Der Neue Merker

ATHEN / Megaro Mousikis: INAUGURATION DER DOCUMENTA 14. – Klage und politisches Statement

Megaro Mousikis, Athen

Inauguration der Documenta 14

Konzert am 8. April 2017

 Klage und politisches Statement

 Die Athener Ausgabe der Documenta 14, das wird schon kurz nach den Eröffnungstagen deutlich, versteht sich als politisches Statement. Der Mega-Event bespielt mehr als 40 Orte in der griechischen Hauptstadt und bedient sich dabei einem breiten Repertoire an künstlerischen Ausdrucksformen. Auffällig ist dabei, dass Musik, Performance und Sound recht grossen Raum einnehmen. Dies wird nicht nur beim Besuch der Ausstellung im Konservatorium (Odeion Athinon) deutlich, sondern auch beim Blick ins Konzertprogramm. Dem griechischen Avantgarde-Komponisten Jani Christou wird etwa eine wichtige Rolle zugewiesen. Das Augenmerk liegt auf Musik im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Programmatisch eröffnete ein Konzert mit Werken von Ross Birrell & Ali Moraly sowie von Henryk Górecki die Documenta.

 Ross Birrell und Ali Moraly bezogen sich in ihrer Komposition „Fugue: Quatrain für Solo-Violine“, einem Auftragswerk der Documenta, auf Paul Celans berühmtes Gedicht „Todesfuge“ (1948). Die Auseinandersetzung des Dichters mit dem Grauen des Holocausts wird in flirrende, dissonante Klangbewegungen übersetzt und von Ali Moray intensiv vorgetragen. Ohne den Einsatz der menschlichen Stimme tritt das Poem den Zuhörern gleich einem ’singenden‘ Lufthauch oder Sturm entgegen. Für Henryk Góreckis dritte Sinfonie kommt das Athener Staatsorchester zusammen mit Mitgliedern des Syrian Expat Philharmonic Orchestras auf das Podium. Das Zusammenspiel unter Leitung von Daniel Raiskin funktioniert sehr gut und erzeugt insbesondere einen intensiven, satten Streicherklang. In drei Sätzen und auf drei verschiedene Texte bezogen, breitet Górecki ein langgezogenes Lamento aus. Der zweite Satz, dem ein Graffito aus dem Gestapo-Gefängnis in Zakopane/Polen zugrundeliegt, gerät dabei besonders eindringlich. Im Ganzen birgt die traditionelle Kompositionsweise aber auch gewisse Längen.

 Das international aufgestellte Publikum reagiert sehr empathisch auf die deutlich formulierte Botschaft des Konzerts und spendet viel Applaus. Man wünscht den syrischen Musikern noch viele Auftritte in den Konzertsälen der Welt – und dafür reicht es dann auch, einfach nur grossartige Musik zu spielen.

 Ingo Starz

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