Der Neue Merker

AUGSBURG: SIMON BOCCANEGRA (konzertante Aufführung)

Augsburg: „Simon Boccanegra“ (Konzertante Aufführung) – Premiere am 07.12.2013

Als im Rahmen der Podiumsdiskussion zu „Intolleranza 1960″ Professor Jörg Stenzl seine grundsätzlichen Vorbehalte gegen „konzertante“ Opern-aufführungen formulierte, konterte die Augsburger Intendantin auf sehr überzeugende Weise: um die Belastungen, die u. a. „Intolleranza“ für das Theater auch finanziell bedeuteten abzufangen, sei in dieser Spielzeit eine „konzertante“ Aufführung geplant; ursprünglich ging man davon aus, dass es Gershwins „Porgy and Bess“ sein könnte. Als der Verlag die bereits gegebene Erlaubnis dafür zurück zog, weil diese Oper gemäß des Willens des Komponisten nur mit schwarzen Sängern und bei einer konzertanten Wiedergabe wenigstens mit vier schwarzen Sängern der Hauptpartien besetzt werden müsste und außerdem nicht länger als 60 Minuten dauern darf – musste das Theater vom schönen Plan lassen, denn man hat in Augsburg ein eigenes, leistungsfähiges Ensemble, das den Anforderungen durchaus gewachsen gewesen wäre. Als Ersatzstück wählte man nun Verdis „Simon Boccanegra“, eine gute Wahl, wenn auch – obigen Umständen geschuldet – nun zwei Verdi-Premieren hintereinander statt-fanden. („Rigoletto“ hatte als Beitrag zum Verdi-Jahr erst im Oktober Premiere). So ist das in der Theaterpraxis nun mal, theoretisch kann man sich viel vornehmen und auch Grundsätzliches postulieren, die Praxis vor Ort zwingt mitunter zu anderem, auch kurzfristigem Handeln…

Es mag ja sein, dass die sich in letzter Zeit häufenden konzertanten Aufführungen echten „Gesamtkunstwerklern“ ein Dorn im Auge sind; der Reiz jedoch, sich bei einer derartigen Wiedergabe voll auf die Musik konzentrieren zu können, ist nicht von der Hand zu weisen. Und der gute Richard Wagner, der ja in diesem Gedenkjahr auch reichlich zu konzertanten Ehren kam, hat m. E. nicht recht gehabt, als er meinte, man könne doch Musik unmöglich „sehen“ wollen – weshalb er sein unsichtbares Orchester erfand. Meine Begeisterung über die Bayreuther Orchester-Akustik ist ungebrochen, aber – ich „sehe“ auch ganz gern mal Musik, das war in Augsburg schon bei „Intolleranza“ sehr spannend und das Musikerlebnis fördernd, hier bei Verdi war es nicht weniger interessant, das Orchester einen Opernabend lang auch beobachten zu können. Das Eine schließt das Andere nicht aus, erst recht dann nicht, wenn so überzeugend musiziert wird, wie in Augsburg. Deshalb soll auch an erster Stelle die Leistung des Orchesters gewürdigt werden, die dieser Verdi-Partitur voll gerecht wurden. Und es hat eben einen besonderen Reiz, wenn man beispielsweise die Streicher auch „sieht“, wenn sie die heiklen Terzentriller im Vorspiel zum 1. Akt spielen, wenn man die Zwiesprache zwischen Streichern und Holzbläsern nicht nur hört. Die Augsburger Philharmoniker waren einmal mehr in Bestform und bildeten ganz wesentlich unter der Leitung des sehr umsichtig und mit echtem Brio dirigierenden Lancelot Fuhry das Fundament des Abends. Ebenso erwiesen sich Opernchor und Extrachor der Aufgaben optimal gewachsen, erneut glänzend vorbereitet von Chordirektorin Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek.

