Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival/ Kleines Theater des antiken Epidauros: KYKLOPS. So machen’s alle

Athens & Epidauros Festival
Kleines Theater des antiken Epidauros
Kyklops

Besuchte Vorstellung am 22. Juli 2017

So machen’s alle

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Pantelis Dentakis. Copyright: Kiki Pap

Die antike griechische Theaterarchitektur suchte, wie man weiss und bis heute mancherorts sehen kann, dein Einklang mit der umliegenden Landschaft. Das kleine Theater der antiken Stadt Epidauros ist ein schönes Beispiel dafür. Es bietet im Vergleich zum Theater des Asklepios-Heiligtums am selben Ort einen relativ intimen Rahmen für Aufführungen. Aber eben auch einen wunderbaren Blick auf die Landschaft des Peloponnes. Beide Theater werden im Sommer mit Produktionen des Athens & Epidauros Festivals bespielt. Man hat an diesen Orten tatsächlich das Gefühl, dem Geist des antiken Dramas näher als gewöhnlich zu kommen. Zumindest aber kann hier das Theater der alten Griechen immer wieder neu entdeckt werden.

Zu den ausserhalb Griechenlands weniger bekannten und gespielten Stücken gehört Euripides‘ „Kyklops“. Es handelt sich dabei um das einzige vollständig erhaltene Satyrspiel der Antike, das vermutlich zwischen 411 und 408 v.Chr. entstanden ist. Das kurze Stück erzählt die Geschichte des einäugigen Kyklopen Polyphem, der Satyrn als Leibeigene hält und von Odysseus, den es auf dessen Insel verschlagen hat, geblendet wird. Der zentrale, im Satyrspiel nicht zu sehende Moment der Blendung ist berühmt und wurde in der antiken und nachantiken Kunst oft dargestellt. Auch die „Odyssee“ Homers erzählt davon. Der Regisseur Pantelis Dentakis hat sich nun dieses Stücks angenommen und dessen männliche Gesellschaft lustvoll und pointiert von einer reinen Frauenbesetzung spielen lassen. Dies bringt das Publikum nicht nur dazu, verstärkt über die männliche Gewalt und Frivolität nachzudenken, es hält eben diesem auch deutlicher den Spiegel vor. Denn, menschliche Abgründe lauern immer und überall und überhaupt könnte die Devise des wilden Treibens lauten: So machen’s alle.

In der bunten, satirisch daherkommenden Ausstattung von Georgia Bourda, der Bewegungschoreografie von Ermis Malkotsis und mit der Musik von Eleftherios Veniadis entfaltet sich ein Geschehen, das schon beim Betreten des Theaterraums beginnt, wenn Alexandra Aidini als Silen neckische Spässe mit dem Publikum treibt. Der Silen bringt scharfsinnige, entlarvende wie witzige Kommentare ins Spiel ein und wird vom Chor der Satyrn sekundiert – wunderbar in diesen Rollen: Nefeli Maistrali, Maria Mouschouri, Amalia Ninou, Myrto Panagou und Eleni Tsimprikidou.

Die Hauptprotagonisten schenken sich nichts an Verschlagenheit und roher Gewalt, beide sind umwerfend traurig-komische und gleichzeitig sensible Gestalten: Stefania Goulioti als Polyphem und Anna Kalaitzidou als Odysseus. Im Spiel des Ensembles, das noch um Efi Revmata als einem Gefährten des Odysseus ergänzt wird, tritt die Komplexität der menschlichen Existenz äusserst lebendig zu Tage. Unter diesem Blickwinkel ist es kein Zufall, vielmehr ein guter Einfall des Regisseurs, die Handlung anders als bei Euripides mit einer Liebesklage des Polyphems, zu der Theokrit den Text liefert, enden zu lassen. Der Kyklop erinnert sich darin seiner einstigen Geliebten, der Nymphe Galateia. Das ist ein ebenso berührender wie poetischer Schlusspunkt einer sehr gelungenen Aufführung.

Das Publikum spendet allen Beteiligten lautstarken Beifall.

Ingo Starz

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