Der Neue Merker

ATHEN/ Greek National Opera: DORNRÖSCHEN – Ballett von Pontus Lidberg. Im Erdbeerenland

Πρεμιέρα Ωραίας Κοιμωμένης_8436 φωτό Α. Σιμόπουλος
Copyright: Greek National Opera

Greek National Opera, Athen: Dornröschen (Ballett von Pontus Lidberg und Patrick Kinmonth)
Besuchte Vorstellung am 31. Dezember 2017

Im Erdbeerenland

Es steht ausser Frage, dass auch das klassische Ballettrepertoire immer wieder neu betrachtet und interpretiert werden muss. Persönlichkeiten wie John Cranko, Mats Ek oder John Neumeier haben in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Beiträge hierzu geleistet. Seit ein paar Jahren macht der in Schweden geborene Pontus Lidberg von sich reden. Nach einer Karriere als Tänzer, die ihn zu den Compagnien von Oslo, Stockholm, Genf und Göteborg führte, wandte er sich der Medizin, dem Film und der Choreografie zu. Seine Tanzfilme „The Rain“ und „Labyrinth Within“ erhielten zahlreiche Auszeichnungen, seine Arbeiten für das New York City Ballet, das Royal Swedish Ballet oder die Semperoper Dresden fanden viel Beachtung. Nun hat die Griechische Nationaloper Lidberg nach Athen geholt. Zusammen mit seinem Ausstatter Patrick Kinmonth hat er sich Tschaikowskys Klassiker „Dornröschen“ angenommen.

Das Ballett, welches auf dem Märchen „Le Belle au bois dormant“ von Charles Perrault basiert und in der Handlung Unterschiede zum „Dornröschen“ der Brüder Grimm aufweist, ist nach der Frischzellenkur von Lidberg und Kinmonth kaum wiederzuerkennen. Das Produktionsteam behält zwar die Hauptprotagonisten Aurora, Désiré und Carabosse sowie den wesentlichen Zug der Handlung bei, fokussiert aber darauf, wie Lidberg im Programmbuch erklärt, den Lebenszyklus im Wechsel der Jahreszeiten darzustellen. Dabei interessieren sich die Macher insbesondere für das Moment des Erwachsenwerdens, das der Geschichte innewohnt. Die Jahreszeiten lassen sich vage erkennen, wobei die Erdbeersträucher im Hochsommer, mit dem das Stück einsetzt, nicht wirklich Sinn machen. Eine an Dornröschen erinnernde Handlungslinie wird deutlich: Wir sehen, wie zwei halbwüchsige Knaben, einer wild und einer brav mit einem Plüschhasen im Arm, um ein Mädchen streiten, welches im zweiten Teil der herangewachsene, „brave“ Mann erhält. So weit so gut. Warum jedoch die Divertissements im zweiten Akt von als Hasen kostümierten Tänzern gegeben werden, bleibt einigermassen unklar. Es muss wohl mit dem Erwachsenwerden zu tun haben. Die überdimensionale Erdbeere, der Carabosse in einer Schlüsselszene entsteigt, dürfte auf das sexuelle Erwachen Auroras verweisen. Erinnert doch das Innere der Erdbeere kaum zufällig an eine Vulva. Diese Symbole könnten spannende Momente einer psychoanalytischen Sicht auf den alten Stoff sein, wenn Lidberg eine stringente Narration gelänge. Da dies nicht der Fall ist, leidet der Abend ganz entschieden an einem Mangel an Zusammenhang und weiterhin an Inspiration: die Tanzsprache des Schweden führt selten zu starken Momenten. Am prägnantesten ist noch die Figur der Carabosse gezeichnet. Einigermassen gelungen kommt auch der Pas de deux von Aurora und Désiré im zweiten Akt daher. Ansonsten gibt es leider – trotz deutlichen Strichen (die Aufführungsdauer mit Pause beträgt nur etwa 1h50min) – viel szenischen Leerlauf. Eine gelungene Neudeutung von „Dornröschen“ sieht anders aus.

Maria Kousouni als Carabosse hinterlässt den besten Eindruck. Sie darf, und dafür ist man dankbar, klassische Grazie und Spitzentanz zeigen. Elena Kekkou und Stelios Katopodis geben das junge Paar Aurora und Désiré. Sie bleiben lange Zeit eher unscheinbar, was aber zuallererst dem Choreografen anzulasten ist. Im Pas de deux lassen beide erkennen, das mehr möglich gewesen wäre. Alle übrigen Tänzer zeigen gute Leistungen, insbesondere in den Divertissements.

Das Orchester unter der Leitung des erfahrenen Elias Voudouris bietet eine solide Leistung. Das Publikum reagiert verhalten bis irritiert auf die Produktion. Nach der Pause bleibt mancher Sitz leer und am Ende hält sich der Beifall in Grenzen.

Ingo Starz

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