Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Peiraios 260: UNWANTED. Vom Unvorstellbaren erzählen

Athens & Epidauros Festival
Peiraios 260
UNWANTED
Besuchte Vorstellung am 19. Juli 2017

Vom Unvorstellbaren erzählen

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Dorothée Munyaneza. Copyright: Bruce Clarke press

Die Abfolge der Kriege, Katastrophen und Unglücke kennt bekanntlich kein Ende. Und angesichts der immer noch zunehmenden medialen Aufmerksamkeit wird man kaum Herr der vielen Ereignisse, die das Weltgeschehen bestimmen und erschüttern. Die Gegenwart ist präsenter denn je und da ist ein Ereignis aus dem Jahr 1994 schon recht fern. Was damals in Ruanda geschah, darf freilich als eines der schlimmsten Verbrechen des letzten Jahrhunderts gelten: der Völkermord an 800 000 Tutsi und (moderaten) Hutu. Daran immer wieder zu erinnern ist wichtig und nachgerade eine wesentliche Funktion der Künste. Der Theatermacher Milo Rau hat vor wenigen Jahren mit seiner dokumentarischen Arbeit „Hate Radio“ in eindrucksvoller Weise an dieses Genozid erinnert. Nun hat die in Ruanda geborene und in Frankreich lebende Performerin und Choreografin Dorothée Munyaneza das Gewaltgeschehen zum Thema ihrer Performance „Unwanted“ gemacht.

Munyaneza unternahm eine Recherche im Land ihrer Herkunft und sprach dazu mit Frauen, die 1994 Opfer von Vergewaltigungen wurden, und mit unerwünschten Kindern solcher Gewaltakte. Die Choreografin interessierte sich für deren Leben, deren Umgang mit seelischem Schmerz oder Schuldgefühlen. Sie protokollierte, könnte man sagen, ein dunkles Kapitel ruandischer Geschichte. Was schliesslich als Resultat auf die Bühne kommt, ist weniger ein Tanzstück als ein performatives Monument. Dazu passen die beiden Bildnisstelen von Bruce Clarke ganz gut – eine liegend, eine stehend definieren sie massgeblich den Bühnenraum. Die eigentliche Performance kommt fast ausschliesslich als Erzählung – live und eingespielt – und Sound daher. Im Zentrum des Geschehens steht Dorothée Munyaneza, die gleichsam einen Botenbericht überbringt. In dieser rituell anmutenden Aktion wird sie von dem Komponisten Alain Mahé, der live den Sound regelt, und der Sängerin und Klarinettistin Holland Andrews unterstützt. Die drei Beteiligten sorgen durchaus für bemerkenswerte Momente, sei es im erzählerischen Duktus oder im Soundtrack. Gleichwohl stehen die zu hörende Berichte zu statisch im Raum und verleihen dem Ganzen mehr den Charakter einer Installation. Über die Dauer von 70 Minuten stellt sich so leider trotz der eindrucksvollen und beklemmenden Dokumente eine gewisse Monotonie ein. Die Performance „Unwanted“ gleicht unfreiwillig zu sehr einem musealen Erinnerungsort. Das Publikum lauschte aufmerksam und spendete am Schluss freundlichen Applaus.

Ingo Starz

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