Der Neue Merker

Apropos: FRAUEN, WEHRT EUCH!

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Frauen, wehrt Euch!

Cristiano Chiarot, der Intendant des Florentiner Theaters, hat meine Phantasie vor ungeheure Herausforderungen gestellt. Seine dezidierte Anweisung an den (anfangs selbst erschrockenen) Regisseur nach einer „feministischen“ Umdeutung des „Carmen“-Finales eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für die Opernliteratur. Wenn Carmen nun Don José erschießen darf, weil sich die Frauen solche Behandlung einfach nicht mehr gefallen lassen können, dann gilt das ja auch für andere Ladies der Opernliteratur?

Also: Gilda erdolcht den Herzog und Desdemona erwürgt Othello – das ist leicht. Aida könnte mit Radames (wir sind ja nicht grundsätzlich männerfeindlich) aus ihrer Totenkammer schleichen und Amneris dort einsperren (es gibt ja auch böse Frauen, die bestraft gehören). Azucena freilich wird sich schon schwerer dabei tun, den Grafen Luna ins Feuer zu schleudern… Und wem kann Violetta ihren Schwindsucht-Tod anlasten? Natürlich dem fortgesetzten Missbrauch durch die gesamte Männerwelt. Nur – wie macht man das jetzt?

Ähnliche Probleme hat Mimi (soll Rudolf sich an ihrer Stelle zu Tode husten?), und was Tosca betrifft, die hat den Scarpia ja schon umgebracht, da ist gendertechnisch nicht mehr viel zu holen. Aber Butterfly! Die kann den Dolch, statt ihn gegen sich selbst zu richten, nehmen und Pinkterton dafür zerstückeln, geschieht ihm Recht, dem Ungetreuen!

Bei Wagner wird es entschieden schwieriger. Senta, Elsa, Elisabeth – was fängt man mit ihnen an? Wie rächt man sich an ohnedies schon gänzlich gebrochenen Männern? Und Isolde und Brünnhilde begraben ja ihre Ehegesponse, Kundry wird der Erlösung teilhaftig… nein, das ist nicht so einfach vom feministischen Standpunkt. Aber Evchen! Die kann nicht nur Sachs in den Orkus schicken (ein Mann, der „Was deutsch und echt“ singt, pfui, weg mit ihm!), sondern auch den schönen Stolzing, wer braucht den schon, und sich mit Beckmesser am Arm dem Volk zeigen: Es leben die Außenseiter!

Und bei Mozart? Da fährt der Weiber-Benützer und Weiber-Vernichter Don Giovanni ohnedies in die Hölle – aber hoppla, wie wäre es denn, ihn am Leben zu lassen? Dann kann er nämlich zum Schluß-Sextett hereinschleichen und Zerlina (oder Anna oder Elvira oder alle drei?) in den Hintern kneifen. Die kreischen dann auf, möglichst mit ein paar Koloraturen, und jodeln „#metoo“! Dann wäre die Sache doch noch feministisch auf den Punkt gebracht…

Ich bezweifle gar nicht, dass wir der einen oder anderen Möglichkeit irgendwann auf einer Bühne begegnen werden. Und dass sich Journalistenkollegen finden, die dergleichen schönschreiben. Ist ja auch nicht schwer. Könnte ich auch. Jederzeit. Ich will nur nicht.

Ja, Frauen wehrt Euch! Vor allem gegen den Unsinn, der da in Eurem Namen unternommen wird.

Renate Wagner

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