Der Neue Merker

ATHEN/ Athens & Epidauros Festival /Antikes Theater von Epidauros: DIE PERSER

Athens & Epidauros Festival
Antikes Theater von Epidauros
Die Perser
Besuchte Vorstellung am 11. August 2017

Rhythmus des Krieges

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Aris Biniaris. Copyright: Stelios Kallinkou

Es ist die älteste der uns überlieferten griechischen Tragödien und die einzige, welche ein zeitgenössisches Ereignis zum Thema hat: Aischylos‘ „Die Perser“. Das 472 v.Chr. in Athen uraufgeführte Stück behandelt den Ausgang der Seeschlacht bei Salamis (480 v.Chr.) aus Sicht der Verlierer. Es spielt am persischen Königshof, im Zentrum steht der Bericht des Boten. Aischylos zeichnet plastisch und drastisch die Schrecken des Krieges und die Folgen für ein Land und dessen Gesellschaft. „Die Perser“ stellen ein eindrückliches Plãdoyer gegen den Krieg dar, gerade weil das Drama die Perser als Schwestervolk der Griechen betrachtet. Angesichts dieses empathischen Blicks auf das Schicksal des Gegners, ist es wenig überraschend, dass diese Tragödie in den letzten Jahrzehnten gerade auch im deutschsprachigen Raum immer wieder gespielt wurde. Im antiken Theater von Epidaurus gelangt nun eine erfolgreiche Inszenierung von Aris Biniaris zur Aufführung, welche von der Cyprus Theatre Organisation produziert wurde.

Biniaris‘ Inszenierung kommt sehr bewegt und sprachmächtig daher. Man merkt der Aufführung in jedem Moment an, dass der Regisseur auch ein Musiker ist. Der Chor besteht aus jungen Männern, welche gleichsam die im Kampf ums Leben gekommene persische Jugend verkörpern. Die Reden gleichen hier tatsächlich Gesängen, die in wechselndem Rhythmus und Ton die unterschiedlichen Stationen des Dramas begleiten und kommentieren. Die vokale Ausdruckskraft und die starke physische, beinahe tänzerische Präsenz des Männerkollektivs gestalten gleichermassen den Raum. Der Krieg und seine Schrecken gewinnen so glaubhafte Darstellung. Die Kostüme von Eleni Tzirkalli unterstreichen das Martialische des Kampfes, der Bühnenraum (Constantinos Louka) ist, was völlig ausreicht, lediglich mit einer Grabnische und zwei grossen Trommeln versehen. In diesem Setting arbeiten Regie, Bewegungschoreografie (Lia Haraki), Licht (Georgios Koukoumas) und Sounddesign (Giorgos Christofi) präzise und effektvoll die Szenen und wechselnden Gefühlslagen der Tragödie heraus und geben dem Ganzen eine gleichsam musiktheatrale Form. Bei alledem kommen auch die Solisten gebührend zur Geltung. Ungemein bildstark ist etwa die Szene, in der Atossa ihren verstorbenen Gatten Dareios kurzzeitig ins Leben zurückruft und dabei in Tanzbewegungen eines Derwischs verfällt. Ein rauschhafter Moment.

Zu loben sind ausnahmslos alle, die an dieser sehr gelungenen Inszenierung mitwirken. Der Chor agiert und spricht in jeder Hinsicht exzellent: Elias Andreou, Petros Giorkatzis, Giorgos Evagorou, Lefteris Zambetakis, Nektarios Theodorou, Marios Constantinou, Panayiotis Larkou, David Malteze, Yiannis Minos, Onisiforos Onisiforou, Andreas Papamichalopoulos, Manos Petrakis, Stefanos Pittas, Constantinos Sevdalis und – last but not least – der mitwirkende Regisseur Aris Biniaris. Die vier Solisten warten ebenso mit grossartigen Leistungen auf: Karyofyllia Karabeti als Atossa, deren Stimmkultur noch in langgezogenen Schreien bestens zur Geltung kommt, Harris Charalambous als eindringlicher Bote, Nikos Psarras als Dareios und Antonis Myriagos als Xerxes. Sie alle sind Teil eines Gesamtkunstwerks, welches anschaulich macht, warum Friedrich Nietzsche einst über „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ schrieb.

Das Publikum spendete mehrfach Zwischenapplaus und feierte das Ensemble am Schluss lautstark.

Ingo Starz

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