Der Neue Merker

ATHEN/ Kunstraum Fabrica/ Theaterkollektiv Nikolas Spanos: DER BÄR von Anton Tschechow

Kunstraum Fabrica, Athen/ Theaterkollektiv Nikolas Spanos: Der Bär von Anton Tschechow

Besuchte Vorstellung am 3. Januar 2016

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Copyright: Spiros Panagiotopoulos

Wo die Liebe hinfällt

 Die Dramen von Anton Tschechow nehmen bis heute einen festen Platz auf den Theaterspielplänen ein. Das ist in Griechenland nicht anders als im deutschsprachigen Raum. Die von den Auswirkungen der Krise gezeichneten Menschen in Athen fühlen sich vielleicht auch anders und stärker angesprochen vom Eigensinn der Tschechowschen Figuren und deren Sehnsüchten. Platz für Theater ist in der griechischen Hauptstadt beinahe überall. Die Kulturszene boomt. Der zentrumsnahe Kunstraum Fabrica ist Café-Bar und Theater in einem und wurde vor wenigen Jahren von ein paar Schauspielern gegründet. Er bietet Theatergruppen einen attraktiven Ort, um eigene Projekte zu realisieren.

 Das Theaterkollektiv Nikolas Spanos zeigt nun dort Tschechows frühen Einakter „Der Bär“ aus dem Jahr 1888. Der Autor bezeichnete sein Stück als „Scherz“ – und man kann diese Bezeichnung nachvollziehen, wenn man erkennt wie der Autor französische Komödientradition und russische Seele in seinem Werk miteinander verschmilzt. Der Ort der Handlung gleicht späteren Stücken Tschechows: Ein Gutshof auf dem russischen Land. Allein die Situation ist eine etwas andere. Im Stück „Der Bär“ prallen zwei aus dem Leben gefallene, man könnte auch sagen exzentrische Charaktere zusammen, die verwitwete Gutsbesitzerin Jelena Iwanowna Popowa und der Leutnant a.D. Grigorji Stepanowitsch Smirnow. Sie ist noch ein Jahr nach dem Tod des Gatten in Trauer vergraben, er hingegen heruntergekommen und hochverschuldet. Smirnow geht die Witwe rüde wegen Schulden des Verstorbenen an, weigert sich ohne Zahlung zu gehen und fordert schliesslich die Popowa zum Duell. Statt zu diesem kommt es allerdings zur finalen Annäherung der beiden, welche vom lebensweisen Diener Luka mit heiterem Erstaunen quittiert wird. Die komisch-groteske und gleichwohl melancholisch grundierte Handlung lässt sich in der Tat als „Scherz“ mit gesellschaftskritischer Note auffassen.

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Spiros Panagiotopoulos

Der Regisseur Nikolas Spanos hat eine in vielen Details schillernde, in der Entstehungszeit des Werks angesiedelte Inszenierung geschaffen, die in perfekter Weise die Balance hält zwischen russischer Schwermütigkeit und französischem Esprit. Es ist ein Vergnügen anzuschauen, wie sich Popowa und Smirnow wie verwundete Tiere belauern und umkreisen, einander abstossen und anziehen. Spanos hat eine eindrucksvolle Choreographie der Körper entwickelt, die auch den Diener Luka miteinbezieht. Der Rhythmus dieser wechselnden Konstellationen korrespondiert mit präzise gesetzten Wechseln der Sprechweisen: Vom innigen Flüstern bis zum groben Schreien kommt dabei alles vor. Die Darsteller Katerina Tsakanaki als Popowa, Michalis Zacharias als Smirnow und Konstantinos Blathras als Luka übertragen dieses Konzept mit grossartigem Spiel auf die Bühne. Wie der Regisseur beispielsweise mit seinen Darstellern Tsakanaki und Zacharias von deren erstem Aufeinandertreffen an eine knisternde Spannung in den Raum setzt, diese immer wieder beschleunigt und verlangsamt, das zeugt von erstklassigem Handwerk. So bleibt das Geschehen stets in der Schwebe, behält einen traurig-komischen Grundton. Vassiliki Spanou hat dazu Kostüme und einen Bühnenraum geschaffen, der mit treffenden Symbolen die Handlung belebt und deren Hintersinn unterstreicht. Das Sofa zwischen dem Stuhl für die Gäste und dem verwaisten Platz des verstorbenen Gatten: Ein treffendes Bild für die Grundbewegung der Szene, die folgerichtig damit endet, das Smirnow die gerahmte Fotografie des Toten versehentlich zu Fall bringt und – sich hinter dem Tisch duckend – sein Kopf an die Stelle des Gattenporträts tritt. Und es liessen sich noch viele solcher treffenden Details nennen. Die Musik von Themis Teloglou ergänzt und erweitert mit ihren Klängen aufs Beste das szenische Geschehen. Sie strukturiert den Handlungsverlauf und setzt dezente, stilvolle Zeichen. Am Ende ist es die Musik, welche zum Tanze lädt und die Spannung auflöst. Schliesslich ist die gelungene Lichtführung von Polydefkis Papadopoulos lobend zu erwähnen.

 Nikolas Spanos und seinem Team gelingt eine berührende und erfrischende Tschechowaufführung. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus bei dieser seltsam-wunderbaren Inszenierung.

 Ingo Starz

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