Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival: DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA. Eine Brücke als Metapher der Welt

Athens & Epidauros Festival, Athen. Peiraios 260 : Die Brücke über die Drina

Besuchte Vorstellung am 10. Juni 2017

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Copyright: Marilena Stafylidou

Eine Brücke als Metapher der Welt

 In seinem berühmten Roman „Die Brücke über die Drina“ erzählt der serbokroatische Autor Ivo Andrić (1892-1975) die Geschichte der Brücke von Višegrad und derer, die sie über die Jahrhunderte genutzt haben. Das Werk berichtet davon, wie sich seit der Errichtung des Bauwerks in osmanischer Zeit immer wieder friedvolle und kriegerischen Phasen abgewechselt haben und wie mal die eine Religionsgemeinschaft und das nächste Mal die andere als Aggressor auftrat. Der Autor erzählt die Ereignisse in schillernden Facetten, detailreich in der Beschreibung zentraler Figuren wie von Gräueltaten. Man kann Dževad Karahasan zustimmen, der schreibt: „Andrić‘ Roman erzählt von der Enstehung der politischen Gemeinschaft der Südslawen, ich glaube, gerade deshalb hat man ihn oft als Epos über die Entstehung Jugoslawiens bezeichnet.“

 Der serbische Theaterregisseur Nikita Milivojević hat nun für das Athener Festival diesen bedeutenden Roman für die Bühne adaptiert. Den eminenten Symbolwert der Brücke macht das Bühnenbild von Kenny MacLellan sogleich anschaulich: Der als Brücke angelegte Bühnenaufbau durchschneidet sozusagen den Zuschauerraum, man schaut aus zwei Richtungen auf die beiden Längsseiten. Eine an der Decke hängende Plane, worauf Wellenbewegungen projiziert werden, markiert den Fluss, die Drina. Wenn das Publikum den Raum betritt, sind die Schauspieler gerade dabei, eine überlebensgrosse Papierfigur fertigzustellen, welche aus Kartenmaterial der Region besteht. Eine interessante Vergegenständlichung des südslawischen Balkanraums. Die Kostüme der Schauspieler, welche auch MacLellan entworfen hat, verweisen zunächst auf die Gegenwart, wo das Spiel einsetzt, dann auf die Zeitphasen von Andrić‘ Roman. Dieses Setting, in welchem die Stimmen elektronisch verstärkt und desöfteren in Sound oder Musik (Dimitris Kamarotos) eingebettet sind, bietet einen flexibel bespielbaren Rahmen für ein hochaktuelles Thema.

 Um einen solchen Roman auf der Bühne lebendig werden zu lassen, bedarf es starker Bilder. Der Inszenierung von Milivojević gelingt dies nur stellenweise. Meist herrscht der erzählende Ton vor, der sich mit blossen Bebilderungen verbindet. Sehr gelungen sind beispielsweise eine Folterszene, in der ein langer Pfahl in die Papierfigur getrieben wird, oder die Vorführung der unterschiedlichen Religionsvertreter, welche als eine skurille, soldatisch angeleitete Zirkusnummer daherkommt. Poetisch und eindringlich ist es ferner, wie das Schicksal der Fata Avdagina dargestellt wird. Die junge Frau hat sich, um dem vom Vater bestimmten Ehemann zu entgehen, in die Fluten der Drina gestürzt. Eine kleine Stoffbahn, die aus der grossen Plane, welche die Drina meint, gezogen wird, umwickelt in langsamen Bewegungen die Schauspielerin: ein tolles Bild. Im ganzen bleibt die Narration der Aufführung aber zu sehr dem Wort verhaftet und kann leider keine soghafte Wirkung entfalten. Man hätte sich für Andrić‘ „Die Brücke über die Drina“ eine drangvollere und bildmächtigere Umsetzung gewünscht. Das fünfköpfige Ensemble – Sofia Kokkali, Thanos Tokakis, Michalis Titopoulos, Kostas Koronaios und Prometheus Aleifer – macht bei alledem seine Sache gut. Das Publikum spendet freundlichen Beifall.

 Ingo Starz

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