Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival zu Gast im Onassis Cultural Centre: DEMOCRACY IN AMERIKA von Romeo Castellucci

Athens & Epidauros Festival zu Gast im Onassis Cultural Centre:

Democracy in America. Besuchte Vorstellung am 1. Juli2017

 Mythos und Mission Amerikas

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Copyright: Guido Mencari Press

 Der italienische Theaterkünstler Romeo Castellucci gehört zu den gefeierten Grössen des Festivalbetriebs. Sein Bildertheater schafft es immer wieder, Fragen unserer Zeit in archetypische, magische Bildwelten zu übersetzen. Dabei schöpft er aus dem visuellen kulturellen Gedächtnis. Castelluccis aktuelle Produktion „Democracy in America“ bezieht seine Inspiration aus einem bedeutenden Werk der Aufklärung, dem 1835 erschienenen Essay „Über die Demokratie in Amerika“ von Alexis de Tocqueville. Der Franzose blickt darin mit Bewunderung auf die politische Aktivität der US-Bürger. Im Zeitalter von Donald Trump drängt sich freilich andere Fragen eher auf – z.B. diejenige, welche nach dem Sendungsbewusstsein und religiösem Hintergrund der amerikanischen Nation schaut. Genau hier setzt nun der archäologische Blick des Regisseurs an.

Castellucci legt die US-Nation auf die Couch und gelangt bei deren Psychoanalyse zur puritanischen Vorgeschichte. Im Zentrum des Abends steht die Geschichte der Puritanerin Elisabeth, die ihre kleine Tochter verkauft, um dafür Ackergerät und Saatgut zu erhalten. Böse Träume der jungen Frau und Klagen gegen Gott sind die Folgen. Die gepeinigte Elisabeth – deren Geschichte sich laut Einblendung 1705 ereignet haben soll – ist das wiederkehrende Motiv der Aufführung, etwa wenn sie ihr langes Haar an eine herabgehängte Stange schlägt oder sich im Kreise anderer Frauen mit roter Farbe übergiesst. Die amerikanische Nation formiert sich mit vormodern anmutenden Opferritualen – das will uns diese Erzählung wohl sagen. Und Einblendungen weisen ergänzend dazu auf frühe gesetzgeberische Akte hin. Ganz am Anfang der Aufführung steht noch ein augenzwinkerndes Spiel mit den Buchstaben des Titels „Democracy in America“. Junge Frauen in weissen Uniformen treten unter rhythmischen Klängen in wechselnder Anordnung mit buchstabenbestickten Fahnen auf und kreieren scheinbar unsinnige Wortfolgen wie „Car Comedy in America“, aber auch Namen von Ländern wie „Macedonia“ oder „Iran“. Assoziationen zur jüngeren Geschichte sind impliziert und lassen einen des öfteren ins Nachdenken geraten. Gleichwohl bleibt das Ganze zu sehr im mythischen Grund stecken, als dass es wirklich hinreichend Erklärungshinweise zum Wesen der amerkanischen Nation liefern könnte. Dass religiöse Mission und ökonomisches Streben im Prozess der Nationenbildung miteinander verwoben waren, dies wird jedenfalls deutlich. Die bildstarke Vergegenwärtigung des Inhalts gelingt, das muss man sagen, nur teilweise. Gerade die lange Dialogszene von Elisabeth und ihrem Mann wirkt in ihrem neorealistisch anmutenden Spielduktus etwas gar bemüht. Der Abend sorgt so für einen gespaltenen Eindruck.

 Castellucci hat sich wie stets ein wundersam-hochästhetisches Bilderreich geschaffen, welches in diesem Fall Stärken und Schwächen aufweist. Die Musik von Scott Gibbons fügt sich bestens in die Absichten des Regisseurs ein. Olivia Corsini, Giulia Perelli, Gloria Dorliguzzo, Evelin Facchini, Stefania Tansini und Sofia Danae Vorvila bilden ein starkes Ensemble. Auf der Bühne sind ferner zwölf griechische Tänzerinnen zu erleben, die ihre Aufgabe tadellos erledigen. Das in Scharen gekommene Publikum spendet am Schluss freundlichen Applaus.

 Ingo Starz

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