ausstellung mitnimmt, dass Egon Schieles Kunst sich nur um seinen inneren Kosmos drehte und nicht auf die Welt rund um ihn reagierte. Obwohl anerkannter Pazifist, hat er das Elend des Weltkriegs nicht aufs Papier gebracht. Seine Schöpfungen mögen zunehmende Verzweiflung ausstrahlen – seine Themen bleiben dieselben. Nur, dass er sich von seiner Geliebten Wally getrennt (sie kommt in der Albertina-Ausstellung kaum vor, sie „gehört“ sozusagen dem Leopold Museum) und Edith Harms geheiratet hatte, die er in wunderschönen, bekleideten Zeichnungen einfing: Ihre Bürgerlichkeit, verbunden mit möglicher finanzieller Sicherheit, holte ihn in eine andere Welt. So dass man eigentlich nicht sagen kann, wie es mit dem Künstler Egon Schiele weiter gegangen wäre, wäre er nicht einer der zahlreichen Toten des Jahre 1918 gewesen (nach Klimt, Otto Wagner, Kolo Moser). Das Plakat für die Secessions-Ausstellung 1918 ist reinster Expressionismus. Man kann nicht spekulieren, wohin sein Weg ihn geführt hätte.

Schieles Zeit und Welt in Fotos   Eine Besonderheit der Ausstellung besteht in Klaus Albrecht Schröders Idee, immer wieder großformatige Fotos aus Schieles Zeit mit seinen Bildern zu konfrontieren. Es geht darum zu zeigen, in welcher Welt er lebte – wobei er persönlich zu den materiell „Armen“ zählte. Allein ein Beispiel macht klar, dass er ein Irrläufer war –  betrachtet man etwa die so gut bürgerliche Familie Harms, aus der seine Gattin Edith stammte, dann bedarf es nur des Unterschieds zwischen der stickigen „altdeutschen“ Atmosphäre des Fotos und der Schiele-Werke, um die Abgründe zwischen ihm und der Welt, in der er lebte, aufzureißen.

Schiele in die Welt     Mit dieser Ausstellung hat die Albertina das Jahr des hundertsten Todestages für Wien klug vorausgenommen, weil sich dazu sicherlich 2018 viel begeben wird. Die Albertina wird ihre nun gezeigten ca. 150  Schiele-Werke „dritteln“, wird je 50 davon und zusätzlich je 50 Klimts aus dem reichen Fundus der Albelrtina-Bestände nehmen und so jeweils verschiedene hundert Arbeiten 2018 in drei verschiedenen Ausstellungen nach London, Moskau und New York schicken, um die Originale nicht überzustrapazieren. Und überall wird man, 100 Jahre nach dem Tod von Klimt und Schiele, wieder einmal ihrer Bedeutung gewahr werden.

Albertina, Egon Schiele: Bis 18. Juni 2017, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Katalog im Hirmer Verlag

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WIEN / Nationalbibliothek: MARIA THERESIA

NB Plakat breit
Alle Fotos: Österreichische Nationalbiblithek

WIEN / Österreichische Nationalbibliothek / Prunksaal: 
MARIA THERESIA
HABSBURGS MÄCHTIGSTE FRAU
Vom 17. Februar 2017 bis zum 5. Juni 2017 

Gehuldigt in Vaters Prunksaal

Es war Kaiser Karl IV., der jenen Teil der Hofburg bauen ließ, in dem sich der Prunksaal befindet, unter dessen Kuppel er als Statue majestätisch die Besucher empfängt. Vielleicht hat seine Tochter, die kleine Erzherzogin Maria Theresia, der man große Begeisterung für das Bauen nachsagte, an dieser „Baustelle“ herumgetollt. Heute widmet ihr die Österreichische Nationalbibliothek in diesem Prachtraum die große Ausstellung zu ihrem 300. Geburtstag. Dabei hat man in Dokumenten-, Buch-, Handschriften- und Bild-Archiven tief in die eigenen Schätze gegriffen. Manches wurde hervorgeholt, das bisher noch nie an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Von Heiner Wesemann

Eine Biographie nach Einzelaspekten     Das Bild Maria Theresias „von der Wiege bis zur Bahre“, wie man es für Franz Joseph in dessen Ausstellung so überzeugend gezeigt bekam, gibt es diesmal nicht. Zwar ist sie in vielen Porträts vertreten, vom jungen Mädchen bis zu alten Frau in Witwentracht, dazu die propagandistisch wichtigen und wirkungsvollen Familienbilder. Aber die Österreichische Nationalbibliothek zeigt keine ausgesprochen biographische Ausstellung zum 300. Geburtstag der „Kaiserin“, über deren Berechtigung, diesen Titel zu tragen, man wohl noch endlos streiten wird. Vielmehr sind es Themenschwerpunkte, die geboten werden, zu denen die Nationalbibliothek aus ihren zahlreichen Sammlungen Wichtiges beisteuern kann.

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Die Erbhuldigung     Ohne die „Pragmatische Sanktion“ ihres Vaters hätte es eine Herrscherin namens Maria Theresia nie gegeben, die weibliche Erbfolge war davor nicht vorgesehen gewesen. Zuerst huldigten ihr 1740 nach dem Tod ihres Vaters Karl VI. die Niederösterreichischen Stände, und ein großes, querformatiges Blatt, das Georg Kristof Kriegl zu diesem Ereignis gestochen hat, bildet in der Vitrine links bald nach dem Eingang gleich den ersten optischen Schwerpunkt: Maria Theresia in einer Sänfte, am Graben in Richtung Pestsäule unterwegs. Unmengen von Gefolge im Hintergrund, das staunende Volk vorne (mit dem Rücken zum Betrachter). Die Nationalbibliothek hat den Einband dieses großformatigen Werks mit Hilfe einer publizistisch wirkungsvollen Crowdfunding-Aktion restaurieren lassen. Das Projekt ist noch nicht fertig gediehen, der Einband wird erst im April gezeigt werden können.

Gattin und Mutter    Das private Leben Maria Theresia, die Franz Stephan von Lothringen heiratete, kann auch mit ganz persönlichen Dokumenten belegt werden, etwa einem Brief, den sie ihm schrieb (ein anderer bemerkenswerter Brief der  Ausstellung ist zwar auch im Ton ausgesucht höflich, stammt aber von ihrem Erzfeind, König Friedrich II. von Preußen). Was Maria Theresias Kinderschar betrifft, so hat man Unterrichtsmaterial für den Erzherzog Ferdinand Karl aus den Archiven geholt, prachtvolle Blätter, „Institutio archiducalis“ genannt, die in buntesten Bildern dem durchlauchtigsten Schüler das Lernen angenehm machen und das Verständnis der damaligen Welt erleichtern sollte.

