Der Neue Merker

ATHEN/ Greek National Opera: EXPANSION von Anestis Logothetis (1921-1994)

Greek National Opera, Athen: EXPANSION von Anestis Logothetis (1921-1994)

Expansion

Premiere am 4. Juli

Der Klang der Bilder

Anestis Logothetis_1981
Anestis Logothetis (1981)

 Anestis Logothetis (1921-1994) wurde als Sohn griechischer Eltern im heutigen Bulgarien geboren. Er kam 1942 nach Wien, wo er zunächst an der Technischen Hochschule, dann ab 1945 Komposition, Musiktheorie, Dirigieren und Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studierte. Seine frühen Kompositionen stehen stilistisch der Zweiten Wiener Schule nahe. Wichtige Impulse vernittelte ihm 1957 ein Aufenthalt am Elektronischen Studio des WDR in Köln. Nachfolgend begann er ein neuartiges grafisches Notationssystem zu entwickeln. Dies zielt darauf, musikalische Aspekte zu konkretisieren, welche “wegen ihres Konfigurationen-Aufbaus und deren Zusammenballungen auf dem höheren mikrostrukturellen Sekundenbereich der Obertonreihe vom Fünfliniensystem nicht erfasst werden”. Die Bedeutung von Logothetis’ Zeichen ist dabei exakt festgelegt: sie können konkrete Symbole, Assoziationsauslöser oder Befehlssignale sein. Diese “Klangcharakterschrift” des Komponisten enthält so “mehr oder weniger dichte Bilder, deren Lesart nach allen Richtungen erfolgen kann, was wiederum eine hochgradige kompositorische Polymorphie der doch relativ präzise fixierten Klangcharaktere erlaubt” (Gerald Trimmel). Die grafisch notierten Kompositionen sind zumeist für variable Ensembles gedacht und zielen auf komplexe Raumerfahrungen.

Der Regisseur Vasilis Noulas, dessen Theaterarbeiten sich stets durch einen hohen Grad an Musikalität auszeichnen, nimmt sich beherzt dem spielerischen Wesen der Musik an und erschafft für fünf kurze Werke Logothetis’ einen adäquaten Spielplatz. Zusammen mit dem Ausstatter Kostas Tzimoulis setzt er ein Spielfeld auf den Bühnenboden und macht Orangen und einen ferngesteuerten Flugkörper zu Spielgegenständen. Noulas und Tzimoulis beteiligen sich an der szenischen Aktion, in deren Zentrum sechs Musiker des dissonArt ensembles stehen: Yannis Anisegkos an der Flöte, Alexandros Stavridis an der Klarinette, Lenio Liatsou am Flügel, Thodoris Patsalidis an der Violine, Vasilis Saïtis am Violoncello und Yannis Chatzis am Kontrabass. Sie alle interagieren in wundervoller Weise mit Instrumenten und Klängen, Gegenständen und Raum. Sie erschaffen eine wundersame Welt für Werke Logothetis’ aus den Jahren 1960 bis 1971: “Dispersion”, “Parallaxe”, “Mantratellurium”, “Kybernetikon” und “Expansion-Kontraction”. Das erstgenannte und -gespielte Werk wird am Schluss in veränderter Form wiederholt.

Vasilis Noulas gelingen treffende und hintersinnige Raumkompositionen, welche der Musik zusätzliche Resonanz verleihen. In “Parallaxe” lässt er die Musiker wie Planeten im Sonnensystem kreisen, d.h. im Kreis laufen oder sich um die eigene Achse drehen. Die Pianistin ist dabei als Sonne im Zentrum, mit leichten Fingerbewegungen die Strahlen andeutend. Ein starkes Bild. Gleich darauf stehen in “Mantratellurium” alle an der Rampe und machen mit Mund/Stimme oder Instrument Geräusche. Nur einer spricht. Sie tragen dazu T-Shirts mit aufgedruckten Notationen des Komponisten. Die gelungenen Bildideen, von denen sich noch mehr nennen liessen, machen die Aufführung zu einem kleinen Gesamtkunstwerk. Das Publikum folgt dem Geschehen aufmerksam und bedankt sich mit anhaltendem Beifall.

Ingo Starz

 

 

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