Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre: DAS BUCH DER UNRUHE von Michel Van der Aa

Onassis Cultural Centre, Athen: „Das Buch der Unruhe“ von Michel Van der Aa
Besuchte Vorstellung am 16. Dezember 2017

Die neue Musik bestreitet oft ungewöhnliche Wege und erweitert beständig das Spektrum an Aufführungsästhetiken und -formen. Musiktheater kann dabei experimentelle Züge annehmen, so dass dessen Werke nurmehr partiell der tradierten Form der Oper ähnlich erscheinen. Das Athener Onassis Cultural Centre öffnet einmal mehr der Neuen Musik das Haus und bringt mit einigem Aufwand das 2008 uraufgeführte Stück „Das Buch der Unruhe“ von Michel van der Aa auf die Bühne. Dabei handelt es sich um ein Werk des Musiktheaters für einen Schauspieler, Ensemble und Film. Das Ganze basiert auf Fernando Pessoas grossartigem, gleichnamigem Roman. Der Schauspieler spricht den Text, der dem Buch entstammt, auf Griechisch, der portugiesische Film ist um griechische Übertitel ergänzt.

Diese Art des Musiktheaters hat ganz klar den Anspruch, ein Gesamtkunstwerk zu sein. So überrascht es kaum, dass Michel van der Aa nicht nur als Komponist, sondern auch als Regisseur von Film und Bühne in Erscheinung tritt. Pessoas Opus Magnum, das vom Hilfsbuchhalter Bernard Soares, welcher es sich an seinem „Schreibtisch bequem wie an einem Bollwerk gegen das Leben“ macht, erzählt, gewinnt im Werk van der Aas eine immer wieder überraschende Vielschichtigkeit, gerade weil Text, Musik und Bild in durchaus freier Weise interagieren. Die eher streicherbetonte Klangwelt lotet dabei die emotionale Befindlichkeit der Romanfigur aus und macht auch so etwas wie beständige Unruhe erfahrbar – Unruhe als Grunderfahrung und Metapher der Moderne. Im Film entfaltet sich die Phantasie des Buchhalters, zeigen sich dessen gegen die Realität aufbegehrende Bildwelten. Die runden Projektionsflächen auf der Bühne gleichen Augen wie Türspionen, Mittlern zwischen Innen- und Aussenwelt. Der Schauspieler Miltiadis Fiorentzis gibt dem Bernard Soares die passende melancholische Gestimmtheit, wenn er am Schreibtisch sitzend oder Papiere auf dem Boden auslegend als Akteur in Erscheinung tritt. Aus dem Filmcast ist Ana Moura hervorzuheben, welche Ophelia, eine Fadosängerin, darstellt. Sie nimmt eindrücklich die Rolle der unerreichbaren Geliebten ein. Daneben ist darauf hinzuweisen, wie gekonnt der Film Lissabon als labyrinthisch-phantastischen Raum zu zeigen vermag: Beschriebenes Papier, realer Raum und kurz auftauchende Figuren schaffen einen dichten atmosphärischen, imaginativen Kosmos. Die Musik von Michel van der Aa könnte dagegen etwas mutiger und experimenteller daherkommen. Eine musikalische Szene immerhin macht starken Eindruck, als nämlich der Perkussionist auf der Bühne einen grossen Metallreifen schĺägt und Fiorentzis dazu agiert. Das Ergon Ensemble bietet unter der Leitung von Kasper de Roo eine sehr gute Leistung. Das interessante Musiktheaterwerk erlebt somit eine in allen Belangen gelungene Realisation. Die Beteiligten werden mit starkem Beifall bedacht.

Ingo Starz

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