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Lernen für alle   Dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht eingeführt hat, steht bald danach im Programm der Ausstellung. In einem Beamtenstaat, wie er damals straff organisiert wurde, gibt es zu allen Belangen des Lebens gedruckte Vorschriften, also auch „Anweisungen für Lehrer und Eltern“ und eine „Allgemeine Schulordung“. Die richtige Sitz- und Schreibhaltung wurde per Zeichnung, als Kupferstiche verbreitet, vorgegeben.

Hof- und Musikleben   Ungeachtet der Kriege, die über lange Perioden den Alltag der Monarchie überschatteten, gab es in der Welt Maria Theresias üppige Vergnügungen. Den Musikfreund wird dabei die Abschrift einer „Ascanio in Alba“-Partitur besonders faszinieren, trägt sie doch eigenhändige Eintragungen Mozarts. Das Titelblatt von Glucks „Alceste“-Partitur, Werke von Metastasio und Caldara ergänzen das Angebot der Kostbarkeiten. Weitaus gröbere Volksbelustigungen stehen dem entgegen – man berücksichtigt ja nicht nur Maria Theresia, sondern auch die Welt um sie herum.

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Farbflecke   Die Ausstellung bietet Gedrucktes und Gestochenes zu den Themen Wissenschaft oder Religion, wobei farbige Blickfänge in der doch meist grauschwarzen Welt der Drucke auszumachen sind, etwa die Vogel- und Pflanzendarstellungen oder auch ein farbenprunkendes Gebetbuch der Kaiserin. Von Vitrine zu Vitrine schreitend, landet man bei Daumenschrauben, bei Militär und Krieg und auch bei einer Karikatur von solcher Grobheit, dass sie aus heutiger Zeit stammen könnte: Es ist metaphorisch gemeint, wie Männer einer bereits halbnackten Maria Theresia die Kleider vom Leib reißen (so wie man ihrem Reich die Stücke von Ländern raubte), hat aber durchaus einen obszönen Effekt.

Schwerpunkte   Gerade dergleichen sollte es ja nun nicht geben dürfen, darum verbot die Zensur vieles, voran Bücher. Bemerkenswert, wie voluminös der „Catalogus Librorum Prohibitorum“ ist, der zeigt, dass Maria Theresias doch wahrlich fortschrittlicher Hofarzt Gerard van Swieten in seiner Eigenschaft als  Vorsitzender der Bücherzensur-Hofkommission sehr tätig werden musste. In einer Welt, in der Kriege an der Tagesordnung waren, waren auch Landkarten von großer Bedeutung – nicht nur das Gelände wurde vermessen, auch von Wien gab es neue Pläne, darunter ein ausgesucht schönes Stück von Josef Daniel von Huber, das die Gebäude der Stadt als Aufrisszeichnung zeigt. Gleichfalls als bemerkenswertes Zeitdokument erscheint das Lotterie-Privileg, eine der vielen Möglichkeiten des Staates, zu Geld zu kommen.

Was man in Schränken findet   Aus dem Besitz von Kaiser Maximilian von Mexiko kamen Stücke aus dessen Nachlaß in den Besitz der Nationalbibliothek, um die sich offenbar bislang niemand so recht gekümmert hat. Erst die Vorarbeit zu dieser Ausstellung brachten genauere Beschäftigung mit einer Reihe von Kameen von Philipp Abraham. Diese zeigen kunstvoll geschnittene skulpturale Porträts von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, im 19. Jahrhundert  auf Samt gelegt und mit  Goldrahmen versehen.

Bildnis in Witwentracht an einem Schreibtisch sitzend. Aquarell auf Elfenbein, unbekannter Künstler um 1770.  Wien, Hofburg, Präsidentschaftskanzlei.

In jeder Hinsicht ein Denkmal    So bemerkenswert ihr Leben war, so reich ist das Nachleben Maria Theresias in jeder Hinsicht. Lange galt sie als Repräsentationsfigur der Monarchie, aber auch später noch, auch die Republik Österreich empfing Staatsgäste gerne unter ihrem Gemälde. Ihr Denkmal wurde in der Ära von Kaiser Franz Joseph auf dem Platz zwischen den neu errichteten Museen an der Ringstraße aufgestellt, aber auch das Triviale und Populäre bediente sich an ihrer Figur. Volksschauspielerin Marie Geistinger hat sie ebenso auf der Bühne verkörpert wie Franz Josephs Freundin Katharina Schratt es tat, und im Nachkriegsfilm erschien sie in Gestalt von Paula Wessely. Zu jedem Jubiläum hat man ihr noch große Ausstellungen gewidmet, und das ist auch 2017 nicht anders. Nur dass die schrankenlose Bewunderung von einst nun auch kritischeren Betrachtungen ihrer Person Raum gibt.

Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal:
Maria Theresia. Habsburgs mächtigste Frau
Bis 5. Juni 2017, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

Der Katalog, 256 Seiten, Großformat, reich bebildert, ist im Eigenverlag erschienen
und geht in Fachartikeln auf Schwerpunkte der Ausstellung ein

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WIEN / Wien Museum: BRENNEN FÜR DEN GLAUBEN

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WIEN / Wien Museum:
Brennen für den Glauben.
Wien nach Luther
Vom 16. Februar 2017 bis zum 14. Mai 2017

(Pressetext)

Mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel gab Martin Luther 1517 die Initialzündung für die Reformation. Zum 500-Jahr-Jubiläum erinnert das Wien Museum daran, dass selbst Wien für einige Jahrzehnte eine mehrheitlich protestantische Stadt wurde.
Um 1500 veränderten Renaissance und Humanismus, die Entdeckung Amerikas und die Erfindung des Buchdrucks die Weltsicht in Europa grundlegend. Auch Wien war im Wandel: Die Universität blühte auf, wichtige Gelehrte wirkten in der Stadt. Luthers Ideen fielen auf fruchtbaren Boden, auch Kaiser Maximilian II. fand daran Gefallen. Doch dessen Nachfolger duldeten keinen evangelischen Gottesdienst. Der Bevölkerung blieb das „Auslaufen“ in die adeligen Schlösser der Umgebung, besonders Hernals wurde ein bedeutendes Zentrum der protestantischen Kultur.
Die Reformation lebte in Wien auch in den Zeiten der triumphierenden Gegenreformation weiter: als Geheimprotestantismus und in den Kapellen ausländischer Gesandtschaften. Schlusspunkt der Ausstellung bildet das Toleranzpatent Josephs II. aus dem Jahr 1781, das den Lutheranern und Kalvinern – mit Einschränkungen – freie Religionsausübung zugestand.
Mit drei herausragenden Originaldokumenten – den gedruckten Thesen Luthers von 1517, dem Augsburger Bekenntnis von 1530 und dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 – richtet die Ausstellung den Blick auch über Wien hinaus.
Kuratoren:
Rudolf Leeb, Walter Öhlinger, Karl Vocelka

