Der Neue Merker

ATHEN/ Megaro Mousikis: ORFEO von Claudio Monteverdi. Orfeo im Lärmgewitter

Megaro Mousikis, Athen
Orfeo
Premiere vom 24. November 2017

Orfeo im Lärmgewitter

Das Athener Musikzentrum hat mit zwei grossen Problemen zu kämpfen: einer anhaltenden Unterfinanzierung und überdimensionierten Räumlichkeiten. Nach dem Umzug der Griechischen Nationaloper in deren neues Heim entfallen die Gastauftritte in der Alexandra Trianta Hall des Megaro Mousikis. Dort bemüht man sich um Ersatz und hat nun für zwei Abende in Zusammenarbeit mit dem auf Alte Musik spezialisierten Ensemble Latinitas Nostra Claudio Monteverdis Oper „Orfeo“ auf die Bühne gebracht. Allein die Grösse des Saals liess Zweifel am Sinn dieser Übung aufkommen, noch mehr war es am Ende die musikalische Umsetzung, die das Projekt in fragwürdiges Licht rückte.

Die Verantwortlichen hatten sich dafür entschieden – und dies mag dem eigentlich zu grossen Raum geschuldet sein -, die Musik Monteverdis elektronisch zu erweitern, d.h. die Stimmen wurden mittels Mikrophonen verstärkt und das Orchester um Live-Elektronik ergänzt. Das zu hörende Resultat war von Anfang bis Ende unbefriedigend, um nicht zu sagen ein Ärgernis. Warum? Die wunderbare Musik büsste ihren Farbenreichtum und ihre natürliche Lebendigkeit ein, die Stimmen klangen flach und ortlos, die Balance zwischen Graben und Bühne war aus dem Lot und der elektronische „Lärm“ deckte mehr als einmal Monteverdis Musik zu. Das Konzept des Dirigenten Markellos Chryssicos, der im Grunde mit den Musikern von Latinitas Nostra keine schlechte Orchesterleistung erbrachte, ging nicht auf. Die elektronische Live-Musik von Panos Iliopoulos störte mehr, als dass sie der Oper irgend etwas Substanzielles hätte hinzufügen können. Gerade in der zweiten Hälfte des Werks, wenn es in die Unterwelt geht, beeinträchtigte die Elektronik das Klangerlebnis beträchtlich. Auf der Bühne zeichneten der Regisseur Thanos Papakonstantinou und die Bühnen- und Kostümbildnerin Niki Psychogiou eine binäre Welt in Schwarz und Weiss, ein ritualisierten Kosmos zwischen Leben und Tod. Die Szene entwickelte dabei eine ausbalancierte Symbolsprache, welche die grosse Bühne angemessen zu füllen wusste. Die etwas statisch daherkommende Interpretation führte zu plausiblen, formschönen Bildern, ohne freilich aufregend zu sein. Das Ganze war dem Geist des Klassizismus näher als demjenigen des Barock.

Wie schon erwähnt, beeinträchtigte die elektronische Verstärkung die Wahrnehmung der Stimmen. Gleichwohl konnte man die beachtliche Qualität des Ensembles heraushören. Allen voran ist der international erfahrene Tenor Juan Sancho zu nennen, der als Orfeo auf der Bühne stand. Technisch sicher und stilistisch geschmackvoll bot er eine sehr gute Rollendarstellung. Um ihn herum sorgten überwiegend junge Stimmen für erfreuliche Akzente. Genannt seien nur Theodora Baka als La Musica, Christos Kechris als Hirte, Irini Bilini als Nymphe, Anastasia Kotsali als Eurydike, Lenia Safiropoulou als La Speranza und Marios Sarantidis als Charon. Der rund zwanzigköpfige Chor, der sich aus Studierenden des Odeion Athinons zusammensetzte, erwies sich seiner Aufgabe bestens gewachsen.

Angesichts des erfreulichen Potentials an guten Musikern und Sängern war es sehr zu bedauern, dass man keine werkgerechte Aufführung von Monteverdis Meisterwerk geboten bekam. Am Ende gab es reichlich Applaus für die Beteiligten.

Ingo Starz

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