Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Peiraios 260 GRAND FINALE

Athens & Epidauros Festival
Peiraios 260
Grand Finale
Besuchte Vorstellung am 8. Juli 2017

Taumelnde Welt

Hofesh_Shechter_Press_6
Copyright: Festival

Der israelische Choregraf Hofesh Shechter begann seine Karriere als Tänzer bei der Batsheva Dance Company. Im Jahr 2002 zog er nach London, wo er im Folgejahr sein erstes Tanzstück „Fragments“ schuf. Er gründete die Hofesh Shechter Dance Company 2008 und konnte mit ihr schnell Erfolge feiern. In einem Interview für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemerkte Shechter vor wenigen Jahren zu seiner choreografischen Sprache: „Ich glaube, die Einflüsse in meinem Tanz stammen eher aus Stammes-Kontexten oder zeremoniellen Zusammenhängen. Die Clubs heute sind vielleicht eine moderne Variation dessen, was sich bei Trance-Tänzen schon vor tausenden von Jahren abgespielt hat. Das Primitive, das Alte, das Urtümliche interessiert mich.“ Wenn man sich seine neueste Kreation anschaut, das Stück „Grand Finale“, erkennt man in dessen hochenergetischer Struktur genau die angesprochenen Momente. Hofesh Shechter lädt zu einem ebenso gegenwärtigen wie urbildhaften Weltentaumel, dessen soghafter Wirkung man sich schwerlich entziehen kann.

Die Ohrstöpsel, welche beim Einlass aufliegen, weisen schon darauf hin, dass es laut werden kann. Und über weite Strecken wird der Abend dann auch von Clubmusik mit harten Beats bestimmt. Vor dieser Klangkulisse entfaltet der Choreograf bewegte, teilweise ekstatisch anmutende Gruppenbilder oder solche, die von Gemeinschaft und Individuum sowie deren Spannungen erzählen. Hofesh Shechters Tanzsprache weist dabei einen enormen Drive auf und verbindet in faszinierender Weise das Tanzen im Club mit traditionellen, rituellen Bewegungspraktiken. Man entdeckt nebeneinander jüdische und arabische Elemente, aber auch Spuren des Wiener Walzers. Letztgenannter wird eher imaginiert, durch die Musik Franz Lehárs nämlich. Am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Teils lassen Musiker auf der Bühne das berühmte Walzerduett „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ aus der Operette „Die lustige Witwe“ erklingen. Diese Momente der Aufführung mögen etwas sentimental anmuten, verweisen aber innerhalb der überzeugenden Dramaturgie von „Grand Finale“ auf Sehnsüchte und Liebesbedürftigkeit einer orientierunglosen, gehetzt und erschöpft gezeichneten postmodernen Gesellschaft. Shechter zeigt in seinem Stück eine taumelnde Welt, in der Tradition auf Gegenwart stösst, in welcher Gemeinschaft nur für Augenblicke zu haben ist. Seine Diagnose überwältigt die Sinne der Zuschauer – und sie macht ebenso nachdenklich.

Zum äusserst gelungenen „Grand Finale“ haben alle Beteiligten beigetragen. Die Ausstattung von Tom Scutt sorgt mit leicht (vom Ensemble) verschiebbaren Bühnenelementen für rasche Szenenwechsel und interessante Raumerfahrungen. Dazu passt das ausgezeichnete Lichtdesign von Tom Visser in perfekter Weise. Die Musiker auf der Bühne liefern erstklassige Arbeit ab und sorgen für ein paar ruhigere Momente innerhalb eines wilden Treibens. Es sind dies: James Adams, Chris Allan, Rebekah Allan, Mehdi Ganjvar, Sabio Janiak und Desmond Neysmith. Schliesslich verdienen die zehn Tänzerinnen und Tänzer höchstes Lob für ihre beeindruckende, kraftvolle wie formschöne Leistung: Chien-Ming Chang, Frédéric Despierre, Rachel Fallon, Mickael Frappat, Yeji Kim, Kim Kohlmann, Erion Kruja, Merel Lammers, Attila Ronai und Diogo Sousa. Das Publikum feierte das ganze Ensemble mit grosser Begeisterung.

Ingo Starz

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