WIEN MUSEUM
Bis 14. Mai 2017, Dienstag bis Sonntag und Feiertag, 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Albertina: POUSSIN BIS DAVID

Plakat

WIEN / Albertina / Tietze Galleries:
POUSSIN BIS DAVID
Französische Zeichnungen der Albertina
Vom 25. Jänner 2017 bis zum 25. April 2017 

Glanzvolle Ehrenrettung

Klaus Albrecht Schröder hat aus der Albertina, die bei seinem Direktionsantritt „nur“ die „größte Graphische Sammlung der Welt“ (immerhin) war, ein mit Werken aller Genres bestücktes Großmuseum gemacht, wobei die Konfrontation von Malerei und Graphik in vielen Ausstellungen besondere Berücksichtigung fand. Nun gibt es eine Rückkehr zur Kernkompetenz, und das mit einer Ausstellung, die Licht auf einen zu wenig beachteten Sektor der Albertina-Bestände werfen will. Wer „Albertina-Graphiken“ sagt, meint die Deutschen mit  Dürer, meint die Italiener, meint die Niederländer. Dass man hier auch eine ausgewählt kostbare und umfassende Sammlung von „Franzosen“ besitzt, wird nun unter dem Titel „Poussin bis David“ vor staunenden Besucher-Augen ausgebreitet.

Von Renate Wagner

Die französischen Zeichnungen der Albertina   Mit rund 2800 Zeichnungen französischer Künstler aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sind die Bestände der Albertina auf diesem Gebiet neben der Leningrader Eremitage die größten außerhalb Frankreichs und wohl auch die kostbarsten, wie 67 von Christine Ekelhart-Reinwetter ausgewählten Werke zeigen. Albert von Sachsen-Teschen hat selbst noch – in den Niederlanden, wo er Statthalter war, bei Auktionen in Paris und London – die Werke der damaligen französischen Zeitgenossen intensiv gesammelt, gut 2000 Stücke gehen auf ihn zurück. Namen wie François Boucher, Jean-Honoré Fragonard, Claude Lorrain, Jean-Antoine Watteau oder Nicolas Poussin haben den Weg in das Bewusstsein der Nachwelt gefunden, andere Künstler weniger, was angesichts des Gezeigten nicht gerecht erscheint. Die Ausstellung führt bis zu Jacques-Louis David, der als Exponent des Klassizismus eine neue Welt ankündigte. Und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte ja die französische Malerei als Impressionismus die Weltführung übernehmen…

Poussin
Nicolas Poussin: Blick auf das Tibertal mit dem Ponte Molle (Alle Fotos: Albertina)

Der Zauber der Landschaft   Die Ausstellung beginnt mit Nicolas Poussin und Claude Lorrain, die beide in Rom lebten (aber vom französischen König zurück „kommandiert“ wurden), zwei Künstler, die die italienischen Kunsterrungenschaften in ihre Arbeiten einbrachten und vor allem auch in der Graphik großartige Landschaften schufen (sehr oft in Rötel oder braun laviert). Damals schon emanzipierte sich diese Kunstform von der Malerei, ging über die Arbeitsskizze für ein Gemälde hinaus, wurde eigenständig und reagierte damit auch auf einen Kunstmarkt, auf dem große Nachfrage nach den Blättern bestand. Die „Römischen Ruinen“, die man allerdings nicht sklavisch nach der Natur gestaltete, sondern höchst bewusst für die Bilder „komponierten“, stellen hier auch einen wichtigen Themenkreis dar.

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Hubert Robert: Tempelruine mit korinthischen Säulen und der Statue eines gefangenen Barbarenfürsten

Eine schöne, heile Welt    Die Zeichnung des Barocks und des Rokoko reflektierte eine höfisch-adelige Welt, deren Hauptlebenszweck darin zu bestehen schien, sich zu vergnügen. Vielleicht hat die leichtlebige Frivolität, die aus manchem Blatt spricht, die Nachwelt auch dazu gebracht, von der Thematik her die ganze Kunstepoche gering zu schätzen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat man den Werken wieder die ihnen gebührende Bewunderung zugestanden. Dass der Adel auch auf die „schnellere“ Art der Zeichnung porträtiert werden wollte, zeigen Werke von Hyacinthe Rigaud. Die traumhaften Rokoko-Szenen von Watteau sind in der Ausstellung weniger vertreten als großartige Arbeiten von Jean-Honoré Fragonard. Dabei ist sein „Mädchen mit dem Murmeltier“ aus den 1780er Jahre (Rötel über schwarzer Kreidevorzeichnung) zwar ein spätes Beispiel der Rokoko-Romantik und der damals herrschenden Schönheits- (oder Verschönerungs-) Tendenz, zeigt aber doch, dass es sich hier nicht um eine Adelige, sondern eine einfache Frau handelte, wahrscheinlich eine  savoyardische Schaustellerin, die mit ihrem Tier herumzog.

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Jean-Honoré Fragonard: Das Mädchen mit dem Murmeltier (Links)
Jean-Baptiste Greuze: Kopfstudie eines lächelnden Mädchens

Die Zeitenwende     Von da an, die Französische Revolution stand vor der Tür, war der Weg zur Zeitenwende nicht weit: Die Bilder von Jean-Baptiste Greuze bieten ein gewandeltes, von der Aufklärung geprägtes Bewusstsein, wo eine Zeichnung (im Gegensatz zu früher) eindeutig eine „moralische“ Aussage haben musste (was ihn auch nicht hinderte, einen zauberhaften Mädchenkopf zu zeichnen). Und wenn Jacques-Louis Davideine mit einer überdimensionalen Feder / Pinsel / Kreide-Arbeit auf grauem Papier (mit 1,1 m mal 2,03 m schon Gemäldeformat) mit der Schlachtenszene „Die Kämpfe des Diomedes“ am Ende steht, dann ist die Ausstellung nahezu eineinhalb Jahrhunderte französischer Kunst in ihrer inhaltlichen und auch technischen Vielfalt ausgeschritten.

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Jacques-Louis David: Die Kämpfe des Diomedes

Der Katalog    Der Katalog der Ausstellung, bei Hirmer erschienen, zeigt nicht nur jedes einzelne Werk auf einer ganzen Seite, mit genauer Beschreibung und Interpretation, sondern verweist auch auf verwandte Werke oder, dort, wo es sich um Studien handelt, auf die dazugehörigen Gemälde. Wenn die Albertina die kostbaren Blätter wieder ins Dunkel ihrer Archive versenkt, um ihren Bestand zu garantieren, kann man – ohne den Live-Effekt, aber mit Zeit für genaues Betrachten – hier die französischen Kunstwerke nachdrücklich genießen.

