Der Neue Merker

ARTHUR SCHNITZLER UND DIE MUSIK

Überlegungen zum 150. Geburtstag

ARTHUR SCHNITZLER UND DIE MUSIK

2012 ist für Österreich ein starkes„Gedenkjahr“, weil vor 150 Jahren, 1862, eine Menge passiert ist. Zwar legt sich der Schwerpunkt in den Medien eindeutig auf  Gustav Klimt, den „Superstar“ des Jugendstils, aber man darf zwei große österreichische Dichter nicht vergessen: 1862, am 25. Mai, starb Johann Nestroy. Und zehn Tage davor, am 15. Mai 1862, war Arthur Schnitzler geboren worden. Beide Dichter waren weit enger mit der Musik verbunden, als man gemeiniglich weiß.

Von Renate Wagner

Die Frau, die Arthur Schnitzlers Mutter werden sollte, stammte aus einer wohlhabenden Wiener Ärzte- und Großbürgerfamilie. Also hatte diese Louise Markbreiter, die später Dr. Johann Schnitzler heiratete, die übliche profunde musikalische Ausbildung der Töchter aus gutem Haus erhalten. Aber offenbar nicht widerwillig, sondern mit Begeisterung. Ihre Musikalität ging auf Sohn, Enkel, Urenkel über.

Mütterlicherseits stammte Louise Markbreiter aus der berühmten Familie Schey, aus der Arthur Schnitzler dann einen Verwandten hatte, dessen Namen heute nur noch wenige kennen, der aber dennoch für die Wiener Musik unsterblich berühmt geworden ist: Denn das berühmte „Fiakerlied“ („I führ‘ zwa harbe Rappen, mei‘ Zeug’l steht am Grab’n“) stammt von seinem Vetter Gustav Pick (1832–1921), der übrigens wie Schnitzler selbst  nahe bei den Scheys und Markbreiters am Jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs (1. Tor) begraben ist…

Zurück zu Louise Schnitzler: Sie sorgte dafür, dass auch ihre Söhne, obwohl diese von vornherein für den ärztlichen Beruf vorgesehen waren, Musikunterricht erhielten. Julius wurde ein begabter Violinspieler, Arthur lernte Klavier, was er, wie er in seiner Autobiographie „Jugend in Wien“ schreibt, mit ebenso mäßigem Eifer betrieb wie die Schule… Seine Mama machte sich die Klavierlehrer des Sohnes weit mehr zu Nutze, indem sie diese nach der Stunde noch aufforderte, mit ihr vierhändig zu musizieren – was ihre lebenslange Leidenschaft war und was sie dann doch auf Sohn Arthur übertrug. Dieser schreibt dazu:

 „Das Üben machte mir nicht viel Spaß, so blieb ich in der Technik zurück, brachte es aber dank meinem durch Opern- und Konzertbesuche geförderten Musikinteresse zu einer gewissen Fertigkeit, insbesondere im Vierhändigspielen, bei welchem meine Partnerin meist die Mama war.“

Und das behielt er als Gewohnheit bis zum Lebensende der Mutter 1911 bei. Danach begann er bald mit seinem 1902 geborenen Sohn Heini vierhändig zu spielen, weil ihm seine Gattin Olga in dieser Kunst schlechtweg nicht gut genug war. Heinrich Schnitzler war ein hervorragender Klavierspieler –  er verkörperte schon die dritte Generation der Familie mit besonderer Musikalität. Er war allerdings nicht so gut wie sein genialer Freund Rudolf Serkin. Ein anderer seiner Jugendfreunde hieß übrigens George Szell, und wir kennen diese Namen gut – Serkin am Klavier und Szell am Pult des Cleveland Orchestra waren über Jahrzehnte strahlende Stars des internationalen Konzertlebens, während Heinrich Schnitzler, der sich die Hand einst überübte und dann nur noch zum Vergnügen Klavier spielte, Schauspieler und Regisseur wurde. Nicht zuletzt durch diese Freunde seines Sohnes war Arthur Schnitzler immer wieder mit aktiven Musikern in Verbindung.

Um die Geschichte der musikalischen Begabung in der Familie zu komplettieren: Heinrich Schnitzler heiratete Lilly von Strakosch-Feldringen, die eine hervorragende Geigerin war, und er selbst sagte immer, dass die Karriere seines eigenen Sohnes Michael das Ergebnis der Anteilnahme war, mit der Lilly Schnitzler dessen Talent förderte: Wir wissen, dass Michael Schnitzler als Konzertmeister der Wiener Symphoniker und als Gründer und Chef des Haydn-Trios eine bedeutende Persönlichkeit im Wiener Musikleben war. Derzeit widmet er sich allerdings vor allem der Rettung des Regenwaldes in Costa Rica, was ja auch eine sehr ehrenvolle Aufgabe ist.