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Chor und Extrachor des Theaters Augsburg, Augsburger Philharmoniker, (v.l.n.r.): Ji-Woon Kim, Sally du Randt, Lancelot Fuhry, Dong-Hwan Lee und Vladislav Solodyagin – Foto: Theater Augsburg / Nik Schölzel

Zum Ereignis freilich wird der – italienisch gesungene – Abend durch die Leistungen der Sänger, Augsburg kann hier im eigenen Hause aus dem Vollen schöpfen: fünf Solisten von außerordentlicher Qualität machen den Abend zum Ereignis, jeder auf seine Weise ein Meister des betreffenden Faches und somit wird eine Homogenität im Sängerischen erreicht, die ihresgleichen sucht. Dass aktuell der frisch gekürte Gewinner des diesjäh-rigen internationalen Belvedere-Gesangswettbewerbes vom Theater in besonderer Weise publizistisch hervorgehoben wird, ist verständlich, angesichts der anderen Sänger aber ungerecht. Dong-Hwan Lee verfügt natürlich über ein großes, sehr metallisches Organ, das technisch sicher geführt wird und ist somit für den Simon prädestiniert. Zu Recht wurde er vom Publikum gefeiert; dennoch wäre dem jungen Sänger zu wünschen, dass Differenziertheit der Gestaltung und besonders Wärme der Empfindung noch stärker zur Geltung kämen, das würde sein überwältigendes „Material“ ganz sicher bereichern. Insofern könnte sein Bariton-Kollege Stephen Owen (Paolo Albiani) als Vorbild dienen: was dieser gestandene Sänger an Zwischentönen, musikalischer Souveränität und Schärfe der Diktion bietet, ist geradezu bewundernswert, einer, der die Früchte einer langen und vielseitigen Sängerkarriere mit Genuss ernten kann. Ji-Woon Kim überzeugte als Gabriele Adorno erneut, ein Tenor bester Qualität und ein musikalisch sicherer Gestalter, auch er durch viele Aufgaben gereift und dementsprechend überzeugend. Auffallend, dass sowohl Owen als auch Kim gänzlich ohne gestische Zutaten auskamen und ihre Überzeugungskraft allein aus dem Musikalischen schöpften. Schließlich Vladislav Solodyagin, der als Jacopo Fiesco zunächst einmal seinen profunden Bass überwältigend zur Geltung bringen konnte, ausgeglichen in den Lagen, sicher und immer aktiv, leider zu oft zur „Darstellung“ neigend. Der Kreis schließt sich mit Sally du Randt, die als Maria/Amelia Grimaldi mit einer Beseeltheit und Wärme, mit einem vorzüglichen Legato und einem nuancenreichen Ausdrucksspektrum singt, die (musikalisch vorzüglich vorbereitet, wie immer) mit Sicherheit die großen Ensembles führt und gestalterisch aus einer großen Bühnenerfahrung schöpfen kann. (Sie übrigens gewann jenen Belvedere-Wettbewerb 1994, was deshalb erwähnt werden muss, weil ein Wettbewerb für einen jungen Sänger eine wichtige Station und auch ein verdienter Erfolg sein kann, die Kontinuität einer langjährigen Entwicklung aber den eigentlichen Erfolg ausmacht, wie sie oft bewiesen hat.) Nein, dieses Ensemble ist an Homogenität auch an größeren Häusern kaum zu überbieten, Augsburg kann sich glücklich schätzen, diese großartigen fünf Solisten sein eigen zu nennen. Klasse erweist sich an Klassik – hier wurde dieser Satz erneut bewiesen.

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Sally du Randt, Lancelot Fuhry, Dong-Hwan Lee und die Augsburger
Philharmoniker – Foto: Theater Augsburg / Nik Schölzel

 In den drei kleinen Partien waren die Mitglieder des Chores Maria Theresia Jacob (Dienerin Amelias), Markus Hauser (Pietro) und Alexander Yagudin (Hauptmann der Bogenschützen) zuverlässige Helfer dieses großen Abends.

Sehr überzeugend war beim gesamten Abend, dass der Terminus „konzertante Aufführung“ weitgehend ernst genommen und nicht durch pseudo-dramatische Scheinaktionen aufgeweicht wurde. Man durfte sich der wunderschönen Musik dieses Meisterwerks hingeben, ein Werk, das dem späten Verdi des „Carlos“, der „Aida“ und des „Otello“ näher steht, als den Werken der mittleren Schaffenszeit, in der es ursprünglich entstanden ist.

Großer Jubel am Schluss, hinfahren, anhören – es lohnt sich.

Werner P. Seiferth

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