Der Neue Merker

ATHEN/ Onassis Cultural Centre/ auf dem Syntagma-Platz: PHOBIARAMA von Dries Verhoeven. Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

Onassis Cultural Centre, Athen

Auf dem Syntagma Platz: Phobiarama

Besuchte Vorstellung am 12. Mai 2017

 Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

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Copyright: Cultural Centre

 In Europa geht die Angst um. Die Bewohner des Kontinents, der einst grosse Teile der Welt kolonisiert hat, werden von diffusen Ängsten, wie Überfremdung, sozialem Abstieg oder kulturellem Identitätsverlust geplagt. Rechtsextreme Parteien nutzen die allgemeine Verunsicherung für ihre Zwecke. Und Künstler halten uns allerorten den Spiegel vor, um die sich allerorten ausbreitenden Phobien zu hinterfragen. Im Rahmen des vom Onassis Cultural Centre organisierten Fast Forward Festivals errichtet nun der auf performative Aktionen im urbanen Raum spezialisierte Künstler Dries Verhoeven auf dem Athener Syntagma Platz ein Phobiarama: eine Geisterbahn für europäische Angstbürger.

 Der schwarze Zeltbau funktioniert im Inneren tatsächlich ganz ähnlich einer Achterbahn. Die Zuschauer sitzen zu zweit in Wagen, die auf Schienen gesetzt und in einem sich schlängelnden Rund geführt werden. Was in den rund 45 Minuten der Fahrt passiert, folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie. Erst hört man bei langsamer Vorwärtsbewegung Ausschnitte aus Reden europäischer Politiker von Le Pen bis Schäuble, begleitet von flimmernden Bildschirmen. Dann tauchen seltsame Gestalten leibhaftig auf, Bären, welche nach der Insassen der Wagen greifen und dann auch zur Verfolgung ansetzen. Später wird die Fahrt zunehmend rasanter und den Kostümen entsteigen kräftige Männer, die dem Publikum unbehaglich nahe rücken. Man bekommt tatsächlich zeitweise das Gefühl, dass man diesen Herren – man denkt sie sich aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Aussehens sogleich als „Fremde“ – nicht bei Nacht auf der Strasse begegnen möchte. Das „Phobiarama“ funktioniert also, lässt jedoch die Frage aufkommen, ob es gerade die Angst vor den Fremden ist, welche gegenwärtig und hauptsächlich die Griechen beherrscht. Ist diese Sorge nicht vielmehr stärker in den reichen westeuropäischen Staaten zu verorten? In den griechischen Albträumen geht es unter Umständen weit eher um nicht bezahlbare Rechnungen, Zwangsräumungen oder Lohnkürzungen – kurz: ums blanke Überleben. Eine breitere Perspektive für ein europäisches Phobiarama wäre darum denkbar.

 Dries Verhoeven und sein Team – es seien nur die Dramaturgin Lara Staal und die Kostümwerkstatt Tentacle Studio genannt – leisten trotz dieses Einwandes gute Arbeit. Sie vermögen es in überzeugender Weise, einen Raum des Unbehagens oder des Unheimlichen zu schaffen. Die männlichen Akteure bringen sich bestens ein: Michelangelo Hansen, Earl Daniel, Faiz Faouzi, Malcolm Pengel, Ozan Aydogan, Quincy Nelstein, Rodney Glunder, Rosario Roumou, Sohrab Bayat, Virginio Papa und Zouhair Mtazi. Nachdenklich und aufgeschreckt verlässt man das Geschehen.

 Ingo Starz

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