Der Neue Merker

ATHEN/ Greek National Opera: LA BOHÈME – Puccini im Hier und Jetzt.

Μποέμ 2η εικόνα_4710 - φωτό Δ. Σακαλάκης

Copyright: Greek National Opera

Greek National Opera, Athen: La Bohème
Besuchte Vorstellung am 24. Dezember 2017

Puccini im Hier und Jetzt

Die Griechische Nationaloper hat pünktlich zur Weihnachtszeit eine Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis „La Bohème“ auf die Bühne gebracht. Die Produktion feierte ihre Premiere 2007 unter der künstlerischen Ägide von Stefanos Lazaridis. Der nur kurz als Operndirektor amtierende Lazaridis trat für eine Erneuerung ein, will heissen für eine zeitgenössische Bühnensprache. So vergab er die Neuinszenierung des Werk an den bekannten britischen Regisseur Graham Vick. Der machte es sich zur Aufgabe, Puccinis Oper in der Gegenwart anzusiedeln. Die laufende Aufführungsserie ist Stefanos Lazaridis gewidmet und kann als eine Art Selbstverpflichtung der Athener Oper verstanden werden, künftig in stärkerem Maße Musiktheater für ein Publikum von heute zu machen.

Nun ist es mit ‚Modernisierungen‘ so eine Sache. Ein Bühnenbild, das an das Athener Künstlerviertel Exarchia erinnert, und zeitgenössische Mode – für beides zeichnet sich Richard Hudson verantwortlich – schaffen noch keine gültige Form der Gegenwart. Dafür bedarf es ganz entschieden einer akuraten und passenden Personenführung. Und es bedarf glaubhafter Akteure auf der Bühne. Die B-Besetzung, welche an diesem Abend antritt, verfügt über die Jugendlichkeit und Spielfreude, mit der eine Bohème unserer Tage darstellbar wäre. Beim Konjunktiv muss es leider bleiben, da Vicks Personenführung wenig originell ausfällt, immer wieder in Operkonvention zurückfällt und nur ab und zu von der Spiellust der Sänger quasi ausgehebelt wird. So gibt es ein paar schöne Momente im 1. und 4. Akt, die uns Einblicke in eine Männer-WG gewähren. Ansonsten ist das, was vor unseren Augen geschieht, nicht viel anders als in landläufigen Inszenierungen der Oper.

Das Orchester spielt an diesem Abend erstmals unter der Leitung von Vladimiros Symeonidis. Seine Leistung ist weitgehend gut, da und dort gibt es (noch) Koordinierungsprobleme zwischen Graben und Bühne. Der von Agathangelos Georgakatos einstudierte Chor und der von Konstantina Pitsiakou betreute Kinderchor erbringen solide Leistungen. Das interessante Moment an diesem Abend sind fraglos die überwiegend jungen Sängerinnen und Sänger, überwiegend griechischer Herkunft. Stimmlich hinterlässt Angelos Samartzis als Rodolfo den besten Eindruck. Mit rundem, strahlendem Ton und sicherer Höhe überzeugt seine Stimme. Ein paar belegt klingende Töne mögen dem Wetter geschuldet sein und fallen nicht ins Gewicht. Anna Stylianaki als Mimi lässt ein prägnantes Timbre vermissen und braucht etwas Zeit, um in Form zu kommen. Im 3. und 4. Akt weiss sie dann mit fokusiertem Ton und innigem Gesang aufzuwarten. Dem Marcello von Georgios Iatrou mag es etwas an Klangfülle fehlen, sein schöner, farbenreicher Bariton setzt sich gleichwohl gut in Szene. Nikos Kotenidis als Schaunard und Gleb Peryazev als Colline überzeugen mit sicher geführten, klangvollen Stimmen. Die Musetta von Maria Palaska ist gut bei Stimme, man würde sich nur etwas mehr Klangfülle wünschen. Das junge Ensemble, das auch in den übrigen, kleineren Rollen gefällt, gibt dem Abend einen ansprechenden Drive, der, wie bereits erwähnt, einige Lücken in Graham Vicks Inszenierung zu schliessen vermag. Das Publikum spendet kräftigen Applaus, mit Bravo-Rufen für Angelos Samartzis.

Ingo Starz

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