Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Odeion des Herodes Attikus WIM MERTENS ENSEMBLE

Athens & Epidauros Festival
Odeion des Herodes Attikus
Wim Mertens Ensemble
Konzert vom 30. Juli 2017

Von Alt-Ägypten nach Brüssel

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Wim Mertens

Es war ein Heimspiel für Wim Mertens in Athen. Im Odeion des Herodes Attikus traf der belgische Komponist und Pianist mit seinem Ensemble auf seine griechische Fangemeinde. Es war ein Fest, was da kurz vor Ende des Athener Festivals zelebriert wurde. Wim Mertens, der von der amerikanischen Minimal Music beeinflusst wurde, hat in seiner mehr als 30jährigen Tätigkeit ein reiches kompositorisches Werk geschaffen. Dabei hat er sich stets kleineren Formen zugewandt: „Ich habe niemals eine Oper oder eine Sinfonie geschrieben. Ich suche nach der Kraft der kleinen Kompositionen.“ Im Lauf der Jahre realisierte er zahlreiche bedeutsame Projekte. Mertens komponierte etwa Musik zu Jan Fabres Theaterstück „The Power of Theatrical Madness“ (1984) oder zu Peter Greenaways Film „Der Bauch des Architekten“ (1987). Er veröffentlichte bislang mehr als 50 Alben und gab Konzerte in der ganzen Welt.

In Athen trat Wim Mertens als Pianist und Sänger zusammen mit einem fünfköpfigen Streicherensemble auf. Im ersten Teil des Konzerts stellte der Belgier seine im vergangenen Jahr geschaffene Komposition „Dust of Truths“ vor. Dieses Werk schliesst das „musi-fiction“ Triptychon „Cran aux Oeufs“ (2015-16) ab. In dessen erstem Teil „Charaktersketch“ geht es um Europa und Brüssel in unserer Tagen, darum, welche Bedeutung kulturellen Werten (noch) zukommt. Im zweiten Teil „What are we, locks, to do?“ blickt Mertens auf das hellenistische Ägypten des dritten vorchristlichen Jahrhundert zurück, auf eine kulturelle Blüte, aus welcher die erste Universalbibliothek in Alexandria hervorging. Im letzten Teil, der nun zu Gehör gebracht wurde, befasst sich der Komponist mit der Seeschlacht von Actium, die im Jahr 31 v.Chr. mit dem Sieg Octavians über Mark Anton den römischen Bürgerkrieg zum Ende und Ägypten zu Fall brachte. Mertens schuf mit „Dust of Truths“ eine fein gestimmte, musikalische Reflexion über Kultur, Zivilisation und Erinnerung. Die Minimalistik seiner Musiksprache zeichnet behutsam die geheimnisvollen Gesten einer vergangenen Zeit. Der ruhige Fluss der Komposition weist deren widerstreitenden wie korrespondierenden Momenten erhöhte Aufmerksamkeit zu. Die Töne und Phrasen treten gleich Erinnerungsfetzen aus der Ferne der Vergangenheit hervor. Ein meditatives Hörerlebnis.

Das Wim Mertens Ensemble brachte im zweiten Teil des Abends bekannte ältere Werke zur Aufführung. So erklangen beispielsweise „Earmarked“, „Often a Bird“, „Struggle for Pleasure“, „Maximizing the Audience“ – komponiert für das erwähnte Theaterstück Jan Fabres -, „The Belly“ oder „No Testament“. Alle diese Werke waren temporeicher, stärker rhythmisiert und muteten oft romantischer in ihrer Melodieführung an. Auf ein eher asketisches Klangbild im ersten Teil folgte so die musikalische Verführung oder Überwältigung nach der Pause. Die Sogwirkung, die sich beim Hören einstellte, war beträchtlich. Am Ende kannte die Begeisterung des Publikums keine Grenzen.

Ingo Starz

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