Vier musikalisch begabte Schnitzler-Generationen also – und Arthur Schnitzler, der keinerlei Kompositionsausbildung erhielt, war immerhin begabt genug, um mehrere Musikstücke, darunter einen Walzer zu komponieren. Und zwar zu jenem Werk, das ihn 1895 bei der Uraufführung imBurgtheaterberühmt machte: „Liebelei“. Dafür, dass Arthur Schnitzler nie Kompositionsunterricht erhielt, zeugt diese kleine Pièce von Musikalität, Geschmack und einiger Wendigkeit.

Viel berühmter, weltberühmter wurde allerdings ein anderer Walzer, der zu einem Schnitzler-Werk geschrieben wurde – der „Reigen“-Walzer, den Oscar Straus zur „La Ronde“-Verfilmung von Marcel Ophüls komponierte. Dieser weltberühmte, skandalumwitterte „Reigen“ – das erste Stück der Weltliteratur, das den Geschlechtsakt selbst auf die Bühne brachte – diente auch Erich Wolfgang Korngold als Vorlage für ein Ballett, und schließlich hat in unseren Tagen der belgische Komponist Philippe Boesmans, der bekanntlich eine Neigung zu Literatur-Vertonungen hat, 1993 aus diesem „Reigen“ eine Oper gemacht, für die ihm Luc Bondy das Libretto schrieb.

Wie allgemein bekannt ist, hat einer der besten Freunde Schnitzlers, Hugo von Hofmannsthal, einen Teil seines Ruhmes als Librettist von Richard Strauss erworben – eine der berühmtesten Dichter / Komponist-Gemeinschaften der Operngeschichte, vielleicht die berühmteste überhaupt, bedenkt man, dass eine ähnlich gelungene „Paarung“, nämlich Arrigo Boito und Giuseppe Verdi, weit weniger Werke hervorgebracht hat… Schnitzler hat Hofmannsthal um die Zusammenarbeit mit Strauss nicht aus Gründen der Konkurrenz beneidet, sondern weil er vermutlich gewünscht hätte, dass mehr seiner Werke auf der Opernbühne gelandet wären – oder er hätte auch gerne „seinen“ Komponisten gefunden. Aber Vertonungen blieben punktuell.

Ernst von Dohnanyi komponierte das Pantomimenstück „Der Schleier der Pierrette“, Oscar Straus komponierte den Einakter „Der tapfere Kassian“ (nicht so populär geworden wie sein „Reigen“-Walzer), der tschechische Komponist František Neumann, der später durch seine Zusammenarbeit mit Janacek bekannt wurde, vertonte die „Liebelei“. Aus Schnitzlers „Anatol“ wurde ein Broadway-Musical von Arthur Schwartz und Howard Dietz, sein Einakter „Der grüne Kakadu“ fand gleich zwei Komponisten. Bedauerlicherweise hat keines dieser Werke großen Ruhm errungen oder sich im Repertoire der Opernhäuser gehalten.

Schnitzlers Interesse an Musik manifestierte sich an Opern- und Konzertbesuchen, die sein ganzes Leben durchziehen, und in seinem Bekanntenkreis fanden sich auch Komponisten wie Franz Schreker.

Von besonderem Interesse ist es allerdings, Arthur Schnitzlers Bewunderung für Gustav Mahler, zu dokumentieren. Es handelt sich um eine einseitige Beziehung, die im Grunde keine war – die beiden haben einander ein einziges Mal persönlich getroffen, aber Schnitzler hat Mahler über die Maßen bewundert, wofür es viele Zeugnisse gibt. Sie sind aus Schnitzlers Briefen ebenso zu extrapolieren wie aus seinen Tagebuchaufzeichnungen.

Arthur Schnitzler ist Gustav Mahler, den er oft in der Hofoper und im Konzertsaal bewunderte, ein einziges Mal und das eher unerwartet begegnet, als er am 24. Oktober 1905 mit seiner Gattin Olga bei dem berühmten Geiger Arnold Rosé, der mit Gustav Mahlers Schwester Justine verheiratet war, seinen Besuch machte. Dort hatte sich eine illustre Gesellschaft eingefunden, der Maler Carl Moll und seine Frau – sie waren Mahlers Schwiegereltern -,  der Bühnenbildner Alfred Roller sowie Gustav Mahler und seine berühmt-berüchtigte Frau Alma.

In seinem Tagebuch notierte Schnitzler:

Die 3 letzten zum ersten Mal gesprochen. Mahler sprach über Gesangs- und Opernwesen einfach, klug und war für mich von der Atmosphäre des Genies umgeben.“

Arthur Schnitzler und Gustav Mahler, die einander also persönlich nicht gekannt haben, sondern einander nur mehr oder minder flüchtig begegnet sind, hatten doch einiges gemeinsam – und da ist nicht nur die Rede von ihren Gattinnen, die extrem ehrgeizige Frauen waren, aber ihre musikalischen Lebenspläne infolge der Besitz ergreifenden Ehemänner nicht verwirklichen konnten.

Denn Alma Schindler, aus der später die berüchtigte Alma Mahler-Werfel werden solle, hatte Ambitionen als Komponistin, als sie Gustav Mahler heiratete – und dieser verbot ihr diese Art der Selbstverwirklichung gänzlich (nur wenige Lieder aus ihrer Feder sind erhalten). Und Olga Gussmann, die Arthur Schnitzler heiratete, wollte Sängerin werden, was der Gatte durchaus nicht einsah: Er verstand nie, warum es ihr nicht genügte, Gattin und Mutter von zwei Kindern zu sein. Alma Mahler-Werfel, die sich nach Mahlers Tod allerdings in jeder Hinsicht selbst entfaltete, als Geliebte und Gattin berühmter Männer, als Salondame, als Persönlichkeit der Gesellschaft, war immer ein Vorbild, aber wohl auch ein Dorn im Auge für Olga Schnitzler, die dergleichen nicht erreichte. Gemeinsam ist jedenfalls zu sagen, dass sowohl Mahler wie Schnitzler es mit ihren „musikalischen“ Frauen nicht leicht hatten.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Künstler bestand in ihrer Liebe zur Natur, sie konnten und wollten ohne diese nicht sein. Schnitzler war berühmt für seine stundenlangen Spaziergänge, und Gustav Mahler ist, zumindest als er noch in seiner Wiener Direktionszeit in der Auenbruggergasse 2 im 3. Bezirk wohnte, täglich mehrfach im Schnellschritt um das Belvedere herumgegangen. Dabei war für Gustav Mahler etwas so charakteristisch, dass es eigens überliefert wurde: sein Gang. Das notierte auch Schnitzler angesichts von Mahlers Tod als Erinnerung in seinem Tagebuch: 

Gesehen zuletzt voriges Jahr Sommer in der Kärnterstraße. Und ging ihm, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, ein paar Schritte nach, weil mich sein Gang interessierte…“

Mahlers Zweite Symphonie hat Schnitzler überdurchschnittlich oft mit seiner Mutter vierhändig gespielt. So notierte er beispielsweise am 3. Jänner 1905 in seinem Tagebuch:

Mit Mama die 2. Mahler gespielt. Halte Mahler für den größten jetzt lebenden Komponisten.“

Und als er das Werk am 23. November 1907 endlich im Konzertsaal hörte, schrieb er:

„Mahler ist für mich eine der merkwürdigsten, reichsten Persönlichkeiten, die ihr Wesen durch die Musik ausdrücken (im Gegensatz zu Bruckner, der einfach wunderbare Musik von sich gibt), ergreifend, fesselnd, mitteilsam, selbstbiographisch im höchsten Grad.“

Als der Musikschriftsteller Paul Stefan Schnitzler 1910 um einen Beitrag zu Mahlers 50. Geburtstag bat, schrieb dieser, allem leeren Wortgeklingel lebenslang abhold:

„Gerade einer so außerordentlichen Erscheinung gegenüber wie Mahler gäbe es meiner persönlichen Empfindung nach nur eines – Dank. Alles, was darüber hinausgeht, wenigstens so weit ich es auszudrücken vermöchte, schiene mir nicht viel anderes und nicht viel besseres als Geschwätz.“

Er hat sich aber dann doch zu ein paar Zeilen bereit gefunden, die dann lauten:

„Von allen Musikern, die heute schaffen – und manche von ihnen sind mir wahrlich wert – hat keiner mir mehr gegeben als Gustav Mahler. Freude und Ergriffenheit, wie ich sie nur den Größten verdanke.“

Wollte man Schnitzler Tagebücher, über Jahrzehnte hinweg gewissenhaft geführt, auf seine Beziehung zur Musik durchforsten, man könnte vermutlich ein Buch darüber schreiben. Musik hatte für den Mann, der sich ans Klavier setzte und im vierhändigen Spiel vor nichts zurückschreckte – nicht vor Wagners „Meistersingern“ und nicht vor anspruchsvollster Kammermusik oder Symphonien – keineswegs die Funktion von Zerstreuung und Unterhaltung. Musik war für Arthur Schnitzler ein essentieller Bestandteil seines Lebens, und als seine Schwerhörigkeit, die schon in der Mitte seines dritten Lebensjahrzehnts einsetzte, ihn in seinen späten Lebensjahren bis zur immer gravierender werdenden Taubheit quälte, bedauerte er vor allem, des Glücks beraubt zu sein, Musik genießen zu können.

 Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag, den Merker-Autorin Renate Wagner im Rahmen der von Paul Katt gestalteten Ausstellung „Schnitzler in Währing“ im Bezirksmuseum Währing gehalten hat. Dort wurde auch der Klavierauszug der Zweiten Mahler aus Schnitzlers Besitz (zur Verfügung gestellt von seinem Enkel Michael Schnitzler) gezeigt. Arthur Schnitzler pflegte in den Klavierauszügen zu notieren, wann und mit wem er die Werke vierhändig gespielt hatte.

 

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