WIEN / Albertina / Tietze Galleries:
POUSSIN BIS DAVID
Französische Zeichnungen der Albertina
Bis zum 25. April 2017
Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Albertina: MARKUS PRACHENSKY

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Red on White – Los Angeles (alle Fotos: Albertina)

WIEN / Albertina / Basteihalle-Appendix:
MARKUS PRACHENSKY
EINE HOMMAGE
Vom 18. Jänner 2017 bis zum 19. März 2017  

Ist ungegenständlich abstrakt?

Man steigt in den „Keller“ der Albertina (der sich eigentlich auf der Ebene der Straße draußen befindet und Basteihalle heißt) und ist dort mit einer eindrucksvollen Großpräsentation von „Contemporary Art“ konfrontiert. Sucht man dann unter Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Arnulf Rainer, Georg Baselitz, Alex Katz oder Maria Lassnig die neueste Ausstellung zu Markus Prachensky, wird man in einen Seitenraum verwiesen – 35 Werke, deren Ausstellung nicht nur den Zweck hat, an den 85. Geburtstag zu erinnern, den der Künstler nicht mehr erlebt hat. Vielmehr ist die Erinnerung an ihn auch Dank an die Witwe Brigitte Prachensky, die dem Haus „einige der seltensten, größten, frühesten und wichtigsten Werke“ geschenkt hat, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder ebenso dankbar wie begeistert vermerkte.

Von Renate Wagner

Markus Prachensky (1932-2011)   Geboren in Innsbruck, wird Prachensky unter dem Kürzel „österreichischer Maler und Grafiker des Informel“ geführt. Er studierte in Wien, zuerst Architektur, dann Malerei, gehörte einigen der progressiven Künstlergruppen der fünfziger Jahre an, Mikl, Rainer, Hollegha (mit denen er auch in Otto Mauers Galerie nächst St. Stephan gemeinsam ausstellte) waren seine Zeitgenossen, er war auch Mitglied der Secession. Er lebte zeitweise in Berlin und Stuttgart, immer mit eigenen Ateliers und auch öffentlichen Aufträgen. USA-Reisen brachten nachdrückliche künstlerische Ergebnisse (California – paintings oder der eindeutige Einfluß der Pop-Art auf  Red on White – Los Angeles I), überhaupt waren Reisen in alle Welt für ihn eine künstlerische Notwendigkeit. In seinen späteren Jahren war der Professor an der Wiener Akademie. Viele Ausstellungen und Einzelausstellungen begleiteten sein Leben ebenso wie Ankäufe großer Häuser und offizielle Ehrungen. Nach seinem Tod 2011 zeigte die Albertina in memoriam ihre Prachensky-Besitztümer (die sich nun so spektakulär vermehrt haben). Es war ein anerkanntes und erfolgreiches Künstlerleben.

Die Farbe Rot    Die Albertina zitiert einen zentralen Satz des Künstlers: „Schon sehr früh hatte ich die Vorstellung, Rot sei die Farbe meines Lebens.“ Nur ein Schritt in die Ausstellung, und man bekommt es bestätigt – Rot strahlt dem Besucher entgegen, gelegentlich fast aggressiv, aber auch einladend, lockend, faszinierend (was nicht bedeutet, dass er nicht gelegentlich – wenn auch selten – ohne Rot auskam).

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Amanpuri / Rouge sur gris

Aus aller Welt heimgebracht   Und noch ein Satz Prachenskys, an der Wand zu lesen, prägt sich als Grundmotto ein:  „Ist ungegenständlich abstrakt?“ Tatsache bleibt, dass einzelne Titel, die der Künstler den Werken gab, „Swing the Provence“ etwa, für ihn Bedeutung hatten, für den Betrachter aber uneinsichtig sein mögen. Klaus Albrecht Schröder allerdings ortet hier eine „unterschwellige Gegenständlichkeit“, schließlich hat Prachensky, wie man weiß, unendliche Eindrücke von seinen Reisen mitgebracht (und Rouge sur Gris ist beispielsweise eine Hommage an chinesische Kalligraphie schlechthin). Architektonisches mag immer wieder als Inspiration durchschimmern. Letztlich aber spielen reale Zusammenhänge angesichts der unleugbaren, spontanen Wirkung der Werke keine Rolle.

Spannung oder Kontemplation    Denn da ist noch ein Prachensky-Ratschlag an sein Publikum: Man solle anschauen, nicht sinnen. Es ist die emotionale Ebene, die er mit diesen Werken anspricht. Sehr oft hat er mit breitem Pinsel wilde (rote) Linien über die Leinwand geführt, und selbst, wenn man keine reale Bedeutung finden mag, so spürt man doch die Spannung, die Dynamik. Andererseits besteht das „Große Bild in Blau, Grau und Schwarz“ (eines jener Werke, die die Albertina geschenkt erhielt) aus streng nebeneinander gestellten rechteckigen Farbflecken. Hier ist nun Ruhe angesagt, wahrscheinlich gibt es Menschen, die hier Meditationshilfe finden.

Basteihalle Albertina
Markus Prachensky. Eine Hommage
Bis 19. März 2017, täglich 10-18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Belvedere: TINA BLAU

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WIEN / Oberes Belvedere / Reihe: „Meisterwerke im Fokus“: 
TINA BLAU
Vom 16. Dezember 2016 bis zum  9. April 2017

Nicht nur die Praterbäume!

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Fotos: Belvedere

Vor hundert Jahren starb mit  Tina Blau eine der bedeutendsten Malerinnen in der Geschichte Österreichs. Das Belvedere, selbst im Besitz zahlreicher ihrer Werke – voran jener großformatige  „Frühling im Prater“, der sie einst über die Monarchie hinaus berühmt machte – stellt nun 49 ihrer Bilder in der Reihe „Meisterwerke im Fokus“ vor, „nur“ zwei Räume im zweiten Stock des Oberen Belvederes, aber dicht an Information und Eindrücken.

Von Heiner Wesemann

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Tina Blau   Sie wurde am 15. November 1845 Wien geboren, und vielleicht wäre ihr Schicksal anders verlaufen, hätte ihr Vater, der Militärarzt Simon Blau, das Talent der Tochter nicht so entschieden gefördert: Denn damals stand für  Frauen keinesfalls die Ausbildung offen, die für jeden Mann selbstverständlich war. Tina Blau erhielt schon als 14jährige Privatunterricht durch den Waldmüller-Schüler Antal Hanély. Der nächste ihrer Lehrer war der Landschaftsmaler August Schaeffer, späterer Direktor des Kunsthistorischen Museums, und bereits die 23jährige beteiligte sich an der Eröffnungsausstellung des Wiener Künstlerhauses.
Emil Jakob Schindler, mit dem sie einige Zeit auch privat verbunden war, teilte mit ihr ein Atelier, sie unternahm (teilweise in seiner Begleitung) erste Reisen, darunter nach Italien. „Frühling im Prater“ (214 x 291), für ihre Verhältnisse ungewöhnlich groß, wurde 1882, von Makart hoch gelobt, bei der Internationalen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus gezeigt und machte Tina Blau im Alter von 37 Jahren in der ganzen Kunstwelt berühmt.

