Der Neue Merker

ANTWERPEN/Opera Vlaanderen: FALSTAFF von G.Verdi in der Inszenierung von Christoph Waltz. Ein guter Schauspieler muss kein guter Regisseur sein. Premiere

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Copyright: Annemie Augustijns

Antwerpen, Opera Vlaanderen. Verdi: Falstaff, Premiere am 13. Dezember 2017

Oscar-Preisträger Christoph Waltz hat an gleicher Stelle in Antwerpen vor einigen Jahren Richard Strauss´Rosenkavalier inszeniert, nun folgt Verdi´s Spätwerk Falstaff an der Flämischen Oper.

Um es vorwegzunehmen, ein Regie-Steich ist ihm eher nicht geglückt.

Die muffige Ausstattung (Bühne: Dave Warren) hatte das Flaire einer Laienbühne. Ein öder, mausgrauer Vorhang als Rückwand, davor aus dem Fundus ein Riesentisch mit allem unechtem Plastik-Essen, das die Requisite zusammentragen konnte und eine karge Holzbank, auf der erbarmungslos lange gesessen wird. Dazu Kostüme, die bei niemandem richtig sitzen und niemandem richtig stehen (Kostüm: Judith Holste) und aus einer Spar-Aufführung aus den 50-iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen könnten.

Christoph Waltz kocht seine Charaktere auf Alltagsmenschen eines Vorabend- Fernsehspiel- Niveaus herunter. Statisch und vieler Emotionen beraubt, müssen sie brav nebeneinander kommunizieren – kurze Momente wie das quicklebendige Duett Nanetta-Fenton oder Ford´s packender Eifersuchts- Monolog bilden lichte Ausnahmen und werden damit zu Höhepunkten.

Die Pause wird weit nach hinten vor das allerletzte Bild verschoben, um dann für die letzten 20 Minuten das Orchester auf der Hinterbühne zu platzieren, der Chor gerät dabei sogar konzertant fast außer Sichtweite. Zum Finale verweigert sich die Regie oder ergibt sich der grandiosen Musik, wie man es nehmen will. Die Fuge „ Tutto nel mondo e burla“ wird konzertant gegeben und die Sänger haben dazu passend in Schwarz umgezogen und stehen als Klangkörper da.

Man erkennt das Bemühen um Vermeidung von Albernheit und Derbheit. Gewollt ist allem Anschein nach eine Reduktion, die aber bereits in der Ausstattung nicht konsequent umgesetzt wird. Und vor allem vermisst man schmerzlich in dieser tiefgründigen Burleske den Humor und den szenischen Schwung.

Musikalisch wusste die Aufführung für sich einzunehmen. Denn man hörte ein homogen abgestimmtes Ensemble mit großteilweise schönen Stimmen.

Thomas Johannes Mayer war ursprünglich für die Titelrolle vorgesehen, doch – wie zu vernehmen war- nach drei Probenwochen strich er die Segel und aus Kalifornien übernahm Craig Colclough. Der Bassbariton sang mit herb- robustem, standfestem Organ einen jungen Falstaff ohne Tadel, dem das Philosophische und Hintergründige der Partie noch ganz fremd ist. Ford, sein Widerpart war bei Johannes Martin Kränzle mit warmem, agilem Bariton und glühender Italianitá in besten Händen. Er vermochte seine Figur zwischen bürgerlicher Verklemmung, rasender Eifersucht und innerem Selbstzweifel mehrdimensional zu formen. Dessen Gattin Alice wurde von Jacquelyn Wagner anmutig gestaltet und mit weichem in allen Bereichen souveränen Sopran gesungen. Ihrer beider Tochter Nanetta gab Anat Edri ein silber-edles, verletzliches Timbre mit und spielte überzeugend den kindlichen Teenager. Als eine Entdeckung darf der junge Tenor Julien Behr gelten: herrliche Phrasierung, reichlich Schmelz und Gefühl in seiner lyrischen Stimme und obendrein eine dynamische Bühnenerscheinung.

Iris Vermillon orgelte mit fast baritonaler Tiefe herzhaft im Brustregister als Kupplerin Mrs. Quickly, Kai Rüütel spielte eine engagierte Meg Page, Michael Colvin riß mit klarem, tragenden Tenor zu Beginn der Oper als Dr. Cajus das Geschehen an sich. Die beiden Handlanger Falstaffs, Bardolfo (Denzil Delaere mit sehr gut sitzender Stimme) und Pistola (Markus Suihkonen mit jungem, Hoffnung versprechendem Bass) hätten szenisch mehr Hilfe benötigt und Aktion vertragen.

Freude machte die musikalische Gestaltung auch, weil Dirigent Tomas Netopil dem Symfonisch Orkest einerseits zündende Dynamik und Präzision, andererseits auch durchsichtige Farben zeigen und entlocken konnte. Die kleine Chorpartie war -wie erwähnt- im letzten Akt nur konzertant, aber schön klingend, zu erleben. Im zweiten Finale engagierte sich der Herrenchor im kurzen Auftritt aufmerksam. Verdi´s unglaublich vielfarbige Musik lacht und klagt, poltert und flirrt, packt und verzaubert, ein akustisches Vergnügen.

Ein großartiger Schauspieler ist nicht zugleich ein großer Regisseur. Zu unentschlossen und inhomogen wirkt Waltz´s Ansatz für dieses Werk. Das Publikum reagierte freundlich, nicht überschwenglich.

 Christian Konz

 

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