Der Neue Merker

ATHEN – Onassis Cultural Centre: OBEN UND UNTEN – EIN MÖRDER IN ATHEN von Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali

Onassis Cultural Centre, Athen

Oben und unten – Ein Mörder in Athen

Besuchte Vorstellung am 6. Januar 2017

 Das Publikum sucht einen Mörder

Masterclass by Syllas Tzoumerkas and Youla Boudali
Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali. Foto: Onassis Cultural Centre

 Auf deutschsprachigen Bühnen haben Roman- und Filmhandlungen schon lange Hochkonjunktur. Und dabei kann es bisweilen ziemlich trashig zu- und hergehen. So ist man kaum überrascht, dass sich für die jüngste Schauspielinszenierung am Onassis Cultural Centre, wo griechische und internationale Produktionen gezeigt werden, ein Filmmann und eine Theaterfrau zusammengefunden haben, Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali. Sie haben einen Stoff gewählt, der als Roman und als Film vorliegt: „King’s Lösegeld“. Das Buch von Ed McBain erlangte durch seine Verfilmung Berühmtheit – Akira Kurosawas Film „Zwischen Himmel und Hölle“ von 1963 ist ein Klassiker. In beiden Werken geht es um eine Kindsentführung aus dem Haus eines Managers. Da versehentlich der Sohn des Chauffeurs gekidnappt wird, gerät der Manager in Gewissensnöte. Er bezahlt schliesslich das hohe Lösegeld, was ihn zum Helden macht, aber auch seinen sozialen Abstieg nach sich zieht. Auf der anderen Seite steht der Entführer, der es gewohnt ist, aus den Niederungen des Elendsviertels auf den Hügel der Reichen zu schauen. Die erlebte Diskrepanz ist der Grund für seine Tat, wie er dem Manager in einem letzten Gespräch vor seiner Hinrichtung darzulegen versucht. Das ist fraglos ein psychologisch ergiebiger Stoff, der Eignung für die Bühne aufweist.

 Tzoumerkas und Boudali haben sich für eine Zweiteilung des Abends entschieden. Erst verfolgt man die Entführungsgeschichte auf der Kleinen Bühne, dann folgt man den Schauspieler auf einem Rundgang durchs Haus und die nähere Nachbarschaft. Leider entwickelt sich der erste Teil zu einem recht zähen Kammerspiel, das in seiner Anlage nicht überzeugen kann. Die Überzeichnung resp. Verfremdung des Spiels ist deutlich, aber nicht auf den Punkt gebracht. Eine psychologische Durchdringung der Figuren war, möchte man aufgrund des zu Sehenden annehmen, wohl nicht gefragt. Die schauspielerischen Leistungen sind dabei eher mässig, so dass keine wirkliche Spannung aufkommt. Die auf die Bühne gesetzte Luxuswohnung des Managers in einem Hochhaus (der Blick aus dem Fenster zeigt die Umgebung des Onassis Cultural Centre) ist immerhin schön anzuschauen (Bühnenbild: Konstantinos Zamanis). Die Kostüme von Marli Aleiferi lassen japanische und westliche Kleidermode aufeinanderprallen. Musik und Sound von George Konstantinidis tragen zur Strukturierung des Geschehens bei. Entschieden interessanter wird es, wenn wir den Zuschauerraum der Kleinen Bühne verlassen. Die Schauspieler und das Hauspersonal führen das Publikum nun vom fünften Stock nach unten, wobei jede Etage szenisch bespielt wird. Zu erleben ist der Abstiegskampf des Managers und seiner Frau, aber auch die Geschichte des Chauffeurs. Das Stationendrama geht schliesslich im Aussenraum weiter, wo etwa ein leerstehendes Ladengeschäft zum Nachtclub hergerichtet wurde. Man erlebt den Entführer nun als Mörder und am Schluss als Verurteilten.

 Der Aufwand, den diese Produktion betreibt, ist erheblich und macht durchaus Eindruck. Bedauerlichweise hinkt die Qualität der Darbietung demgegenüber hinterher. Sicher, Haris Attonis als Chauffeur kann mit seiner Wandlungsfähigkeit überzeugen, Youla Boudalis Spiel gewinnt im Laufe des Abends an Facetten und Thanassis Dovris liefert als Entführer eine starke Leistung ab – gleichwohl reicht das nicht, um der Aufführung ausreichend Spannung für drei pausenlose Stunden zu geben. Den übrigen Schauspielern ist für ihren unbedingten Einsatz zu danken: Konstantinos Voudouris, Pavlos Iordanopoulos, Romanos Kalokyris, Makis Papadimitriou und Thanos Tokakis. Ein paar starke Bilder gelingen dem Regieteam, etwa der erste Auftritt des Kidnappers im japanischen Kostüm im Freien, zu viele geraten aber nur nett und harmlos, was immer zu wenig ist. So kommt man am Ende der (zu) langen Aufführung zum Fazit, dass man einen streckenweise interessanten, aber keinen hochklassigen Theaterabend miterlebt hat.

 Ingo Starz

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