Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre: DÄMONEN von Fjodor Dostojewski

Onassis Cultural Centre, Athen
Dämonen
Besuchte Vorstellung am 3. Dezember 2017

Anarchistisches Chaos, faschistische Ordnung

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Foto: Stavros Habakis

Der russische Theaterregisseur Konstantin Bogomolov hat in den letzten Jahren weit über seine Heimat hinaus für Furore gesorgt. Seine Beschäftigung mit zentralen Werken des Repertoires – etwa Shakespeares „König Lear“ oder Tschechows „Die Möwe“ – und Romanen der Weltliteratur war stets durch eine radikale Sichtweise geprägt, die unsere Gegenwart zur Hauptreferenz machte. Im Athener Onassis Cultural Centre konnte man im vergangenen Winter als Gastspiel aus Moskau Bogomolovs fünfstündige Version von Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ als faszinierende Studie über Machtverhältnisse bewundern. Nun kehrte der Russe als Artist in Residence zurück und brachte mit einem griechischen Ensemble Dostojewskis „Dämonen“ auf die Bühne.

Der Roman „Die Dämonen“ oder „Böse Geister“ (Swetlana Geier) beschreibt die politische Gemengelage im vorrevolutionären Russland des späten 19. Jahrhunderts. Mittels unterschiedlicher Charaktere lässt er verschiedene ideologische Strömungen aufeinanderprallen – Nihilismus, Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus. Unter den Gestalten der Handlung erkennt das moderne Auge Revolutionäre wie Propheten, Terroristen wie Faschisten. Der oft einem philosophischen Diskurs nahekommende Roman erweist sich gerade in unseren Tagen als eminent aktuell. Bogomolov hat sich mit Vehemenz auf diesen Diskurs eingelassen, was schon seine Sätze im Programmheft deutlich machen: „Das Ziel von Kunst – Werte in Frage zu stellen. […] Je heftiger die Auseinandersetzung, desto stärker der erreichte Effekt. Die Werte werden alledem standhalten und dem Betrachter umso mehr als frisch, neu und real erscheinen.“

In der Tat ist das, was der russische Regisseur in zwei Stunden als Dostojewski-Exegese auf die Bühne bringt, mehr ein philosophischer Essay denn eine Handlung. Dieser Essay weist aber dank grossartiger Bilder und einem starken Ensemble einen Furor und theatrale Kraft auf, wie man es nicht oft im Theater zu sehen bekommt. Larisa Lomakina hat für diesen Abend einen ebenso simplen wie unheimlichen szenischen Ort geschaffen: eine metallene Box, eine Art Archivraum der Weltanschauungen, mehr Todeszelle als Lebensraum. Bogomolovs Ideologiekritik entblösst alle Figuren, vom Attentäter bis zum Priester, und schält gekonnt die Werte hinter den Ideologien heraus. Dabei kann in der einen Figur des Muslims der Isis-Kämpfer anklingen oder an anderer Stelle der orthodoxe Priester als Kotfresser – und somit als Anhänger des Gewesenen – gezeigt werden. Alle Bilder machen im Diskursrahmen des Werks resp. des Romans Sinn. Die Figur des Pjotr Stepanowitsch Werchowenskij sticht als Intrigant und Strippenzieher besonders heraus. Bogomolov erkennt in ihm einen Faschisten und zeigt ihn schliesslich auch in Nazi-Uniform. Antonis Myriagos spielt diesen Pjotr ganz grossartig. Ob es allerdings des Schriftzuges „Ausgangschwitz“ bedurft hätte, um das vernichtende Wirken der Figur zu beschreiben, sei leise in Zweifel gezogen. Man nimmt auch so wahr, wohin das blinde Vertrauen an jegliche Ideologie führt – in Tod und Verderben und ins Nichts. Neben Myriagos stehen Chrysa Kougioumtzi, Elena Meggreli, Aris Balis, Dimitris Xanthopoulos, Maria Panourgia, Yiannis Papadopoulos, Elena Topalidou, Aineias Tsamatis und Miltiadis Fiorentzis auf der Bühne. Alle Darstellerinnen und Darsteller tragen zum überzeugenden Eindruck der Produktion bei, die mit ihrer Ideenfülle besticht. Dem kurzen Applaus nach zu schliessen, war das Publikum etwas verstört und ratlos. Bogomolov dürfte dies gefallen.

Ingo Starz

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