Im Jahr darauf heiratete sie Heinrich Lang, berühmt als Pferde- und Schlachtenmaler, wofür sie vom jüdischen zum protestantischen Glauben wechselte. Sie lebte mit ihm in  München, wo sie erfolgreich weiterarbeitete und auch als Lehrerin an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins tätig war. Lang starb 1891, und Tina Blau kehrte nach mehreren, künstlerisch ergiebigen Reisen (Holland, Paris, Italien) in ihre Heimatstadt Wien zurück. Auch dort war sie an der Kunstschule für Frauen und Mädchen tätig – eine Aktivistin für Frauenrechte, die auch mit den Kämpferinnen ihrer Epoche, u.a. mit Rosa Mayreder, Kontakt hielt.

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Sie war an vielen Ausstellungen beteiligt, darunter 1900 an der Pariser Weltausstellung. Kaiser Franz Joseph zählte zu ihren Bewunderungen, und ihr Hauptwerk „Frühling im Prater“ wurde 1899 für die Kaiserlichen Gemäldegalerie erworben. Auch das Belvedere, von dem sie Ansichten gemalt hatte (zwei aus dem Jahre 1895 sind in der  Ausstellung zu sehen, so gehängt, dass sich der von ihr gemalte Blick mehr oder minder bei dem Blick durch das Fenster daneben wiederholt), kaufte mehrere ihrer Werke. 1916 starb sie am  31. Oktober, zwei Wochen vor ihrem 71. Geburtstag, in Wien und wurde am Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Evangelischen Abteilung begraben.

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Ihre Sonderstellung in der weiblichen Kunst     Die Sonderstellung der Tina Blau – die es als Frau und als Jüdin in ihrer Epoche schwer haben musste – ergab sich aus mehreren Komponenten: Das Studium wurde ihr vom Vater ermöglicht, ihr Talent von großen männlichen Kollegen anerkannt, ihre zahlreichen „Prater“-Bilder verliehen ihr ein Markenzeichen. Das berühmte Foto, das sie noch als alte Dame auf dem Weg zu „Plein Air“ zeigt, wo sie in einer Art Kinderwagen ihre Leinwände in den Prater führt, sagt mehr als tausend Worte über die unerschütterliche Entschlossenheit, mit der sie ihr Schaffen vorantrieb. Und wie sie ihrem Prinzip, im Freien zu malen, treu blieb, um zu vermitteln, was das Licht ihr erzählte. Sie tat dies auf ganz individuelle Art und Weise.  Neben den großen „Stimmungsimpressionisten“, mit denen sie bei genauer Betrachtung wenig gemeinsam hat, hielt sie (trotz begabter, mehr oder minder gleichaltriger Kolleginnen wie Olga Wisinger-Florian und Marie Egner) ihre singuläre Stellung. Sie nahm einen Weg zwischen Biedermeier und Impressionismus, der nie lieblich, kitschig oder betulich war. Man konnte ihr „Weiblichkeit“ in ihrem Werk nicht vorwerfen, so gerne man es getan hätte.

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Vielfalt zu entdecken      Die Ausstellung im Belvedere zeigt mit Ausnahme des „Frühlings im Prater“ nur mittelgroße und kleinformatige Werke und erweitert das Spektrum ihres Prater-Images sowohl thematisch wie formal. Natürlich war sie in erster Linie „Landschaftsmalerin“, Menschen waren meist nur Staffage, aber immerhin entdeckt man auch ein Stilleben aus dem Jahr 1872, das für die 27jährige vielleicht nicht mehr als eine Fingerübung war. Das Belvedere hat für diese kleine, aber feine Ausstellung nicht nur eigene Bestände und Werke aus dem Wien Museum zu bieten, es ist auch gelungen, einiges aus Privatbesitz hier zu zeigen. Das verleiht der Ausstellung einige Male den Reiz des Noch-nie-Gesehenen.

Dunkler und geheimnisvoller    Es gibt viele Bilder von Tina Blaus Reisen, und die Helle und Zartheit der Pinselführung bei Ansichten von Venedig steht stilistisch entschieden in Kontrast zu ihren Bildern aus Paris oder Holland, wo sie sich auch vom Stil holländischer Maler beeinflussen ließ. Überhaupt ist sie bei einem Großteil ihrer Werke „dunkler“ und damit dramatischer und geheimnisvoller als bei den hell grundierten Praterbildern. Auch findet man thematisch beim genauen Hinsehen doch Unterwartetes – dass sie 1904 ein Fabriksschlot hinter einer Nussdorf-Szene interessierte oder 1909 der Bahnbau bei Dürnstein. Und ihr Verständnis für die Natur, das auch das Wissen um die Zerstörung beinhaltete, trug ihr 1893 bei der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille für das Bild „Gestürzte Größe“ ein – es zeigt in geradezu tragischer Stimmung Stamm und Wurzeln eines gefällten Baumes.

Tina Blau via Belvedere online      Es gibt, so sagte Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz, heute keine endgültigen Werkverzeichnisse von Künstlern mehr, weil immer wieder Werke und auch Erkenntnisse hinzukommen, die Korrekturen verlangen. Darum druckt das Belvedere das Werkverzeichnis von Tina Blau, das Markus Fellinger (der Kurator der  Ausstellung) mit Claus Jesina für Tina Blau erarbeitet hat, nicht, sondern stellt es online (wo permanente Korrekturmöglichkeit gegeben ist). Mit 1251 Objekten ist jedes einzelne der derzeit bekannten Bilder dargestellt und beschrieben. Abzurufen unter: www.werkverzeichnisse.belvedere.at

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OLMÜTZ/ Volkskundemuseum: ALS FRANZ JOSEF I. DER FRANTISEK WAR.

k.u.k. Residenz Olmütz 1848 – DAMALS, ALS FRANZ JOSEF I. DER FRANTISEK WAR

Ausstellung im Volkskundemuseum ab sofort geöffnet, Ende der Ausstellung noch offen!

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Ausstellungsplakat. Copyright: Czechtourismus

Wien, das ist Jahrhunderte lange die Residenz der Herrscher aus der Habsburger-Dynastie gewesen. Auch Olmütz in Mähren hat es zu einer habsburgischen Residenzstadt gebracht, allerdings nur zu einer äußerst kurzlebigen. Im Jahr 1848, als Kaiser Ferdinand, leicht spöttisch der Gütige genannt, vor dem Volksaufstand in Wien flüchten musste, im Erzbischöflichen Palais von Olmütz Zuflucht fand, hier abdankte und sein blutjunger Neffe Franz Josef zum Kaiser Franz Josef I. gekrönt wurde. Franz hieß dort Frantisek, Olmütz ist heute Olomouc – und ist eine sehenswerte Stadt. Als Mittelpunkt eines Erzbistums, mit alter Universität, Philharmonie, dem St. Wenzels Dom, mit Reminiszenzen an Kaiserin Maria Theresia, Mozart, Feldmarschall Radetzky oder Sigmund Freud – alles übernommen aus des Kaisers Zeiten. Der meistgehasste Adelige der Biedermeierzeit, Clemens Wencelslaus Nepomuk Fürst von Metternicht–Winneburg zu Beilstein, schon Monate früher als Kaiser Ferdinand ebenfalls auf der Flucht vor den Revolutionären in Wien, wurde damals allerdings nicht in die befestigte Stadt eingelassen. 

