Der Neue Merker

ARMIDA QUARTETT: FUGA MAGNA

4260085533800

ARMIDA QUARTETT: FUGA MAGNA – Fugen für Streicher, CAvi-music CD

Von mathematischen Plänen und Gottes ordnender Hand

Kann einer eine tolle Fugen schreiben, gilt das als höchster Maßstab technisch kompositorischer Kunstfertigkeit. Kombinatorische Kunstgriffe wie Kanon, Umkehrungen, Spiegelungen, Vergrößerungen, Stauchungen etc. erhöhen noch die Wirkung des Ganzen. Die Technik besteht im wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen (Reinhard Goebel). Erlernbares Handwerk, schlichte Beherrschung von mathematisch planbaren Zahlen oder Beweis für die wundervolle hermetische Durchstrukturierung selbst des Tonraums durch die ordnende Hand Gottes? Theoretische Abhandlungen dazu gab es zuhauf. Jetzt wollen wir den Sprung ins akustische Abenteuer wagen.

Auf ihrer neuen CD stellt das Armida Quartett in einer Art Zeitreihe mit „Sieben-Meilen-Stiefeln“ Kontrapunktisches von sechs Komponisten vor: Valentin Haussmann, Alessandro Scarlatti, Johann Sebastian Bach, Johann Gottlieb Goldberg (bei dessen Sonate in C-Moll verstärkt durch Raphael Alpermann am Cembalo), W.A. Mozart und Ludwig van Beethoven.

Hausmanns streng-archaische Fugen stellen die beiden frühesten gedruckten deutschen Werke für Instrumental-Ensemble überhaupt dar. Welch Unterschied zu der lichtdurchfluteten quirligen Sonata á quattro von Alessandro Scarlatti voller verspielter Ironie und lachendem Temperament. Über die Contrapuncti 1, 4 und 11 aus der Kunst der Fuge von Bach braucht nicht viel gesagt werden, Höhepunkte abendländischer Musikkunst, die durch das lebendige, virtuos schnörkellose und ungemein präzise Spiel des Armida Quartetts ihre volle spirituelle Kraft entfalten können. Die spätbarocke Quartett-Fuge des Bach-Schülers Goldberg rockt im wahrsten Sinn des Wortes (Giga). Sie ist, um wieder Goebel zu zitieren „“ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezieren und diskutieren, um den sinnlichen Genuss durch geistige Erkenntnis zu erhöhen.“

Mozarts Fuge in C-Moll, ursprünglich ein Gelegenheits-Werk für 2 Klaviere aus dem Jahr 1783, wurde 1788 für die Drucklegung eine Quartett Fassung mit einer Adagio-Einleitung hinzugefügt. Wie aus einer anderen Welt scheint diese Musik zu kommen. Das Armida Quartett hüllt das Adagio in einen geheimnisvollen Klangschleier, um die nachfolgende Fuge mit noch größerer Stringenz und klarer Kontur in eine kosmische Sphäre zu führen. 

Beethovens Meisterwerk, die Große Fuge in B-Dur Op. 133, stieß bei Zeitgenossen durchaus auf Unverständnis, „wie Chinesisch“, hat es die Allgemeine musikalische Zeitung 1826 formuliert. Die Fuge, „um Aura und Nimbus beraubt“, war aus der Mode gekommen. Für uns heute gibt es aber wohl kaum ein größeres kammermusikalisches Vergnügen, als dieser „babylonischen Verwirrung“ zu lauschen. Man könnte meinen, die Musikgeschichte hat seither 100 Jahre den Atem angehalten, um dort, wo Beethoven aufhörte, mit Schoenberg, Berg etc. wieder anzusetzen. Das Armida Quartett serviert diesen gigantischen Geniestreich Beethovens so kompromisslos schroff wie solitäre Felsformationen in der Negev-Wüste. Es kostet alle Dissonanzen mit Lust und Verve aus und steigert sich im Finale nochmals in einen echten Spielrausch. Auch aufnahmetechnisch ist dieses Album von Feinsten!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken