Der Neue Merker

Arrigo Boito: MEFISTOFELE (München 2015)

DVD Cover  Mefistofele

Arrigo Boito: MEFISTOFELE
Bayerische Staatsoper, München 2015
1 Disc, 140 Minuten,
C Major (Naxos Deutschland GmbH)

Arrigo Boito, der Mann der selbst ein so herausragender Komponist war und sich als Librettist in den Dienst des Größeren, von Giuseppe Verdi, stellte – das ist schon eine besondere Persönlichkeit der Musikgeschichte. Von seinen eigenen Opern hat nur „Mefistofele“ überlebt, 1868 erfolglos an der Scala uraufgeführt, nach Umarbeitung (Faust wurde nun vom Bariton zum Tenor) 1875 in Bologna ein Erfolg. Diese Zweitfassung hat sich durchgesetzt, denn auch in unseren Tagen kehrt diese musikalisch ungemein reizvolle Goethe-Vertonung zwischen Verdi und Wagner, Verismo und Romantik, immer wieder auf unsere Bühnen zurück.

Inszenierungen in München sind (wie auch in Brüssel) immer ein Fall für sich, hier walten Intendanten, denen alles Konservative, Bewahrende, „Werktreue“ ein Greuel ist. So hat an der Bayerischen Staatsoper 2015 Roland Schwab (der als Protegé von Ruth Berghaus angepriesen wird) engagiert, um alles andere als Goethe zu beschwören.

Nein, bei ihm ist die Welt a priori ein apokalyptischer Trümmerhaufen und man braust im wahrsten Sinn des Wortes in einem Motorrad ins Geschehen. Keine Frage, spektakulär ist das schon, und der Regisseur bewegt die Massen, die Videobilder von Katastrophen und die grellen Assoziationen beängstigend, da werden Prospekte nicht geschont und nicht Maschinen…

Was sich zwischen Faust und Margherita abspielt, ist eine Spur ruhiger, von ironisierter Romantik im Ambiente (mit Blumen, die im Hintergrund schweben), aber diese Handlungssequenz ist bei Boito eher knapp gehalten. Das Ende im Irrenhaus, wenn Faust eine Harfe umarmt, liefert wieder die herausfordernden Bilder, die diese Inszenierung kennzeichnen: Ein Abend wie dieser befriedigt solcherart eine künstliche Lust am Sensationellen und Spektakulären.

Die beiden Männerrollen sind ohne Zweifel hochrangig besetzt, es gibt bloß Einwände, die sie nicht zu Idealbesetzungen machen. Joseph Calleja hat sicherlich eine der gegenwärtig schönsten Tenorstimmen. Sein Pech besteht darin, dass er nicht auch aussieht wie Jonas Kaufmann, also ohne den besonderen Reiz des Stars auf der Bühne steht, den unser optisches Zeitalter verlangt. Immerhin – was ihm als Darsteller fehlt, gibt er reich und reich als Sänger zurück.

René Pape gab in dieser Aufführung sein Rollendebut als Titelheld und war zwar (mit schräger Augenpartie) recht „teuflisch“ geschminkt, aber die wahre Ausstrahlung für gerade diese Rolle hat er nicht (dabei hat er sich anderswo, etwa als Berliner Gurnemanz, als hervorragender Schauspieler auch erwiesen). Der dämonische Titelheld ist auf unseren Bühnen wohl von der Persönlichkeit her überzeugender zu besetzen (etwa mit Erwin Schrott). Auch sollte Papes Stimme für diese Partie noch „schwärzer“ sein.

Bleibt die Margherita, und die schöne Lettin Kristine Opolais erfüllt nun viele Wünsche, die man heute an eine Protagonistin stellt – hinreißende Erscheinung, ein quellklarer Sopran, der nur bei angespannter Dramatik in der Höhe scharf wird. Sie ist interessant als das verschüchterte Bürgermädchen mit weißen Handschuhen. Die Verwandlung zur verstörten, zerstörten jungen Frau (die hier sehr schnell folgt), gelingt überzeugend.

Omer Meir Wellber kostete Boitos effektvolle Musik voll aus, und der Gesamteindruck des Abends ist – auch wenn man über die Inszenierung wieder einmal trefflich streiten kann – schlechtweg stark.

Renate Wagner

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Bayerische Staatsoper München, 2015

Arrigo Boito:

MEFISTOFELE

Musikalische Leitung   Omer Meir Wellber
Bayerisches Staatsorchester
Chor und Kinderchor der Bayerischen Staatsoper

Inszenierung   Roland Schwab
Bühne            Piero Vinciguerra
Kostüme        Renée Listerdal
Licht               Michael Bauer
Video              Lea Heutelbeck
Choreographie    Stefano Giannetti

Mefistofele     René Pape
Faust               Joseph Calleja
Margherita       Kristine Opolais
Marta               Heike Grötzinger
Wagner           Andrea Borghini
Elena               Karine Babajanyan
Pantalis           Rachael Wilson
Nerèo               Joshua Owen Mills

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