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Copyright: Czechtourismus

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Copyright: Czechtourismus

Auch die Tschechen halten sich bei ihren Feiern an Jahreszahlen. Mit der Großeausstellung ‘Frantisek Josef I. v Olomouci‘ wird des 100. Todestages des Langzeitherrschers gedacht.  Zu sehen im Heimatkundemuseum der traditionsreichen Stadt in Mittelmähren, gelenkt von einem Band in den habsburg-lothringischen Farben Schwarz-Gelb: Franz Josef-Porträts von Kindheit bis zum Abschied in Einsamkeit; Pomp und Auswüchse der Soldateska der k.u.k. Monarchie; adelige Wappen und Stammbäume wie mährische Folklore, Trachten, Genreszenen. Und zu sehen ist ein großes Gemälde von der Abdankung Kaiser Ferdinands am 2. September 1848 und der gleich anschließenden Inthronisation von Franz Josef in den Morgenstunden des 2. Septembers 1848. Später hat der Kaiser wiederholt die Stadt besucht, war gern hier. Und zur Thronbesteigung soll er gesagt haben: „Leb wohl, Jugend!“ Gerade achtzehn Jahre, drei Monate und fünfzehn Tage alt.

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Copyright: Czechtourismus

Info: www.tourism.olomouc.eu

Meinhard Rüdenauer

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WIEN / Nationalbibliothek: UNTER BETHLEHEMS STERN

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Fotos: Renate Wagner

WIEN / Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek:
UNTER BETHLEHEMS STERN
24 Prachthandschriften aus dem Mittelalter
Vom 7. Dezember 2016 bis zum 15. Jänner 2017

Goldglitzernde Heilsgeschichte

Jesus Christus als Kind, das „Christkind“, das ist – im Gegensatz zu Leiden und Tod am Ende seines Lebens – der hellste Teil der christlichen Glaubensgeschichte, solcherart auch „beglückend“ an die Gläubigen zu bringen. Die Buchmaler des Mittelalters taten es mit nie endendem Einfallsreichtum, hinreißender  Schönheit und didaktischer Raffinesse. Die Österreichische Nationalbibliothek zählt zu jenen Institutionen der Welt, die über einen wahren Schatz von Handschriften dieser Epoche verfügen. 24 ausgewählte Stücke illustrieren die Welt der Weihnachtsgeschichten und -legenden.

Von Renate Wagner

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Die Ausstellung      Man hat die von Andreas Fingernagel kuratierte Ausstellung klein und kurz gehalten, aus wohl erwogenen Gründen. Erstens können die Bücher, auch bei gedämpftem Licht, aus konservatorischen Gründen nicht über längere Zeit gezeigt werden, sonst würde das, was in Jahrhunderten so erstaunlich bewahrt wurde, bald gefährdet sein. Und zweitens bietet jedes einzelne Werk eine solche Fülle von interessanten Details, dass sich ein Overkill einstellen würde, wenn man mehr als die 24, an bestimmten Stellen aufgeschlagenen Bücher rund um die zentrale Kuppel (bzw. natürlich darunter) zeigen würde. Da es keinen Katalog, aber viel Wissenswertes gibt, ist die Lektüre der Saaltexte zu empfehlen, die die Aufmerksamkeit auf manches lenken können, was vielleicht ohne das Wissen darum nicht ins Auge springt.

Von der Verkündigung bis zur Flucht nach Ägypten   Die Stationen der Weihnachtsgeschichte ergeben sich chronologisch, die „Verkündigung“ durch den Engel über die „Heimsuchung“ (die Begegnung Marias mit der ebenfalls schwangeren Elisabeth, die Johannes den Täufer gebären wird), Christi Geburt, die klassische Szene „im Stall“. Dann die Verkündigung an die Hirten, quasi an die „kleinen Leute“, während die „Epiphanie“ mit den „Drei Weisen aus dem Morgenland“ die mächtigen Heiden an die Krippe führt. Die Darstellung des Herrn im Tempel, wie es die klassische jüdische Sitte war, der Bethlehemitische Kindesmord und schließlich die Flucht nach Ägypten komplettieren den Themenkreis, zu dem die Ausstellung zu jedem Motiv zwei bis drei ausgesucht schöne Buchbeispiele bietet.

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Der künstlerische Reichtum     Die Werke stammen aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, das älteste, Anfang des 13. Jahrhunderts aus Klosterneuburg, sowie Bücher aus dem 14. Jahrhundert (aus den 1330er Jahren in Süddeutschland und wiederum Klosterneuburg), zeigen noch eine berührende Schlichtheit der Darstellung, die wenig später der größtmöglichen Opulenz weicht. Da die Geschichte von Christi Geburt vielfach in „Stundenbüchern“ (Gebetsbücher von Reichen und Herrschern) auftauchten, findet sich oft auch der dazugehörige Text, so gut wie immer zu den Bildern auch reichster Bordürenschmuck in Gold und anderen Farben. Blumen wurden dabei bevorzugt, aber finden sich auch in höchst komplizierter Verarbeitung, Oft wird nicht nur die zentrale Szene selbst gezeigt, sondern mit kleineren Bildern der jeweiligen Vorgeschichte flankiert. Den Künstlern lagen dieselben Schilderungen aus den Evangelien (Matthäus und Lukas) vor, aber wie sie die einzelnen Situationen gestalteten, lag ganz bei ihnen und ist von größter Reichhaltigkeit. Je „höher“ das Mittelalter wurde und der Renaissance entgegenging, umso mehr verliebten sich die Künstler (die immer noch bis auf wenige Ausnahmen anonym blieben) auch in ihre handwerkliche Meisterschaft.

