Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre, Hafengebäude in Piräus: SANCTUARY – Theaterprojekt von Brett Bailey. Kunst versus Realität

Onassis Cultural Centre, Athen / Hafengebäude in Piräus: SANCTARY – Theaterprojekt von Brett Bailey

Sanctuary

Besuchte Vorstellung am 5. Mai

 Kunst versus Realität

Sanctuary_MG_2941_1@Andreas-Sinopoulos
Copyright: Andreas Sinopoulos

 Die Flüchtlingsthematik ist nicht nur ein zentrales Thema europäischer Politik – und muss es sein -, sondern auch Gegenstand zahlreicher künstlerischer Projekte. Das Fast Forward Festival des Onassis Cultural Centre macht derzeit die Hafenstadt Piräus zum Objekt künstlerischer Forschung. Dabei geht es um die Geschichte des Orts, um dessen sozio-kulturelle Identität und insbesondere um Migration und Flüchtlinge. Bekanntermassen ist Piräus ein zentraler Ankunftsort von geflüchteten Menschen. Der Südafrikaner Brett Bailey hat sich eine Lagerhalle im Hafengebiet für sein neues Theaterprojekt „Sanctuary“ ausgewählt. Der Titel verweist darauf, dass antike Heiligtümer immer auch Asylorte waren und dass es solcher schützender Heime bedarf. Und diese meinen wahrlich etwas anderes als die trostlos anmutenden Flüchtlingslager unserer Tage. Die vielfachen Absperrungen auf dem Gelände, die Verlassenheit desselben am Abend und die schiere Weite des Industrieareals in Piräus vermitteln nun freilich eben diese beklemmende, beinahe unmenschliche Atmosphäre eines Lagers.

 Leider verliert sich die vom Ort des Geschehens suggerierte Stimmung im Inneren der Lagerhalle rasch. Angeregt durch den Mythos von Minotaurus haben der Regisseur Brett Bailey und sein Team (Eyad Houssami, Manolis Manousakis, Colin Legras und Catherine Henegan) den Aufführungsparcours als Labyrinth angelegt, welcher mit seinen Absperrgittern ganz explizit an ein Flüchtlingslager erinnert. Unterteilt in Akte und Szenen, werden die Geschichten darin gleich einem Stationendrama erzählt. Die Akteure sind dabei nicht alle und nicht ausschliesslich Schauspieler. Die acht Beteiligten sind der Student und Aktivist Karam Al Kafri, der Fluchthelfer und Dolmetscher Magd Asaad, die Tänzerin und Performerin Sandrella Dakdouk, die Aktivistin Françoise Hémy, der Künstler und Performer Muna Mussie, der Dolmetscher und Performer Ian Robert, der Schauspieler und Performer Nidal Sultan sowie der Student, Theaterpädagoge und Aktivist Lionel Tomm. Gegen die erzählten Geschichten, welche die Welt innerhalb und ausserhalb des Flüchtlingslagers spiegeln, ist nichts einzuwenden. Die Erzählungen von einem Vater, der sein Kind in eine bessere Zukunft führen will, von einem jungen Mann, der seinen getöteten Bruder betrauert, oder von einer französischen Rentnerin, die Le Pen bewundert, treffen zentrale Aspekte des Themas.  Problematisch ist freilich die ästhetische Setzung, die hochgradig artifizielle Transformation der Realität in einen Schauraum.

 Die kunstvoll arrangierten, mit einem bedeutungsschwangeren Sound unterlegten Bilder gerinnen zu Museumsobjekten, die man beschauen und bestaunen kann, welche einem aber kaum mehr zu einer grösseren Gefühlsregung veranlassen. Das hochbrisante Thema wirkt wie entschärft, die Akteure muten wie Gefangene an in einer von medial produzierten Bildern geformten Welt. Letzteres klingt leider interessanter als es ist, da die Energie der Performer von der Last allzu bekannter Bilder rasch niedergedrückt wird. Der gleichmässige Ton und Rhythmus der Inszenierung mag dem Gedanken eines ‚Sanctuary‘ entsprechen, unterstützt aber eben auch die Musealisierung. Hinzu kommt, dass nicht alle Erzählungen zu überzeugen vermögen. Diejenige von einem jungen Rechtsextremen aus Deutschland wirkt etwas uninspiriert, hölzern und klischeehaft. Die artifizielle Gestimmtheit der Szenen, dies muss nach der Athener Uraufführung gesagt werden, wendet sich in seltsamer Weise gegen die aufklärerische Absicht ihrer Schöpfer. Es bleibt zu wünschen, das im Laufe weiterer Aufführungen an anderen Orten eine Entwicklung hin zu weniger Künstlichkeit und mehr Bodenhaftung im Spielprozess stattfinden wird. Dann könnte es tatsächlich spannend werden.

 Ingo Starz

 

Diese Seite drucken