Der Neue Merker

AQUILA UND UMGEBUNG: LE PIETRE CHE CANTANO

AQUILA UND UMGEBUNG: LE PIETRE CHE CANTANO vom 18.- 22.8. 2015

PIETRE CHE CANTANO - festival internazionale di musica - XII edi
La Pagliare di Tione degli Abruzzi. Foto: Dr, Robert Quitta

Erstaunlicherweise schon im Jahr 2000 hat die italienische Pianistin Luisa Prayer in den Abruzzen das internationales Kammermusikfestival „Le Pietre che cantano“(Die Steine, die singen) gegründet. Denn nach dem fürchterlichen Erdbeben 2009(dessen Folgen bis heute auch nicht annähernd beseitigt sind) klingt dieser wunderbare Name für unsere Ohren heute so, als wären er und die Veranstaltung selbst extra dafür erfunden worden, um die Steine w i e d e r zum Singen zu bringen, um die Wunden der allgegenwärtigen Zerstörung mittels der Kraft der Musik wenigstens zu heilen zu v e r s u c h e n.

Prayers Kreatur hat sich mittlerweile zu einem der attraktivsten italienischen Sommerfestivals entwickelt. Der verdiente Erfolg beruht auf drei Säulen: 1. den atemberaubend schönen Spielorten, 2. der hochintelligenten und anspruchsvollsten Programmierung und 3. den erstklassigen, weltweit gefragten Interpreten, die der Gründerin und künstlerischen Leiterin zuliebe den weiten Weg ins abruzzesische Gebirge nicht scheuen.

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Convento Sant’Angelo. Foto: Dr, Robert Quitta

Was die Orte betrifft, sind sie dank der touristischen Unerschlossenheit der Gegend fast alle eine fantastische Entdeckung. Oder haben sie je vorher von Fontecchio, Rocca di Mezzo, S. Demetrio ne‘ Vestini, Tione, Celano oder Ocre gehört ? Und dabei befinden sich in diesen Lokalitäten atemberaubend schöne Spielstätten: Pagliare(altertümliche Steinbauten in der Einschicht), Kapellen, Kirchen, Klöster, Kreuzgänge, Burgen und Palazzi. Kunstschätze, die den Vergleich mit Sehenswürdigkeiten in bekannteren und dadurch bereisteren Landstrichen(Toskana, Umbrien, Marken) in keinster Weise zu scheuen brauchen.

Das allein würde ja schon ausreichen, damit man einen Besuch in Aquila und Umgebung nicht bereuen würde. Aber Prayer begnügt sich nicht damit, in diesen unentdeckten Juwelen populistische Dutzendware zu präsentieren, um so eventuell mehr Zuschauer anzulocken. Sie hat sich vielmehr das Motto ihres Klavierlehrers Gilbert Schuchter (bei dem sie am Mozarteum studiert hat) zu eigen gemacht, das da lautet, dass man „den Übermut wagen soll“.

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Chiesa di S. Maria ad Crypta di Fossa, Foto: Robert Quitta

Und so mutet sie ihrem Publikum ein Programm zu, dass jeder Großstadt-Institution zur Ehre gereichen würde: Trios von Haydn und Brahms, Etüden von Franz Liszt und Claude Debussy, Sonaten von Prokofjev, César Franck und Maurice Ravel, Musik der frühverstorbenen Lili Boulanger(1893-1918), Werke zeitgenössischer Komponisten wie Fabio Massimo Capogrosso oder Alessandra Annunziata etc.etc.

Das alles dargeboten von Koryphäen ihres Faches wie Lorenza Borrani, Umberto Clerici, Hervé Sellin, Jean-François Ballèvre, Doris Lamprecht u.v.a.m….

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Monastera di Santo Spirito, Ocre. Foto: Dr, Robert Quitta

Manchmal treibt Prayer den Übermut so weit, dass sie(wie am Abschlussabend) ihren Kunden in einem auf 1329 Seehöhe gelegenen Bergdorf eine Zusammenstellung vorsetzt, die in ihrer Kompromisslosigkeit, Härte und Düsternis (Alfredo Casellas Pagine di Guerra und L’adieu à la vie, durchsetzt von Lesungen aus dem Tagebuch der Kriegsberichterstatterin Louise Mack) sogar ein Grosstadtpublikum vor Probleme gestellt oder in die Flucht geschlagen hätte. Das ihre, von ihr über die Jahre offenbar gut erzogen, bleibt ihr allerdings treu.

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Maria assunta di Bomincanto. Foto: Dr, Robert Quitta

Wer also nächstes Jahr „aus Solidarität“ Urlaub machen will, sollte das statt in Griechenland lieber in den immer noch erdbebengeschädigten Abruzzen tun.

Robert Quitta, Aquila

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