Die Didaktik der Darstellung    Eine weltberühmte „Flucht nach Ägypten“, das Tafelbild aus dem Schottenaltar, wo Maria und Josef aus „Wien“ fliehen (die Stadt, wie sie damals war, ist detailreich im Hintergrund dargestellt), wird stets als erklärendes Beispiel dafür herangezogen, was sich auch in der Buchmalerei feststellen ließ: Dass es darum ging, die Heilsgeschichte für die einfachen Menschen nicht als etwas Fernes, Abgehobenes zu erzählen, sondern vielmehr in eine scheinbare Gegenwart zu rücken. So findet man zahlreiche Beispiele von europäischen Landschaften im Hintergrund, Ochs und Esel waren ja auch Bekannte der damaligen Bevölkerung, Menschen sind in Gewänder der damaligen Zeit gekleidet, kurz, die Heiligkeit teilweise ganz menschlich gemacht, wenn sie auch durch den Prunk der Darstellung wieder entrückt wurde. Der Betrachter kann den kostbaren Werken also unter vielfachen Gesichtspunkten begegnen – oder auch unter allen…

Unter Bethlehems Stern
24 Prachthandschriften aus dem Mittelalter
7.Dezember 2016 – 15. Jänner 2017

Täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr
Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren
Jeden Donnerstag um 18 Uhr Führung in deutscher Sprache

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WIEN / Kunstforum: GEORGIA O’KEEFFE

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Fotos (Motive aus der Ausstellung) Heiner Wesemann

WIEN / Kunstforum Wien:
GEORGIA O’KEEFFE
Vom 7. Dezember 2016 bis zum 26. März 2017

Die amerikanische Ikone

Wenn im allgemeinen gerne Jahrestage als „Aufhänger“ für Großausstellungen verwendet werden – hier ist einer: 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, zeigte der amerikanische Fotograf Alfred Stieglitz in seiner New Yorker Galerie „291“ eine Gruppenausstellung. Darin sah man auch die abstrakten Kohlezeichnungen einer 29jährigen Unbekannten namens Georgia O’Keeffe. Das war der Beginn einer der unglaublichsten Karrieren in der Geschichte der amerikanischen Kunst. Die Ausstellung im Kunstforum Wien zeichnet nun den Weg dieser Ikone nach.

Von Heiner Wesemann

Die Ausstellung     Man kennt den Namen „Georgia O’Keeffe“ selbstverständlich als den einer der bedeutendsten amerikanischen Künstlerinnen überhaupt. Doch in Europa hat man selten Gelegenheit, ihre Werke „live“ zu sehen. Eine Zusammenarbeit der Londoner Tate Modern, wo die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, dem Kunstforum Wien, wo man nun aus dem Staunen nicht herauskommt, und der Art Gallery of Ontario, Toronto (wo die Schau dann ihre letzte Station erreicht), wurde durch das O’Keeffe-Museum in Santa Fe hilfreich kanalisiert. Das Ergebnis: 85 Originale – die größte Ausstellung ihrer Werke außerhalb der USA -, dazu noch 60 Fotos, die auch die Person und den Umkreis der Künstlerin in den Fokus rücken. Begehrt und verstreut in aller Welt, mussten 50 Leihgeber zusammen kommen, dies möglich zu machen. Das Ergebnis fällt entsprechend spektakulär aus.

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Georgia O’Keeffe     Georgia O’Keeffe (1887–1986) war ein „Mädchen vom Lande“,  geboren auf einer Milchfarm in Michigan, das als Künstlerin schließlich aufs Land zurückkehrte und das solitäre Leben abseits der großen Städte zum Kult erhob. Bis sie zu Stieglitz nach New York zog (also beinahe ihre ersten drei Lebensjahrzehnte), studierte und unterrichtete sie. New York und Sommeraufenthalte am Lake George (ein See im Bundesstaat New York am Fuß des Adirondack Gebirges) bestimmten anfangs die äußeren Einflüsse ihrer Bilder. Und doch – hätte sie nur ihre New Yorker „Großstadtbilder“ geschaffen, wäre sie wohl eine von vielen geblieben. Entscheidend für sie war die „Entdeckung“ des US-Staates New Mexiko, wo sie sich zuerst zeitweise, später permanent niederließ. Hier fand sie – ungeachtet von vielen Reisen, die sie unternahm – das Zentrum ihrer Inspiration. Auf dieser Landschaft beruht auch das „Ur-Amerikanische“ ihres Schaffens, das immer wieder hervorgehoben und gepriesen  wird. Tatsächlich gab es auch vor ihr herausragende amerikanische Landschaftsmaler, die aber zumindest formal immer den Blick nach  Europa gerichtet hatten. Dass Georgia O’Keeffe es nicht tat, war ihre Stärke, trug in hohem Maße zu ihrem Ruhm bei.

Die selbst inszenierte Ikone    Wer der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich vermitteln möchte, kümmert sich am besten selbst darum. Georgia O’Keeffe war das sehr bald bewusst, Fotos begleiten ihr Leben, Stieglitz hatte großen Anteil daran, aber auch andere Fotokünstler wie Paul Strand, Ansel Adams und Edward Weston.  Sich selbst in Aktfotos vorzustellen, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sensationsträchtiger als heute, dem Lonely Cowboy des amerikanischen Mythos ein Lonely Cowgirl gegenüber zu stellen und damit gleichzeitig eine gleichwertige Position weiblicher Kunst zu postulieren, war äußerst geschickt. Sich auf eine „Ghost Ranch“ zurückzuziehen und damit natürlich auch mediales Interesse zu evozieren – Georgia O’Keeffe hat zweifellos am Ruhm ihrer Person (der sich dann rückbezüglich auf ihr Werk auswirkte) mitgearbeitet. Sie ist eine der teuersten Künstlerinnen der Welt, hat ein Jahrhundert Weltgeschichte mit zwei Weltkriegen erlebt, wird von ihren Mit-Künstlern als große Mutter verehrt…

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Von der  Abstraktion in die Abstraktion    Die Ausstellung (Kuratorin Heike Eipeldauer) geht im Prinzip chronologisch vor. Im linken Raum vom Eingang sind die frühen Werke zu sehen, darunter jene abstrakten Kohlezeichnungen, in denen Alfred Stieglitz das besondere Talent von Georgia O’Keeffe erkannte. Es ist interessant in dieser Ausstellung den Blick auf das Element des Abstrakten zu legen, von dem sie selbst sagte: „Abstraktion ist häufig die eindeutigste Form für das Unfassbare in mir selbst, das ich durch Malerei klären kann.“ Dazu gehört auch, dass die frühen Jahre der Georgia O’Keeffe von der amerikanischen Rezeption der Erkenntnisse Freuds geprägt wurden, das Unterbewusste, das Sexuelle, das alles auch aus ihrem Werk heraus zu interpretieren war. Immer wieder transzendiert ein Bild mit konkreter Benennung wie „From the Lake Nr. 1“ oder „Sky with flat white Clouds“ ins rein Abstrakte, und wüsste man nicht (weil Georgia O’Keeffe biographisch sehr gut aufgearbeitet ist) von ihrer späten Besessenheit von der Tür in ihrem Haus, man würde die Tore einfach nur als Quadrate im Raum nehmen.

