Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Peiraios 260: FAILING TO LEVITATE IN MY STUDIO von Dimitris Kouriakis

Athens & Epidauros Festival
Peiraios 260
Failing to Levitate in My Studio
Besuchte Vorstellung am 20. Juli 2017

Körper sucht Raum

Bildergebnis für dimitri Kourtakis
Dimitris Kourtakis. Copyright: Kiki Pap jpeg

Der griechische Künstler Dimitris Kourtakis gehört zu denen, die Theater komponieren. Das ist in einem doppelten Sinne gemeint: er ist Schöpfer von Theatermusik und als Regisseur versteht er es, eine Aufführung in einem musikalischen Duktus zu komponieren. Kourtakis‘ Schaffen weist einen reichen internationalen Horizont auf. Er studierte Komposition und Klavier bei Michel Merlet, Isabelle Duha und Krasimir Stoytcheff, lebte etliche Jahre in Paris und Berlin. Er schuf zahlreiche Theatermusiken für Produktionen, etwa in Griechenland, Frankreich und Deutschland – darunter auch eine Komposition für eine Installation an der Volksbühne Berlin. Seit 2004 arbeit er als Regisseur. Angesichts seines künstlerischen Hintergrunds überrascht es nicht, dass seine Arbeit stark von den Wechselbeziehungen der Künste geprägt ist.

Mit „Failing to Levitate in My Studio“ – übersetzt: Gescheitert, in meinem Studio zu schweben – ist Dimitris Kourtakis ein traurig-komisches Gesamtkunstwerk gelungen. Allein der Bühnenaufbau, ein unheimliches Ungetüm von Haus, das alle Zuschauer erst umschreiten müssen, wenn sie zu ihren Plätzen gehen, macht Eindruck. Kourtakis hat einen skulpturalen Raumkörper mit diversen Öffnungen und einem grossen, vertikal verlaufenden Riss in die Theaterhalle gesetzt. Dieser Aufbau hat hohen Symbolwert, seine sprechende Architektur korrespondiert trefflich mit dem Werk von Samuel Beckett, welches dem Abend gleichsam als Grundierung dient. „Das letzte Band“ dient als Referenz, um die menschliche Existenz als beständige Suche und Grenzsituation in den Raum und ins Bild zu setzen. Die Musik von Dimitris Kamarotos und das Videodesign von Jérémie Bernaert tragen in grossartiger Weise zur Intensionalitãt der Produktion bei.

Gravitationszentrum und Hauptmaterial dieser aussergewöhnlichen Theaterarbeit ist aber der Performer Aris Servetalis. Er leistet mit seinem Körper – mehr noch als mit seiner Stimme – wahrlich Ausserordentliches. Er lotet jeden Winkel des Raumkörpers aus, begibt sich in waghalsige Vertikalen und Horizontalen und kommt bisweilen dem Schwebezustand nahe. Das Publikum schaut staunend zu, dabei meist auf die grossflächigen Projektionen blickend, die auf den zu den zwei Zuschauertribünen hin ausgerichteten Längseiten zu sehen sind. Blicke ins Innere des Gebildes sind gelegentlich zu erhaschen. Die Performance wirkt so irrwitzig wie unwirklich, ganz der Atmosphäre des Bühnenraums und der Beckettschen Wortwelt entsprechend. Dimitris Kourtakis reflektiert historische Momente der Visuellen Kunst – Bruce Nauman, Rachel Whitehead u.a. stehen Pate – und schafft mit Raum, Wort, Klang, Performance und Film einen ganz eigenen, faszinierenden Kosmos. In ebenso musikalischer wie poetischer Weise zeigt er mit seinem Darsteller Aris Servetalis auf den Riss, der durch unsere Existenz geht.

Das Publikum reagiert mit grosser Begeisterung.

Ingo Starz

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