Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre: THE GREAT TAMER – Donauwalzer rekonstruiert

Onassis Cultural Centre, Athen: The Great Tamer

Besuchte Vorstellung am 31. Mai 2017

 Donauwalzer dekonstruiert

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Copyright: Julian Mommert

Mehr Fotos: http://m.lifo.gr/now/culture/144528

 Das Onassis Culture Centre präsentiert zusammen mit acht internationalen Koproduzenten die neueste Arbeit des renommierten Choreografen und Theaterkünstlers Dimitris Papaioannou. Der 1964 geborene Grieche wurde über sein Heimatland hinaus bekannt, als er die Eröffnungszeremonie für die Olympischen Spiele 2004 in Athen in Szene setzte. Das griechische Publikum eroberte er seit den 1990er Jahren mit Aufführungen des von ihm mitbegründeten Edafos Dance Theatre. Seine „Medea“-Produktion aus dem Jahr 1993 nimmt eine Schlüsselrolle ein. Seine Arbeiten verbinden Elemente verschiedener künstlerischen Formen, wobei der bildenden Kunst eine nicht geringe Bedeutung zukommt. Immerhin war der Künstler einst Student an der Hochschule der Bildenden Künste in Athen. Sein Tanztheater ist also eines der starken Bilder.

 Mit „The Great Tamer“ – „Der grosse Dompteur“ – begibt sich Papaioannou auf Spurensuche zu den verborgenen Schichten der menschlichen Existenz. Er möchte gleich einem Archäologen in den tieferen Sinn des Lebens vordringen. So zeigt er nicht zufällig in seiner aktuellen Arbeit repetitiv Vorgänge des Verbergens und Enthüllens, die bekanntermassen in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen. Der skulptural anmutende, mit Kunststoffplatten ausgelegte Bühnenraum von Tina Tzoka und die schwarzen Kostüme von Aggelos Mendis unterstützen diese Prozesse, indem sie nackte Körper resp. Körperteile verschwinden oder auftauchen lassen. Wie der Choreograf mit Materialien umgeht – man denke an als Ähren gestaltete Pfeile oder dem auf einem Globus knienden und jonglierenden Tänzer – macht durchaus Eindruck. Licht und Sound sind von Evina Vassilakopoulou, Giorgos Poulios und Kostas Michopoulos excellent eingerichtet. Die Entscheidung, Johann Strauss‘ Walzer „An der schönen blauen Donau“ in dekonstruierter Form (Stephanos Droussiotis) zur Musik des Abends zu machen, mag von Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey“ inspiriert sein. Immerhin taucht auch bei Papaioannou ein Astronaut auf – neben figürlichen Anmutungen aus der Kunstgeschichte wie Mantegnas berühmtem Leichnam Christi oder Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“. Und der Zentaur – für einen solchen wollen wir das Bild halten -, der sich aus drei Tänzerkörpern formt macht tatsächlich grosse Wirkung. Das Problem von „The Great Tamer“ ist darum nicht der Mangel an starken Bildern, sondern das auffällige Fehlen von Bewegungsfluss. Der Abend springt von Bild zu Bild, oft ohne energetischen wie logisch nachvollziehbaren Grund. Dabei sollte der Theaterkünstler wissen, dass auch das imaginäre Archiv unserer Innenwelten eine gewisse Ordnung braucht, um verstanden zu werden. Begleitet von quälend langsam erklingenden Musikfetzen des Donauwalzers versinkt man als Zuschauer mehr als einmal in ratloser Langeweile.

 Etwas ärgerlich ist zudem, dass man beständig das Gefühl hat, das Potential des zehnköpfigen Ensembles werde nicht ausgeschöpft. Was auf der Bühne mehr zur Schau gestellt als in Bewegung gebracht wird, verdient nämlich Anerkennung: Pavlina Andriopoulou, Costas Chrysafidis, Ektor Liatsos, Ioannis Michos, Evangelia Randou, Kalliopi Simou, Drossos Skotis, Christos Strinopoulos, Yorgos Tsiantoulas und Alex Vangelis zeigen allesamt erstklassige Leistungen. Bedauerlich, dass Dimitris Papaioannou es mit „The Great Tamer“ nicht vermag, Bilder, Körper und Materialien zu einer sinnstiftenden, fliessend bewegten Geschichte zu verbinden. Das Publikum dankt mit höflichem Beifall und wenigen Bravorufen.

 Ingo Starz

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