Der Neue Merker

ATHEN/ Festival Peiraios 260: DER SPIELER in einer Aufführung der Volksbühne Berlin

Peiraios 260/ Volksbühne Berlin: DER SPIELER
Besuchte Vorstellung am 20. Juni 2017

SPIELER_Volkbuehne_photo_Thomas_Aurin_Press_4

 Lernen von Castorf

 Unmittelbar vor Ende der Ära von Frank Castorf als Direktor der Volksbühne Berlin gastiert das renommierte Haus beim Athener Festival. Neben Abenden mit Arbeiten von Pollesch und Fritsch steht Castorfs Adaption von Dostojewskis Roman „Der Spieler“ auf dem Programm und in dessen Zentrum. Die Geschichte, die uns Dostojewski und sein Interpret erzählen, handelt, wie der Leser weiss, von einer Gruppe von Menschen, die vor dem finanziellen Ruin stehend im fiktiven Städtchen Roulettenburg auf Glück im Spiel hofft und noch mehr auf den Geldsegen einer Erbschaft wartet. Die Spielsucht und das vergebliche Bemühen um Liebe kennzeichnen den Roman wie den Theaterabend, in dessen Zentrum der Hauslehrer Alexej Iwanowitsch steht, der Polina, die Tochter des Generals, begehrt.

 Wenn sich Castorf einem Stoff annimmt, dann ist immer die Frage, wie er diesen über- und weiterschreibt sowie seine Schauspieler in die Handlung einschreibt. Texte und Elemente aus Dostojewskis Roman sind die eine Seite der Inszenierung, Fremdtexte und Improvisationen deren andere. Angesichts der postdramatischen Arbeitsweise des Regisseurs überraschen weder die aktuellen Einsprengsel zu Griechenland (und dessen Verhältnis zu Deutschland) noch, um nur ein Beispiel zu nennen, die Reflektion über die künftige Bedeutung Asiens für die Weltpolitik und -wirtschaft. Und natürlich fliessen permanent Aussagen resp. kritische Kommentare zum kapitalistischen System in den Fluss der Handlung ein. Bei alledem erzählt Castorf aber doch auch Schritt für Schritt die Geschichte vom Spieler. Bert Neumann hat für das wort- und bildreiche Spektakel, welches auch Platz für eine Schildkröte und ein Krokodil hat – welche als animalische Anverwandlungen des Stoffs zu lesen sind-, eine wundersam-vielschichtige Raumwelt auf einer Drehbühne geschaffen. Der Lauf der Welt und der Roulettescheibe scheinen der Bühnenbewegung eingeschrieben zu sein.

 Castorf steht wie so oft ein ausgezeichnetes Ensembe zur Verfügung. Herausragend ist Alexander Scheer als wunderbar zappeliger Alexej, der mit einer Fülle an Nuancen in Spiel und Stimme aufwartet. Seine unglaubliche Beweglichkeit gibt dem Abend einen bemerkenswerten Drive. Zu loben ist aber wirklich das gesamte Ensemble. Genannt seien nur noch Sophie Rois als aufgedrehte, divenhafte Grosstante, Kathrin Angerer als ebenso resolute wie zärtlich-verspielte Polina oder Hendrik Arnst als polternder General. Das ist fürwahr ein spielfreudiger und exemplarischer Castorfabend. Das Athener Publikum tut sich gutteils nicht leicht mit dem postdramatischen Import aus Berlin und verlässt zur Pause in Scharen den Spielort. Der verbliebene Rest spendet am Schluss, nach beinahe fünf Stunden Aufführung anhaltend Beifall.

 Ingo Starz

Diese Seite drucken