Der Neue Merker

ATHENS & EPIDAUROS FESTIVAL/ Perairos 260 B: RICHARD III – Table Shop Shakespeare

Athens & Epidauros Festival

Peiraios 260 B

Table Top Shakespeare: Richard III.

Besuchte Vorstellung am 5. Juni 2017

 Shakespeare für Dummies

 Das britische Performance-Kollektiv Forced Entertainment hatte sich zum Shakespeare-Jubiläum im vergangenen Jahr dem Gesamtwerk des Dramatikers angenommen. Unter dem Titel „Complete Works: Table Top Shakespeare“ werden die Stücke in 45-minütigen Kurzfassungen nacherzählt und vom Erzähler auf einem Tisch auch gleich nachgespielt. Simple Gegenstände aus dem Haushaltsschrank markieren dabei die Figuren der Handlung. Eine Tube Zahnpasta, ein Deodorant, ein Dosenverschluss oder eine Tasse: Alles lässt sich für das Tischspiel nutzen. Die Bühnensituation im Ganzen ist ebenso einfach und standartisiert. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mikrophon und Regale mit einer Vielzahl an Haushaltsgegenständen. Shakespeare hat, so scheint es, in jeder Wohnung Platz. Ein nicht uncharmanter Gedanke.

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 „Richard III.“ wird von Nicki Hobday erzählt und auf den Tisch gebracht. Die ausführliche Erzählung der Handlung bringt die komplexe Figurenkonstellation einigermassen verständlich über die Rampe. Hobdays Stimme hat einen guten Ton, bleibt aber etwas monoton. Ihr Agieren auf dem Tisch erzielt bedauerlicherweise keine magischen Momente, nur ab und zu ein wenig Gelächter im Publikum. Man hört Hobdays Sprechen zu und bemüht sich, der Handlung zu folgen: Mehr ereignet sich da nicht. So ziehen sich leider auch 45 Minuten in die Länge. Keine Frage, auch das Gerüst eines Dramas von Shakespeare verdient Interesse und jede Erläuterung dessen stellt eine Interpretation dar, die von Fall zu Fall auch von Interesse sein kann – andere Teile des Forced Entertainment-Zyklus mögen vielleicht tatsächlich auf- und anregend sein. Im Fall von „Richard III.“ erzeugt das Verschieben der Haushaltsgegenstände auf dem Tisch allerdings keine bemerkenswerte theatrale Energie. So stellt man sich die Frage, ob es wirklich eine so gute Idee ist, den Dichter seiner Sprache und damit auch seiner Komplexität zu berauben und den Bösewicht Richard nur als dürres Handlungsgerippe zu präsentieren. Die Reduktion, welche diese Form der Theatralisierung vornimmt, gleicht eher einer Einführung denn einer differenzierten Exegese. Man könnte dieses Format – auf den Titel einer Buchreihe zurückgreifend – auch mit Shakespeare für Dummies betiteln. Das soll die „Complete Works: Table Top Shakespeare“ keineswegs verdammen, sondern lediglich auf das bestimmende Moment der Vereinfachung hinweisen. Manchem mag so etwas als Einstieg in die Shakespearewelten dienen. Das wäre ein nicht geringer Verdienst. Andere langweilt so eine Performance.

Ingo Starz

 

Ingo Starz

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