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Die Blumen, die Landschaften, die Skelette    Was einen Künstler ausmacht, zumindest in der Rezeption durch Kritik und Markt, ist Erkennbarkeit, ist ein Markenzeichen, ist etwas, das sich nur bei ihm findet. Georgia O’Keeffe macht es dem Betrachter vielfach leicht – ihre „Blumen“ (auch in unterschiedlichen Stadien der Abstraktion) sind unverkennbar legendär: Die Ausstellung bietet natürlich (auch als Plakat- und Katalog-Motiv) jene „Jimson Weed/White Flower No. 1“ aus dem Jahr 1932, die zum Paradigma der berühmten Blumenbilder von Georgia O’Keeffe geworden ist, darüber auch das teuerste Werk, das je von ihr verkauft wurde (über 44 Millionen Dollar). Ebenso singulär sind ihre Landschaften von New Mexiko, teilweise (auch in den Farben) so intensiv, dass man sie zum Meditieren benützen könnte. Und die ausgetrockneten Knochen und Geweihe, die sich in der Wüste finden und einen bedeutenden Themenstrang ihres Werks ausmachen, stehen jeglicher Interpretation offen. Die Wiener Ausstellung bietet von allem reichlich, und wenn man ein Auge dafür hat, kann man sich kaum satt sehen.

Bank Austria Kunstforum Wien, 1010 Wien, Freyung 8:
Georgia O’Keeffe
Bis 26. März 2017,  Täglich von  10 bis 19 Uhr, Fr. bis 21 Uhr
Der Katalog von 272 Seiten ist im Prestel Verlag erschienen

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WIEN / Jüdisches Museum: HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER

Horowitz Qualtinger
Alle Fotos: Michael Horowitz / Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum / Museum Judenplatz:
HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER
Von 2. Dezember 2016 bis zum 28. Mai 2017 

Der genaue Blick

Helmut Qualtinger mit Fliegerbrille. Thomas Bernhard am Fahrrad. Oskar Werner sinnend im Kaffeehaus. Andre Heller als wuschelhaariger Jungspund im Gespräch mit Peter Alexander – die jüngste Ausstellung des Jüdischen Museum, in der Dependance am Judenplatz veranstaltet, wird viele Fans finden, zumindest unter der älteren Generation. Denn da blättern sich, wie im Titel „50 Jahre Menschenbilder“ versprochen, ein halbes Jahrhundert „Wiener“ Gesichter auf. Eingefangen hat sie die Kamera eines Mannes mit dem richtigen Blick. Sein Name ist Michael Horowitz, und viele, viele Jahre lang kannte man ihn auch und vor allem als den Journalisten, der das Kurier-Magazin kreiert hatte und betreute. Da kam in der Öffentlichkeit seine Profession als Fotograf gar nicht so stark zu Bewusstsein. Dem hilft diese Ausstellung, die Direktorin Danielle Spera persönlich kuratiert hat, ab.

Von Heiner Wesemann

Horowitz O.Werner

Michael Horowitz     Seine Vorfahren kamen aus einem Galizischen Städtel nach Wien, seine Großmutter gehörte zu jenen, die den Fluchtweg nicht in Richtung Westen, sondern nach Osten nahmen und in Shanghai überlebten.  Sein Vater Oskar Horowitz (verheiratet mit einer Berlinerin) arbeitete nach seiner Rückkehr als Fotograf, geschätzt vor allem für seine Fotos aus Wiener Theatern, und von Sohn Michael gibt es schon ein Bild, das ihn als kleinen Jungen mit Kamera zeigt. Und bedenkt man das Geburtsdatum 1950, dann hat Michael Horowitz mit dem „professionellen“ Fotografieren mit 16 Jahren angefangen – erst als „rasender Reporter“ und Freund der Berühmten. Später, nach einer längeren Pause, als Reisender in aller Welt. Daneben allerdings hatte er noch zahllose Berufe, u.a. wie erwähnt als Zeitungsmacher sowie als Autor von Drehbüchern, ebenso als Biograph von Persönlichkeiten wie Doderer, Kisch oder Karl Kraus bzw. jenen Künstlern, die seine Freunde waren wie Qualtinger oder Artmann. Dass er auch Verleger ist, kommt dem Katalog des Jüdischen Museums zugute, der im eigenen Horowitz-Verlag erscheinen kann.

Schwarzweiß in die Vergangenheit   Michael Horowitz kann von seiner persönlichen Beziehung zu Wiener Künstlern viel erzählen – und da er nicht nur Bilder macht, sondern auch schreibt, ist ein Erinnerungsband daran fällig. Es bedurfte schon besonderer Nähe, eines eigenen Vertrauensverhältnisses, damit sich die ungewöhnlichen Motive ergaben, die viele der Menschenbilder zeigen. Wobei Thomas Bernhard auf dem Fahrrad auf persönliche Aufforderung des damals noch gar nicht so berühmten Dichters entstand – und seither ein Kultfoto wurde…

Horowitz Bernhard

Bunter Blick  in die ganze Welt  Die von Horowitz lange Jahre betreute Freizeit-Beilage des Kuriers war berühmt für ihre ausführlichen Reiseberichte mit oft großartigen Fotos. Natürlich waren nicht alle von ihm, aber die Ausstellung beweist, dass er in einer „zweiten Karriere“ als Fotograf sehr viel gereist ist. Und auch in aller Welt,  nun bunt, Menschenbilder „geschossen“ hat: in Europa, den USA und Asien, unvergessliche Gesichter, aber auch skurrile Szenen (im Diamantenviertel von Antwerpen blickt ein orthodoxes, bärtiges Judengesicht unter einem Motorradhelm hervor), Armut, Traurigkeit, ganze Schicksale komprimiert (der alte Mann im Basar von Istanbul, der die bunten Büstenhalter verkauft, die hinter ihm hängen).

Mehr als Ästhetik   Wenn es beim Foto auf den „richtigen Augenblick“ ankommt, so hat Michael Horowitz oft genug genau dann abgedrückt, aber diese Bilder dienen nicht nur der Nostalgie, der Stimmung oder der Schönheit (wie das faszinierende geschminkte Frauengesicht unter dem roten Kopftuch aus Istanbul). Er hat auch ein „politisches“ Auge auf  Situationen, die hintergründig von Schmerz und Elend erzählen – wenn er nicht ohnedies ganz genau das ausdrückt, was mit einem Bild zu sagen ist: Demos gegen Vietnam, gegen den neuen Rechtsruck (mit Hakenkreuzfahnen), und selbst der aktuellste Wahlkampf ist noch dabei – vor dem Plakat von Norbert Hofer wogt eine Menschenmenge seiner Wähler, die Bierdose wird geschwungen, was dem Foto eindeutige satirische, gewissermaßen Deix’sche Qualität verleiht.

Museum Judenplatz:
HOROWITZ. 50 JAHRE MENSCHENBILDER
Bis 28. Mai 2017
1010 Wien, Judenplatz 8,
von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag von 10 bis 17 Uhr

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