Der Neue Merker

ASSASSIN’S CREED

FilmPlakat   Assassins Creed~1

Filmstart: 27. Dezember 2016
ASSASSIN’S CREED
USA  /  2016
Regie: Justin Kurzel
Mit: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling u.a.

Früher hat man sich damit begnügt, die ursprünglich  gezeichneten und im „Schundhefterl“ verkauften Helden der Comic Strips „lebend“ auf die Leinwand zu bringen. Bei „Assassin’s Creed“ versucht man dergleichen nun mit einem berühmten Videogame, das die Elemente der Zeitreise und exotischer Schauplätze der Vergangenheit koppelt. Wenn der Einstieg mit diesem Film entsprechend erfolgreich ist, kann man vermutlich Fortsetzungen und Variationen im Dutzend (wenn auch nicht eben billig) herstellen. Das Videospiel hat ja auch bereits zahllose Folgen…

Fantasy mischt sich mit High-Tech-Gegenwart, und weil Handlung ja angesichts des Action-Getöses zweitrangig ist, geht es immer wieder um dieselben Dinge: Ob bei James Bond, ob anderswo, immer strebt jemand (der natürlich definitiv böse ist) die Weltherrschaft an. Und meist ist diese an irgendein Objekt gebunden, dessen Besitz die Macht garantiert. Einer hat’s, der andere nicht, oder man weiß nicht, wo es ist – auf jeden Fall geht die Jagd los, ob das logisch ist oder nicht, interessiert doch keinen…der Kinobesucher ist natürlich bereit, sich alles vorsetzen zu lassen. Warum auch nicht, ist ja Fantasy, ist ja Spiel, auch wenn es auf der Leinwand abläuft und man folglich nur zuschauen muss.

Der Held des Videospiels heißt Callum Lynch, und er wird (was schon ein schauriger Anfang für einen Film ist) erst einmal als Verbrecher hingerichtet, um in einem Labor zu erwachen. Dort, bei „Abstergo Industries“, erwartet ihn ein Angebot, das er nicht ablehnen kann – zurück in die eigene Vergangenheit, in das Schicksal und vor allem das Wissen und Bewusstsein eines seiner eigenen Vorfahren. Eine schöne Ärztin beschwört ihn, all die schrecklichen Dinge über sich ergehen zu lassen, die ihn mittels der „Animus“ genannten Maschine in den Körper von Aguilar de Nerha katapultieren.

Dass Callum in das Spanien des 15. Jahrhunderts katapultiert wird, in das schlimmste Zeitalter der Inquisition, mit Ketzerverbrennungen und brutalem Abschlachten der „Ungläubigen“, gibt dem Film seine historische Ebene, auf der Regisseur Justin Kurzel (der erst im Vorjahr mit Michael Fassbender den düsteren „Macbeth“-Film gedreht hat) die Möglichkeiten ausschlachtet, in einem grausigen Meer von Blut zu waten. Kurzel ist, wie auch der Modeschöpfer Tom Ford, der eben „Nocturnal Animals“ vorgelegt hat, einer jener Regisseure, die „von anderswo“ (in seinem Fall Musikvideos) herkommen und folglich auch andere ästhetische Blickwinkel zu bieten haben. Seine glitzernde-schmutzige Materialschlacht mit ihren überwältigenden Kamerafahrten (teils aus der Luft) kann sich in einer Leinwand-Welt der rasch aufeinander folgenden Großfilme bewähren, wo es nicht mehr leicht ist, einander mit optischen Kunststücken zu übertrumpfen, weil Menschen und Computer nahezu ausgereizt erscheinen…

Diesmal geht es um den „Apfel von Eden“ (angeblich hat ihn Columbus aus der Neuen Welt mitgebracht), der die Fähigkeit besitzt, den freien Willen der Menschen auszuschalten – traumhaft für alle Diktaturen. Achtung, jetzt, ideologische Umkehr: Normalerweise sind die Templer, die 1312 von ihren Feinden so brutal ausgelöscht wurden, im allgemeinen Bewusstsein mehr oder minder die „Guten“, um die sich die Phantasie der Nachwelt rankt (inklusive des nie endenden Mythos von ihrem Weiterbestehen bis zum heutigen Tag). Die „Assassinen“, die Auftragsmörder, die im Mittelalter Attentate als Mittel des politischen Terrors „erfunden“ haben, genießen im allgemeinen weniger Sympathie. Hier jedoch ist es umgekehrt.

Callums Vorfahre, der „Assassine“ Aguilar, hat den machtgierigen Templern den fatalen Apfel wohl abgenommen – und nun ist das gute Stück seit dem 15. Jahrhundert verschwunden. Muss man sich da lange den Kopf zerbrechen, warum man Callum von Seiten  der„Abstergo Industries“ zwecks Suchaktion in die Vergangenheit (in den Körper seines Vorfahren) schickt – und wer in der Gegenwart da dahinter steckt? Wer wird sich da wundern, dass man am Ende in der Kathedrale von Sevilla (wo das letzte Grab des Columbus errichtet wurde) in der Londoner Templer Church landet…?

Michael Fassbender, der alles kann, berühmt für hochkarätige Charakterstudien, ist auch bei Durchschnittsanforderungen wie hier interessant: Drahtig und gefährlich, mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck, turnt er durch Gegenwart und Vergangenheit, einer jener Helden, vor denen man sich in Acht nehmen muss: Den Mann kann man nicht einfach nach Wunsch manipulieren.

Marion Cotillard (derzeit in drei Filmen zugleich aktuell im Kino – nebenbei mit Brad Pitt in „Allied“ im Zweiten Weltkrieg und in „Einfach das Ende der Welt“ in einer französischen Familienhölle) bietet wieder ihre Schönheit und ihre positive Ausstrahlung, wird dann verwirrt, wenn sie nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist. Starke Besetzungen auch in den Nebenrollen, wobei Jeremy Irons und Charlotte Rampling ganz ohne Zweifel zu den moralisch verdächtigen Figuren gehören, bei Brendan Gleeson ist man nicht so sicher.

Am Ende ist man in ein Furioso von überhitzter Action eingetaucht – dafür gibt es allemale ein Publikum. Kleinigkeiten wie logische Handlung scheinen da verzichtbar. Oder?

Renate Wagner 

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