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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival/ Theater des antiken Epidauros: MEDEA – Mord in Theben

Athens & Epidauros Festival
Theater des antiken Epidauros
Medea
Besuchte Vorstellung am 4. August 2017

Mord in Theben

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Marianna Calbari. Foto: Marilena Stafylidou

Der Mythos von Medea hat viele literarische und bildkünstlerische Anverwandlungen erfahren. Euripides‘ Tragödie „Medea“, welche 431 v.Chr. in Athen uraufgeführt wurde, ist wohl die wirkungsmächtigste von allen. Bis heute steht das Stück regelmässig auf den Spielplänen der Theater. Das liegt fraglos an den beiden zeitlose Themenkomplexen, die das Werk aufgreift: einerseits die Frage nach der Liebe, deren Bedingungen und Forderungen, andererseits den Aspekt der Migration, des Ausländerseins. Medea, die mit Iason in die Fremde ging, sieht sich in Theben von eben diesem verstossen, der er durch eine Heirat mit der Königstochter Krëusa seine gesellschaftliche Position sichern will. Die Verlassene sinnt auf Rache, welcher Krëusa und deren Vater sowie Medeas Kinder zum Opfer fallen. Die faszinierende Tragödie kommt nun in einer Inszenierung von Marianna Calbari vom Athener Theatro Technis „Karolos Koun“ auf die Bühne des antiken Theaters von Epidauros. Das gut erhaltene Bauwerk, das zum Asklepiusheiligtum gehört, gibt dem Werk einen spektakulären Aufführungsort.

Im Zentrum des Bühnenrunds steht auf einem runden, mehrstufigen Podest ein Bettgestell – das Symbol der Liebe und des Verrats. An dessen Rand stehen Stühle im Kreis. Das Bühnenbild und die Kostüme von Konstantinos Zamanis setzen klare, starke Akzente. Der Bühnenaufbau verweist bereits auf den Aspekt, der in dieser Inszenierung im Fokus steht: die verhängnisvolle Liebe zwischen Medea und Jason. Die Regisseurin verstärkt dieses Thema noch, indem sie mit ihrer Dramaturgin Elena Triantafyllopoulou den Stoff von Euripides um Texte von Theokrit, Plutarch und Platon anreichert. Das passt durchaus, lässt den Abend aber manchmal mehr nach Shakespeare als nach griechischer Tragödie klingen. Das tragische gewinnt zu wenig Raum. So anschaulich die Liebesqualen von Medea werden, so unterbeleuchtet bleibt das Umfeld, bleiben die Aspekte der Fremde und der Gesellschaft unterbelichtet. Um die seelische Not der Titelheldin dreht sich im gewissen Sinne alles. Optisch macht dies durchaus einiges her. Deren Abkunft von Sonnengott Helios etwa wird in der theatralen Umsetzung durch ein effektvolles Lichtdesign (Stella Kaltsou) angezeigt, einen das ganze Rund ausfüllenden Strahlenkranz. Neben Medea bleiben aber leider Jason und Kreon zu vage in der Figurenzeichnung.

Maria Nafpliotou ist überzeugend als willensstarke Medea und verfügt über eine gute Sprechkultur – was an diesem Aufführungsort nicht unwichtig ist. Haris Fragoulis nimmt man den Jason äusserlich gerne ab, seine Rollengestaltung bleibt jedoch schwach. Man wird als Zuschauer nicht schlau aus seinem Taktieren, welches auch im Sprechakt kaum Überzeugungskraft gewinnt. Alexandros Mylonas erweist sich als gute Besetzung für Kreon. Die Regisseurin Marianna Calbari steht als resolute Amme auf der Bühne.

Das übrige Schauspielensemble und die Musiker bieten ansprechende Leistungen. Schade ist es, dass die Musik von Panagiotis Kalantzopoulos eher Beiwerk bleibt. Mehr kollektiver Rhythmus und Aktivismus – im Sinne der gesellschaftlichen Fragen des Stücks – hätte der Aufführung gut getan.

In dieser Interpretation, muss man sagen, kommt die tragische Dimension von Euripides‘ „Medea“ nicht vollständig zum Vorschein. Das Publikum spendet kräftigen Beifall.

Ingo Starz

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