Der Neue Merker

ATHEN/ Greek National Opera: ANAPARASTASEIS von Jani Christou (1926-1970). Premiere

Greek National Opera, Athen

Anaparastaseis

Premiere am 29. Juni

 Rebellierende Klangkörper

Εναλλακτική ΕΛΣ - Ο πιανίστας - Άρης Σερβετάλης - φωτό Maria Lumibao Hernandez
Copyright: Maria Lumibao Hernandez

 Wer über musikalische Avantgarde und Griechenland nachdenkt, kommt an dem Werk von Jani Christou (1926-1970) nicht vorbei. Das hat sich sogar die internationale Kunstschau Documenta zu Herzen genommen und den Komponisten zu einem ihrer Künstler gekürt. Die von Kassel nach Athen gekommene Ausstellung interessiert sich (noch bis 16.7.) besonders für dessen Konzept des „Kontinuums“, wie es sich im Werk „Epicycle“ von 1968 exemplarisch manifestiert. Die Nationaloper, die nun auf ihrer Alternativen Bühne mit einer Reihe von Performances resp. szenischen Konzerten das Musiktheater der griechischen Avantgarde präsentiert, widmet sich gleich zweimal dem Schaffen von Jani Christou.

 Unter dem Titel „Anaparastaseis“ werden drei kurze Stücke des Komponisten vorgestellt, die in den Jahren 1967 und 1968 entstanden sind. Es sind Werke, die weit mehr als nur eine Partitur anbieten, sie notieren eine szenische Aktion. Damit sind sie durchaus typisch für den zu neuen Ufern aufbrechenden Geist des Musiktheaters in den 60er Jahren. „Anaparastasis I: Der Bariton“ für Sänger und Instrumentalensemble bezieht seinen Impetus vom Prolog zu Aischylos‘ „Agamemnon“. Der Sänger hat dabei eine psychodramatische Entäusserung zu leisten. In „Anaparastasis III: Der Pianist“ für einen Schauspieler, Ensemble und Tonband geht es um die Kommunikation zwischen dem Pianisten und seinem Instrument. Dabei sind Bühnenbewegung und Licht vom Komponisten genau vorgeschrieben. „Die Strychnin Frau“ für Solo-Viola (weiblich), fünf Schauspieler, Instrumentalensemble, Tonband, Klangobjekte und ein rotes Kleid zeichnet einen Prozess der Selbstauslöschung, der programmatisch mit der Ankündigung beginnt, dass die Aufführung aus technischen Gründen nicht stattfinden könne. Alle drei Stücke befragen in radikaler Weise das, was Musiker, Sänger und Schauspieler normalerweise ganz selbstverständlich tun. Sie versuchen Relationen neu zu bestimmen oder auszudehnen und machen Akteure und Instrumente in beeindruckender Weise zu rebellierenden Klangkörpern.

 Unter der Leitung von Vladimiros Symeonidis bieten die Musiker eine ganz famose Leistung, gerade auch dort, wo sie zu Darstellern werden. Der Regisseur Alexandros Efklidis folgt den Anweisungen des Komponisten und fügt überzeugende szenische Ideen hinzu – Eleftheria Deco (Lichtdesign) und Iris Nikolaou (Bewegungschoreografie) unterstützen ihn dabei gekonnt. Die Solisten des Abends geben den Psychogrammen von Jani Christou eindrückliche Bühnenpräsenz: Aris Servetalis, Greta Papa, Akyllas Karazisis, Kostas Koutsolelos, Panagiotis Exarcheas, Giorgos Kissandrakis und Alexis Zervanos. Das Publikum spendet allen Beteiligten intensiven Beifall.

 Ingo Starz

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