Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Peiraios 260: ELEMENTARTEILCHEN von Michel Houellebecq/ Julien Gosselin

Athens & Epidauros Festival

Peiraios 260

Elementarteilchen
Besuchte Vorstellung am 30. Juni

 Die Geburt des neuen Menschen aus dem Geist der Postmoderne

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Copyright: Simon Gosselin

 Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ (Originaltitel: Les Particules élémentaires) erschien 1998 und avancierte schnell zum kontrovers diskutierten Kultbuch. Es bietet eine Abrechnung mit der 68er Generation und gleichsam daraus folgernd die Vision eines neuen, von individueller Freiheit erlösten Menschen. Houellebecq erzählt die Geschichte zweier in den späten 50er Jahren geborenen Halbbrüder, die unter den Sexabenteuern und Selbstfindungssuchen ihrer Mutter zu leiden haben und unterschiedlich darauf reagieren: Bruno, der Lehrer, ist sexbesessen und gleichzeitig glücklos bei Frauen, Michel ist zum erfolgreichen Molekularbiologen geworden mit wenig Interesse am anderen Geschlecht. Es geht also, liesse sich sagen, um das soziale Wesen Mensch im Zeitalter scheinbar grenzenloser Möglichkeiten. Der Regisseur Johan Simons hat den Roman vor etlichen Jahren am Schauspielhaus Zürich auf die Figurenkonstellation Mutter und Söhne hin verdichtet und damit eine grossartige Theaterversion geschaffen.

 Der junge französische Regisseur Julien Gosselin (Jahrgang 1987) gelangte zu Bekanntheit, als er seine Version der „Elementarteilchen“ 2013 am Festival d’Avignon mit seinem Kollektiv „Si vous pouviez lécher mon cœur“ (dt.: Wenn ihr mein Herz probieren könntet) herausbrachte. Mit dieser Produktion nahm er 2014 auch am Münchner Festival „radikal jung“ teil. Im Juli letzten Jahres war seine zehnstündige Bühnenadaption von Roberto Bolaños Roman „2666“ in Avignon und Athen zu erleben. Wie ist nun der aufsteigende Star am französischen Theaterhimmel mit dem Kultroman Houellebecqs umgegangen? Nun, man könnte sagen, dass Gosselin einen recht „deutschen“ Zugang zum Thema findet. In einem Interview nannte der Regisseur einmal Nicolas Stemann als prägendes Vorbild. In der Tat erinnert bereits das Bühnenbild, welches Gosselin selbst entwarf, in der Anordnung von umlaufenden Podesten und einer Art Arena im Zentrum sowie die Situation, dass permanent alle Darsteller auf der Bühne sind, an Aufführungen des deutschsprachigen Theaters. Auch der fliessende Übergang von Theater zu Konzert kommt einem nicht nur von Inszenierungen Stemanns bekannt vor. Von solchen Einflüssen abgesehen ist es bemerkenswert, wie souverän der junge Regisseur das komplexe Handlungsgerüst in knapp vier Stunden in wirkungsvollen Tableaus entfaltet. Es beginnt mit starken erzählerischen Momenten und geht hin zu mehr auf Stimmung und Musik gebauten Szenen. Dabei folgt der Ablauf der Chronologie der Geschichte und sorgt auch für gelungene komisch-ironische Momente, etwa wenn die Welt der Mutter Janine zur Darstellung kommt. Die Musik von Guillaume Bachele und die Video Art von Pierre Martin sind bestens mit der Szene verlinkt.

 Auf der Bühne sorgen junge Darsteller und Darstellerinnen für eine sehr lebendige und mit Ironie daherkommende Aufführung: Marine de Missolz, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Alexander Lecroc-Lecert, Caroline Mounier / Carine Goron, Victoria Quesnel, Geraldine Roguez, Guillaume Bachele / Maxence Vandevelde. Auch wenn Gosselins Inszenierung nicht die Konzentration erreicht wie diejenige von Johan Simons, weist sie doch bemerkenswerte Qualitäten auf. Der Franzose erweist sich insbesondere als beeindruckender, anregender Erzähler. Das Publikum reagiert mit viel Zustimmung und Begeisterung auf den langen Abend.

 Ingo Starz

 

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