Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre: HEARING Amir Reza Koohestani

Onassis Cultural Centre, Athen: HEARING Amir Reza Koohestani

Besuchte Vorstellung am 29. April 2017

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Frauen unter Beobachtung

 Die Theaterstücke von Amir Reza Koohestani waren in den letzten Jahren häufiger auf europäischen Bühnen zu sehen. Der Autor und Regisseur bietet in seinen Werken beklemmende Einblicke in den Alltag der iranischen Gesellschaft. Er macht sich dabei einen ‚investigativen‘ Arbeits- und Dialogstil zunutze, der den Figuren seiner Dramen eine beinahe dokumentarische Glaubwürdigkeit verleiht. Das Setting ist stets auf Formen des Berichterstattens fokussiert und erinnert nicht zufällig an Ästhetiken des Films. Bevor der Iraner zum Theater fand, belegte er nämlich Filmkurse und schuf zwei unvollendete Filme. Hatte er sich in seinen vorigen Stücken den Beziehungen zwischen den Geschlechtern gewidmet, so nimmt Koohestani nun in „Hearing“ die Position des Aussenseiters ein, der Einblick gewährt in das iranische Frauenleben. Das Drama entstand während einer Residenz an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart (2014/15).

 Der Ort des Geschehens ist ein Wohnheim iranischer Studentinnen. Dort wurde die Stimme eines Mannes gehört, den anscheinend niemand zu sehen bekam. Da aber jemand den Vorfall zu Bericht gab, führt diejenige, welche sozusagen die Schlüsselgewalt über das Wohnheim ausübt, eine Anhörung durch. Die Zuschauer werden zu Zeugen dieses Verhörs, das teils inquisitorische Züge annimmt und so verdeutlicht, wie stark der gesellschaftliche und politische Druck auf die Frauen ist. Es ist höchst eindrücklich mitzuerleben – gleichsam als Teilnehmer an einem Tribunal -, wie sich die unterdrückten Frauen einander misstrauen, wie Wahrheiten nur langsam ans Licht kommen und sich eine Sprache für Erfahrungen von Liebe, Schwangerschaft und Kindestod zu entwickeln beginnt. Dieser Prozess der kommunikativen Öffnung geht einher mit einer Wiederholung des Fragerituals. Das Spiel endet kurz nach Beginn des dritten Durchlaufs: So wird veranschaulicht, dass das Fragen weitergeht, weil die Situation der Unterdrückung anhält, und immer neue Antworten zu Tage fördert.

 Amir Reza Koohestani hat mit der Mehr Theatre Group sein Stück selbst in Szene gesetzt und mit Golnaz Bashiri das Bühnenbild geschaffen, das nur eine weisse Wand im Hintergrund vorsieht, wo gelegentlich Videoprojektionen (Ali Shirkhodaei), welche die Frauen ausserhalb des Verhörraums zeigen, zu sehen sind. Die Frau, welche die anderen verhört, sitzt im Zuschauerraum. Das Publikum ist also gleichsam in das Geschehen involviert. Mona Ahmadi, Ainaz Azarhoush, Elham Korda und Mahin Sadri sind die Akteurinnen in diesem Spiel über das geheime wie beobachtete Leben junger Frauen im Iran. Sie geben dem Verhör eindrucksvolle Präsenz und Dringlichkeit. Das Publikum spendet anhaltenden, starken Beifall.

 Ingo Starz

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