Der Neue Merker

ATHEN/ Megaro Mousikis/Im Rahmen der „Documenta 14“: SINFONIE AUS DER DRITTEN WELT von Joaquín Orellana Mejía- Uraufführung

Megaro Mousikis, Athen/Im Rahmen der Documenta 14

Sinfonie aus der Dritten Welt von Joaquín Orellana Mejía- Uraufführung

Konzert vom 28. Juni 2017

 

Der Klang des Hungers

 Der in Guatemala geborene Komponist Joaquín Orellana Mejía, der seine Studien unter anderem am Centro Latinoamericano de Altos Estudios Musicales des Torcuato di Tella Instituts in Buenos Aires absolvierte, gehört zu den zentralen Vertretern seines Fachs in Lateinamerika. Sein Schaffen gründet sich nicht  unwesentlich auf seine Begeisterung für das guatemaltekische Nationalinstrument: die Marimba. Ferner zeichnet ihn ein immenser Erfindergeist aus, welcher sich in den im Konzert zu sehenden und zu hörenden Útiles Sonoros zu erkennen gibt.

 Seine „Sinfonie aus der Dritten Welt“ basiert, wenn man auf das Podium blickt, auf drei Instrumentalgruppen – einem klassischen Sinfonieorchester, einem Marimba-Ensemble und einer Perkussionsgruppe – sowie auf einem Chor und einem Kinderchor. Dazu kommen Tonbandeinspielungen. Der gesungene und gesprochene Text macht die Botschaft des Werks klar: es geht um die unwürdigen Verhältnisse, in denen die Menschen in Guatemala leben und um einen Einspruch dagegen. Die klassischen Marimbaklänge kennzeichnen die Gefühlssphäre der Menschen, ihre Sehnsüchte. Die Marimba bringt den Wider- und (möglichen) Aufstand eines in jeder Hinsicht hungrigen Volkes zum Erklingen. Die vielfältigen und ungewöhnlichen Klanggeräte – Útiles Sonoros – mögen für ein utopisches oder soziales Moment stehen, während vielleicht das reichlich spätromantisch klingende Orchester nur einen Rahmen (im Sinne von Ordnung?) setzt. Die oft aneinandergereihten Klänge entfalten zwar ein abwechslungsreiches Phonorama, lassen aber im Ganzen wenig Spannung aufkommen. Der Chorsatz, der neben Gesang auch Gemurmel und Sprechen vorsieht, klingt da eher noch interessanter. Ohne Satzeinteilungen aufgebaut, erzeugt die um die Marimba herum entwickelte Sinfonie letztlich einen  zu wenig überraschenden resp. innovativen Klang. Es klingt alles ein wenig nach einer musikalischen Welt von Gestern.

 Großes Lob für eine bemerkenswerte Leistung ist den Chören zu zollen: dem Chor der Stadt Athen (Einstudierung: Stavros Beris), dem Rundfunkchor ERT (Einstudierung: Dimitris Ktistakis) und dem Chor des Athener Konservatoriums „Kleine Musiker“ (Einstudierung: Christina Michalaki). Sehr gut waren auch das traditionelle Marimba-Ensemble aus Guatemala und die Musiker, welche an den Útiles Sonoros sassen (Einstudierung: Dimitris Desyllas). Dass das Athener Staatsorchester etwas blass blieb, lag eher an der Komposition als am Spiel der Musiker. Der Dirigent Julio César Santos Campos hielt die Klangfäden des Geschehens stets mit ruhiger Hand zusammen. Das Publikum spendete den Beteiligten und dem Komponisten viel Beifall.

 Ingo Starz

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