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ATHEN/Athens & Epidauros Festival Kulturzentrum Bios Tesla: SWEET FEVER von Pere Faura. Disko Lektionen

Athens & Epidauros Festival im Kulturzentrum Bios Tesla

SWEET FEVER
Besuchte Vorstellung am 17. Juli 2017

Disko-Lektionen

Bildergebnis für athens and epidaurus festival sweet Fever
Copyright: Athens & Epidauros-Festival

Das Tanzstück „Sweet Fever“ des 1980 in Barcelona geborenen Choreografen Pere Faura ist in der Beschreibung des Machers ein einziger „Loop, der auf einer einzelnen tänzerischen Phrase basiert, der ikonischen Tanznummer ‚Fever Night‘ „. Diese Gruppenchoreografie stammt aus dem amerikanischen Film „Saturday Night Fever“ aus dem Jahr 1977, welcher der Diskomusik ein Denkmal setzte und dem Hauptdarsteller John Travolta zu Weltruhm verhalf. Was Pere Faura nun mit dieser Filmsequenz macht, ist nicht einfach ein Reenactment und eine vielfache Wiederholung desselben. Ea ist viel eher ein Kommentar zur Zeit, eine Reflexion über Tanz und nicht zuletzt eine interaktive Tanzskulptur. Das Publikum wird animiert, sich dem Tanz der Laien, die das Stück in vier Tagen einstudiert haben, anzuschliessen. Darum findet „Sweet Fever“ auch an einem Ort statt, im Kulturzentrum Bios Tesla, welches neben Theater auch Konzert- und Tanzveranstaltungen beherbergt.

Wenn die Musik einsetzt, bleibt die Bühne erst einmal leer, weil die Tanzenden sich unauffällig unter das Publikum mischen. Die Zuschauer werden umtanzt und immerhin ein paar von ihnen geraten in leichte tänzerische Bewegung. Es ist auch angesichts der körperlichen Nähe der Akteure kaum möglich, nur still dazustehen. Später verlagert sich das Geschehen auf die kleine Bühne, wo dann auch die Gruppendynamik des Tanzes besser sichtbar und erlebbar wird. Es bleibt an diesem Abend aber nicht allein beim tänzerischen Element. Auf der Rückwand der Bühne läuft permanent eine Projektion, die das Geschehen in einen weiteren Kontext einbettet und als Moment der Analyse verstanden werden kann. Wir sehen Arbeiter, die die Fabrik verlassen, Menschen, die auf der Strasse zusammenlaufen, Protestierende, dann aber auch aufmarschierende Soldaten und Gleichschritt. Das sind Bilder, die die rebellische Geste des Diskotanzes hinterfragen. Dies wird umso mehr deutlich, wenn die Tänzerinnen und Tänzer zu Plakaten greifen, auf denen etwa mehr Choreografie statt Krieg gefordert wird. Die Plakate werden gleich darauf an die Zuschauer weitergereicht, deren Protestwille aber beschränkt scheint. Der kritische und gleichzeitig amüsante Blick auf das Massenvergnügen macht eine gute Wirkung, auch wenn einen das Nachdenken über die zu sehenden Ornamente der Masse eher vom Tanzen abhält. Das ist ein wenig schade, da die Show ziemlich überzeugend konzipiert ist. Disko mit Tiefgang sozusagen.

Die aufgebotene Schar an Laientänzern erfüllt ihre Aufgabe mit beherztem Einsatz, viel Drive und einigem Charme. Das allein verdient grossen Respekt. Jordi Queralt, der als Ko-Choreograf und Lichtdesigner fungiert, Amaranta Velarde, die für die DJ Session verantwortlich ist, die Dramaturgin Esteve Soler sowie der Videodesigner Joan Escofet tragen dazu bei, dass Pere Fauras Tanzstück sehr lebendig zur Aufführung gelangt. Man bedauert, und dies ist wohl ein gutes Zeichen, dass das Spektakel nur eine Stunde dauert. Am Schluss gibt es viel Beifall für alle Beteiligten.

Ingo Starz

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